Häuptling
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Das deutsche Wort Häuptling wurde im 17. Jahrhundert vor dem Hintergrund des Kolonialismus aus einem historischen Titel ostfriesischer Territorialherren auf überseeische lokale Oberhäupter übertragen.
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[Bearbeiten] Etymologie
Das Wort stammt aus dem Altfriesischen, dort bezeichnete Hâvding beziehungsweise Hâvdling ein Mitglied des Adels. In dieser Bedeutung wurde Häuptling auch im Hochdeutschen bis Ende des 18. Jahrhunderts gebraucht. Später wurde das Wort in einem allgemeineren Sinne für Anführer verwendet.[1]
[Bearbeiten] Ideologischer Aspekt
Seit dem 19. Jahrhundert werden mit dem Begriff Häuptling überseeische Oberhäupter in archaischen Gesellschaften bezeichnet. In diesem Zusammenhang trägt der Begriff unterschwellig ideologische Züge. Die als Haupt einer Gesellschaft Wahrgenommenen wurden durch das angefügte verniedlichende Suffix ling (vgl. Jüngling, Lehrling, Fäustling etc.) subtil abgewertet (Eigenbenennungen der Kolonialisierten zugleich sprachlich abgetan). Mit diesem Begriff konnte man sich somit aus der Position des Eroberers, der unter Monarchen oder Präsidenten eindrang, von minder bedeutsamen Machthabern in kolonialisierten Gesellschaften abheben. [2]
Auch ist es in der westlichen Ethnologie üblich, von Naturvölkern und Stämmen zu sprechen, wenn in Gesellschaften kein ausgeprägtes Staatswesen existiert, und die Machthaber als Häuptlinge zu bezeichnen. [3]
[Bearbeiten] Beschreibung
Diese Leitungsfunktion kann sich über rechtliche, wirtschaftliche, politische, militärische und religiöse Felder erstrecken. Je nach der traditionalen (ungeschriebenen) Verfassung wird das Amt eines Häuptlings von einem Mann, einer Frau oder unabhängig vom Geschlecht wahrgenommen (was die männliche Betitelung ebenfalls unterschlägt) und vererbt.
Häuptlinge verdanken ihre Würde ihrer Abstammung (Herkunft), ihrem persönlichen Besitz oder ihrer persönlichen Überlegenheit als (z. B.) Krieger, Jäger, Streitschlichter oder Redner.
Die Herrschaftsform von "Häuptlingen" wurde aus dem eurozentristischem Blickwinkel oft undifferenziert wahrgenommen. Hohe Autorität, reine Sprecherfunktionen oder das Funktionsprinzip (Kriegshäuptling ist z. B. ein anderer als der Friedenshäuptling) wurden mit dieser Perspektive eingeebnet. Mit der Fixierung auf "Häuptlinge" schuf man sich zudem ein ethnologisches Folgeproblem, da man empirisch tribes without rulers (dt. Volksgruppen ohne Anführer) auffand. Dies bereitete vor allem der britischen Kolonialverwaltung Schwierigkeiten, da sie auf die "Indirect Rule" eingestellt war: Dazu aber hätte es der direct rulers (Häuptlinge) bedurft, so dass man diesen Völkern zum Teil die ihnen fremde Rechtsform von "Häuptlingen" aufzwang.
Siehe auch: Häuptlingstum
[Bearbeiten] Indianerhäuptlinge
Die Bezeichnung "Indianer" ist eng mit der kolonialen Begriffsgeschichte des Begriffs "Häuptling" verbunden.
Zur Etablierung des Begriffes trug insbesondere die weite Verbreitung der Bücher James Fenimore Coopers und Karl Mays bei, deren Darstellungen der Leserschaft lebensgetreu erschienen (was nur für Cooper gilt). Eine ähnliche Bedeutung kam schließlich dem Film, zunächst dem Genre "Western", dann den Verfilmungen der Karl-May-Romane zu.
Repräsentanten indigener nordamerikanischer Gesellschaften, die noch heute mit dem Begriff Häuptlinge belegt werden, sind unter anderem:
- Black Elk (Fremdbezeichung). Eigenbezeichnung: Hehaka Sapa
- Black Kettle (Fremdbezeichnung). Eigenbezeichnung: Moketavato
- Cochise (Fremdbezeichnung). Eigenbezeichnung: A-da-tli-chi
- Crazy Horse (Fremdbezeichung). Eigenbezeichnung: Tashunka Witko
- Dull Knife/Morning Star (Fremdbezeichnung). Eigenbezeichnung: Tahmelapashme
- Geronimo Eigenbezeichnung: Gokhlayeh
- Godasiyo
- Pine Leaf (ein "Woman Chief")
- Rain in the Face
- Red Cloud
- Sitting Bull (Fremdbezeichung). Eigenbezeichnung: Tatanka Yotanka
- Tecumseh
[Bearbeiten] Übertragener Gebrauch
Heute noch ist in der medialen Kommentierung aktueller politischer Konflikte der Gebrauch des Begriffes "Häuptling" zur Herabsetzung eines Gegners durchaus gebräuchlich. Sehr präsent ist er in Satire, Kabarett und Werbung.
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Eintrag im Deutschen Wörterbuch
- ↑ Vgl. Literatur Arndt/Hornscheidt sowie Susan Arndt, „Kolonialismus, Rassismus und Sprache. Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie.“, Aufsatz, September 2004, S. 1-4; von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht Online einsehbar.
- ↑ Der peruanische Musikethnologe Julio Mendívil schreibt dazu: Die Ethnologie ist immer ein westliches Geschäft gewesen. Unter der Schirmherrschaft eines Kolonialsystems entstanden und mittels des logistischen Rahmens verbreitet, welchen die Nationalstaaten ihr zur Verfügung stellten, etablierte sie sich als eine wissenschaftliche Disziplin, die, wie Asad es formuliert, die strukturelle Rangordnung des Weltsystems reproduziert, indem sie dazu beiträgt, eine Politik der Differenz zwischen dem Westen und den Anderen zu konstruieren und festzuschreiben. Die Beschreibung des Fremden beinhaltet – gewollt oder ungewollt – immer einen Kontrastcharakter und fungiert dadurch als Negation des Eigenen. In seinem Buch Orientalism hat Edward Said meisterhaft gezeigt, dass die Logik ethnographischer Beschreibungen auf einem binären Repräsentationssystem basiert, das den Anderen als Oppositionsfigur für die Konstituierung der eigenen Identität benutzt. Zitiert nach: Julio Mendívil: Das ›zivilisierte Denken‹: Reflexionen eines peruanischen Musikethnologen über eine Feldforschung in den ›traumatischen Tropen‹ Deutschlands. In: Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar (Hg.): re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland. Münster 2007. Seite 138. Bei Asad nimmt er Bezug auf: Talal Asad (1973): "Introduction." In: Ders.: Antrhropology and the Colonial Encounter. Atlantic Highlands: Humanities Press, S. 9-12.
[Bearbeiten] Literatur
- Susan Arndt und Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast, Münster 2004, ISBN 3-89771-424-8

