Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg

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Ehrenburgs Grab auf dem Nowodewitschi-Friedhof mit Picassos Porträt

Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg (gelegentlich auch als Erenburg transkribiert; russisch Илья Григорьевич Эренбург; * 15. Januarjul./ 27. Januar 1891greg. in Kiew, damals Russisches Reich; † 31. August 1967 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller und Journalist. Er gehört zu den produktivsten und profiliertesten Autoren der Sowjetunion und veröffentlichte rund hundert Bücher. Ehrenburg ist in erster Linie als Autor von Romanen sowie als Journalist bekannt geworden, insbesondere als Berichterstatter und teilweise auch Propagandist in drei Kriegen (Erster Weltkrieg, Spanischer Bürgerkrieg und vor allem Zweiter Weltkrieg). Seine Propagandaartikel im Zweiten Weltkrieg haben nachträglich in Westdeutschland, vor allem in den sechziger Jahren, heftige und kontroverse Debatten ausgelöst. Der Roman Tauwetter gab einer ganzen Epoche der sowjetischen Kulturpolitik den Namen, nämlich der Liberalisierung nach dem Tod Stalins (Tauwetter-Periode). Auch Ehrenburgs Reiseberichte fanden große Resonanz, vor allem aber seine Autobiografie Menschen Jahre Leben, die als sein bekanntestes und am meisten diskutiertes Werk gelten kann. Besondere Bedeutung hatte das von ihm gemeinsam mit Wassili Grossman herausgegebene Schwarzbuch über den Völkermord an den sowjetischen Juden, die erste große Dokumentation der Shoah. Zudem veröffentlichte Ehrenburg eine Reihe von Gedichtbänden.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Jüdische Herkunft, revolutionäre Jugend

Ehrenburg wurde in eine bürgerliche jüdische Familie geboren; sein Vater Grigori war Ingenieur. Die Familie hielt keine Religionsvorschriften ein, Ehrenburg lernte die religiösen Bräuche allerdings bei seinem Großvater mütterlicherseits kennen. Ilja Ehrenburg schloss sich niemals einer Religionsgemeinschaft an und lernte auch nie Jiddisch; er verstand sich zeitlebens als Russe und später als Sowjetbürger und schrieb auf Russisch, auch in seinen vielen Exiljahren. Doch er legte großen Wert auf seine Herkunft und verleugnete nie sein Jüdischsein. Noch in einer Radiorede zu seinem 70. Geburtstag erklärte er: „Ich bin ein russischer Schriftsteller. Und solange auf der Welt auch nur ein einziger Antisemit existiert, werde ich auf die Frage nach der Nationalität stolz antworten: ‚Jude‘.“[1]

„Demonstration am 17. Oktober 1905“ (Gemälde von Ilja Repin, 1907/1911).
Als vierzehnjähriger Schüler geriet Ehrenburg in die Ereignisse der Russischen Revolution von 1905.

1895 zog die Familie nach Moskau, wo Grigori Ehrenburg eine Stelle als Direktor einer Brauerei bekommen hatte. Ilja Ehrenburg besuchte das renommierte Erste Moskauer Gymnasium und lernte Nikolai Iwanowitsch Bucharin kennen, der eine Klasse zwei Jahrgänge über ihm besuchte; die beiden blieben bis zu Bucharins Tod während der Großen Säuberung 1938 befreundet.

Im Jahre 1905 erfasste die Russische Revolution auch die Schulen; die Gymnasiasten Ehrenburg und Bucharin nahmen an Massenversammlungen teil und erlebten die gewaltsame Niederschlagung der Revolution. Im folgenden Jahr schlossen sie sich einer bolschewistischen Untergrundgruppe an. Ehrenburg verteilte illegal Parteizeitungen und hielt Reden in Fabriken und Kasernen. 1907 wurde er von der Schule verwiesen, 1908 verhaftete ihn die zaristische Geheimpolizei, die Ochrana. Er verbrachte fünf Monate im Gefängnis, wo er geschlagen wurde (einige seiner Zähne brachen dabei ab). Nach seiner Freilassung musste er sich in wechselnden Provinzorten aufhalten und versuchte dort erneut bolschewistische Kontakte zu knüpfen. Schließlich gelang es seinem Vater 1908, wegen Ilja Ehrenburgs angeschlagener Gesundheit einen „Kuraufenthalt“ im Ausland zu erwirken; er hinterlegte dafür eine Kaution, die später verfiel. Ehrenburg wählte Paris als Exilort, nach eigenen Angaben, weil Lenin sich damals dort aufhielt. Seine Schulbildung hat er nie abgeschlossen.

[Bearbeiten] La Rotonde – das Leben der Bohème

In Paris suchte Ehrenburg Lenin auf und beteiligte sich zunächst an der politischen Arbeit der Bolschewiki. Doch er nahm bald Anstoß an den zahlreichen Streitigkeiten der Fraktionen und Grüppchen, vor allem aber dem mangelnden Interesse der exilrussischen Gemeinde für das Pariser Leben. Seine Geliebte und Parteigenossin, die Dichterin Jelisaweta Polonskaja, vermittelte ihm einen Kontakt zu Leo Trotzki, der sich zu dieser Zeit in Wien aufhielt. Doch Ehrenburg war von Trotzki tief enttäuscht. In seinen Memoiren berichtet er, dass dieser die Werke von Ehrenburgs damaligen literarischen Vorbildern, den russischen Symbolisten Waleri Brjussow, Alexander Blok, Konstantin Balmont als dekadent aburteilte und ihm gegenüber die Kunst generell als sekundär und der Politik untergeordnet bezeichnete. (Allerdings verzichtet Ehrenburg darauf, Trotzki beim Namen zu nennen, dieser taucht lediglich als „der bekannte Sozialdemokrat Ch.“ auf.)[2] Er war tief enttäuscht und kehrte nach Paris zurück. Dort produzierte er gemeinsam mit Polonskaja eine Zeitschrift unter dem Titel Leute von gestern, die satirische Karikaturen Lenins und anderer führender Sozialisten enthielt, und machte sich auf diese Weise gründlich unbeliebt. Bald darauf verließ er die bolschewistische Organisation und blieb seitdem bis an sein Lebensende parteilos.

Die „Closerie des Lilas“ (1909). Hier traf sich damals die Bohème im Pariser Quartier Montparnasse.

Ehrenburg begann Gedichte zu schreiben und veröffentlichte bereits 1910 seinen ersten Gedichtband in der Tradition der russischen Symbolisten. Sein Lebenszentrum in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Cafés im Quartier de Montparnasse, damals weithin bekannte Künstlertreffpunkte: die „Closerie des Lilas“, besonders aber „La Rotonde“.[3] Dort lernte Ehrenburg die großen Künstler der Moderne kennen, mit denen er lebenslange Freundschaften begann. Die Maler Amedeo Modigliani, Pablo Picasso, Diego Rivera und Fernand Léger gehörten zu seinen engsten Freunden; er wurde mehrmals von ihnen porträtiert. Unter den Schriftstellern waren Maximilian Woloschin und Max Jacob seine engsten Vertrauten.

Ehrenburg lebte in dieser Zeit von väterlichen Zahlungen und Gelegenheitsjobs, u. a. als Fremdenführer für andere Exilrussen; mit Schreiben konnte er kein Geld verdienen, obwohl er mehrere Gedichtbände sowie Übersetzungen französischer Lyrik (Guillaume Apollinaire, Paul Verlaine, François Villon) erstellte. Seine Lyrik fand zunehmend positive Kritiken, u. a. von Brjussow und Nikolai Gumiljow, doch ließ sie sich nicht verkaufen – im Gegenteil, er gab Geld aus, um sie im Selbstverlag zu veröffentlichen. Nach seinem vorläufigen Abschied von der Politik neigte er zeitweise stark dem Katholizismus zu, bewunderte den katholischen Dichter Francis Jammes, dessen Gedichte er ins Russische übersetzte, und schrieb auch selbst katholische Gedichte, etwa auf die Jungfrau Maria oder Papst Innozenz XI., doch konvertierte er nie.

Ende 1909 hatte er die Medizinstudentin Jekaterina Schmidt aus Sankt Petersburg kennengelernt. Die beiden lebten in Paris zusammen und bekamen im März 1911 eine Tochter, Ilja Ehrenburgs einziges Kind, Irina. 1913 trennten sie sich wieder, wobei Irina bei Jekaterina Schmidt blieb; doch scheinen sie sich auch später gut vertragen zu haben und brachten noch nach der Trennung gemeinsam eine Gedichtanthologie heraus.

[Bearbeiten] Krieg, Revolution, Bürgerkrieg

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Ehrenburg freiwillig zum Kampf für Frankreich, wurde aber als untauglich abgewiesen. Da keine Geldanweisungen aus Russland mehr möglich waren, verschlechterte sich seine ökonomische Lage, er hielt sich mit Verladearbeiten am Bahnhof und Schreiben über Wasser. 1915 begann er als Kriegskorrespondent für russische Zeitungen, insbesondere für die Petersburger Börsenzeitung zu schreiben. Seine Reportagen von der Front, u. a. aus Verdun, beschrieben den mechanisierten Krieg in seiner ganzen Entsetzlichkeit. Er berichtete auch über Kolonialsoldaten aus dem Senegal, die zum Kriegsdienst gezwungen wurden, und handelte sich damit Probleme mit der französischen Zensur ein.[4]

(Strastnaja-Platz, Moskau 1920, heute: Puschkin-Platz). In Moskau erlebte Ehrenburg die Tage der Oktoberrevolution und ein ganzes Jahr Kriegskommunismus.

Die Nachricht von der Februarrevolution 1917 bewog Ehrenburg, wie viele andere Emigranten, nach Russland zurückzukehren. Über England, Norwegen, Schweden und Finnland erreichte er im Juli Petrograd, wie St. Petersburg nun hieß. Die dramatischen Ereignisse der Jahre 1917 und 1918 erlebte er zuerst dort, dann in Moskau. Ehrenburg schrieb unablässig, Gedichte, Essays und Zeitungsartikel. Die andauernde Atmosphäre der Gewalt schockierte ihn; vor allem hielt er nicht viel von den Bolschewiki und spottete wiederholt über „Gott“ Lenin und seine „Hohepriester“ Sinowjew und Kamenew. Ein Gedichtband Gebet für Russland machte ihn bekannt, in dem er den Sturm auf das Winterpalais, den entscheidenden Schlag der Oktoberrevolution, mit einer Vergewaltigung verglich.

Boris Pasternaks Gedichte hat Ehrenburg zeitlebens bewundert und gegen viele Angriffe verteidigt.

Ehrenburg lernte die Futuristen und Suprematisten kennen, die das kulturelle Leben der ersten Sowjetjahre beherrschten, vor allem den Dichter Wladimir Majakowski. Freundschaft aber schloss er mit Boris Pasternak, dessen Lyrik er sein Leben lang bewunderte. Mit zahlreichen Dichterlesungen in Moskauer Cafés und Kneipen machte er sich in dieser Zeit einen Namen; Alexander Blok gibt in einer Tagebuchnotiz eine Äußerung wieder, dass Ehrenburg den ätzendsten Spott mit sich selbst treibe und daher bei der Jugend der letzte Schrei sei.[5]

Im Herbst 1918 reiste Ehrenburg auf abenteuerlichen Wegen nach Kiew und blieb dort ein ganzes Jahr. In dieser Zeit wechselte die Stadt mehrfach den Besitzer: Die Deutschen, Symon Petljuras „Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik“, die Rote Armee und die Weiße Armee Denikins lösten sich als Herren ab. Während der Herrschaft der Bolschewiki publizierte Ehrenburg einen Gedichtband und arbeitete als Beauftragter für die ästhetische Erziehung krimineller Jugendlicher, denen er mit sozialpädagogischen Maßnahmen, Alphabetisierung, Theatergruppen usw. zu helfen versuchte. Er schloss sich zudem einer Dichtergruppe an, deren wichtigstes Mitglied Ossip Mandelstam war. Zu dieser Zeit lernte er die Kunststudentin Ljuba Michailowna Kosinzewa kennen und heiratete sie bald darauf; fast zugleich begann er eine Liebesbeziehung mit der Literaturstudentin Jadwiga Sommer. Zeitlebens hatte Ehrenburg während seiner langen Ehe ganz offene Liebesgeschichten mit anderen Frauen.[6] Die Herrschaft Denikins sah er zunächst eher optimistisch; er hielt Dichterlesungen mit dem Gebet für Russland und schrieb eine Serie antibolschewistischer Artikel in der Zeitschrift Kiewer Leben (Kiewskaja Schisn), die stark von einem mystischen russischen Patriotismus geprägt waren.[7] Doch in dieser Phase erlebte der russische Antisemitismus bald einen Höhepunkt. Ehrenburg schrieb auch darüber und entkam nur mit knapper Not einem Pogrom. Die antisemitischen Ausschreitungen haben ihn stark geprägt und dauerhaften Einfluss auf seine Stellung zur Sowjetunion und der Revolution gehabt.

1920/21 arbeitete Ehrenburg für Wsewolod Meyerhold in der „Sektion für Kinder- und Jugendtheater“.

1919 zogen sich die Ehrenburgs mit Jadwiga Sommer und Ossip und Nadeschda Mandelstam, wiederum auf abenteuerlichen Wegen und mehrfach antisemitischen Attacken ausgesetzt, nach Koktebel auf der Krim zurück, wo Ehrenburgs alter Freund aus Paris, Maximilian Woloschin, ein Haus hatte. Mandelstam, den Ehrenburg sehr bewunderte, wurde sein enger Freund. Sie hungerten – nur Jadwiga Sommer hatte eine bezahlte Arbeit, die anderen konnten gelegentlich Lebensmittel beisteuern. In Koktebel versuchte Ehrenburg, wie er in seiner Autobiografie schreibt, die Erfahrungen der stürmischen letzten Jahre zu verarbeiten. Er hielt nun die Revolution für ein notwendiges Ereignis, wenn er auch von ihrer Gewalt und ihrer Dekreteherrschaft abgestoßen war.

Schließlich kehrten die Ehrenburgs 1920 auf einem Umweg über Georgien nach Moskau zurück. Nach wenigen Tagen wurde Ehrenburg von der Tscheka verhaftet und der Spionage für den weißen General Wrangel beschuldigt. Wahrscheinlich war es eine Intervention Bucharins, die zu seiner Freilassung führte. Nun arbeitete er für Wsewolod Meyerhold, den großen Theatermann der Revolution, und betreute die Sektion Kinder- und Jugendtheater. In Menschen Jahre Leben beschrieb er später seine Zusammenarbeit mit dem Clown Wladimir Leonidowitsch Durow und die Tierfabeln, die dieser mit dressierten Kaninchen und anderen Tieren auf die Bühne stellte. Die Ehrenburgs erlebten diese Zeit unter dem Kriegskommunismus in großer Armut, Essen und Kleidung waren nur unter größten Schwierigkeiten zu erhalten. Endlich gelang es ihnen 1921, einen sowjetischen Reisepass zu bekommen, und Ilja und Ljuba Ehrenburg kehrten über Riga, Kopenhagen und London nach Paris zurück.

[Bearbeiten] Der unabhängige Romanschriftsteller

Nach 14 Tagen Aufenthalt wurde Ehrenburg jedoch schon wieder als unerwünschter Ausländer nach Belgien abgeschoben. Das Ehepaar Ehrenburg verbrachte einen Monat in dem Seebad La Panne. In dieser Zeit schrieb Ehrenburg seinen ersten Roman, dessen barocker Titel so beginnt: Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito … Er verarbeitete in dieser grotesken Erzählung seine Erfahrungen mit Krieg und Revolution und setzte sich mit seiner beißenden Satire auf alle kriegführenden Mächte und Völker, aber auch auf die Bolschewiki zwischen alle Stühle. Das Buch wurde 1922 in Berlin gedruckt und konnte Anfang 1923 mit einer Einführung Bucharins auch in Moskau erscheinen; bald wurde es in mehrere Sprachen übersetzt. Es war zugleich Ehrenburgs erstes Werk, das er bis an sein Lebensende hochschätzte und in seine diversen Werkausgaben aufnahm.

„Spittelmarkt“ (Gemälde von Paul Hoeniger, Berlin 1912). In Berlin, „der Stadt der hässlichen Denkmäler und der ruhelosen Augen“, verbrachte Ehrenburg zwei sehr produktive Jahre.

Da ihm Paris versperrt war, zog Ehrenburg nun nach Berlin, wo zu dieser Zeit mehrere Hunderttausend Russen aller politischen Schattierungen lebten und russischsprachige Verlage und kulturelle Institutionen blühten.[8] Er verbrachte dort gut zwei Jahre. In dieser Zeit war er außerordentlich produktiv: Er schrieb drei weitere Romane, Trust D. E., Leben und Tod des Nikolai Kurbow und Die Liebe der Jeanne Ney, die sämtlich sowohl in Berlin als auch, jeweils mit Verzögerung, in der Sowjetunion erschienen, obwohl sie, ähnlich dem Julio Jurenito, keineswegs einen Parteistandpunkt abbildeten, ferner eine Reihe von Erzählungsbänden (13 Pfeifen, Unwahrscheinliche Geschichten u. a.). Sein bevorzugtes Verlagshaus war damals Gelikon, geleitet von Abram und Wera Wischnjak – Ehrenburg erlebte 1922 auch eine kurze Liebesaffäre mit Wera Wischnjak, während seine Frau mit Abram Wischnjak flirtete.

Ehrenburg veröffentlichte in Berlin zudem eine Reihe von Essaybänden und begann zusammen mit El Lissitzky ein ambitioniertes dreisprachiges Zeitschriftenprojekt, das in Inhalt wie Gestaltung konstruktivistische und suprematistische Ideen realisierte, aber nur von kurzer Lebensdauer war. Er schrieb über Kasimir Malewitsch und Ljubow Popowa, Wladimir Tatlin und Alexander Rodtschenko; Le Corbusier, Léger und Majakowski unterstützten die Zeitschrift. Schließlich entfaltete er eine ausgedehnte literaturkritische Tätigkeit. In der russischsprachigen Berliner Zeitschrift Neues Russisches Buch rezensierte er neue Literatur aus der Sowjetunion und veröffentlichte dort und in Büchern Porträts zeitgenössischer Autoren (Anna Achmatowa, Andrei Bely, Alexander Blok, Boris Pasternak, Sergei Jessenin, Ossip Mandelstam, Wladimir Majakowski, Marina Zwetajewa, Isaak Babel usw.). Seine „Brückenfunktion“ zwischen der Sowjetunion und dem westlichen Ausland spiegelten auch die Besuche von Bucharin, Majakowski, Pasternak und Zwetajewa bei Ehrenburg in Berlin wider; er arrangierte Visumangelegenheiten und Publikationsmöglichkeiten für seine Kollegen im westlichen Ausland.

Anfang 1924 besuchte Ehrenburg mit seiner Frau für einige Monate die Sowjetunion. Er adoptierte seine Tochter, die mittlerweile dreizehnjährige Irina, die mit ihrer Mutter und deren Mann Tichon Sorokin in Moskau lebte, und arrangierte für sie eine schulische und universitäre Ausbildung in Paris; auch für seine drei älteren Schwestern besorgte er Frankreich-Visa. Bei diesem und seinem nächsten Aufenthalt 1926 erlebte er die Folgen der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP), der er höchst skeptisch gegenüberstand. Im Frühling 1924 kehrten die Ehrenburgs über Italien nach Paris zurück, wo mittlerweile keine Einwände der Ausländerpolizei mehr gegen Ilja Ehrenburg bestanden.

Montmartre (um 1925). Paris wurde zu Ehrenburgs zweiter Heimat und ist Schauplatz einer Reihe von Erzählungen, etwa von Sommer 1925.

In Paris verarbeitete er die sozialen Verwerfungen der NÖP in den Romanen Der Raffer (deutsch auch: Michail Lykow) und In der Prototschni-Gasse (deutsch: Die Gasse am Moskaufluss bzw. Die Abflussgasse). Es gestaltete sich sehr schwierig, diese Bücher in der Sowjetunion zu publizieren. Bereits seine ersten Romane hatten dort neben positiven auch eine Reihe sehr negativer Rezensionen erhalten, vor allem in der Zeitschrift der „proletarischen“ Schriftsteller Auf dem Posten („Na Postu“), die ihn als heimatlosen, antirevolutionären Intellektuellen abstempelte. Diese Probleme erreichten ihren Höhepunkt mit dem Roman Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz, dessen Veröffentlichung die sowjetischen Medien rundweg ablehnten.

Eine weitere Romanserie entstand Ende der zwanziger Jahre: halbdokumentarische Erzählungen über die Interessenkämpfe im Kapitalismus, für die Ehrenburg umfangreiche Recherchen anstellte. Er veröffentlichte sie unter dem Reihentitel Chronik unserer Tage. Im Mittelpunkt standen bekannte Geschäftsleute wie André Citroën, Henri Deterding, Ivar Kreuger, Tomáš Baťa und George Eastman, die in den meisten Fällen namentlich genannt und mit biografischen Details ausgestattet wurden. Doch auch diese Romane konnten nur in stark gekürzter Form in der Sowjetunion erscheinen und verwickelten Ehrenburg zudem in Prozesse. Es gelang ihm trotz seines enormen Ausstoßes nicht, einen halbwegs stabilen Lebensunterhalt zu verdienen; Tantiemen flossen spärlich, die Prozesse kosteten Geld, auch die Verfilmung der Jeanne Ney brachte wenig ein.

Erfolgreicher war eine Artikelserie, die nach Reisen durch Polen und die Slowakei in der sowjetischen Zeitschrift Krasnaja Now erschien. Diese und andere Reiseberichte aus den letzten Jahren fasste Ehrenburg in dem Band Visum der Zeit zusammen, den Kurt Tucholsky in seiner Weltbühne-Kolumne „Auf dem Nachttisch“ enthusiastisch besprach.[9] Ferner setzte er seine kulturellen Vermittlungsbemühungen fort: 1926 hielt er in Moskau Vorträge über den französischen Film und konnte dort auch ein Filmbuch (mit Coverdesign von Rodtschenko) veröffentlichen; ein Bildband mit eigenen Schnappschüssen aus Paris, von El Lissitzky gestaltet, erschien dort 1933. Einer ambitionierten Anthologie französischer und russischer Literatur, zusammengestellt mit seinem Freund Owadi Sawitsch, unter dem Titel Wir und sie wurde die Veröffentlichung in der Sowjetunion hingegen verwehrt – nach Rubensteins Vermutung, weil sie auch einige harmlose Beiträge des bereits in Ungnade gefallenen Trotzki enthielt.[10]

[Bearbeiten] Parteinahme: Aufbauliteratur, Antifaschismus

Im Jahre 1931 besuchte Ehrenburg zweimal Deutschland und verfasste danach eine Reihe von Artikeln für die sowjetische Presse, in der er tiefe Besorgnis über den Aufstieg des Nationalsozialismus ausdrückte. Im Angesicht dieser Bedrohung glaubte er Partei nehmen zu müssen: für die Sowjetunion, gegen den Faschismus. Dies schloss für ihn einen Verzicht auf grundsätzliche öffentliche Kritik am politischen Kurs der Sowjetunion ein. In seiner Autobiografie schrieb er: „1931 hatte ich begriffen, dass das Los des Soldaten nicht das des Träumers ist und dass es Zeit sei, seinen Platz in den Reihen der Kämpfenden einzunehmen. Was mir teuer war, gab ich nicht auf, ich rückte von nichts ab, doch ich wusste: Es heißt mit zusammengebissenen Zähnen leben und eine der schwersten Wissenschaften erlernen: das Schweigen.“[11]

Logo der Iswestija, für die Ehrenburg fünf Jahre lang als Auslandskorrespondent arbeitete.

Bald erhielt Ehrenburg das Angebot, als Sonderkorrespondent für die sowjetische Regierungszeitung Iswestija zu schreiben. Nach Erscheinen der ersten Artikel bereiste er 1932 die Sowjetunion. Er suchte die großen Baustellen des ersten Fünfjahresplans auf, vor allem Nowokusnezk, wo damals unter extrem schwierigen Bedingungen ein gewaltiges Stahlwerk errichtet wurde; für die Kosten der Reise kam diesmal Iswestija auf, die ihm auch die Anstellung einer eigenen Sekretärin in Moskau, Walentina Milman, ermöglichte. Zurück in Paris, verfasste Ehrenburg den Roman Der Zweite Tag, in dem er die Aufbauleistung von Nowokusnezk feierte; dennoch hatte er große Schwierigkeiten, das Buch in der Sowjetunion zu veröffentlichen – es wurde von den Medien nach wie vor als nicht positiv genug empfunden. Erst nachdem er einige hundert auf eigene Kosten gedruckte, nummerierte Exemplare an das Politbüro und andere wichtige Personen gesandt hatte, fand der Roman 1934 Akzeptanz, allerdings mit zahlreichen Streichungen.[12]

In den nächsten Jahren verfasste Ehrenburg eine große Zahl von Artikeln für Iswestija, deren Chefredaktion 1934 sein Freund Bucharin übernahm. Aktuelle Berichte diktierte er meist am Telefon oder übermittelte sie per Fernschreiber. Er berichtete über den Putschversuch vom 6. Februar 1934 und die Volksfront in Frankreich, den Österreichischen Bürgerkrieg, die Volksabstimmung im Saargebiet. Tenor dieser Aktivitäten war immer wieder die Warnung vor der Gefahr des aufsteigenden Faschismus. Dazu kamen zahlreiche literaturkritische und kulturpolitische Artikel, in denen Ehrenburg nach wie vor Babel, Meyerhold, Pasternak, Zwetajewa usw. gegen den zunehmenden Beschuss von Seiten der späteren Anhänger des Sozialistischen Realismus verteidigte.

Die literarische Moderne und ihre Vertreter in der Sowjetunion nahm er auch beim Ersten Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller 1934 in Moskau in Schutz, zu dem er gemeinsam mit André Malraux anreiste. Obwohl dieser Kongress die Doktrin des Sozialistischen Realismus für verbindlich erklärte, leitete Ehrenburg beträchtliche Hoffnungen von den Auftritten Bucharins, Babels und Malraux' auf dem Kongress ab. Er verfasste danach, vermutlich gemeinsam mit Bucharin[13], einen Brief an Stalin, in dem er vorschlug, eine internationale Schriftstellerorganisation zum Kampf gegen den Faschismus zu gründen, die auf strikte Abgrenzung verzichten und alle bedeutenden Schriftsteller vereinen sollte – also eine Art literarische Volksfrontpolitik.

1935 bereitete Ehrenburg, gemeinsam mit Malraux, André Gide, Jean-Richard Bloch und Paul Nizan, einen großen internationalen Schriftstellerkongress vor, der dieser Vorstellung entsprach: den Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Juni 1935 in Paris. Zu den Teilnehmern zählten neben den Genannten u. a. Tristan Tzara, Louis Aragon, Aldous Huxley, Edward Morgan Forster, Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Ernst Toller und Anna Seghers; aus der Sowjetunion kamen Pasternak und Babel (es waren ihre letzten Auslandsreisen). Der eindrucksvolle Kongress wurde allerdings von zwei Ereignissen überschattet: Nachdem André Breton – in Reaktion auf einen höchst polemischen Artikel Ehrenburgs gegen die französischen Surrealisten – Ehrenburg auf der Straße ins Gesicht geschlagen hatte, bestand dieser darauf, Breton vom Kongress auszuschließen; der schwerkranke René Crevel versuchte zu vermitteln und beging nach dem Scheitern des Versuches Selbstmord. Und durch „Kongressregie“ versuchten Malraux und Ehrenburg zu verhindern, dass der Fall des in der Sowjetunion verhafteten Victor Serge behandelt wurde, freilich nur mit begrenztem Erfolg.

[Bearbeiten] Spanischer Bürgerkrieg, Große Säuberung, Hitler-Stalin-Pakt

Zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zögerte Iswestija zunächst, Ehrenburg nach Spanien zu schicken – bis er Ende August 1936 auf eigene Faust abreiste. Zunächst hielt er sich vor allem in Katalonien auf und übermittelte bis Ende 1936 ca. 50 Artikel. Doch beschränkte er sich nicht auf die Rolle des Kriegsberichterstatters; er besorgte einen Lastwagen, einen Filmprojektor und eine Druckerpresse, sprach auf Versammlungen, zeigte Filme (u. a. Tschapajew) und schrieb und druckte mehrsprachige Zeitungen und Flugblätter. Dabei kam ihm sein freundschaftliches Verhältnis zu dem führenden Anarchisten Buenaventura Durruti zugute, den er bereits auf einer Spanienreise 1931 kennen gelernt hatte. Ehrenburg hat Durruti und die Anarchisten, trotz ihrer divergierenden politischen Ansichten und Loyalitäten, sowohl damals als auch in seiner Autobiografie immer mit großer Sympathie dargestellt.

1937 reiste Ehrenburg viel in Spanien, zu allen Frontabschnitten. Im Februar lernte er Ernest Hemingway kennen und schloss mit ihm Freundschaft. Ehrenburg gehörte auch zu den Organisatoren des Zweiten Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur, der im Juli als „Wanderzirkus“ (Ehrenburg) zuerst in Valencia, dann in Madrid und schließlich in Paris tagte – Teilnehmer waren u. a. Malraux, Octavio Paz und Pablo Neruda. Er berichtete weiterhin über den Krieg, schrieb aber nichts über die zunehmenden blutigen Säuberungen der Kommunisten, etwa gegen den POUM. Seine Biografen sind sich einig, dass Ehrenburg sich aus den Konflikten im republikanischen Lager heraushielt, unter dem Eindruck der beunruhigenden Nachrichten von den ersten Moskauer Prozessen.[14] Im selben Jahr kam es zum Bruch mit André Gide. Ehrenburg hatte erfolglos versucht, ihn zum Verzicht auf die Veröffentlichung seines kritischen Berichts über seine Sowjetunionreise (Retour de l'URSS) zu bewegen – Gides Kritik sei zwar sachlich berechtigt, aber politisch unangebracht, weil sie den einzigen Alliierten der Spanischen Republik attackiere.[15] Als Gide schließlich einen offenen Brief an die spanische Republik wegen des Schicksals verhafteter politischer Gefangener in Barcelona unterzeichnete, griff ihn Ehrenburg öffentlich scharf an: Er schweige zum Morden der spanischen Faschisten und zur Untätigkeit der französischen Volksfrontregierung, aber klage die ums Überleben kämpfende spanische Republik an.

Direkt von den Kämpfen um Teruel reiste Ehrenburg Weihnachten 1937 mit seiner Frau nach Moskau und besuchte seine Tochter Irina, die seit 1933 mit ihrem Mann Boris Lapin dort lebte. Er geriet mitten in die Hochphase der Großen Säuberung. Ehrenburg bekam einen Besucherschein für den Prozess gegen seinen Freund Bucharin, bei dem dieser zum Tode verurteilt wurde. Er schrieb später: „Alles kam mir vor wie ein unerträglich schwerer Traum … Auch jetzt verstehe ich nichts, und Kafkas Prozess erscheint mir als realistisches, durchaus nüchternes Werk.“[16] Wie nah er selbst dem „Verschwinden“ war, stellte sich später heraus: Karl Radek hatte ihn unter der Folter als trotzkistischen Mitverschwörer bezeichnet, Babel und Meyerhold sollten dasselbe ein Jahr später tun. Ein Appell Ehrenburgs an Stalin, ihn nach Spanien ausreisen zu lassen, wurde abschlägig beschieden; gegen den Rat all seiner Freunde schrieb er noch einen zweiten persönlichen Brief an Stalin – und durfte überraschend im Mai 1938 mit seiner Frau die Sowjetunion verlassen.[17]

In den folgenden Monaten berichtete Ehrenburg für Iswestija von der letzten Offensive der Spanischen Republik am Ebro, vom Exodus der Spanienflüchtlinge und von den Zuständen in den Internierungslagern, in die sie in Frankreich eingewiesen wurden. Es gelang ihm auch, mit Hilfe Malraux' und anderer Kollegen Schriftsteller, Künstler und Bekannte aus den Lagern herauszubekommen. Zugleich attackierte er in schärfsten Tönen die französische Politik, vor allem die wachsende Neigung zur Kooperation mit Nazideutschland, die im Münchner Abkommen gipfelte, und den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich selbst.

Der „Fall von Paris“ – Deutsche Soldaten 1940 vor dem Arc de Triomphe du Carrousel

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Ab Mai 1939 wurden seine Artikel für Iswestija plötzlich nicht mehr gedruckt, obwohl sein Gehalt weiterbezahlt wurde. Der Grund dürfte darin liegen, dass die Sowjetunion einen Politikwechsel erwog – von der antifaschistischen Volksfrontpolitik hin zum Bündnis mit Deutschland.[18] Als im August der Hitler-Stalin-Pakt gemeldet wurde, erlitt Ehrenburg einen Zusammenbruch. Er konnte nichts mehr essen, monatelang nur mehr flüssige Nahrung zu sich nehmen und magerte stark ab; Freunde und Bekannte befürchteten, dass er sich umbringen werde.[19] Beim deutschen Einmarsch 1940 waren die Ehrenburgs immer noch in Paris – Frankreich hatte sie aufgrund von Steuerstreitigkeiten nicht ausreisen lassen. Sechs Wochen wohnten sie in einem Zimmer der sowjetischen Botschaft, dann konnten sie nach Moskau abreisen.

Auch dort war Ehrenburg nicht willkommen; die Iswestija druckte ihn nicht. Anfang 1941 erschien der erste Teil seines Romans Der Fall von Paris in der Literaturzeitschrift Snamja („Banner“), freilich unter großen Schwierigkeiten, da jede Anspielung auf „Faschisten“ der Zensur zum Opfer fiel (und durch „Reaktionäre“ ersetzt werden musste). Der zweite Teil wurde monatelang blockiert; erst nachdem der deutsche Überfall auf die Sowjetunion begonnen hatte, konnte der dritte Teil erscheinen. 1942 erhielt Ehrenburg, unter gänzlich veränderten politischen Umständen, für das Werk den Stalinpreis.

[Bearbeiten] Kriegspropagandist und Chronist der Shoa

Wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Armee wurde Ehrenburg in die Redaktion des sowjetischen Armeeblatts Krasnaja Swesda („Roter Stern“) gerufen. In den knapp vier Jahren des Krieges schrieb er ca. 1.500 Artikel, davon fast 450 für Krasnaja Swesda. Auch in einer großen Zahl anderer sowjetischer Medien wurden seine Texte veröffentlicht (der erste nach zweijähriger Pause erschienene Artikel in Iswestija war Paris unter faschistischem Stiefel betitelt). Doch er schrieb auch für United Press, La Marseillaise (das Organ des Freien Frankreich), britische, schwedische und zahlreiche andere Printmedien und sprach im sowjetischen wie im amerikanischen und britischen Rundfunk. Immer wieder machte er Besuche an den Kriegsfronten, teilweise zusammen mit amerikanischen Kriegsberichterstattern (etwa Leland Stowe).

Logo der Krasnaja Swesda

Ehrenburg und seine Artikel genossen ungeheure Popularität, besonders bei den sowjetischen Soldaten, aber auch bei vielen Alliierten der Sowjetunion. Charles de Gaulle gratulierte ihm zum Leninorden, den er 1944 für seine Kriegsartikel erhalten hatte, und verlieh ihm 1945 das Offizierskreuz der Ehrenlegion.[20]

Eine besondere Rolle in Ehrenburgs Tätigkeit während des Zweiten Weltkriegs spielte die Dokumentation der Shoa und des Kampfes der Juden. Im August 1941 fand in Moskau eine große Versammlung prominenter jüdischer Sowjetbürger statt: Solomon Michoels, Perez Markisch, Ilja Ehrenburg und andere appellierten über den Rundfunk an die Juden der Welt, die sowjetischen Juden in ihrem Kampf zu unterstützen. Dies waren die Anfänge des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, das im April 1942 gegründet wurde.

Ehrenburg als Zuschauer bei einem Verfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher in Charkow, Dezember 1943 (Foto: G. Kapustyanskiy)

Gemeinsam mit Wassili Grossman begann Ehrenburg Berichte über die deutschen Massaker an Juden zu sammeln, die in die weltweit erste umfassende Dokumentation der Shoa münden sollten: das Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden, das mit Unterstützung amerikanischer jüdischer Organisationen (u. a. unter wesentlicher Beteiligung von Albert Einstein) konzipiert wurde und für ein gleichzeitiges Erscheinen in den USA und der Sowjetunion vorgesehen war. Ehrenburg und Grossman fungierten als Herausgeber und trugen selbst Berichte bei.[21] Zu den Mitarbeitern gehörten Margarita Aliger, Abraham Sutzkever, Solomon Michoels und Owadi Sawitsch. Besonders wichtig war Ehrenburg eine Veröffentlichung in der Sowjetunion, weil er über den „heimischen“ Antisemitismus sehr gut Bescheid wusste.[22] Teile des Materials konnten in Snamja und der jiddischsprachigen Sammlung Merder fun Felker erscheinen, doch es gab zunehmend Probleme mit der sowjetischen Zensur, die Berichte über jüdische Opfer und Kämpfer als nationalistische Verirrung ansah. Schließlich wurde der bereits fertige Satz 1948 im Zuge von Stalins antisemitischen Kampagnen zerstört. Das Schwarzbuch ist in der Sowjetunion nie erschienen.

Ehrenburgs letzter Kriegsartikel („Es reicht!“) erschien am 16. April 1945. Danach wurde er in der Prawda abgekanzelt und konnte einen Monat lang keine Artikel mehr veröffentlichen. Er war wieder einmal in Ungnade gefallen (siehe unten).

[Bearbeiten] Im Kalten Krieg

1945 reiste Ehrenburg durch Osteuropa und zu den Nürnberger Prozessen und veröffentlichte Berichte darüber. Er verband große Hoffnungen mit dem Kriegsende, die sich jedoch als illusionär erwiesen, da bald die ersten Anzeichen des Kalten Kriegs einsetzten. Gemeinsam mit Konstantin Simonow und einem weiteren Journalisten unternahm Ehrenburg 1946, kurz nach Winston Churchills berühmter Rede über den Eisernen Vorhang, eine USA-Reise als Korrespondent der Iswestija. Da er im Umgang mit westlichen Medien bei weitem der erfahrenste Sowjetjournalist war, wurde er dabei zu einer Art Botschafter der sowjetischen Politik. Er nutzte die Gelegenheit, Albert Einstein aufzusuchen und mit ihm über die Herausgabe des Schwarzbuchs zu reden, und schockierte seine Gastgeber mit dem Wunsch, die Südstaaten aufzusuchen, um über die dortige Rassendiskriminierung zu berichten – was ihm gewährt wurde. Auch später verteidigte er immer wieder auf Pressekonferenzen, etwa in Großbritannien, und in Zeitungsartikeln die sowjetische Außenpolitik.

1947 erschien Ehrenburgs großer Kriegsroman Sturm, der zunächst wegen der darin geschilderten Liebe einer französischen Widerstandskämpferin zu einem Sowjetbürger in der Sowjetunion auf Kritik stieß, dann aber 1948 mit dem Stalinpreis ausgezeichnet wurde. Ein Kalter-Kriegs-Roman Die neunte Woge erschien 1951 – es war das einzige Buch, von dem sich Ehrenburg wenig später vollständig lossagte, da es künstlerisch komplett misslungen sei. 1951 begannen auch die Arbeiten an einer (unvollständigen) Werkausgabe Ehrenburgs, allerdings unter erbitterten Kämpfen um die Zensur vieler Bücher (bis hin zu der Forderung, die jüdisch klingenden Namen von Helden zu streichen). Vom Erlös konnte Ehrenburg sich eine Datscha in Nowy Ierusalim (Istra) bei Moskau kaufen.

Seit 1948 spielte Ehrenburg zudem, gemeinsam mit dem französischen Physiker Frédéric Joliot-Curie, eine führende Rolle bei den „Partisanen des Friedens“ (später: Weltfriedensrat), für die sein alter Freund Picasso die berühmte Friedenstaube zeichnete. Ehrenburg gehörte u. a. zu den Autoren des Stockholmer Appells von 1950 für ein Verbot von Atomwaffen, der Millionen von Unterschriften in aller Welt erhielt. In Stockholm lernte er seine letzte Geliebte kennen, die mit einem schwedischen Politiker verheiratete Liselotte Mehr, die später eine bedeutende Rolle für den Entschluss spielte, den Roman Tauwetter und seine Memoiren zu schreiben. 1952 bekam er für seine Arbeit in der Friedensbewegung den Stalin-Friedenspreis.

In der Sowjetunion hatten bald nach Kriegsende neue Repressionswellen begonnen, eingeleitet 1946 durch Schdanows Kampagne gegen die „Speichellecker des Westens“, die sich zunächst gegen Schriftsteller wie Anna Achmatowa richtete. Ehrenburg hielt Kontakt zu Achmatowa und Pasternak und half der Witwe seines Freundes Ossip Mandelstam, Nadeschda Mandelstam, trat aber nicht öffentlich gegen die Kampagne auf. Bald nahm die sowjetische Innenpolitik eine antisemitische Wendung, die sich bereits im Verbot des Schwarzbuchs abzeichnete und mit der durch einen Autounfall kaschierten Ermordung von Solomon Michoels fortsetzte. Außenpolitisch trat die Sowjetunion aber zunächst für die Gründung des neuen Staats Israel ein, den sie als zweiter Staat der Welt (nach der Tschechoslowakei) anerkannte.

Ehrenburg rühmte 1948 bei der Trauerfeier zu Michoels' Tod dessen inspirierende Wirkung auf das Judentum und auch auf die jüdischen Kämpfer in Palästina. Doch wenig später, am 21. September 1948, verfasste er einen ganzseitigen Artikel für die Prawda, aufgemacht als Antwort auf einen (wahrscheinlich fiktiven) Brief eines Münchner Juden, der ihm die Frage gestellt haben soll, ob er ihm rate, nach Palästina auszuwandern. Ehrenburg schrieb, die Hoffnung des Judentums liege nicht in Palästina, sondern in der Sowjetunion. Was die Juden verbinde, sei nicht das Blut, das in ihren Adern fließe, sondern das Blut, das die Judenmörder vergossen haben und noch vergießen; die jüdische Solidarität könne daher keine nationale sein, sie sei vielmehr die „Solidarität der Erniedrigten und Beleidigten“.[23] Der Artikel wurde allgemein als Signal einer sowjetischen Kehrtwende verstanden: Ein prominenter sowjetischer Jude wandte sich in der Prawda gegen den Zionismus. Zwar war der Artikel offenbar von Stalin in Auftrag gegeben worden, doch sein Inhalt entsprach durchaus Auffassungen, wie sie Ehrenburg schon früher vertreten hatte. Andererseits wusste Ehrenburg sehr wohl über den wachsenden Antisemitismus in der Sowjetunion und vor allem über Stalins zunehmende Verfolgung von Juden Bescheid, was er in seinem Text zu erwähnen vermied. Der Artikel wird deshalb etwa von Arno Lustiger und Joshua Rubenstein als Warnung interpretiert, als ein Versuch Ehrenburgs, die Euphorie der sowjetischen Juden bezüglich Israel zu bremsen; er sorgte aber auch für erhebliche Verwirrung und Bestürzung. Ewa Bérard zitiert eine Äußerung des israelischen Botschafters dazu: „Man wird nie so gut verraten wie von den eigenen Leuten.“[24]

1949 folgte die Kampagne gegen die wurzellosen Kosmopoliten, in deren Zuge fast alle führenden Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees verhaftet und ermordet wurden, und 1952 schließlich der Prozess gegen die Ärzteverschwörung. Im Februar 1949 wurden Ehrenburgs Texte plötzlich nicht mehr gedruckt, auf einer Massenversammlung wurde wahrheitswidrig die Verhaftung des „Kosmopoliten Ehrenburg“ gemeldet. Mit einem persönlichen Appell an Stalin erreichte er jedoch nach zwei Monaten die Aufhebung der Publikationssperre. Als 1952/1953 ein Offener Brief unter jüdischen Schriftstellern kursierte, der die Maßnahmen gegen die „Mörderärzte“ billigte und möglicherweise auch zur Deportation der sowjetischen Juden nach Birobidschan aufrief, verweigerte Ehrenburg trotz erheblichen Drucks die Unterschrift.[25] Er hat sich trotz mehrfacher Aufforderung niemals bereit erklärt, die antisemitischen Kampagnen zu unterstützen, äußerte sich aber auch nicht zur Verfolgung von Juden und Oppositionellen in der Sowjetunion, sondern schrieb die üblichen Lobeshymnen auf Stalin.

Ehrenburg war in diesen Jahren zu einer sehr bekannten Person geworden, einerseits aufgrund seiner Propagandatätigkeit im Krieg, die ihm große Popularität verschafft hatte, andererseits aufgrund seiner zahlreichen internationalen Kontakte und Auftritte. Das so erworbene Ansehen hat ihn vor der stalinistischen Verfolgung bewahrt und zugleich seiner Stimme in den folgenden Jahren erhebliches Gewicht verliehen.

[Bearbeiten] Tauwetter

Stalin starb am 5. März 1953, im April wurden die Beschuldigten der „Ärzteverschwörung“ freigesprochen, im Juni wurde Lawrenti Beria verhaftet. Es folgte eine Zeit der Unsicherheit, wohin sich die sowjetische Gesellschaft entwickeln würde. Im Winter dieses Jahres schrieb Ehrenburg seinen letzten Roman, Tauwetter. Mit gedämpfter Euphorie erzählte er vom Frühlingsbeginn in einer Provinzstadt und parallel dazu vom Sturz eines bürokratischen Fabrikleiters und der Liebesgeschichte seiner Frau mit einem Ingenieur. Stalins Name kommt nicht vor, beiläufig werden aber erstmals in der Sowjetliteratur die Ärzteverschwörung und die Verbannung in Arbeitslager erwähnt.

Der Text erschien im April 1954 zunächst in Snamja und stieß sofort auf starke Reaktionen. Schon der Titel galt als bedenklich, da er die Stalinzeit als Frostperiode zu negativ erscheinen ließ; die Redaktion des Blattes hätte lieber „Erneuerung“ oder „Eine neue Phase“ gesehen. In den Literaturzeitschriften erschienen vernichtende Kritiken, u. a. von Konstantin Simonow, die Ehrenburg vorhielten, ein düsteres Bild der sozialistischen Gesellschaft gezeichnet zu haben. Beim Zweiten Schriftstellerkongress der Sowjetunion im Dezember attackierten Michail Scholochow und Alexander Surkow den Roman in den schärfsten Tönen (und mit antisemitischen Untertönen). Die Publikation als Buch wurde um zwei Jahre verzögert. Noch 1963 verwarf Nikita Chruschtschow persönlich Tauwetter als eines der Werke, die „die mit dem Personenkult zusammenhängenden Ereignisse … falsch oder einseitig beleuchten“.[26] Doch trotz der erbitterten Kritik wurde das Buch ein großer Erfolg sowohl in der Sowjetunion als auch im Ausland, es erschienen zahlreiche Übersetzungen. Das sprachliche Bild des Romantitels setzte sich durch; Ehrenburgs Buch signalisierte den Beginn der Tauwetter-Periode, einer Phase der Liberalisierung der sowjetischen Kulturpolitik und der Rehabilitation von Opfern der stalinistischen Verfolgungen.

In den folgenden Jahren setzte sich Ehrenburg intensiv für die Rehabilitation der im Stalinismus verfolgten und getöteten Schriftsteller ein. Er schrieb eine Reihe von Vorworten, u. a. für einen Erzählungsband von Isaak Babel und einen Gedichtband von Marina Zwetajewa; im Falle von Babels Buch gelang es ihm, die Veröffentlichung mit dem Hinweis zu erreichen, seine Freunde im Westen warteten dringend auf das angekündigte und versprochene Manuskript. Zudem sprach er auf Gedenkveranstaltungen, etwa für den ermordeten Perez Markisch. Ambivalent war seine Reaktion auf den Nobelpreis, den sein Freund Boris Pasternak 1958 für den Roman Doktor Schiwago erhielt: Er weigerte sich, an Maßnahmen gegen Pasternak teilzunehmen (etwa dessen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband), und betonte öffentlich seine Wertschätzung für Pasternak, dessen Lyrik und Teile seines Romans, äußerte jedoch auch Kritik an dem Buch und klagte den Westen an, es für seine Ziele im Kalten Krieg zu nutzen.

Gleichzeitig kämpfte Ehrenburg für die Publikation westlicher Kunst und Literatur in der Sowjetunion. So geht die erste dortige Picasso-Ausstellung 1956 wesentlich auf Ehrenburgs Arbeit zurück; auch die Veröffentlichung eines Buches über Picasso, zu dem er das Vorwort schrieb, konnte er durchsetzen. Zur Publikation russischer Übersetzungen von Ernest Hemingway, Alberto Moravia, Paul Éluard und Jean-Paul Sartre trug er ebenfalls bei. Schließlich erreichte er 1960, dass das Tagebuch der Anne Frank auf Russisch erschien, wiederum mit einem Vorwort von seiner Hand.

Neben Vorworten und Zeitungsartikeln verfasste Ehrenburg eine Reihe von literarischen Essays, von denen insbesondere Die Lehren Stendhals (1957) und Tschechow, nochmals gelesen (1959) große Wirkung entfalteten. Diese Aufsätze über große Autoren des 19. Jahrhunderts wurden als Kommentare zu aktuellen Kulturpolitik verstanden und riefen daher scharfe Kritik hervor – insbesondere die Absage an jede Form der Tyrannei, sei sie auch noch so wohlmeinend motiviert, und die historisch verpackte Kritik am Dogma der Parteilichkeit der Literatur erregten Anstoß.

Ehrenburg unternahm weiterhin ausgedehnte Reisen: In Chile traf er Pablo Neruda, in Indien Jawaharlal Nehru, auch Griechenland und Japan besuchte er. Sein fortgesetztes Engagement in der Friedensbewegung ermöglichte ihm ebenfalls zahlreiche Auslandsreisen, die er nutzen konnte, um sich mit Liselotte Mehr zu treffen. Als es 1956 wegen der Revolution und des russischen Einmarschs in Ungarn zum Bruch zwischen westlichen und östlichen Teilnehmern an den Friedenskongressen kam, reagierte Ehrenburg mit einem Aufruf zum Pluralismus innerhalb des Friedenslagers.[27]

[Bearbeiten] Menschen Jahre Leben

1958 begann Ilja Ehrenburg mit der Arbeit an seiner Autobiografie Menschen Jahre Leben. Dieses groß angelegte Werk von weit über 1.000 Seiten umfasst sechs Bücher. Es enthält unter anderem eine Serie von literarischen Porträts aller seiner Weggenossen, darunter viele, deren Bücher bzw. Bilder in der Sowjetunion nach wie vor nicht gedruckt bzw. gezeigt wurden; Beispiele sind etwa Ossip Mandelstam, Wsewolod Meyerhold und der Maler Robert Rafailowitsch Falk. Es berichtet darüber hinaus von seinen eigenen Haltungen und Gefühlen zu den großen Ereignissen der Zeit, unter anderem auch zu den Säuberungen Stalins. Das Privatleben bleibt weitgehend ausgeklammert.

Im April 1960 bot Ehrenburg das Manuskript des ersten Bandes der Nowy Mir („Neue Welt“) an, einer von Alexander Twardowski geleiteten liberalen Literaturzeitschrift. Es begann ein langer Kampf mit der Zensur um zahlreiche Stellen im Text. Immer wieder wurde der Abdruck gestoppt. Zunächst ging es vor allem um Nikolai Bucharin, dessen Porträt Ehrenburg trotz eines persönlichen Appells an Chruschtschow nicht in den Band einbauen konnte; es gelang ihm lediglich, den Namen Bucharins in ein Zitat eines Ochrana-Berichts von 1907 einzuschmuggeln, der eine Liste der bolschewistischen Agitatoren enthielt. Das Bucharin-Kapitel wurde erst 1990 veröffentlicht. Die Schwierigkeiten nahmen mit dem Fortschreiten der Memoiren noch zu. Das Kapitel über Pasternak wurde zunächst gestrichen und erst nach heftigen Protesten Ehrenburgs nachgeholt.

Buch vier enthielt die Schilderung der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs und der Großen Säuberung Stalins. Besondere Verärgerung erregte hier bei der politischen Führung ein rückblickender Satz: „Vieles konnten wir nicht einmal den Angehörigen eingestehen; nur von Zeit zu Zeit drückten wir besonders fest die Hand eines Freundes, nahmen wir doch alle teil an der großen Verschwörung des Schweigens.“[28] Dies implizierte, dass viele wie Ehrenburg von Stalins Verfolgung unschuldiger Menschen gewusst und dennoch nichts dagegen unternommen hatten. Die „Theorie des Schweigens“, wie sie alsbald genannt wurde, stieß auf heftigste Kritik, zunächst in der Iswestija, dann bei einem großen Schriftstellertreffen, schließlich, am 10. März 1963, in einer langen Rede von Chruschtschow selbst, die vollständig in der Prawda abgedruckt wurde. Buch sechs über die Nachkriegszeit bis 1953 konnte zunächst gar nicht veröffentlicht werden, da es in die Ereignisse um Chruschtschows Sturz geriet; doch ausgerechnet als der konservativ-repressiv orientierte Leonid Breschnew seine Macht gefestigt hatte, erschien 1965 tatsächlich auch das letzte Buch, das Breschnew sich nun leisten konnte.

1966 begann Ehrenburg mit einem siebten, unvollständig gebliebenen Buch von Menschen Jahre Leben, an dem er bis zu seinem Tod schrieb. Versuche von Ilja und Ljuba Ehrenburg, die fertiggestellten Kapitel in offiziellen sowjetischen Zeitschriften zu publizieren, waren erfolglos. Auszüge erschienen 1969 in der Samisdat-Veröffentlichung „Politisches Tagebuch“ von Roi Medwedew und viele Jahre später, 1987, im Zuge von Glasnost, in der Zeitschrift Ogonjok („Flämmchen“); erst 1990 konnte der komplette Text publiziert werden.

Nicht nur in seiner Autobiografie, sondern auch sonst bemühte sich Ehrenburg weiterhin um die Rehabilitierung von im Stalinismus verfolgten Schriftstellern und versuchte einer repressiven Kulturpolitik entgegenzuarbeiten. So sprang er Jewgeni Jewtuschenko bei, als dessen Gedicht über Babi Jar 1961 wegen Hervorhebung der jüdischen Opfer heftig kritisiert wurde; 1965 leitete er die erste Gedenkveranstaltung für Ossip Mandelstams Werk in Moskau; und er unterschrieb 1966 eine Petition, die sich gegen die Verurteilung der Schriftsteller Andrei Sinjawski und Juli Daniel zu sieben bzw. fünf Jahren Arbeitslager richtete.

Bereits 1958 waren bei Ehrenburg Symptome von Prostatakrebs aufgetreten, später kam Blasenkrebs hinzu. Am 7. August 1967 erlitt er im Garten seiner Datscha einen Herzinfarkt. Trotz dringender Bitten sowohl seiner Frau als auch seiner Geliebten Liselotte Mehr weigerte er sich, ins Krankenhaus zu gehen. Am 31. August starb der Schriftsteller in Moskau. Er ist auf dem Nowodewitschi-Friedhof begraben.

[Bearbeiten] Literarisches Werk

Ehrenburgs Lyrik aus den Jahren vor und während des Ersten Weltkriegs ist heute fast vergessen. Während die ersten Gedichtbände auch zur Zeit ihrer Publikation nur in Kreisen der Symbolisten Beachtung fanden, gilt das nicht für den Band „Gedichte über Vorabende“ oder das „Gebet für Russland“. Hier zeichnete sich bereits in der Thematik eine Hinwendung zur Gegenwart und unmittelbaren Vergangenheit (Krieg und Revolution), in der Form ein Wandel zum Diskursiven, zur Ironie, teilweise auch zum Journalistischen ab. Diese Züge prägen auch Ehrenburgs Romanschaffen, das sein künstlerisches Werk dominiert und ihm zum Durchbruch verholfen hat.

Ehrenburgs zahlreiche Romane befassen sich fast durchweg mit aktuellen Themen, sie können als literarische Beiträge zu politischen und kulturpolitischen Auseinandersetzungen verstanden werden und sind auch weithin so verstanden worden. Er schrieb ausgesprochen schnell und legte großen Wert auf ein zeitnahes Erscheinen; seine Manuskripte schloss er gewöhnlich mit einem Vermerk zu Ort und Zeit der Entstehung ab.

Die Romane gehorchen im Allgemeinen nicht den Normen einer klassizistischen oder realistischen Romantheorie, sondern nehmen häufig ältere Modelle auf, wie sie etwa für die Epik der Aufklärung typisch sind. Vor allem in den satirischen Romanen der zwanziger Jahre mischen sich journalistische Partien, philosophische und satirische Exkursionen in die Erzählung; der Julio Jurenito etwa ist in seiner Anlage mit Voltaires Candide oder der Optimismus verglichen worden. Zudem werden archaische Formen des Erzählens aufgegriffen: Märchen, Evangelium, Legende, Schelmenroman. Die Figuren sind häufig stark typisiert, die Psychologie spielt keine große Rolle. Das eindrucksvollste Beispiel dafür bietet Ehrenburgs erster Roman, der heute (neben dem Lasik Roitschwantz) als sein künstlerisch gelungenstes Buch betrachtet wird und bis in die Gegenwart Beachtung gefunden hat.

[Bearbeiten] Julio Jurenito

Innentitel der Erstausgabe des Julio Jurenito (1922).

Hauptartikel: Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito

Der satirische Roman, der in den Jahren 1913–1921 spielt, beschreibt die Abenteuer eines mysteriösen Mexikaners, Julio Jurenito, der sieben Jünger um sich sammelt, mit ihnen durch das Europa des Ersten Weltkriegs, der Russischen Revolution und des Russischen Bürgerkrieges zieht und schließlich freiwillig in den Tod geht, indem er mit teuren Lederstiefeln in einem dunklen Park spazieren geht und programmgemäß überfallen wird. Der Ich-Erzähler Ilja Ehrenburg, sein erster Jünger, ist zugleich sein Biograf.

Der Julio Jurenito ist eine Parodie auf den Evangeliumsbericht, zugleich aber auch ein Abenteuer- und Schelmenroman und erinnert an aufklärerische Vorbilder wie Voltaires Candide. Sein Protagonist verfolgt den Plan einer Zerstörung aller Glaubens- und Überzeugungssysteme im Dienste einer umfassenden Selbstbefreiung der Menschheit und scheitert damit. Zur Langzeitwirkung des Werks haben nicht nur der anarchistische Grundton und die zahlreichen satirischen Vignetten beigetragen, die etwa den Internationalen Schiedsgerichtshof in Den Haag, den Papst, die sozialistischen Parteien und die Kommunistische Partei Russlands aufs Korn nehmen. Einzelne Szenen des Werkes verlassen die Satire und nehmen einen pathosgeladenen, geradezu prophetischen Ton an. So lässt Jurenito im elften Kapitel ein Plakat drucken, dessen Text so beginnt:

In der nächsten Zeit findet statt die feierliche Ausrottung des jüdischen Volkes zu Budapest, Kiew, Jaffa, Algier und an vielen anderen Orten. Das Programm umfasst neben den beim verehrten Publikum beliebten Pogromen im Geiste der Zeit restaurierte Judenverbrennungen, Einscharren der Juden bei lebendigem Leibe in die Erde, Besprengungen der Felder mit jüdischem Blute und allerlei neue Methoden der „Säuberung der Länder von verdächtigen Elementen“ usw. usw. usw.[29]

Prophetisch wie diese Prognose erscheint auch die Rede eines anonymen Kommunisten, leicht als Lenin erkennbar, in einem Kapitel, das explizit auf Dostojewskis Legende vom Großinquisitor anspielt:

Wir führen die Menschheit einer besseren Zukunft entgegen. Die einen, deren Interessen dadurch geschädigt werden, stören uns auf jede Weise … Diese müssen wir beseitigen und oft einen zur Rettung von Tausenden töten. Die anderen widerstreben, da sie nicht begreifen, dass man sie ihrem eigenen Glück entgegenführt; sie fürchten den schweren Weg und klammern sich an den elenden Schatten der gestrigen Heimstätte. Wir treiben sie vorwärts, wir treiben sie mit eisernen Ruten ins Paradies …[30]

Diese Passage spielte eine erhebliche Rolle dabei, dass der Julio Jurenito nach 1928 nicht mehr in der Sowjetunion erscheinen konnte – und selbst 1962 nur ohne das Großinquisitor-Kapitel.

[Bearbeiten] Satirische Prosa – „Ich ging immer wieder in die Irre“

In den folgenden Jahren experimentierte Ehrenburg mit diversen epischen Formen. In seiner Autobiografie kommentierte er diesen Suchprozess: „Nach dem Julio Jurenito hatte ich den Eindruck, ich hätte mich schon gefunden, meinen Weg, meine Thematik, meine Sprache. In Wirklichkeit ging ich immer wieder in die Irre, und jedes neue Buch negierte alle vorausgegangenen.“[31]

Zunächst schrieb er eine Art Fortsetzung des Julio Jurenito, den satirischen Roman Trust D.E., der die physische Zerstörung Europas beschreibt und den Jurenito damit noch zu überbieten sucht; ferner eine Serie von Kurzgeschichten, die sich an den eigenwilligen Stil Remisows anlehnten. Das nächste Experiment war ein Kriminal- und Kolportageroman, Die Liebe der Jeanne Ney, in enger Anlehnung an Charles Dickens' große realistische Romane, mit verwickelter Fabel und von „unglaublicher Sentimentalität“, wie Ehrenburg rückblickend meinte. Hier trat an die Stelle der Revolution und des Krieges, die als unerhörtes Ereignis das Zentrum der ersten Romane bildeten, die große Liebe, die das Leben der Helden völlig umstürzt und zugleich veredelt; freilich ist der Liebende Andrej zugleich Bolschewik und Revolutionär, und der Umsturz durch die Liebe und die Revolution hängen bei ihm eng zusammen. Der Roman wurde unter Regie von Georg Wilhelm Pabst verfilmt, allerdings mit einem Happy-End anstelle des tragischen Schlusses von Ehrenburg – sein Protest als Drehbuch-Koautor war vergebens.

Auf diesen Versuch im „Romantismus“, wie Ehrenburg es nannte, folgte ein groß angelegter Roman über Revolution, Bürgerkrieg und Neue Ökonomische Politik (NÖP) im Stil des französischen Realismus, etwa Balzac und Stendhal: Der Raffer. Ein auktorialer, allwissender Erzähler, der zahlreiche Kommentare und Einordnungen unternimmt, hat es hier mit einem nicht sehr sympathischen Helden zu tun, dessen Charakter viele Defizite aufweist: dem Kellnerssohn Michail Lykow aus Kiew, dem „Raffer“, der in den Wirren der NÖP aus Gier nach Größe auf die schiefe Bahn gerät, Unterschlagungen verübt, ins Gefängnis kommt und dort Selbstmord begeht. Die Taten, Gedanken und Gefühle des Protagonisten werden mit hoher epischer Objektivität geschildert: wie er seinem Bruder, dem überzeugten Kommunisten Artjom, das Leben rettet, indem er sich bei einer weißgardistischen Razzia für ihn ausgibt; doch ebenso wie er einen Kiewer Bürger ermordet, weil dieser sich über den Abzug der Roten Armee freut. Durch seine oft satirisch gefärbten Kommentare hält der Erzähler Distanz zur Hauptfigur und konfrontiert deren grandiose Selbstrechtfertigungen mit seinem Einblick in die Psychologie Michail Lykows. Artjom hingegen erscheint geradlinig, aber blass und uninteressant – selbst sein Sohn, der im letzten Kapitel geboren wird, ist in Wahrheit von Michail. Ein zentrales Thema des Romans ist die Demobilisierung der sowjetischen Gesellschaft nach den Jahren des permanenten Bürgerkriegs – und die Frage, was mit den überschießenden Emotionen und der Gewaltbereitschaft aus dieser Phase in den Friedensjahren der NÖP geschieht. Den Abschluss des Romans bildet ein großes Tableau der Trauerfeiern zum Tode Lenins und damit des Endes der heroischen Phase der Revolution.

Sommer 1925 spielt in Paris. Wie im Julio Jurenito tritt Ehrenburg als mit vielen autobiografischen Zügen ausgestatteter Ich-Erzähler auf. Doch die Geschichte handelt von Trauer und Verlust: Während eines Kuraufenthalts seiner Frau stürzt der Erzähler in die Obdachlosigkeit ab. Antriebslos, mittellos und handlungsunfähig durchwandert er das Panoptikum der Großstadt, die Elendsviertel, Bars und Straßen. Ein italienischer Barbesitzer, ein farcenhafter Wiedergänger des Julio Jurenito, wirbt ihn für einen Auftragsmord an einem Industriefunktionär an, doch Ehrenburg kann sich nicht zum Abdrücken überwinden. Dazu kommt eine triviale Romanze mit der Freundin des Barbesitzers. Die Erzählung verläuft in harten filmischen Schnitten und Sprüngen. Die Realität wird dem Erzähler ungewiss: Alle Figuren geraten ihm zu literarischen Schatten, alle Handlungen zu Posen, worüber er ausgiebig reflektiert. Endlich treibt der Roman einem eigentümlichen kathartischen Schluss zu: Der letzte Mensch, der dem Protagonisten Authentizität von Gefühlen verbürgt hat, ein kleines Mädchen, stirbt im beschädigten südfranzösischen Idyll. Doch gerade dies ermöglicht ihm den Aufbruch:

Eine leere Welt, bevölkert von Ideen und Kleidungsstücken, ist schaurig. Doch es gibt eine Rettung, die kaum sichtbare Kontur einer fernen Küste – deine Hand, ein wenig Wärme und schlichte Liebe. Versuchen wir, damit die Küste zu erreichen. Ja, wir versuchen es …[32]
Der Sucharew-Turm in Moskau 1927. In Ehrenburgs Roman In der Prototschni-Gasse spielt der Sucharewka-Markt rund um den Turm mehrfach eine Rolle.

In der Prototschni-Gasse, Ehrenburgs nächster Roman, kombiniert Sozialreportage und Romantismus. Die Handlung spielt in einem übel beleumdeten Stadtviertel Moskaus an der Moskwa, wo verwahrloste Kinder im Keller eines Hauses leben. Der Hausbesitzer, eine Negativgestalt des Romans, versucht sie im tiefsten Winter durch Verstopfen der Zugänge zu ersticken, was nur aus Zufall fehlschlägt. Über weite Strecken handelt das Buch jedoch von den wechselvollen Schicksalen verschiedener Bewohner der Prototschni-Gasse, ihren Lebensverhältnissen, Liebesgeschichten und Einstellungen. Der Erzähler tritt gegenüber dem „Raffer“ zurück, die Erzählweise nähert sich deutlich einer personalen Perspektive. Die Satire verschwindet aus der Erzählerrede, manifestiert sich aber in der Handlungskonstruktion, die die genährten Erwartungen an ein tragisches Ende enttäuscht. So läuft das mit großer Geste vorgebrachte Bekenntnis einer Romanfigur, bei der Ermordung der Kinder mitgeholfen zu haben, ins Leere – die Polizei räumt einen leeren Keller aus. Eine lange Zeit vermisste Protagonistin ist nicht, wie zunächst angedeutet wird, aus enttäuschter Liebe ins Wasser gegangen, sondern zu ihrer Schwester gereist und hat einen Funktionär geheiratet, den sie zwar nicht liebt, der ihr aber immerhin mit Achtung begegnet. Schließlich wird eine Positivfigur eingeführt, der bucklige Jude und Kinomusiker Jusik, der kaum mehr auf eigenes Glück hofft, jedoch den Romanfiguren helfen will, glücklich zu sein.

Diese Figur ist ein Vorschein des Protagonisten von Ehrenburgs folgendem Roman, Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz. Ehrenburg nahm hier Motive und Erzählformen des Julio Jurenito wieder auf, insbesondere das Muster des Schelmenromans. Roitschwantz ist eine dem Schwejk verwandte Figur, ein philosophierender jüdischer Herrenschneider aus Homel, der nach einer Denunziation sein Geschäft verliert und eine Odyssee durch ganz Europa antritt. Er übt eine Reihe von zweifelhaften Beschäftigungen aus, um zu überleben – vom Erfinden günstiger Planberichte über die Vermehrung inexistenter Kaninchen in der Sowjetunion bis zum Reklamestehen als Muster schlechter Ernährung bei einem Apotheker in Ostpreußen. Vor allem aber lernt er den Antisemitismus, Prügel und Gefängnisse in vielen Ländern kennen, von der Sowjetunion über Polen, Deutschland, Frankreich und England bis nach Palästina.

Auch formal ist dieses Werk in mancher Hinsicht dem Jurenito nahe, insbesondere durch eine Zweiteilung der Erzählhaltung. Denn neben den Handlungsbericht des auktorialen Erzählers tritt die direkte und teilweise auch erlebte Rede der Hauptfigur. Ehrenburg hatte damals chassidische Geschichten kennen gelernt, und in ihrem Stil philosophiert Lasik Roitschwantz fortwährend. Der deutsche Übersetzer des Buchs, Waldemar Jollos, lenkte den Blick auf die „Sprachseltsamkeiten“ der direkten Rede des Protagonisten: Jiddisch, Russisch und der Jargon des Bolschewismus mischen sich mit weiteren Einflüssen. „Es ergibt sich ein Tohuwabohu der Sprache, aus allen Erinnerungen und Eindrücken dieses rasenden Lebens unzerteilbar gemischt. Aber Ehrenburg handhabt den Dadaismus, zu dem sich Lasiks Sprache allmählich hinaufschraubt, natürlich mit einer außerordentlichen Bewusstheit.“[33]

[Bearbeiten] Zwischen „Faktografie“ und Roman

Ende der 1920er Jahre wandte sich Ehrenburg neuen Prosaformen zu, die durch die Integration von empirischen Daten und Fakten gekennzeichnet waren: Statistiken, historische Dokumente, Beobachtungen usw. Diese Wendung hatte starke Auswirkungen auf die Romanform selbst. Die Werke dieser Phase zielten darauf, aus Elementen der Dokumentation, der Reportage, der argumentierenden Rhetorik, mythologischen Verweisen, kulturellen und politischen Anspielungen sowie den bisher erprobten Erzählformen ein neuartiges Ganzes zu schaffen. Beeinflusst war Ehrenburg dabei von der „Faktografie“, wie sie in den späten 1920er Jahren in der Zeitschrift Nowy LEF („Neue Linke Front der Künste“) um Majakowski propagiert wurde.

Einen ersten Versuch auf diesem Gebiet bildete die Verschwörung der Gleichen, eine belletristische Biografie von Gracchus Babeuf. Fast alle handelnden Figuren sind historisch belegt; Quellen werden im Roman zitiert oder gar – zumindest in der deutschen Ausgabe – im Faksimile abgedruckt. Dessen ungeachtet dominiert ein Wechsel von auktorialer und personaler Erzählsituation die Darstellung. Große historische Überblicke wechseln mit der Innenperspektive Babeufs oder auch seiner Gegenspieler Barras und Carnot; die Erzählperspektive kann sich einem Polizeispitzel anheften oder einem Demonstrationszug. Immer wieder gestaltet Ehrenburg Schlüsselereignisse szenisch aus, etwa das Erschrecken Babeufs bei der ersten Konfrontation mit der grausamen Lynchjustiz der „Straße“. Den thematischen Schwerpunkt bildet die Erschöpfungs- und Verfallsphase der Französischen Revolution – und Babeufs Reaktion darauf: Ablehnung der Terrorherrschaft und stattdessen der Versuch, den sozialen Inhalt der Revolution handstreichartig zur Geltung zu bringen. Die intendierten Parallelen zur russischen Revolution liegen auf der Hand, bleiben aber implizit.

Viel weiter reichen die Konsequenzen für die Romanform bei 10 PS (der Titel bezieht sich auf das in Massenproduktion hergestellte und damals sehr breit beworbene Automodell Citroën 10 CV). Hier schreibt Ehrenburg bereits im Vorwort: „Dieses Buch ist kein Roman, sondern eine Chronik unserer Zeit.“ Das Werk folgte einem Montageprinzip: In sieben Kapiteln, unter anderem Das laufende Band, Reifen, Benzin, Börse, Fahrten betitelt, wird der Gegenstand, das Automobil, eingekreist. In die eindringliche, kritische Darstellung der tayloristischen Fließbandproduktion und der ökonomisch-politischen Kämpfe um Kautschuk und Erdöl sind biografische Passagen eingelassen, die immer wieder aufgenommen werden und keineswegs auf die Innenperspektive der Figuren verzichten: von den real existierenden Kapitalisten André Citroën und Henri Deterding bis zum fiktiven Arbeiter Pierre Chardain und zum namenlosen Kautschukkuli in Malaya. In der Erzählerrede gewinnt jedoch die „Hauptfigur“ des Werkes, das Automobil, ungeachtet allen dokumentarischen Materials mythische Züge. Es verkörpert die zerstörerische Tendenz der kapitalistischen Gesellschaft, und zwar nicht nur in Produktion und Börse, sondern auch in Konsum und Wunscherfüllung.

Das Auto arbeitet rechtschaffen. Noch lange vor seiner Geburt, da es aus noch nichts weiter als Metallschichten und einem Stoß von Zeichnungen besteht, tötet es bereits sorgfältig malaiische Kulis und mexikanische Arbeiter. Seine Geburtswehen sind qualvoll. Es zerstückelt Fleisch, macht Augen blind, zerfrisst Lungen, nimmt die Vernunft. Schließlich rollt es zum Tore in jene Welt hinaus, die man vor seinem Dasein die „schöne“ nannte. Sofort nimmt es seinem vermeintlichen Beherrscher seine altväterliche Ruhe. … Das Auto überfährt lakonisch die Fußgänger. … Es erfüllt nur seine Bestimmung: es ist berufen, die Menschen auszurotten.[34]

Ein Eingangskapitel verortet die Geburt des Autos in den Plänen eines fiktiven Erfinders, der die sozialen Versprechungen der Französischen Revolution mit den technischen Mitteln des Autos realisieren will. So gewinnt die Erzählung eine Struktur: Die Hoffnung auf die Technik wird von Kapitel zu Kapitel weiter durchkreuzt und dementiert; die soziale und ökonomische Realität lässt den Traum von Philippe Lebon in einer Katastrophe enden. Ein retardierendes Moment bildet allein das zentrale vierte Kapitel mit dem sprechenden Titel Eine dichterische Abschweifung, das vom Scheitern eines hilflosen Streikversuchs französischer Automobilarbeiter erzählt. In der Sowjetunion konnte das Buch vor allem wegen seiner zugespitzten technikkritischen Tendenz nur in Auszügen erscheinen.

10 PS war der erste Beitrag einer ganzen Serie, die unter dem Reihentitel Chronik unserer Tage stand. Mit wechselnden formalen Lösungen, die vom Schlüsselroman (Die Einheitsfront, über die Kämpfe um Ivar Kreugers Zündholzmonopol) bis zur Reportage reichten (Der Schuhkönig, über Tomáš Baťa), versuchte Ehrenburg seine eigenwillige Variante der „Faktografie“ in literarische Werke umzusetzen.

[Bearbeiten] Sozialistischer Realismus

Der zweite Tag (1933) war der erste Roman Ehrenburgs, der den Normen des Sozialistischen Realismus entsprach. Er gehörte wie eine ganze Reihe anderer Romane dieser Jahre zum Genre des Aufbau- und Produktionsromans (andere Beispiele sind Marietta Schaginjans Wasserkraftwerk und Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde). Der Titel spielt auf den zweiten Schöpfungstag der Bibel an, als Land und Meer getrennt wurden – damit vergleicht Ehrenburg den zweiten Tag des sozialistischen Aufbaus, konkret den Bau eines gewaltigen Stahlwerks in Nowokusnezk. Die Erzählweise nutzt wie in früheren Werken Ehrenburgs Filmtechniken: ständige Schnitte von der Totale auf die Großbaustelle zur Nahaufnahme einer Person und zurück, immer wieder unterbrochen von Rückblenden auf das Leben einzelner Personen. Ein Großteil des Buches ist der Beschreibung des Baus und der Lebenswege aller möglichen Beteiligten gewidmet, wobei es dem Erzähler besonders auf die Vielfältigkeit des Prozesses ankommt – Idealismus und Zwang, Glorifizierung der Arbeit und die zahlreichen Arbeitsunfälle stehen nebeneinander.

Erst allmählich schält sich so etwas wie eine Handlung heraus: Wolodja Safonow, der viele Züge eines Selbstporträts von Ehrenburg aufweist, ist ein orientierungsloser Arztsohn und Intellektueller, der in Tomsk Mathematik studiert. Er verliert seine Freundin Irina an Kolja Rschanow, einen Stoßarbeiter in Nowokusnezk, und bringt sich schließlich um. Der philosophische Konflikt zwischen den beiden Hauptfiguren ist der zwischen dem bürgerlichen, pessimistischen Intellektuellen und dem neuen Menschen des Sozialismus. Mit zahlreichen Anspielungen auf Dostojewski malt Ehrenburg den Niedergang von Safonow aus – die Romanfigur Safonow führt selbst eine Schlüsselszene ganz bewusst als farcenhafte Kopie einer Szene aus den Brüdern Karamasow herbei. Die Sichtweisen und Argumente Safonows und Rschanows stehen in bemerkenswerter Objektivität und aus je eigenem Recht nebeneinander, doch in der Handlung wird Safonow für den Sieg des neuen Menschen geopfert. Ein Beispiel für Safonows Perspektive:

Er glaubt zum Beispiel nicht, dass ein Hochofen schöner ist als eine Venusstatue. Er ist nicht einmal überzeugt, dass ein Hochofen wichtiger ist als dieses Stück gelb gewordenen Marmors. … Er erklärt den Überdruss des Doktor Faust nicht aus den Besonderheiten der Periode der ursprünglichen Akkumulation. Hält d