André Gide

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
André Gide
André Gide signature.svg
Gide 1920

André Paul Guillaume Gide [ɑ̃dˈʁe pɔl ɡiˈjom ʒid] (* 22. November 1869 in Paris; † 19. Februar 1951 ebenda) war ein französischer Schriftsteller. 1947 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Leben und Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Jugend und Heirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gide war das einzige Kind einer wohlhabenden calvinistischen Familie. Der Vater, Paul Gide (1832–1880), war Professor der Rechtswissenschaft und stammte aus der mittleren Bourgeoisie der südfranzösischen Kleinstadt Uzès, die Mutter, Juliette Rondeaux (1835–1895), aus der Großbourgeoisie von Rouen. Die Familie lebte in Paris, verbrachte die Tage um Neujahr regelmäßig in Rouen, die Osterzeit in Uzès und die Sommermonate auf den beiden Landsitzen der Rondeaux' in der Normandie, La Roque-Baignard im Pays d’Auge und Cuverville im Pays de Caux.

Mit knapp elf Jahren verlor Gide seinen Vater. Zwar trat dadurch keine materielle Notlage ein, doch war er nun ganz der puritanischen Erziehung seiner Mutter unterworfen. In seiner Autobiographie wird Gide die eigene Kindheit und Jugend, speziell das Wirken der strengen, freud- und lieblosen Mutter in dunklen Farben malen und für seine Probleme als Heranwachsender verantwortlich machen: „In dem unschuldigen Alter, in dem man in der Seele gerne nichts als Lauterkeit, Zartheit und Reinheit sieht, entdecke ich in mir nur Finsternis, Häßlichkeit und Heimtücke.“[1] Gide hatte seit 1874 Unterricht bei Privatlehrern, besuchte phasenweise auch reguläre Schulen, immer wieder unterbrochen durch Nervenleiden, die ärztliche Behandlung und Kuraufenthalte erforderlich machten. Im Oktober 1887 trat der fast 18-jährige Gide in die Unterprima der reformpädagogischen École Alsacienne ein, wo er sich mit Pierre Louÿs anfreundete. Im Jahr darauf besuchte er die Oberprima des Traditionsgymnasiums Henri IV, an dem er im Oktober 1889 das Baccalauréat ablegte. In dieser Zeit begann seine Freundschaft mit Léon Blum.

Bei einem Besuch in Rouen im Dezember 1882 verliebte sich Gide in seine Kusine Madeleine Rondeaux (1867–1938), die Tochter von Juliette Gides Bruder Émile Rondeaux. Der 13-jährige André erlebte damals, wie sehr seine Kusine unter der ehelichen Untreue ihrer Mutter litt[2] und sah in ihr fortan den Inbegriff von Reinheit und Tugend im Gegensatz zu seiner eigenen, so empfundenen Unreinheit. Diese Jugendliebe überdauerte die folgenden Jahre und 1891 machte Gide Madeleine erstmals einen Heiratsantrag, den diese aber ablehnte. Erst nach dem Tod Juliette Gides im Mai 1895 verlobte sich das Paar und heiratete noch im Oktober 1895 in Cuverville, dies zu einen Zeitpunkt, da Gide sich seiner Homosexualität bereits bewusst geworden war. Die Spannung, die sich daraus ergab, wird Gides literarisches Werk – zumindest bis 1914 – maßgeblich prägen und seine Ehe schwer belasten. Das Verhältnis, das er ab 1916 mit Marc Allégret einging, konnte ihm Madeleine dann nicht mehr verzeihen, weshalb sie 1918 sämtliche Briefe verbrannte, die er ihr je geschrieben hatte.[3] Zwar blieb das Paar verheiratet, doch lebten beide nun meist getrennt. Nach Madeleines Tod im Jahr 1938 reflektierte Gide ihre Beziehung – „die verborgene Tragödie“ seines Lebens[4] – in der Schrift Et nunc manet in te. Der befreundete Schriftsteller Jean Schlumberger widmete dieser Ehe das Buch Madeleine und André Gide[5], in dem Madeleine eine gerechtere Darstellung findet, als in Gides autobiographischen Schriften.

Literarische Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gide entschied sich nach dem Baccalauréat gegen ein Studium und war auch nicht gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Sein Ziel war, Schriftsteller zu werden. Erste Versuche hatte er schon während der Schulzeit unternommen, als er mit Freunden, darunter Marcel Drouin und Pierre Louÿs, im Januar 1889 die literarische Zeitschrift Potache-Revue gründete und dort seine ersten Verse veröffentlichte. Im Sommer 1890 begab er sich alleine nach Menthon-Saint-Bernard am Lac d’Annecy, um sein erstes Buch zu schreiben: Les Cahiers d’André Walter („Die Tagebücher des André Walter“), die er auf eigene Kosten drucken ließ (wie alle Werke bis 1909!) und die 1891 erschienen.[6] Gides autobiographisch geprägter Erstling hat die Form eines posthum aufgefundenen Tagebuchs des jungen André Walter, der sich, nachdem er seine Hoffnung auf die geliebte Emmanuèle hat aufgeben müssen, in die Einsamkeit zurückgezogen hat, um den Roman Allain zu schreiben; das Tagebuch dokumentiert seinen Weg in den Wahnsinn.[7] Während der André Walter zum Druck vorbereitet wurde, besuchte Gide im Dezember 1890 seinen Onkel Charles Gide in Montpellier, wo er – vermittelt durch Pierre Louÿs – Paul Valéry kennenlernte, dem er später (1894) seine ersten Schritte in Paris erleichterte und dem er bis zu dessen Tod 1945 freundschaftlich verbunden bleiben sollte.

Zwar brachte der André Walter Gide keinen kommerziellen Erfolg („Ja, der Erfolg war gleich Null.“[8]), doch ermöglichte er ihm den Zugang zu wichtigen Kreisen der Symbolisten in Paris. Wiederum vermittelt durch Pierre Louÿs, wurde er 1891 in die Zirkel von José-Maria de Heredia und von Stéphane Mallarmé aufgenommen. Dort verkehrte er mit berühmten Literaten seiner Zeit, darunter Henri de Régnier, Maurice Barrès, Maurice Maeterlinck, Bernard Lazare und Oscar Wilde, mit dem er 1891/92 regelmäßig in Kontakt stand.[9] Gide selbst lieferte 1891 mit der kleinen Abhandlung Traité du Narcisse. Théorie du symbole („Traktat vom Narziß. Theorie des Symbols“) eine symbolistische Programmschrift, die für das Verständnis seiner Poetik – auch jenseits seiner symbolistischen Anfänge – grundlegende Bedeutung hat. Im Narziss-Mythos entwirft Gide sein eigenes Bild als Schriftsteller, der sich selbst bespiegelt, in permanentem Dialog mit sich selbst steht, für sich selbst schreibt und sich dadurch als Person erst erschafft. Die dieser Haltung angemessene Gattung ist das Tagebuch, das Gide seit 1889 konsequent führt, ergänzt durch weitere autobiographische Texte; aber auch in seinen erzählenden Werken ist das Tagebuch als Darstellungsmittel allgegenwärtig.[10]

Im Jahr 1892 veröffentlichte Gide das Gedichtbändchen Poésies d’André Walter („Die Gedichte des André Walter“), in dem eine Auswahl aus jenen Versen geboten wurde, die der Schüler bereits in Potache-Revue publiziert hatte.[11] 1893 schrieb er die kurze Erzählung La Tentative amoureuse („Der Liebesversuch“), deren Haupthandlung aus einer unverklemmten Liebesgeschichte besteht, deren leicht ironischer Nachspann dagegen eine „Madame“ anspricht, die sichtlich diffiziler ist als die Geliebte der Haupthandlung. Im selben Jahr verfasste er die lyrische lange Erzählung Le Voyage d’Urien („Die Reise Urians“), wo er in Form eines phantastischen Reiseberichts wieder einmal die schwierige Suche eines müßigen, materiell sorgenfreien jungen Intellektuellen nach dem „wahren Leben“ thematisiert.

Im Herbst 1893, nachdem er wegen einer leichten Tuberkulose vom Wehrdienst befreit worden war, ging er zusammen mit dem befreundeten jungen Maler Paul-Albert Laurens (1870–1934) für einige Monate nach Nordafrika, um dort die Krankheit auszuheilen. Ein erstes homosexuelles Erlebnis, aber auch die ersten heterosexuellen Erfahrungen Gides datieren von hier. Insgesamt empfand er diese Zeit als Befreiung aus den Zwängen seiner puritanischen Erziehung.

Etablierung als Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Herbst 1894 schrieb er, fern von Paris in der Schweiz, sein erstes längeres Werk, Paludes („Sümpfe“), in dem er nicht ohne Melancholie den Leerlauf in den Literatenzirkeln der Hauptstadt, aber auch seine eigene Rolle darin karikiert. Das Frühjahr verbrachte er erneut in Nordafrika, teilweise in Gesellschaft von Oscar Wilde und dessen Geliebtem.

Im Mai 1895 starb Gides Mutter. Wenige Wochen später verlobte er sich mit Madeleine und heiratete sie im Herbst, wohl auch in der Absicht, hiermit seine ihm inzwischen bewussten homosexuellen Neigungen zu bekämpfen. Die Ehe entwickelte sich für beide Seiten letztlich unbefriedigend.

Nach der Heimkehr von der fast halbjährigen Hochzeitsreise mit Madeleine durch Italien und Nordafrika wurde Gide 1896 Bürgermeister des Dorfes La Roque-Baignard (Normandie), wo er ein Landgut geerbt hatte. Allerdings lebte er weiterhin in Paris, knüpfte neue Beziehungen in Literatenkreisen und schrieb regelmäßig Beiträge für die Zeitschrift L’Ermitage. 1897 erschien, wiederum als Privatdruck, Les Nourritures terrestres („Uns nährt die Erde“), ein zunächst kaum beachtetes, wenig später aber sehr erfolgreiches Buch. Es ist ein in pathetischer lyrischer Prosa vorgetragener Aufruf zur Öffnung gegenüber dem „wirklichen“ Leben und zur Sinnenfreude als dessen legitimem Bestandteil. Gide, so schien es, hatte seinen Weg gefunden.

Auch die nächsten Jahre verbrachte er reisend (meist mit Madeleine) und schreibend. In diese Zeit fällt seine Freundschaft mit dem deutschen Symbolisten und Lyriker Karl Gustav Vollmoeller, den er zum Jahreswechsel 1896/97 in Paris im Umfeld Mallarmés kennengelernt hatte. In den Jahren 1898 bis 1904 besuchte Gide Vollmoeller in dessen Sommerresidenz in Sorrent nahe Neapel. Im noch unveröffentlichten Briefwechsel nennt er ihn „Cher Sorrentin“, seinen „lieben Sorrentiner“. Durch ihn kam Gide 1903 mit Felix Paul Greve zusammen. In diese Jahre fallen auch gemeinsame Reisen in Nordafrika, teilweise auf Vollmoellers Yacht. 1904 brach der Kontakt ab, nachdem Gide versucht hatte, sich Vollmoeller homosexuell zu nähern.[12]

André Gide auf einem Gemälde Théo van Rysselberghes

1899 erschien Le Prométhée mal enchaîné, eine Erzählung um das Motiv des „acte gratuit“, einer völlig freien, willkürlichen Handlung. 1901 erschien ein erstes Stück, Le roi Candaule (König Kandaules), dessen Uraufführung zuerst auf Deutsch im Deutschen Volkstheater in Wien stattfand.[13] Diesem folgten noch etliche weitere Stücke, die aber ebenfalls wenig zu Gides Ruhm beitrugen und keine Spuren in der Geschichte des französischen Theaters hinterlassen haben.

Sein Durchbruch (und der finanzielle Grundstock für den Bau einer Villa im Pariser Vorort Auteuil) war der Anfang 1902 erschienene Roman L’Immoraliste („Der Immoralist“). Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach der Heilung von einer Tuberkulose ein völlig neues, sinnenfrohes Lebensgefühl entwickelt und diesem seine junge Frau, als sie ihrerseits erkrankt und seiner Pflege bedürfte, rücksichtslos opfert − wobei er immerhin nach ihrem Tod sein Verhalten als unmoralisch erkennt.

1907 erschien Le Retour de l’enfant prodigue („Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“), eine Erzählung um das biblische Motiv von der Heimkehr des verlorenen Sohns, der bei Gide jedoch dem jüngeren Bruder rät, das elterliche Haus ebenfalls zu verlassen und nicht zurückzukommen, d. h. sich definitiv zu emanzipieren.

Als 1908 sein gewohntes Publikationsorgan L’Ermitage einging, gründete Gide mit einigen befreundeten Literaten die Zeitschrift La Nouvelle Revue française, der 1911 ein eigenes Verlagshaus angegliedert wurde, dessen Leitung der bald einflussreiche Verleger Gaston Gallimard übernahm. Über seine Zeitschrift und den NRF-Verlag wurde Gide einer der tonangebenden französischen Literaten seiner Epoche, der mit fast allen zeitgenössischen europäischen Autoren von Rang Kontakte pflegte. So bekam André Gide um 1912 von Marcel Proust das Manuskript des ersten Roman-Bandes von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zugeschickt. Gide lehnte jedoch den Text ab mit der Begründung, Proust sei „ein Snob und literarischer Amateur“. Später gestand André Gide, die Ablehnung dieses Buches sei der größte Fehler seines Lebens gewesen.[14]

1909 kam La Porte étroite („Die enge Pforte“) heraus, ein sichtlich in vielen Punkten autobiografischer Roman um den jungen Jérôme und seine etwas ältere Kusine Alissa, die von Kindheit an füreinander bestimmt scheinen, bis Alissa trotz ihrer Liebe Jérôme die Heirat verweigert, ihm ihre jüngere Schwester zu ehelichen empfiehlt und sich in Askese und Frömmigkeit zurückzieht.

Das 1911 verfasste Werk Corydon, bestehend aus vier „sokratischen“ Dialogen, die die Klischeevorstellung von der Perversität der Homosexualität zu korrigieren versuchen, wurde zunächst nur anonym und privat gedruckt. Es erschien erst 1924 unter Gides Namen.

1913 beteiligte sich Gide an der Eröffnung eines neuen Pariser Theaters, Le Vieux-Colombier, das vor allem den Autoren des NRF-Verlags eine Bühne bieten sollte.

1914 publizierte er Les Caves du Vatican („Die Verliese des Vatikans“), einen Roman mit mehreren Handlungssträngen, die in der schillernden Figur des schönen jungen Kosmopoliten Lafcadio Wluiki und einem als „acte gratuit“ von ihm begangenen Mord zusammenlaufen. Der stilistisch sehr kunstvolle und von einer feinen Ironie getragene Roman gilt heute als Gides bestes Werk.

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1915/16 war er äußerst aktiv in einer Organisation zur Betreuung von Flüchtlingen aus den vom Krieg verwüsteten nordostfranzösischen Gebieten. Eine tiefe moralische und religiöse Krise endete erst, als er 1916 Marc Allégret kennenlernte, der sein Geliebter wurde und für lange Jahre blieb. Gide und seine Frau Madeleine lebten hiernach, ohne sich scheiden zu lassen, überwiegend getrennt. 1918 zog sie innerlich den Schlussstrich, indem sie, während er mit Allegret auf einer Reise war, alle seine Briefe an sie (sehr zu seinem Ärger) verbrannte.

1919 kam La Symphonie pastorale („Die Pastoral-Symphonie“) heraus, die Geschichte eines Pastors, der ein blindes Waisenmädchen in seine Familie aufnimmt, sie erzieht, sich in sie verliebt, sie aber an seinen Sohn verliert. Die Symphonie war der größte Bucherfolg Gides zu seinen Lebzeiten, mit mehr als einer Million Exemplaren und rund 50 Übersetzungen.

1920 und 1926 publizierte Gide eine zweibändige Autobiografie bis zum Zeitpunkt seiner Heirat: Si le grain ne meurt („Stirb und werde“).

Nach dem Kriegsende hatte auch er, wie so viele Autoren der Zeit, Sympathien für den von Russland nach Europa ausstrahlenden Kommunismus entwickelt. Zugleich interessierte er sich für die russische Literatur: 1923 erschien sein Buch über Dostojewski, 1928 eine Übertragung der Novellen Puschkins.

1923 wurde er Vater seiner außerehelich gezeugten Tochter Catherine, mit der und deren Mutter er ab 1927 in einem Pariser Mietshaus wohnte und die er 1938, nach dem Tod seiner kinderlos gebliebenen Frau Madeleine, adoptierte.

1925 erschien sein „erster Roman“ (so Gide in seiner Widmung des Werkes an den jüngeren Freund und Kollegen Roger Martin du Gard): Les Faux-Monnayeurs („Die Falschmünzer“), ein sehr kunstvoll angelegter Roman um die Entstehung eines Romans. Die Handlung, die damit beginnt, dass einer der Protagonisten seine außereheliche Zeugung entdeckt, wirkt etwas verwirrend, steht aber auf der Höhe der zeitgenössischen theoretischen und erzähltechnischen Errungenschaften der Gattung Roman, die sich selbst inzwischen zum Problem geworden war. Die Faux-Monnayeurs gelten heute als ein richtungweisendes Werk der modernen europäischen Literatur.

Im selben Jahr (1925) verkaufte Gide seine Villa in Auteuil und ging mit Allégret auf eine fast einjährige Reise durch die damaligen französischen Kolonien Congo (Brazzaville) und Tschad. Die seines Erachtens unhaltbaren ausbeuterischen Zustände dort schilderte er anschließend in Vorträgen und Artikeln sowie in den Büchern Voyage au Congo („Kongoreise“) (1927) und Retour du Tchad („Rückkehr aus dem Tschad“) (1928), womit er heftige Diskussionen entfachte und viele Angriffe nationalistischer Franzosen auf sich zog. 1929 erschien L’École des femmes („Die Schule der Frauen“), die tagebuchartige Geschichte einer Frau, die ihren Mann als starren und seelenlosen Vertreter der bürgerlichen Normen demaskiert und ihn verlässt, um im Krieg Verwundete zu pflegen.

1931 beteiligte sich Gide an der von Jean Cocteau ausgelösten Welle antikisierender Dramen mit dem Stück: Œdipe („Ödipus“).

Ab 1932, im Rahmen der wachsenden politischen Polarisierung zwischen links und rechts in Frankreich und ganz Europa, engagierte Gide sich zunehmend auf Seiten der französischen kommunistischen Partei (PCF) und antifaschistischer Organisationen. So reiste er z. B. 1934 nach Berlin, um dort die Freilassung kommunistischer Regimegegner zu verlangen. 1935 gehörte er zur Leitung eines Kongresses antifaschistischer Schriftsteller in Paris, der teilweise verdeckt mit Geldern aus Moskau finanziert wurde.[15] Er verteidigte dabei das Sowjetregime gegen Angriffe von trotzkistischen Delegierten, die die sofortige Freilassung des in der Sowjetunion internierten Schriftstellers Victor Serge verlangten.[16] Auch mäßigte er – zumindest theoretisch – seinen bis dahin vertretenen kompromisslosen Individualismus zugunsten einer Position, die die Rechte des Ganzen und der Anderen vor die des Einzelnen setzt.

Im Juni 1936 reiste er auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes mehrere Wochen durch die UdSSR. Ihn betreute der Vorsitzende der Auslandskommission des Verbandes, der Journalist Michail Kolzow. Am Tag nach der Ankunft Gides starb der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Maxim Gorki. Gide hielt auf dem Lenin-Mausoleum, auf dem auch das Politbüro mit Stalin an der Spitze Aufstellung genommen hatte, eine der Trauerreden.[17] Doch zu der von ihm erhofften Audienz bei Stalin im Kreml kam es nicht. Den Forschungen von Literaturhistorikern zufolge war Stalin über Gides Absichten gut unterrichtet. Dieser hatte vor seiner Abreise dem in Paris als Korrespondent sowjetischer Zeitungen arbeitenden Schriftsteller Ilja Ehrenburg anvertraut: „Ich habe mich entschlossen, die Frage nach seiner Haltung zu meinen Gesinnungsgenossen aufzuwerfen.“ Er wolle Stalin nach der „rechtlichen Lage der Päderasten fragen“, hielt Ehrenburg fest.[18]

Gides Enttäuschung beim Blick hinter die Kulissen der kommunistischen Diktatur war jedoch groß. Seine Eindrücke von dieser Reise, die ihn auch nach Georgien führte, schilderte er in dem kritischen Bericht Retour de l’U.R.S.S.(„Zurück aus der Sowjetunion“), in dem er sich indes bemühte, Emotionen und Polemik zu vermeiden. Er beschrieb das Sowjetregime als „Diktatur eines Mannes“, die die Ursprungsideen von der „Befreiung des Proletariats“ pervertiert habe. Die sowjetische Presse reagierte mit heftigen Attacken auf ihn, seine Bücher wurden aus allen Bibliotheken des Landes entfernt, eine bereits begonnene mehrbändige Werkausgabe wurde nicht fortgesetzt.[19] Als viele westliche Kommunisten ihn attackierten und ihm vorwarfen, er unterstütze mit seiner Kritik indirekt Hitler, ging Gide vollends auf Distanz zur Partei.

Der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 zog er sich zu Freunden nach Südfrankreich zurück und ging 1942 nach Nordafrika, nachdem er sich von einem passiven Sympathisanten des Regierungschefs des Kollaborationsregimes von Marschall Philippe Pétain zu einem aktiven Helfer der Londoner Exilregierung unter Charles de Gaulle entwickelt hatte. Diese versuchte er z. B. 1944 mit einer Propagandareise durch die westafrikanischen Kolonien zu unterstützen, deren Gouverneure lange zwischen Pétain und de Gaulle schwankten.

1946 publizierte Gide sein letztes größeres Werk, Thésée („Theseus“), eine fiktive Autobiografie des antiken Sagenhelden Theseus, in den er sich hineinprojiziert.

In seinen letzten Jahren konnte er noch seinen Ruhm genießen mit Einladungen zu Vorträgen, Ehrendoktorwürden, der Verleihung des Nobelpreises 1947, Interviews, Filmen zu seiner Person u. ä. m. Die Begründung für den Nobelpreis lautet: „für seine weit umfassende und künstlerisch bedeutungsvolle Verfasserschaft, in der Fragen und Verhältnisse der Menschheit mit unerschrockener Wahrheitsliebe und psychologischem Scharfsinn dargestellt werden“.

1939, 1946 und 1950 erschienen seine Tagebücher unter dem Titel Journal.

1949 erhielt Gide die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main.

Eine indirekte Anerkennung seiner Bedeutung war, dass 1952 seine Bücher auf den Index Romanus der katholischen Kirche gesetzt wurden.

Von seiner Tochter im Nachlass entdeckt und herausgegeben, erschien 2002 postum die 1907 entstandene homoerotische Novelle Le Ramier.[20]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werkchronologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1890: Les Cahiers d’André Walter (‚Die Hefte des André Walter‘)
  • 1891: Le Traité du Narcisse (‚Traktat vom Narziß‘)
  • 1892: Les Poésies d’André Walter (‚Die Gedichte des André Walter‘)
  • 1893: Le Voyage d’Urien (‚Die Reise Urians‘)
  • 1893: La Tentative amoureuse ou Le Traité du vain désir (‚Der Liebesversuch oder Eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit des Verlangens‘)
  • 1895: Paludes (‚Paludes‘)
  • 1897: Les Nourritures terrestres (‚Die Früchte der Erde‘)
  • 1899: Le Prométhée mal enchaîné (‚Der schlechtgefesselte Prometheus‘)
  • 1901: Le Roi Candaule (‚König Kandaules‘), Theaterstück
  • 1902: L’Immoraliste (‚Der Immoralist‘)
  • 1903: Saül (‚Saul‘), Theaterstück
  • 1907: Le Ramier (‚Die Ringeltaube‘) (Erstveröffentlichung 2002, dt. 2006)
  • 1907: Le Retour de l’enfant prodigue (‚Die Rückkehr des verlorenen Sohnes‘)
  • 1909: La Porte étroite (‚Die enge Pforte‘)
  • 1911: Corydon. Quatre dialogues socratiques (‚Corydon. Vier sokratische Dialoge‘)
  • 1911: Isabelle
  • 1914: Les Caves du Vatican (‚Die Verliese des Vatikans‘)
  • 1914: Souvenirs de la Cour d'Assises (‚Erinnerungen aus dem Schwurgericht‘)
  • 1919: La Symphonie pastorale (‚Die Pastoralsymphonie‘)
  • 1925: Les Faux-Monnayeurs (‚Die Falschmünzer‘)
  • 1926: Si le grain ne meurt (‚Stirb und werde‘)
  • 1929: L’École des femmes (‚Die Schule der Frauen‘)
  • 1929: Robert
  • 1927: Voyage au Congo (‚Kongoreise‘)
  • 1928: Le Retour du Tchad (‚Rückkehr aus dem Tschad‘)
  • 1930: L'Affaire Redureau (‚Die Affäre Redureau‘)
  • 1930: La Séquestrée de Poitiers (‚Die Eingeschlossene von Poitiers‘)
  • 1931: Œdipe (‚Ödipus‘), Theaterstück
  • 1934: Perséphone. Melodram (Oratorium). Musik (1933/34): ‚Igor Strawinsky‘. UA 1934
  • 1936: Geneviève (‚Genoveva oder Ein unvollendetes Bekenntnis‘)
  • 1936: Retour de l'U.R.S.S. (‚Zurück aus Sowjet-Russland‘)
  • 1937: Retouches à mon Retour de l’U.R.S.S. (‚Retuschen zu meinem Russlandbuch‘)
  • 1939: Et nunc manet in te (erschienen 1947)
  • 1946: Thésée (‚Theseus‘)
  • 1949: Feuillets d’automne (‚Herbstblätter‘)
  • 1939, 1946, 1950: Journal (Tagebücher)
  • 1993: Le Grincheux (posthum, wohl 1925/26 entstanden); (‚Der Griesgram‘)

Deutsche Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Hinterhäuser/Peter Schnyder/Raimund Theis (Hrsg.): André Gide: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989–2000:
    • Band I (Autobiographisches 1): Stirb und Werde; Tagebuch 1889–1902
    • Band II (Autobiographisches 2): Tagebuch 1903–1922
    • Band III (Autobiographisches 3): Tagebuch 1923–1939
    • Band IV (Autobiographisches 4): Tagebuch 1939–1949; Et nunc manet in te; Kurze autobiographische Texte
    • Band V (Reisen und Politik 1): Kongoreise; Rückkehr aus dem Tschad
    • Band VI (Reisen und Politik 2): Zurück aus Sowjetrußland; Retuschen zu meinem Rußlandbuch; Soziale Plädoyers
    • Band VII (Erzählende Werke 1): Die Hefte des André Walter; Traktat vom Narziß; Die Reise Urians; Der Liebesversuch; Paludes; Der schlechtgefesselte Prometheus; Der Immoralist; Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
    • Band VIII (Erzählende Werke 2): Die enge Pforte; Isabelle; Die Verliese des Vatikans
    • Band IX (Erzählende Werke 3): Die Falschmünzer; Tagebuch der Falschmünzer
    • Band X (Erzählende Werke 4): Pastoralsymphonie; Die Schule der Frauen; Robert; Geneviève; Theseus
    • Band XI (Lyrische und szenische Dichtungen): Die Gedichte des André Walter; Die Früchte der Erde; Neue Früchte der Erde; Philoktet; Saul; König Kandaules; Oedipus
    • Band XII (Essays und Aufzeichnungen): Dostojewski; Corydon; Anmerkungen über Chopin; Aufzeichnungen zu Literatur und Politik
  • Die enge Pforte. Manesse-Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-7175-1868-2
  • Schwurgericht. Drei Bücher vom Verbrechen. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-8218-4150-8
  • Die Falschmünzer. Tagebuch der Falschmünzer. Manesse-Verlag, Zürich 2000, ISBN 3-7175-8265-8
  • Die Ringeltaube. Erzählung. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, ISBN 3-421-05896-2
  • Der Griesgram. Matthes & Seitz, Berlin 2015, ISBN 978-3-95757-002-4

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Justin O’Brien: Portrait of André Gide, a critical biography. Octagon Books, New York 1977. ISBN 0-374-96139-5
  • Ilja Ehrenburg: Menschen – Jahre – Leben (Memoiren), München 1962/65, Band II 1923–1941, Seite 363–368 Portrait, ISBN 3-463-00512-3
  • Jutta Ernst u. Klaus Martens (Hrsg): André Gide und Felix Paul Greve. Korrespondenz und Dokumentation. Ernst Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 1999
  • Ruth Landshoff-Yorck: Klatsch, Ruhm und kleine Feuer. Biographische Impressionen. Kiepenheuer&Witsch, Köln-Berlin 1963
  • Frank Lestringant: André Gide l’inquiéteur, Flammarion, Paris 2011, ISBN 978-2-08-068735-7
  • Klaus Mann: André Gide und die Krise des modernen Denkens. Steinberg Verlag, Zürich 1948
  • Jean-Pierre Prevost: André Gide. Un album de famille, Gallimard, Paris 2010, ISBN 978-2-07-013065-8
  • Alan Sheridan: André Gide, a life in the present. Harvard University Press, Cambridge 1999. ISBN 0-674-03527-5
  • Raimund Theis: André Gide. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974. ISBN 3-534-06178-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: André Gide – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: André Gide – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 74.
  2. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 170–174.
  3. André Gide: Et nunc manet in te. In: Gesammelte Werke, Band IV. Stuttgart 1990, S. 431–477, hier: S. 458 ff.
  4. So Raimund Theis: Vorwort zu diesem Band. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 35–69, hier: S. 46.
  5. Jean Schlumberger: Madeleine und Andre Gide. Hamburg 1957.
  6. Zeittafel. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 19–33, hier: S. 21.
  7. Hans Joachim Kesting: Zu Die Hefte des André Walter. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band VII. Stuttgart 1991, S. 509–520, hier insbesondere: S. 513.
  8. André Gide: Stirb und werde. In: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 71–386, hier: S. 280.
  9. André Gide: Oscar Wilde in memoriam. In: Gesammelte Werke, Band XII. Stuttgart 2000, S. 351–371, hier: S. 352–359.
  10. Raimund Theis: Vorwort zu diesem Band. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band I. Stuttgart 1989, S. 35–69, hier: S. 37 f.
  11. Raimund Theis: Vorwort. In: André Gide: Gesammelte Werke, Band XI. Stuttgart 1999, S. 9–21, hier: S. 9
  12. So Ruth Landshoff, Vollmoellers spätere Geliebte, in ihren biographischen Essays über Gide und Vollmoeller
  13. [O. V.]: André Gide. (Ein Gespräch mit dem Dichter des „König Kandaules“.) Neues Wiener Tagblatt, 40 (1906) #25, 6. (26. Januar 1906) und Hermann Bahr: Der König Candaules. (Drama in drei Akten von André Gide. Deutsche Umdichtung von Franz Blei. Zum ersten Mal aufgeführt im Deutschen Volkstheater am 27. Jänner 1906). Neues Wiener Tagblatt, 40 (1906) #27, 12. (28. Januar 1906) Buchausgabe: Hermann Bahr: Glossen, 228-235.
  14. Marcel Proust – Ein Schriftstellerleben. Dokumentarfilm von Sarah Mondale, 1992, 60 Min. - Produziert von William C. Carter, George Wolfe und Stone Lantern Films.
  15. Boris Frezinskij: Pisateli i sovetskie voždi. Moskau 2008, S. 358
  16. vgl. Fresinskij 2008, S. 424.
  17. vgl. Fresinskij 2008, S. 423.
  18. vgl. Fresinskij 2008, S. 421.
  19. vgl. Fresinskij 2008, S. 429 f.
  20. Verlagsseite (dt.) zur Ringeltaube mit Vorwort von Catherine Gide