Geschichte Madagaskars
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die geschichtlichen Aufzeichnungen über Madagaskar gehen auf das 7. Jahrhundert zurück, als die Araber Handelsstützpunkte an der Nordwestküste errichteten. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass die ersten madegassischen Siedler aus Südostasien kamen, was die ethnischen Eigenschaften, eine Mischung austronesischer Asiaten und afrikanisches, sowie später hinzugekommener arabischer, indischer und europäischer Einflüsse erklärt. Britische und französische Imperialisten lieferten sich vom 17. bis 20. Jahrhundert einen Wettlauf um Madagaskar, bis die Insel 1890 französische Kolonie wurde. Madagaskar errang 1958 seine Unabhängigkeit von Frankreich.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Frühgeschichte
Nach der madegassischen Mythologie wurde die Insel zuerst durch ein hellhäutiges Zwergenvolk, den Vazimba, bewohnt. Einige Madagassen glauben, dass diese Ureinwohner noch im tiefen Wald leben. Auf der Insel, deren Einwohner den Ahnenkult praktizieren, werden die Vazimba als die ältesten Ahnen verehrt. Die Könige einiger madegassischer Stämme behaupten, in direkter Verwandtschaft mit den Vazimba zu stehen.
Die Archäologen gehen von einer Ankunft der Menschen auf der Insel zwischen 200 und 500 aus. Demnach waren die ersten Einwohner Madagaskars Seefahrer aus Südostasien, vermutlich Borneo oder Süd-Celebes in ihren Auslegerkanus. Diese ursprünglichen Madagassen besiedelten die Insel im Zuge der großen austronesischen Expansion, die zur Besiedlung des malaiischen Archipels Java, Sumatra, Neuseeland, Polynesien und Mikronesien, sowie Hawaii und der Osterinsel führte. Ein Beleg für die Ankunft von Indonesiern, die die Ostküste Afrika kolonisierten, ist nicht gefunden worden. Es scheint, dass die ersten Einwohner von Madagaskar direkt über den Indischen Ozean aus Indonesien kamen, eine Reise von 5.000 km, indem sie sich dem Wind und dem äquatorialen Ost-Weststrom anvertrauten. Zusammen mit Neuseeland bildete Madagaskar die letzte von Menschen besiedelte Landfläche. Der Ethnologe Jared Diamond beschreibt die austronesische Expansion nach Madagaskar:
- Diese Austronesier mit ihrer austronesischen Sprache und modifizierten austronesischen Kultur lebten bereits auf Madagaskar, als die Insel 1500 von den Europäern besucht wurde. Dies erscheint mir als die erstaunlichste Tatsache der Humangeographie der Welt. Es ist, als ob Columbus bei der Landung auf Kuba die Insel mit blonden blauäugigen schwedisch sprechenden Skandinaviern, vorgefunden hätte, obwohl der nahe nordamerikanische Kontinent von indianischsprachigen Indianern bewohnt ist, die. Wie ist es möglich, das Menschen der prähistorische Kultur Borneos auf Booten ohne Karte und Kompass Madagaskar erreichen konnten?
In Technologie und Landwirtschaft weisen die Madagassen viele gemeinsame Merkmale mit den Indonesiern auf. Die Methoden der Reisbearbeitung gleichen einander. Wie die Indonesier benutzen die Madagassen Auslegerkanus (Katamarane). Beide Kulturen praktizieren den Ahnenkult und glauben, dass Tote einen Einfluss auf die Lebenden haben. Anders als ihre Nachbarn auf dem afrikanischen Kontinent, die Rundhütten bevorzugen, leben die Madagassen in viereckigen Wohngebäuden. Sie verwendeten zum Eisenschmieden Zweiklappenbälge, eine malaysische Erfindung. Sie kleideten sich in aus Pflanzenfasern oder Raffiabast gesponnenes Tuch, nicht in Leder, Fell oder Wolle wie Afrikaner oder Europäer. Angehörige des Merina-Stammes, des größten Stammes in Madagaskar, gleichen den Indonesiern im äußeren Ansehen vollkommen.
[Bearbeiten] Die Einwanderung der Bantu und Araber
Dass die mittelalterlichen arabischen Seefahrer und Geografen Madagaskar kannten, war lange Zeit umstritten. Durch die Ausgrabungen in Mahilaka konnte aber eine Handelsstadt mit Moscheen und Steingebäuden belegt werden, die vom zehnten bis zum 14. Jahrhundert blühte. Die der Südküste Ophirs (Afrika) gegenüber liegende Insel war als: Phebol, Cernea, Menuthias, Medruthis, Sherbezat, Camarcada oder Mondinsel bekannt.
Der Name Madagaskar stammt von Marco Polo, dem italienischen Forscher, der eine afrikanische Insel mit unaussprechlichem Reichtum als Madeigascar beschrieb. Marco Polo hatte über die Existenz der Insel indirekt aus Erzählungen während seiner Reisen in Asien Kenntnis bekommen. Die meisten Gelehrten nehmen an, dass er wohl Mogadischu, den Hafen des heutigen Somalia beschrieben habe. Dennoch verwendeten die italienischen Kartographen der Renaissance den Namen Madagaskar für die Insel.
Die Bantu-Siedler überquerten vermutlich die Straße von Mosambik nach Madagaskar, etwa während oder kurz nach der Ankunft der Indonesier. Obgleich die Mehrheit der Wörter in der madegassischen Sprache malaiisch-polynesischen Ursprungs sind, wurden außerdem einige Brocken der Bantu Wörter gesprochen wie omby (Rind), ondry (Schaf) und andere. Einige Ethnologen sehen darin den Beweis, dass sich indonesische und Bantu-Siedler bald in der Inselgeschichte miteinander vermischten.
Die Bantu brachten die kürbisähnliche Jejolava und die mehrsaitige Valiha mit, Musikinstrumente, auf denen heute die madegassische Musik gespielt wird. Die Bantu führten auch ein für Ostafrika einmaliges Kulturmerkmal ein: den Viehbesitz. Besonders in den südlichen Savannen Madagaskars, in dem die afrikanischen Einflüsse am stärksten sind, werden Reichtum und sozialer Status am Besitz von Vieh gemessen; die Zahl der Zebus übersteigt die der Einwohner um das zwei- bis dreifache.
Anfang des 10. oder 11. Jahrhunderts verkehrten entlang der afrikanischen Ostküste in ihren Dhaus arabische und sansibarische Slavenhändler und ließen sich an der Westküste Madagaskars nieder. Ihre heutigen Nachkommen bilden den Antaimoro Stamm an der Südostküste nahe Manakara. Die arabischen Einwanderer bildeten verglichen mit den Indonesiern und den Bantu eine Minderheit, übten aber einen umso nachhaltigeren Einfluss aus: Die madegassischen Namen für Jahreszeiten, Monate, Tage und Münzen sind arabischer Herkunft, ebenso die Beschneidung, der gemeinsame Getreidevorrat und verschiedene Grußformen. Arabische Medizinmänner, Ombiasy genannt, etablierten sich als Richter bei zahlreichen madegassischen Stammeskönigtümern. Arabische Einwanderer führten ein patriarchales Familien- und Clansystem in Madagaskar ein. Zuvor hatten die Madagassen das polynesische matriarchale System praktiziert, bei dem Rechte, Privilegien und Besitz den Männern und Frauen in je gleicher Weise zugeteilt waren
[Bearbeiten] Die Europäische Kolonialisierung
Bis zum 15. Jahrhundert hatten die Europäer den Muslimen den Gewürzhandel abgerungen. Er verlief vorher, auf dem Umweg über der Nahen Osten, direkt von Indien zum Mittelmeer. Nachdem ihre Frachtschiffe das Kap der guten Hoffnung umrundet hatten, verlief der Gewürzhandel von Indien direkt nach Portugal. Der portugiesischer Seemann Diogo Dias setzte 1500 als erster Europäer seinen Fuß auf madegassischen Boden, als sein Schiff auf der Fahrt nach Indien vom Kurs geriet. In den folgenden zweihundert Jahren strebten Engländer und Franzosen erfolglos nach der Herrschaft über die Insel.
Fieber, Dysenterie, die feindlichen madegassischen Eingeborenen und das harte trockene Klima Südmadagaskars setzen 1646 der englischen Ansiedlung bei Toliary (Tuléar) ein baldiges Ende. Eine weitere Siedlung im Norden in Nosy Be wurde 1649 aufegegeben. Die französische Kolonie bei Taolañaro (Fort Dauphin) hielt sich länger. Nach dreißigjähriger Existenz, Weihnachten 1672 kam es zu Unruhen unter den ansässigen Antanosy. Sie waren offenbar aufgebracht, weil vierzehn französische Soldaten des Forts sich von ihren madegassischen Frauen hatten scheiden lassen, um vierzehn in die Kolonie entsandte französische Frauen zu heiraten und massakrierten dreizehn der vierzehn Bräute. Die Antanosy belagerten achtzehn Monate lang die Palisaden von Taolañaro. Ein Schiff der französisch-ostindischen Kompanie rettete 1674 die überlebenden dreißig Männer und eine Witwe.
[Bearbeiten] Piraten und Sklavenhändler
Zwischen 1680 und 1725 war Madagaskar ein Piratenstützpunkt. Bekannte Piraten wie Kapitän William Kidd, Henry Every, John Bowen und Thomas Tew machten die Antongil Bay und Nosy Boraha (St. Marys Insel), eine kleine 15 km von der Nordostküste Madagaskars gelegene Insel, zu ihrer Basis. Die Piraten plünderten Handelsschiffe im Indischen Ozean, Roten Meer und persischen Golf. Sie raubten die für Europa beladenen Handelsschiffe mit ihrer Seiden-, Tuch-, Gewürz- und Juwelenfracht aus. Schiffe, die in umgekehrter Richtung nach Indien fuhren, überfiel man wegen ihrer Münzen, sowie Gold- und Silberschätze. Ziele der Piraten waren die zwischen den Häfen des Indischen Ozeans verkehrenden indischen Frachtschiffe sowie die von Frankreich, England und den Niederlanden beauftragten Handelsschiffe der Ostindienfirmen. Die zwischen Surat in Indien und Mokka an der Spitze der arabischen Halbinsel segelnde Pilgerflotte bildete ein Lieblingsziel der Piraten, weil die reichen muslimischen Pilger häufig Juwelen und andere Kleinodien nach Mekka mit sich führten.
Die indischen Kaufleute der unterschiedlichen Häfen von Afrika und Réunion waren wohl bemüht, den Diebstahl der Waren des Piraten einzudämmen. Die niedrigbezahlte Mannschaft der Handelsschiffe im Indischen Ozean waren jedoch kaum zum Kämpfen zu bewegen und sahen wenig Grund, ihr Leben zu riskieren. Die Piraten rekrutierten häufig aus den Mannschaftsmitgliedern der geplünderten Schiffe weitere Bundesgenossen.
Vor der Ankunft der Europäer führten die madegassischen Stämme gelegentliche Kriege zum Sklavenfang. Die Sklaven wurden entweder an arabische Händler verkauft oder in Diensten gehalten. Mit der Ankunft der europäischen Sklavenhändler stieg der Wert der menschlichen Handelsware und damit die Zahl der Kriege der madegassischen Küstenstämme zum Sklavenfang. An Stelle von Spießen und Macheten setzten die Eingeborenen Musketen, Pulver und Blei ein, das sie von Europäern erhielten. Die Kriegführung war grausam und brutal.
Wegen ihrer Beziehungen zu den Piraten auf Nosy Boraha verfügten die Betsimisaraka in Ostmadagaskar über mehr Feuerwaffen als alle anderen Stämme. Sie überwältigten die benachbarten Antakarana und Tsimihety und überfielen sogar die Komoren. Die Sakalava hatten auf der Westküste die meisten Beziehungen zum Sklavenhandel, wodurch sie ebenfalls den Zugang zu Gewehren und Pulver erlangten. Sie besiegten die anderen Stämme der Westküste. Häuptlinge, die keine Gefangene für den Sklavenhandel gemacht hatten, verkauften zuweilen ihre eigenen Leute in die Sklaverei.
[Bearbeiten] Die Merina-Monarchie
Andrianampoinimerina | Radama I. | Ranavalona I. | Radama II. | Rasoherina | Ranavalona II. | Ranavalona III.
Im zentralen Hochland von Madagaskar hatte das Königreich der Merina, ein Reisanbauervolk, in relativer Abgeschlossenheit vom Rest Madagaskars einige Jahrhunderte gelebt; 1824 eroberte Merina jedoch fast das gesamte Madagaskar dank der Führung zweier raffinierter Könige, Andrianampoinimerina (ca. 1745-1810) und sein Sohn Radama I. (1792-1828).
Andrianampoinimerina schuf das Reich der Merina durch Heiratspolitik oder durch die kriegerische Unterwerfung der anderen Stämme. Er machte Antananarivo zur Hauptstadt Madagaskars und errichtete den Königspalast rova , auf einem die Stadt überragenden Berggipfel. Der ehrgeizige König proklamierte, Ny ranomasina no valapariako („das Meer ist die Grenze meines Reisfeldes“). Andrianampoinimerina zeichnete sich vor anderen ehrgeizigen Königen und Häuptlingen durch seine Verwaltungsfähigkeit aus. Der König erließ Gesetze. Er überwachte den Damm- und Grabenbau zur Urbarmachung weiteren Landes um Antananarivo. Er führte den Metallspaten ein und zwang die Reisbauern, ihn zu benutzen. König Andrianampoinimerina war ein mustergültiger Militärkommandant. Bis zu seinem Tod 1810 hatte er die Stämme der Bara (Madagaskar) und des Betsileo Hochlands erobert und bereitete sich vor, die Grenzen seines Königreiches bis an die Ufer der Insel zu erweitern.
Sein Sohn Radama I. (Radama der Große) übernahm die Regierung während eines wesentlichen Ereignisses in der europäischen Geschichte, das Rückwirkungen auf Madagaskar hatte. Mit der Niederlage Napoléons I. verschob sich das Gleichgewicht der europäischen Mächte und seiner Kolonien zu Gunsten Englands. England suchte die Macht über die Handelswege im Indischen Ozean und besetzte Réunion und Mauritius. Mauritius blieb eine Basis für die Erweiterung des britischen Empires. Der Gouverneur von Mauritius bat die französische Regierung nachdrücklich, Radama I. als König von Madagaskar anzuerkennen, ein diplomatisches Manöver, mit dem er die Insel souverän machen und folglich aus allen Ansprüchen europäischer Mächte herausheben wollte.
Radama I. unterzeichnete Verträge mit England zur Ächtung des Sklavenhandels und Zulassung protestantischer Missionare in Madagaskar. Im Gegenzug zur Ächtung des Sklavenhandels empfing Madagaskar die im Vertrag „Äquivalent“ genannte jährliche Summe von tausend Dollar im Gold, weitere tausend in Silber, eine festgelegte Menge Schießpulver, Flinten und Musketen, sowie 400 ausgesonderte britische Armeeuniformen. Der Gouverneur von Mauritius entsandte auch Militärberater, die zuweilen Merina Soldaten gegen die Sakalava und Betsimisaraka in den Krieg führten. Nachdem er 1824 die Betsimisaraka besiegt hatte, erklärte Radama: „Heute gehört mir die gesamte Insel! Madagaskar hat einen Regenten!“ Der König starb 1828 als Anführer seiner Armee während einer Strafexpedition gegen die Betsimisaraka
Die 33jährige Herrschaft der Königin Ranavalona I. (Ranavalona die Grausame), die Witwe von Radama I. begann unheilverheißend, als die Königin die Erben und Verwandten des toten Königs ermordete. Die Adeligen und die Medizinmänner, die ihren Einfluss unter dem liberalen Regime der vorhergehenden zwei Merina-Könige verloren hatten, kamen wieder an die Macht. Die Königin wies die von Radama mit Großbritannien geschlossenen Verträge zurück. Die Genesung von einer schweren Krankheit 1835 schrieb sie ihren zwölf Sampy-Talismanen zu, die mit übernatürlichen Mächten ausgestattet unter dem Palast hausten. Um diese Sampy zu beschwichtigen, verabschiedete sie einen Erlass, in dem sie die Ausübung des Christentums in Madagaskar verbot, die britischen Missionare von der Insel vertreiben ließ und christliche Konvertierte verfolgte. Christliche Bräuche seien „nicht die Bräuche unserer Ahnen“, erklärte sie. Die Königin machte die gesetzlichen Reformen des Andrianampoinimerina rückgängig, wozu sie das Gottesurteil in Anwendung brachte. Verdächtige Kriminelle – meist Anhänger des Christentums – mussten das Gift des Tangena-Baums zu trinken. Wenn sie das Gottesurteil überlebten, was selten geschah, galten sie als unschuldig. Madegassische Christen bezeichnen diese Periode als tany maizina „die Zeit, als das Land im Finstern lag.“ Schätzungsweise 150.000 Christen starben während der Herrschaft von Ranavalona der Grausamen. Die Insel geriet in Isolation und der Handel mit anderen Nationen kam zum Stillstand.
Indessen wuchs der Sohn und Erbe der Königin, Kronprinz Radama II., insgeheim römisch-katholisch beeinflusst, auf. Der Kontakt zu französischen Staatsangehörigen in Antananarivo bewog ihn, 1854 einen Brief an Napoléon III. zu senden und Frankreich zu einer Invasion in Madagaskar zu bewegen. Am 28. Juni 1855 unterzeichnete er die Lambert Charta. Dieses Dokument gab Joseph-François Lambert, einem unternehmungslustigen französischen Geschäftsmann, der in Madagaskar drei Wochen zuvor angekommen war, das ausschließliche Recht, alle Mineralien, Wälder und unbesetzten Ländereien in Madagaskar gegen eine 10%-Abgabe an die Merina-Monarchie auszubeuten. In den folgenden Jahren dienten den Franzosen, die Lambert-Charta und der Brief des Prinzen an Napoléon III zur Rechtfertigung der Franco-Hova Kriege und der Annexion von Madagaskar als französische Kolonie. 1857 deckte die Königin eine Verschwörung ihres Sohnes Radama II. und französischer Staatsbürger gegen sie in der Hauptstadt auf. Sie vertrieb sofort alle Ausländer aus Madagaskar. Ranavalona die Grausame starb 1861.
In seiner kurzen zweijährigen Regierungszeit begann König Radama II. wieder den Handel mit Mauritius und Réunion, lud die christlichen Missionare und die Ausländer wieder ein, nach Madagaskar zurückzukehren und setzte die meisten Reformen Radamas I. wieder in Kraft. Seine liberale Politik veranlasste den verärgerten Adel jedoch zu einem von Premierminister Rainivoninahitriniony ausgeführten Staatsstreich. Ebenso listig wie sein Bruder Rainilaiarivony sicherte er sich den Einfluss auf die Regierungsgeschäfte Madagaskars für die restlichen 32 Jahre der Merinamonarchie. Zunächst heiratete Rainivoninahitriniony, später sein Bruder Königin Rasoaherina, Radama II. Witwe. Rainilaiarivory heiratete auch die letzten beiden Königinnen Madagaskars, Ranavalona II. und Ranavalona III.
1869 wurde Königin Ranavalona II., die von der London Missionary Society erzogen worden war, anglikanisch getauft; diese Konfession wurde später Staatsreligion von Madagaskar. Die Königin ließ alle Sampy öffentlich verbrennen. Zahlreiche katholische und protestantische Missionare kamen, um Kirchen und Schulen zu bauen. Die Herrschaft der Königin Ranavalona II. war die Blütezeit des britischen Einflusses in Madagaskar. In Teilen der Insel ersetzte Englisch das Französische als Zweitsprache. Cup (Tasse), carpet (Teppich) und andere englische Wörter drangen in die madegassische Sprache ein. Britisches Militär gelangte über Südafrika auf die Insel.
Um die Lambert-Charta wieder in Kraft zu setzen und den konfiszierten Besitz französischer Bürger wieder zu erlangen, marschierte Frankreich 1883 im Franco-Hova Krieg (Hova war ein adeliger Merina) in Madagaskar ein. Am Ende des Krieges überließ Madagaskar Antsiranana (Diégo Suarez) an der Nordküste Frankreich und zahlte 560.000 Goldfranc an die Erben Joseph-François Lamberts. Indessen arbeiteten Diplomaten bei der Aufteilung Afrikas in Europa eine Vereinbarung aus, nach der Großbritannien für den Erhalt des Sultanates von Sansibar auf seinen Anspruch auf Helgoland zugunsten Deutschlands und auf alle Ansprüche auf Madagaskar zugunsten Frankreichs verzichtete. Die Vereinbarung besiegelte Madagaskars Schicksal. Premierminister Rainilaiarivory hatte erfolgreich England und Frankreich gegeneinander ausgespielt, aber jetzt konnte Frankreich sich ohne Furcht vor Repressalien von seiten Englands einmischen. 1895 landete eine französische Kolonne in Mahajanga (Majunga) und marschierte über den Fluss Betsiboka zur Hauptstadt Antananarivo, die in einem Überraschungsangriff eingenommen wurde. Man hatte den Angriff von der viel näheren Ostküste erwartet. Zwanzig französische Soldaten starben im Kampf und 6.000 an der Malaria und anderen Krankheiten, bevor der Zweite Franco-Hova Krieg endete. 1896 stimmte das französische Parlament für eine Annexion Madagaskar. Nach 103 Jahren endete die Merina-Monarchie und die königliche Familie emigrierte nach Algerien.
[Bearbeiten] Die französische Herrschaft
Die Briten akzeptierten 1890 die Einrichtung eines französischen Protektorates im Gegenzug zu einer endgültigen Herrschaft über Sansibar (heute Teil von Tansania) und als Teil einer allgemeinen Festlegung der Einflusssphären im Gebiet.[1] Die absolute französische Herrschaft über Madagaskar wurde 1895-96 durch militärische Gewalt errichtet, und die Merina-Monarchie abgeschafft.
Madegassische Truppen kämpften während des Ersten Weltkriegs in Frankreich, Marokko und Syrien. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 unterstand Madagaskar zunächst der Vichy-Regierung, ab 1942 den Briten, deren Truppen die strategisch bedeutsame Insel besetzten, um ein Eindringen Japans zu verhindern. Die Freien Franzosen übernahmen 1943 die Insel von Großbritannien.
[Bearbeiten] Unabhängigkeit
1947 fiel das französische Ansehen auf einen Tiefpunkt, ein nationaler Aufstand wurde nach einem Jahr bitteren Kämpfens niedergeschlagen, in dem 8.000 Madagassen getötet wurden[2]. Die Franzosen refomierten 1956 die Institutionen unter dem Loi Cadre (Übersee-Reformgesetz), und Madagaskar schlug einen friedlichen Weg in die Unabhängigkeit ein. Die Republik Madagaskar wurde am 14. Oktober 1958 zum autonomen Staat innerhalb der französischen Gemeinschaft erklärt. Die provisorische Regierung endete 1959 mit der Annahme einer Verfassung; die vollständige Unabhängigkeit wurde am 26. Juni 1960 mit Philibert Tsiranana als Präsident erlangt.
Tsirananas Regierung stand in Kontinuität zur Politik der französischen Siedler (oder „Kolonisten“), die sich noch in Machtpositionen befanden und setzte, anders als viele ehemalige französische Kolonien, auf einen antikommunistischen Kurs. [3] 1972 flammten Proteste gegen diese Politik auf und Tsiranana wurde zum Rücktritt gezwungen. Er übergab die Macht an General Gabriel Ramanantsoa und seine provisorische Regierung. Diese änderten die Außenpolitik zugunsten engerer Verbindungen mit der Sowjetunion. 1975 wurde unter Richard Ratsimandrava und nach dessen Tod im selben Jahr und unter Gilles Andriamahazo die Rückkehr zur Demokratie versucht.[4]
Vergeblich, denn noch 1975 putschte sich der ehemalige Außenminister, Admiral Didier Ratsiraka, an die Macht. Er wurde für sieben Jahre zum Präsidenten gewählt und agierte weiter in Richtung Sozialismus, nationalisierte große Teile der Wirtschaft und brach alle Beziehungen zu Frankreich ab.[5] Diese Politik beschleunigte den Niedergang der madegassischen Wirtschaft, da nach der Unabhängigkeit französische Einwanderer das Land verließen, womit ein Mangel an Fähigkeiten und Technologie entstand.[6] Ratsirakas siebenjährige Regierungszeit wurde ausgedehnt, nachdem seine Partei (Avantgarde de la Révolution Malgache AREMA) 1977 als einzige Partei zu den Wahlen zugelassen wurde.[7] Auf Grund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage, verursacht durch sozialistische Misswirtschaft, näherte sich Madagaskar erneut Frankreich und änderte seine prokommunistische Politik in eine prokapitalistische,.[8]Schließlich zwang ihn die madegassische Opposition und die internationale Öffentlichkeit, seine Position auch ideologisch zu revidieren, so dass 1992 eine neue bürgerliche Verfassung in einer Volksabstimmung verabschiedet wurde.[9]
1993 wurde Ratsiraka in den ersten Mehrparteienwahlen von Albert Zafy besiegt. [10] Zafy misslang die Einigung des geteilten Landes und er wurde 1996 angeklagt.[11] Die 1997 folgenden Wahlen mit einer Beteiligung von unter 50% endeten überraschend mit der Wiederwahl von Didier Ratsiraka.[12]Er strebte weiter in Richtung Kapitalismus. Der Einfluss von IWF und Weltbank führten zu einer verbreiteten Privatisierung.
Die Opposition gegen Ratsiraka verstärkte sich wieder. Die Provinzwahlen 2000 wurden von den Oppositionsparteien boykottiert, und die Präsidentschaftswahl 2001 löste mehrere Kontroversen aus. Der Kandidat der Opposition Marc Ravalomanana behauptete seinen Sieg nach der ersten Runde (im Dezember), was aber vom Amtsinhaber angefochten wurde. Anfang 2002 lieferten sich die Unterstützer beider Seiten heftige Auseinandersetzungen auf der Straße. Ravalomanana konnte Beweise für Wahlbetrug vorlegen. Nach einer Nachzählung im April erklärte das Oberste Verfassungsgericht Ravalomanana zum Wahlsieger. Ratsiraka fuhr fort, das Ergebnis anzufechten, aber sein Gegner wurde international anerkannt. Ratsiraka flüchtete ins Exil nach Frankreich.[13]
Bei den Parlamentswahlen im Dezember 2002 erzielte Ravalomananas Partei I Love Madagascar einen überwältigenden Wahlerfolg. Er nutze sein Mandat, um in enger Verbindung mit IWF und Weltbank Wirtschaftsreformen durchzusetzen und die Korruption zu bekämpfen.[14] Ratsiraka wurde in Abwesenheit wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.[15]
Am 27. Januar 2009 kam es zu Protesten gegen die Regierung Ravalomanana. Die Ursache war eine Entscheidung der Regierung, den Fernsehkanal TV Viva zu schließen, der eine Rede von Didier Ratsiraka übertragen hatte. Der Anführer der Demonstration, Andry Rajoelina, bis dahin Bürgermeister der Hauptstadt und Besitzer des Fernsehkanals, rief eine demokratisch nicht legitimierte Gegenregierung aus. Verfassungsrechtler bewerten dies als Putschversuch. Als die Anhänger Rajaoelinas auf seine Aufforderung hin das Stadtpalais des Präsidenten stürmen wollten, wurden sie von den Ordnungskräften unter Einsatz von Schusswaffen daran gehindert. 30 Menschen kamen dabei ums Leben.
Nach seinem gescheiterten Putschversuch flüchtete Rajoelina 6. März 2009 in die französische Botschaft.[16]
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Siehe Allen und Covell, Historical Dictionary of Madagascar, S. xxx-xxxi
- ↑ 1947 L'insurrection à Madagascar - Jean Fremigacci - Marianne
- ↑ lonely Planet: Madagascar history
- ↑ BBC: Madagaskar timeline
- ↑ BBC: Madagaskar timeline
- ↑ lonely Planet: Madagascar history
- ↑ lonely Planet: Madagascar history
- ↑ Africa.com: Madagascar history and culture
- ↑ BBC: Madagaskar timeline kam
- ↑ lonely Planet: Madagascar history wurde
- ↑ Africa.com: Madagascar history and culture
- ↑ BBC: Madagascar timeline
- ↑ Lonely Planet: Madagascar History
- ↑ Lonely Planet: Madagascar history
- ↑ BBC News: Ratsiraka gets 10 years hard labor
- ↑ Rajoelina réfugié à l'ambassade de France, Le Figaro, (10. März 2009)
[Bearbeiten] Literatur
- Matthew E. Hules, et al (2005). The Dual Origin of the Malagasy in Island Southeast Asia and East Africa: Evidence from Maternal and Paternal Lineages. American Journal of Human Genetics, 76:894-901, 2005.
- Philip M. Allen & Maureen Covell (2005). Historical Dictionary of Madagascar 2nd ed. Lanham, Maryland: Scarecrow Press. ISBN 0810846365.
- Mervyn Brown (2000). A History of Madagascar. Princeton: Markus Wiener Publishers. ISBN 1558762922.
- Philip M. Allen (1995). Madagascar: Conflicts of Authority in the Great Island. Boulder, Colorado: Westview Press. ISBN 0813302587.
[Bearbeiten] Weblinks
- Newsletter article on the first settlers of Madagascar
- A Historical Timeline for Madagascar
- History of Madagascar
- Madagascar: a Portuguese settlement: the Portuguese fort near Tolanaro
[Bearbeiten] Siehe auch
53 afrikanische Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen:
Ägypten | Algerien | Angola | Äquatorialguinea | Äthiopien | Benin | Botsuana | Burkina Faso | Burundi | Dschibuti | Elfenbeinküste | Eritrea | Gabun | Gambia | Ghana | Guinea | Guinea-Bissau | Kamerun | Kap Verde | Kenia | Komoren | Demokratische Republik Kongo | Republik Kongo | Lesotho | Liberia | Libyen | Madagaskar | Malawi | Mali | Marokko | Mauretanien | Mauritius | Mosambik | Namibia | Niger | Nigeria | Ruanda | Sambia | São Tomé und Príncipe | Senegal | Seychellen | Sierra Leone | Simbabwe | Somalia | Südafrika | Sudan | Swasiland | Tansania | Togo | Tschad | Tunesien | Uganda | Zentralafrikanische Republik
Andere Gebiete:
Ceuta und Melilla | Kanarische Inseln | Madeira | Mayotte | Réunion | St. Helena
Umstrittene Gebiete:
Puntland | Somaliland | Westsahara
Geschichte der Staaten von:
Asien | Europa | Nordamerika | Ozeanien | Südamerika

