Klassische Nationalökonomie
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die klassische Nationalökonomie oder klassische politische Ökonomie bezeichnet das Wirken der Begründer der Ökonomie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin. Paradigmatische Geltung erlangte für diese Periode der ökonomischen Theoriegeschichte die Arbeit von von Adam Smith aus dem Jahre 1776 mit dem Titel: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations .
Karl Marx setzte diese Periode bereits mit William Petty an. Er grenzte „klassische politische Ökonomie“ ab zur „Vulgärökonomie“, womit er die Periode nach David Ricardo und Sismondi bezeichnete.[1] Keynes hinwieder verwandte eine eigene, hiervon abweichende Einteilung, indem er auch die Nachfolger Ricardos zu den Klassikern zählte. Er nennt beispielhaft John Stewart Mill, Alfred Marshall und Arthur Cecil Pigou.[2]
Erst Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts wird die klassische Ökonomie als vorherrschende Lehre von anderen Strömungen – Historische Schule der Nationalökonomie, Neoklassik, Österreichische Schule, Keynesianismus – abgelöst.
Für die klassischen Ökonomen stand das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft im Mittelpunkt des theoretischen Interesses.[3] Hingegen geht es der neoklassischen Ökonomie[4] um die Allokation von Ressourcen in einer gegebenen Situation. Dieses Problem des optimalen Mitteleinsatzes wurde nunmehr vorwiegend auf der mikroökonomischen Ebene betrachtet, wobei eine Substitution der Produktionsfaktoren als möglich angesehen wurde.[5] Die Erkenntnisse der neoklassischen Theorie wurden zum ersten Mal von Alfred Marshall zusammengefasst.[6]
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Hauptvertreter
- Adam Smith
- David Ricardo
- Jean-Baptiste Say
- Jeremy Bentham
- Thomas Malthus
- John Stuart Mill
- Johann Heinrich von Thünen
[Bearbeiten] Gemeinsamkeiten
(nach K. Brandt)
- Individualismus: Jeder Mensch hat das Recht und die Fähigkeit, selbstbestimmt, eigenverantwortlich und in Freiheit zu leben.
- Liberalismus: Der Staat dient als Ordnungs- und Schutzmacht. Statt einer autoritären Obrigkeit, soll der Staat den gerechten Interessenausgleich schützen und eine Partizipation der Bürger am öffentlichen Leben sichern.
- Determinismus: Die klassische Schule der Nationalökonomie nimmt an, gleich den Naturgesetzen in der physischen Welt existierten gottgegebene Wahrheiten, die das Verhalten in Gesellschaft und Wirtschaft bestimmten.
- Harmonievorstellung: Individuen handeln getrieben durch ihren Eigennutz. Dieser wird zum einen durch Wettbewerb - eine unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren der liberalen Gesellschaft -, zum anderen durch die Fähigkeit zum ethischen Handeln mit dem Eigennutz aller anderen Individuen zum Ausgleich gebracht.
[Bearbeiten] Abgrenzung und Kritik
Die wichtigste – weil nachhaltigste – Neuerung der klassischen Schule ist zweifelsohne die konsequente Orientierung am liberalen Weltbild. So entstand die klassische Schule nicht zuletzt als Gegenmodell, ja Instrument zur Überwindung des Merkantilismus. Dem absolutistischen Staat wurde das eigenverantwortliche, selbstbestimmte Individuum gegenübergesetzt, der aktiven Handelspolitik der Freihandel und der staatlichen Lenkung der Wirtschaft die Steuerung über den Wettbewerb.
Von der Physiokratie unterscheidet die klassische Schule vor allem die Antwort auf die Frage nach der Quelle des Wohlstandes. Während die Physiokraten die Landwirtschaft als einzige Quelle des Wohlstandes ansehen, stellt Smith an deren Stelle die Arbeitskraft als solche – unabhängig vom Sektor.
Der Hauptkritikpunkt an der klassischen Lehre – insbesondere durch die Historische Schule der Nationalökonomie vorgetragen – ist der der Realitätsferne. Die Modelle und Theorien der klassischen Schule seien zwar sehr klar und lieferten oft eindeutige Ergebnisse. Diese stimmten mit den beobachtbaren Vorkommnissen aber nur selten überein. Die Kritiker fordern zumindest eine Untermauerung und Überprüfung der theoretischen Ergebnisse durch empirische Untersuchungen Wilhelm G. F. Roscher. Einige Ökonomen – insbesondere Karl Knies – gehen noch einen Schritt weiter und lehnen jede Naturgesetzlichkeiten verkündende Theorienbildung als unwissenschaftlich ab. Ihrer Meinung nach können Gesetzmäßigkeiten grundsätzlich nur den Charakter von Analogien haben – realistische Prognosen sind ihrer Meinung nach kaum möglich (siehe Deduktion). Als bedeutender Kritiker der klassischen Nationalökonomie aus kommunistischer Perspektive gilt Karl Marx.
[Bearbeiten] Weblinks
- Klassische Schule der Nationalökonomie
- Bertram Schefold: Reflections on the Past and Current State of the History of Economic Thought in Germany, in: The Future of the History of Economics. ed. by E. Roy Weintraub. History of Political Economy, Annual Supplement to vol. 34. Durham and London: Duke University Press 2002, pp. 125-136 (2002)
- Heinz D. Kurz: RICARDIAN VICE
- The History of Economic Thought Website, The New School of Social Research. 6 Feb. 2006
[Bearbeiten] Literatur
- Joachim Starbatty: Die englischen Klassiker der Nationalökonomie. Lehre und Wirkung. Darmstadt 1985
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Karl Marx: Das Kapital. 1. Band. Marx-Engels-Werke 23, S. 95.
- ↑ John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest and Money. Chapter I, Fußnote 1.
- ↑ Ernesto Screpanti, Stefano Zamagni: An Outline of the History of Economic Thought. Oxford 1993. S. 147
- ↑ Peter D. Groenewegen: A soaring eagle: Alfred Marshall, 1842-1924. Cheltenham Northampton 1995. S. 1
- ↑ Jochen Nielen: Das Leitbild des Laisser-faire in der Politischen Ökonomie von Smith bis Keynes, dargestellt anhand der Hauptwerke von Smith, Malthus, Ricardo, Mill, Marshall und Keynes. Diss. Bonn 2000. S. 163
- ↑ Joseph A. Schumpeter: History of Economic Analysis. Oxford New York 1954. S. 833

