Diglossie

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Die Diglossie (griechisch διγλωσσία, diglossía, „Zweisprachigkeit“) ist eine besondere Form der Zweisprachigkeit (oder der Mehrsprachigkeit): Sie beschreibt die Zweisprachigkeit einer ganzen Gesellschaft, bei der es eine klare funktionale Differenzierung zwischen zwei eng verwandten Sprachvarietäten gibt.

Insbesondere wird so die Koexistenz von Dialekt und Standardsprache oder von gesprochener Volkssprache zu geschriebener Hochsprache bezeichnet. In der Deutschschweiz zum Beispiel werden lokale Dialekte und die deutschschweizerische Standardsprache nicht als Dialekt-Standard-Kontinuum verwendet, sondern man trennt die beiden Sprachvarietäten und wechselt je nach Situation von der einen in die andere.

Jeder Sprecher einer solchen Gemeinschaft verfügt über die gleichen zwei (selten auch mehr) Varietäten (bzw. Sprachen), verwendet aber die eine oder die andere nur in einer bestimmten Situation, beispielsweise die eine Varietät (meist als L für englisch low, „niedrig“ bezeichnet) in familiären Alltagsgesprächen und Talkshows, die andere (H für englisch high, „hoch“) im Beruf, gegenüber Ämtern und in Nachrichtensendungen. Es ergibt sich eine funktionale Spezialisierung des Sprachvermögens.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Begriffsgeschichte

Der Terminus (franz. diglossie) wurde von Ioannis Psycharis (französisiert Jean Psichari) 1885 für die damalige Sprachsituation in Griechenland geprägt, wo bis in die 1970er-Jahre zwei Varietäten des Griechischen, die (gelehrtere und meist geschriebene) Katharevousa und die (muttersprachlich gesprochene) Dimotiki nebeneinander gebraucht wurden.

William Marçais bezog den Terminus auf die arabischsprachigen Länder, in denen die jeweiligen nationalen Varietäten des Arabischen neben dem Hocharabischen stehen.

Charles Ferguson schließlich stellte in seinem berühmten Aufsatz Diglossia von 1959 neben den griechischen und arabischen Sprachraum auch den deutschschweizerischen (Standarddeutsch und Schweizerdeutsch) und haitianischen (Standardfranzösisch und Kreolisch) (englisch diglossia).

Joshua Fishman erweiterte das Konzept 1967 (extended diglossia): seines Erachtens sollten auch diglossische Situationen, in denen die Sprachen nicht miteinander verwandt sind (beispielsweise Hindi und Tamil in Tamil Nadu, Indien), als echte Diglossie gelten. In dieser Frage herrscht unter (Sozio-)Linguisten Uneinigkeit.

1981 empfahl Gottfried Kolde für die deutschsprachige Schweiz den Terminus mediale Diglossie zu verwenden, da sich hier im Laufe der Zeit die Funktionsaufteilung von Dialekt und Standardsprache geändert hatte und in den meisten Fällen das Medium die Wahl der Varietät bestimmt.

In einer allgemeineren Fassung des Begriffes werden bisweilen sogar alle kommunikativen Situationen als diglossisch bezeichnet, in denen zwei oder mehrere Sprachvarietäten den unterschiedlichen funktionalen Sprachkontext berücksichtigen; in diesem Sinne umfasst Diglossie also auch die Berücksichtigung verschiedener Sprachregister und Soziolekte.

[Bearbeiten] Diglossie versus Standard-Dialekt-Kontinuum

Diglossie ähnelt auf den ersten Blick der Situation für Dialektsprecher: Der Dialekt wird häufig ausschließlich mündlich verwendet, und zwar lokal und funktional begrenzt (vor allem in informellen Kontexten). Für formelle Kommunikationssituationen außerhalb der Familie und des (lokalen) Freundeskreises wird eine Standardsprache verwendet oder eine Varietät der Standardsprache, die dieser sehr nahe kommt, aber regional gefärbt ist (Regionalsprache). Da aber beispielsweise im deutschen Sprachraum der Bundesrepublik Deutschland – aufgrund der Bevölkerungsverschiebungen nach 1945 – die Dialektsprecher immer weniger werden und inzwischen viele Menschen keinen Dialekt mehr sprechen, kann die Standardsprache auch in all jenen Situationen benutzt werden, in denen sonst der Dialekt vorherrscht(e) – im Gegensatz zu einer echten Diglossie wie in der Deutschschweiz, wo die Einheimischen in Alltagssituationen (fast) ausschließlich ihre Dialekte sprechen und der Gebrauch der Standardsprache unüblich ist.

Hinzu kommt, dass vielerorts Sprachmischungen aus Ortsdialekt (= L), Regionalsprache oder Regiolekt und Standardsprache (= H) entstanden sind. In einer echt diglossischen Situation sind die Grenzen niemals fließend. Im Gegensatz dazu existieren beim Standard-Dialekt-Kontinuum immer „Graustufen“, die, selbst da, wo sie wenig genutzt werden, von den Sprechern als „richtig“ empfunden werden.

[Bearbeiten] Sprachgemeinschaften mit Diglossie

Außer den vier von Ferguson genannten Diglossie-Fällen (damaliges Griechenland, Deutschschweiz, arabische Länder, Haiti) wurde für eine Reihe weiterer Sprachgemeinschaften postuliert, dass in ihnen Diglossie herrsche.

Darunter ist auch die Sprachsituation der Kiewer Rus, auf die Boris Uspenski das Diglossie-Konzept 1983 anwandte: Demnach wurde dort das Kirchenslawische als H neben dem Altostslawischen als L verwendet.

Auch in ostasiatischen Gesellschaften war in gebildeten Schichten lange Zeit das Phänomen der Diglossie zu beobachten, dies jedoch wahrscheinlich nicht auf der Ebene der gesprochenen Sprache. Das klassische Chinesisch diente über China hinaus auch in Korea, Japan und Vietnam als universelle Schriftsprache, da bei diesen Gesellschaften zunächst noch keine eigenen Schriftsysteme vorhanden waren. Darüber hinaus diente das Chinesische als Träger der gemeinsamen buddhistischen und konfuzianischen Tradition.

An der Grenze dieses Phänomens ist die Sprachsituation in Tschechien. Die gesprochene tschechische Sprache unterscheidet sich deutlich von der vor allem in Medien verwendeten Schriftsprache. Die tschechische Schriftsprache basiert auf der Kralitzer Bibelübersetzung aus dem 14. Jahrhundert (Alttschechisch), während sich die Umgangssprache aus dem mittelböhmischen Dialekt entwickelte. Diese Diskontinuität verursachte die Germanisierung nach der Schlacht am Weißen Berg (1620), als die böhmischen Kronländer zum Kaiserreich Österreich gehörten und Tschechen und Deutsche hier ihre gemeinsame Heimat hatten. In dieser Zeit wurde Tschechisch fast nur noch von Bauern auf den sprichwörtlichen „böhmischen Dörfern“ gesprochen, während die Sprache der Gebildeten und der Städte Deutsch war. Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts entstand unter Führung von Josef Dobrovský und Josef Jungmann die tschechische Wiedergeburtsbewegung, die wieder eine tschechische Schriftsprache schaffen wollte und dabei eben an die Tradition vor dem 17. Jahrhundert anknüpfte.

Ebenfalls in einer diglossischen Situation leben viele Einwanderer, vor allem der zweiten Generation, in Deutschland, die aus arabischsprachigen Ländern oder der Türkei kamen. Weil die Elterngeneration schlecht oder überhaupt kein Deutsch lernte, trennen Jugendliche und Kinder ihre Kommunikationsfähigkeit zwischen dem äußeren, deutschen, und dem familieninternen, türkischen oder arabischen Bereich auf. Sie sind vielfach trotz guten Willens kaum in der Lage, auf Deutsch über Familieninterna oder die damit verbundene Gefühlswelt zu sprechen oder umgekehrt.

Die romanischen Sprachen entwickelten sich erst zu eigenständigen Sprachen, nachdem die Diglossie des Latein wegen des Zusammenbruchs des Römischen Reiches nicht mehr aufrechterhalten werden konnte.

[Bearbeiten] Deutschschweiz - Diglossie oder Bilingualismus?

Seit vielen Jahrzehnten diskutiert die Sprachwissenschaft über die Frage, ob Standarddeutsch für Deutschschweizer nun eine Fremdsprache sei oder nicht. Grosso modo sind die Experten in zwei Lager aufgeteilt: Diejenigen, welche die schweizerdeutschen Dialekte für eine Varietät einer gemeindeutschen Sprache, also nicht für eine eigenständige Sprache halten, und diejenigen, welche den schweizerdeutschen Dialekten so viel sprachliche Eigentümlichkeit und oder Ausgebautheit attestieren, dass im Gegenzug Standarddeutsch eher als Fremdsprache zu betrachten sei. Während erstere sich in der Regel dafür entscheiden, die schweizerische Sprachsituation anhand des Diglossie-Modells zu beschreiben, halten letztere die Beschreibung des deutschschweizerischen Sprachzustands anhand das Bilingualismus-Modells meist für angemessener.

[Bearbeiten] Argumente in der Tendenz für Diglossie

Für Siebenhaar und Wyler scheint ganz klar zu sein, dass die deutschsprachige Schweiz als digloss gilt: Die Sprachsituation der Deutschschweiz entspricht somit dem Muster der Diglossie: In einer Sprachgemeinschaft werden zwei Formen der gleichen Sprache verwendet, eine hochsprachliche und eine volkssprachliche, und jede Sprachform hat unterschiedliche Geltungsbereiche. Dabei sind die Sprachformen immer deutlich voneinander unterschieden, Misch- und Übergangsformen gibt es kaum. (Siebenhaar/Wyler 1997)

Dem Standarddeutschen Fremdsprachencharakter zuzuschreiben lehnen sie klar ab: Die Unterschiede zwischen den schweizerdeutschen Dialekten und der Hochsprache sind vor allem in der Lautung, aber auch in den grammatischen Formen derart groß, daß immer wieder behauptet wird, die Hochsprache sei für Schweizer eine Fremdsprache, die sie in der Schule erst mühsam erlernen müßten, während die Deutschen sie von allem Anfang an beherrschten. Diese Meinung ist jedoch falsch. Auch in Deutschland müssen sich die Kinder in der Schule im Gebrauch der schriftnahen Hochsprache üben, selbst dort, wo die Umgangssprache nur einen kleinen Abstand zur Hochsprache hat. Überdies läßt die enge Verwandtschaft zwischen den beiden Sprachformen kaum zu, das Schweizerdeutsche als selbständige Sprache zu bezeichnen, trotz lautlichen Unterschieden,welche die Verständigung durchaus in Frage stellen. Die Gemeinsamkeiten im Wortschatz und in der Syntax sind zudem viel größer als zwischen dem Deutschen und nahe verwandten Fremdsprachen wie etwa dem Niederländischen oder dem Englischen. (Siebenhaar/Wyler 1997)

Siebenhaar fügt dem hinzu, dass zwar eine Tendenz zur medialen Diglossie besteht, diese aber nur für den Nähebereich zutrifft (vgl. Siebenhaar 03).

Auch Peter Sieber und Horst Sitta (1986: 33f) sind gegen eine Kategorisierung als Fremdsprache. Obwohl sie der Ansicht sind, dass die Frage, ob Standarddeutsch als Fremdsprache zu bezeichnen ist oder nicht letzten Endes eine politische und keine linguistische Frage ist, plädieren sie dafür, die Standardsprache nicht als Fremdsprache zu bezeichnen, vor allem deshalb, weil die Standardsprache im schriftlichen Bereich einen klar festen Platz hat. Darüber hinaus sei es aus Sicht der angewandten Linguistik sehr ratsam, diesem Gedankengebilde, wonach Standarddeutsch eine Fremdsprache sei, kategorisch entgegenzutreten, um die Bereitschaft der Deutschschweizer Standarddeutsch zu lernen und anzuwenden nicht zusätzlich zu vermindern (vgl. Hägi/Scharloth 2005). Ulrich Ammon (1995) vertritt im Gegensatz zu Baur und Werlen die Meinung, dass die Ausgebautheit per se der schweizerdeutschen Dialekte nicht Kriterium genug ist, um die schweizerdeutschen Dialekte als eigenständige Sprachen zu bezeichnen. Die mangelnde Standardisiertheit, der zu geringe sprachsystematische Abstand zu den anderen deutschen Varietäten und die Ausdehnung der alemannischen Dialekte auch auf bundesdeutsches Terrain erlauben es nicht, Standarddeutsch aus der Sicht von Deutschschweizern als Fremdsprache zu betrachten (vgl. Hägi/Scharloth 2005). Auch Haas (2004) ist von der diglossischen Situation überzeugt und hält fest, dass es bei der Mundart und der Standardsprache um einen Extremfall der Registervariation handelt, denn beide Varianten erfüllen zwei verschiedene stilistische Grundfunktionen, nämlich Nähe und Distanz. Ausserdem sei die Situation mit der Bilingualismus-Situation mit zwei unähnlichen Sprachen nicht zu vergleichen (vgl. Hägi/Scharloth 2005).

[Bearbeiten] Argumente in der Tendenz für Bilingualismus

Arthur Baur (1983: 37-41, 64f.) vertritt die Meinung, dass die Standardsprache in der Schweiz als Fremdsprache einzuordnen sei mit der Begründung, dass die schweizerdeutschen Dialekte voll ausgebaut sind. Das heisst, die Dialekte sind so weit entwickelt, dass sie in jeder Kommunikationssituation, wie z. B. in fachlichen oder amtlichen Kontexten, problemlos verwendet werden können. Dass sich die Dialekte so ausbauen konnten, hängt auch damit zusammen, dass das Schweizerdeutsche ein Sprachprestige besitzt und funktional stilistisch differenzieren kann, wie dies bei anderen Nationalsprachen der Fall ist. Darüber hinaus hält Baur fest, dass ein nennenswerter sprachsystematischer Abstand zwischen Dialekt und Standardsprache bezüglich Lautung Grammatik und Lexik besteht. All diese Eigenschaften der Dialekte lassen ihn zum Schluss kommen, dass die schweizerdeutschen Dialekte als eine eigenständige, voll ausgebaute Sprache zu betrachten sind (vgl. Hägi/Scharloth 2005). Auch Roland Ris (1990) ist der Ansicht, dass die Bedingungen für eine Diglossiesituation nach dem klassischen Modell von Ferguson mit High- und Low-Variante, nicht mehr gegeben sind: Mit dem Abbau der schichtenspezifischen Markierung beim Gebrauch der Mundart überhaupt und der weitgehenden Neutralisierung ihrer früher stark wahrgenommenen Varietäten einerseits und der Durchlässigmachung der ursprünglich situativen Aufteilung zwischen Hochdeutsch und Mundart andererseits, ist es nicht mehr sinnvoll, das traditionelle Diglossiemodell zu verwenden. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass der Deutschschweizer über jedes Thema in fast jeder Situation Mundart spricht. (...) Wenn wir diesen Tatbestand möglichst sine ira et studio betrachten, müssen wir feststellen, dass die gesprochene Mundart nahezu all die Funktionen wahrnimmt, die anderswo einer gesprochenen Hochsprache zukommen, und das impliziert wiederum, dass das gesprochene Hochdeutsch in der Schweiz im internen Gebrauch nicht mehr als komplementäre Sprachform im Sinne des Diglossiemodells funktioniert, sondern als Zweitsprache im Sinne des Bilingualismusmodells, die man in gewissen Kommunikationssituationen mehr noch verwenden darf als verwenden muss. (Ris 1990: 42)

Dessen ungeachtet hält er fest, dass es kein für alle Deutschschweizer verbindliches Sprachgefühl gibt und dass auch anzunehmen ist, dass vor allem für gebildete Ältere oder für solche, die engen Kontakt mit Deutschen haben, nach wie vor das Diglossie-Modell gilt (vgl. Ris 1990: 43-44). Wie Baur, kommt auch Iwar Werlen (1998) zum Schluss, dass beide Varietäten voll ausgebaut sind, auch wenn sich Unterschiede bezüglich Literalität und Oralität, Rezeption und Produktion, massenmedialer und persönlicher Gebrauchssituation und bei ihrer Verwendung in In- und Outgroup-Kommunikation feststellen lassen. Er glaubt, das Konzept der Diglossie sei nicht (mehr) angemessen und zieht es vor, den schweizerdeutschen Sprachzustand als asymmetrische Zweisprachigkeit zu bezeichnen (vgl. Hägi/Scharloth 2005). Gleich wie Werlen, glaubt auch Raphael Berthele (2004), dass das Diglossie-Modell nach Ferguson die Deutschschweiz nur ungenügend beschreibt. Ausserdem weist er darauf hin, dass die Mehrheit der Deutschschweizer selber Standarddeutsch als Fremdsprache empfindet. Deshalb erscheint es ihm sinnvoller, die deutschsprachige Schweiz anhand des Bilingualismus-Modells zu beschreiben (vgl. Hägi/Scharloth 2005).

Die Resultate einer Fragebogenerhebung von Scharloth aus dem Jahr 2003, wonach Deutschschweizer nach ihrem persönlichen Verhältnis und dem der Deutschschweizer allgemein zur Standardsprache befragt wurden, erlauben es, trotz des stichprobenartigen Charakters dieser Untersuchung, einige Tendenzen bei der Selbsteinschätzung und der des Kollektivs herauszulesen. Diese Tendenzen könnten auch als Argument für den Fremdsprachencharakter des Standarddeutschen interpretiert werden. 79 % der Befragten bejahten die Frage, wonach Standarddeutsch für die Deutschschweizer die erste Fremdsprache sei. Nur 6 % der Befragten gaben an, dass in der Schweiz gutes Hochdeutsch gesprochen werde. 76 % attribuierten den Sprechern nur mäßige mündliche Hochsprachkompetenz. Gar 18 % entschieden sich für das Prädikat schlecht. Daraus könnte man ableiten, dass die Zahlen tendenziell eher das Bilingualismus-Modell stützen. Doch auf die Frage, ob denn nun Hochdeutsch für sie persönlich eine Fremdsprache darstelle, bejahten dies nur noch 30%. Bei der Frage, die einerseits Aufschluss über die Selbsteinschätzung der individuellen mündlichen Kompetenz in der Standardsprache geben und andererseits die Kompetenz des Kollektivs beurteilen soll, waren die Ergebnisse ähnlich gegensätzlich. Folglich kann man sagen, dass der durchschnittliche Deutschschweizer seine eigene Deutschkompetenz höher einstuft als die seiner Mitbürger. Insofern erweist es sich abschliessend als fraglich, ob die Selbsteinschätzung der Deutschschweizer als Argument für den Fremdsprachencharakter gültig gemacht werden kann. (vgl. Scharloth 2003)

[Bearbeiten] Schlussfolgerung

Der Deutschschweizer hat ein grosses Privileg. Nicht nur hat er eine dialektale Umgangssprache, die ihn - ob er nun will oder nicht - unweigerlich mit dem engen Territorium oder dem Ort, aus dem er stammt, verbindet, sofern er nicht bereits überregionale Sprachmerkmale angenommen hat, sondern er darf und soll seinen regional gefärbten Dialekt innerhalb seiner Landesgrenzen auch sprechen ohne als provinziell zu gelten oder gar geächtet zu werden. Doch dieses Privileg hat auch Schattenseiten. Die überregionale Standardsprache, die es ihm ermöglicht mit dem restlichen deutschsprachigen Raum in unkomplizierten Kontakt zu treten und auch die Kommunikation mit den anderssprachigen Schweizer Landesteilen vereinfachen würde, wird aufgrund der Prädominanz des Dialekts im Mündlichen überwiegend nur noch geschrieben. Dies führt leider dazu, dass viele Deutschschweizer ungeübt sind im mündlichen Umgang mit der Standardsprache und diese teils auch als fremd betrachten. Einen festen Platz im produktiven mündlichen Bereich hat sie für die meisten nur noch im Unterricht, in den beiden Kammern des eidgenössischen Parlaments, in den staatlichen Medien, in den Kirchen, im Militär und in der Justiz. Aber auch hier steht sie immer Hand in Hand mit dem Dialekt. Abhängig vom Inhalt, von der Offizialität oder vom Interregionalitätsgrad der zu machenden Aussage wird die eine oder andere Varietät gewählt. Im schriftlichen Bereich hingegen ist die Standardsprache verallgemeinernd gesagt die Norm und von der grossen Mehrheit nicht wegzudenken. Auch wenn durchaus bedeutende Schriften in Dialekt verfasst wurden und Jugendliche seit etlichen Jahren vor allem im Nähebereich in den neuen Medien (vor allem regionale Chaträume, SMS, E-Mail) ihren Gedanken, in Anlehnung an die Phonetik der Grapheme in der Standardvariante, eine mundartliche nicht standardisierte Schriftform verleihen (vgl. Siebenhaar 2003), so tangiert dies den Status der Schriftsprache als Ganzes nicht. Jedoch scheint diese Sprachkonstellation und die daraus folgenden Eigentümlichkeiten im Sprachverhalten des Durchschnittsdeutschschweizers für die Kommunikation mit den anderssprachigen Landesteilen und mit dem restlichen germanophonen Gebiet ausserhalb der helvetischen Grenzen nicht eben von Vorteil zu sein. Oft ertönt aus den französisch- und italienischsprachigen Regionen der Schweiz der Vorwurf der mangelnden Rücksicht ihnen gegenüber, was durchaus verständlich ist. Doch kann man von demjenigen, der die Standardsprache eventuell nur radebrechen kann, verlangen, er soll die ihm fremde Standardvarietät sprechen? Hat er denn nicht das Recht, so zu reden wie ihm der Mund gewachsen ist? Und darf der Tessiner oder Romand vom Deutschschweizer etwa nicht erwarten, dass er wenigstens Standardsprache spricht, wenn der Deutschschweizer keine Kenntnisse der jeweiligen Fremdsprache hat? Haben nicht etwa beide Recht? Nicht selten kommt es dann dazu, dass sich Deutschschweizer und Romands oder Tessiner auf Englisch unterhalten, um diese verzwickte Sprachsituation zu umgehen. Das Problem erweist sich als durchaus vielschichtig und ist auch nicht einfach zu lösen. Neben den bereits von Natur aus bestehenden Sprachunterschieden, die Schweiz mag zwar als Nation im Sinne des offiziellen Multilingualismus mehrsprachig sein, doch ist sie weit entfernt von einem De-facto-Multilingualismus, kommt zusätzlich noch die Schwierigkeit hinzu, dass viele Deutschschweizer, weil sie nur unzureichend die Standardsprache beherrschen, ausschliesslich in der Mundart sprechen wollen. Infolgedessen hat sich immer mehr die Verwendung des Englischen als Mittlersprache eingebürgert. Doch was hat dies alles mit der Diglossie-Bilingualismus-Problematik zu tun?

Es hat insofern damit zu tun, dass diese historisch gewachsene eigentümliche Sprachaufteilung in der Deutschschweiz der Sprachwissenschaft seit jeher Probleme bereitet hat, sie eindeutig als Ganzes zu kategorisieren. Anhand welcher Modelle dies versucht und gemacht wurde, ist oben behandelt worden. Letzten Endes aber hinterlassen die Meinungen einiger Experten einen teilweise unangenehmen Beigeschmack. Zu gross sind die Unterschiede innerhalb der Sprache selber, die je nach Region standardnäher oder dialektnäher ist; zu verschieden die Kompetenzen der Einzelnen, als dass man alle in ein abschliessendes Muster einordnen könnte. Jede Kategorisierung mag einem gewissen Durchschnitt gerecht werden, aber keinesfalls dem Individuum mit seiner individuellen Kompetenz und seiner persönlichen Einstellung, weshalb der Aussage von Ris durchaus zugestimmt werden kann: Es ist folglich müssig, jemanden, dessen Sprachlichkeit und sprachliche Selbstbegegnung sich ganz in der Mundart vollzieht, belehren zu wollen, er hätte Hochdeutsch gefälligst auch als „Muttersprache“ zu betrachten, genau so wie es verkehrt wäre, einem schweizerischen Schriftsteller vorwerfen zu wollen, dass er in der Sprache des nördlichen Nachbarn nicht nur schreibt, sondern auch denkt. (Ris 1990: 43)

Es sprechen Argumente sowohl für als auch gegen diglossische und bilinguale Modelle. Doch genau hier scheint unter anderem eines der Hauptprobleme dieser Kategorisierungen zu sein. Oft geht nämlich mit der Entscheidung für ein Modell einher, dass man sich eher für den Mutter- oder den Fremdsprachencharakter der Standardvarietät entscheidet. Dies scheint keineswegs in jedem Fall der Gesamtsituation gerecht zu werden. Insofern darf man sich durchaus fragen, ob es noch sinnvoll ist, Argumente vorzubringen, die für oder gegen ein gegebenes Modell sprechen oder eines wiederum ergänzen. Womöglich wäre der Lage besser gedient sie einfach als „deutschschweizerische Sprachsituation“ zu bezeichnen. Oder würden wir etwa bei den Termini Muttersprache/Primärsprache den obligaten Aspekt der Mündlichkeit für fakultativ erklären, wäre es möglich, Mündlichkeit von Schriftlichkeit konsequenter zu trennen und beispielsweise die alemannische Mundart als „mündliche Primärsprache/Muttersprache“, die Standardvarietät als „schriftliche Primärsprache/Muttersprache“ zu bezeichnen. Dieser Logik folgend, könnte man die gesprochene Standardvarietät je nach Grad der oralen Kompetenz in die Kategorien mündliche Muttersprache, mündliche Sekundärsprache oder mündliche Fremdsprache einteilen. Womöglich könnte man mit dieser Doppelkategorisierung der Sprachgespaltenheit der meisten Deutschschweizer einwenig gerechter werden ohne das individuelle Moment zu vernachlässigen.

[Bearbeiten] Diglossien in Literatur und Film

Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann zeigt in seinem Roman „Die Buddenbrooks“ als Randthema die Diglossie der Männer dieser Lübecker Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert, die untereinander, in der Familie und im Geschäftsverkehr Hochdeutsch reden, jedoch zu ihren Arbeitern auf Platt sprechen (müssen). Auch die Verfilmung zeigt dies recht eindrucksvoll.

Rheinische Diglossien klingen immer wieder an in Werken des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, so zum Beispiel in „Ende einer Dienstfahrt“. Diese Novelle ist äußerlich in trockenstem Protokollstil, fast Juristendeutsch, geschrieben. Durch Bölls ständige, oft kaum übersetzbare Einsprengsel lebendiger Lokalsprache erhält das Werk eine weitere, oft kabarettistisch anmutende Ebene. Es wird etwa über eine Zeugin, nach umständlicher Vorstellung, im Nebensatz gesagt: „… von Verwandten und im Dorf nur ‚die Kroserin‘ genannt“. Durch den Gegensatz zwischen den auf den Punkt genauen Worten des Dialekts und ihren erkennbar mühseligen Annäherungen durch Erklärung und Umschreibungen in der noch sehr preußischen Obrigkeitssprache der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre erschließt sich die Diglossiesituation des Kölner Umlandes dieser Zeit, ohne die eine Erzählung in der Art unmöglich gewesen wäre.

[Bearbeiten] Literatur

  • Charles A. Ferguson: Diglossie. In: Anwendungsbereiche der Soziolinguistik. Darmstadt 1982, S. 253–276 (Übersetzung von: Diglossia. In: Word. Journal of the Linguistic Circle of New York. 15, 1959, S. 325–340).
  • J. A. Fishman: Bilingualism with and without Diglossia; Diglossia with and without Bilingualism. In: Journal of Social Issues. 1967.
  • Csaba Földes: Kontaktdeutsch: Zur Theorie eines Varietätentyps unter transkulturellen Bedingungen von Mehrsprachigkeit. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2005, ISBN 3-8233-6160-0; siehe: http://www.uni-pannon.hu/german/kontaktdeutsch.htm.
  • Dörte Hansen-Jaax: Transfer bei Diglossie. Kovač, Hamburg 1995, ISBN 3-86064-292-8.
  • Georg Kremnitz: Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit. Braumüller, Wien 1994, ISBN 3-7003-1071-4.
  • Boris Andrejewitsch Uspenski: Diglossija i dvujazyčie v istorii russkogo literaturnogo jazyka. In: International Journal of Slavic Linguistics and Poetics. 27, 1983, S. 81–126.
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