Marcel Duchamp

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Marcel Duchamp

Marcel Duchamp (* 28. Juli 1887 in Blainville-Crevon; † 2. Oktober 1968 in Neuilly-sur-Seine), eigentlich Henri Robert Marcel Duchamp, war ein französischer Maler und Objektkünstler. Er ist Mitbegründer der Konzeptkunst und zählt zu den Wegbegleitern des Dadaismus und Surrealismus. Nach ihm ist der Prix Marcel Duchamp benannt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Frühe Jahre

Henri-Robert-Marcel Duchamp wurde 1887 als drittes von sechs Kindern des Notars Justin-Isidore „Eugène“ Duchamp und dessen Frau Marie Caroline Lucie Duchamp, einer Tochter des Malers, Kupferstechers und Schiffmaklers Émile Frédéric Nicolle (1830−1894), in Blainville geboren. Sein Bruder Raymond Duchamp-Villon war ein bedeutender Bildhauer des Kubismus; Duchamps Halbbruder Gaston, unter dem Pseudonym Jacques Villon bekannt, widmete sich der Malerei. Von den drei Schwestern Duchamps, Yvonne (* 1895), Magdelaine (* 1898) und Suzanne, war die älteste, Suzanne Duchamp, ebenfalls Malerin. 1902, mit 15 Jahren, begann Duchamp zu malen. Seine ersten Bilder waren noch von der damals herrschenden impressionistischen Technik beeinflusst. Im darauffolgenden Jahr entstanden Skizzen von seiner Schwester Suzanne und seiner Großmutter sowie unter anderem von Robert Pichon, einem Maler und Freund der Familie aus Rouen.

[Bearbeiten] Studium

Im Juli 1904 erhielt Duchamp das „Baccalauréat de philosophie“ am „Lycée Corneille“ in Rouen, das er seit Oktober 1897 besuchte. Hiernach ging er für ein Jahr an die Académie Julian in Paris. Während dieser Zeit wohnte er bei seinem Bruder Jacques Villon in der Rue Caulaincourt 71. Während seiner Studien an der Akademie setzte er sich vorwiegend mit der impressionistischen Malerei auseinander. Im Jahr 1905 meldete er sich freiwillig zum Militär und nutzte ein Gesetz aus, das Doktoren, Rechtsanwälten, Facharbeitern und Handwerkern eine verkürzte Militärdienstzeit von drei auf ein Jahr garantierte. Seine Tätigkeit als Handwerker hatte er damit bewiesen, das er der Militärkommission einige Radierungen seines Großvaters vorlegte. 1906 nahm er das Studium in Paris wieder auf. Von Juli 1908 bis Oktober 1913 lebte er in Neuilly.

[Bearbeiten] Erste Ausstellungen

Marcel Duchamp, Jacques Villon und Raymond Duchamp, um 1912

Im Garten seines älteren Bruders Raymond Duchamp-Villon kamen immer sonntags, während des Jahres 1909, neben seinem Bruder Jacques Villon Künstler wie Albert Gleizes, Henri Le Fauconnier, Roger de la Fresnaye und Jean Metzinger sowie unter anderem die Dichter und Kritiker Guillaume Apollinaire, Gabrielle Buffet, Olivier Hourcade, Pierre Reverdy, Maurice Raynal und Georges Ribemot zu Gesprächen, an denen Duchamp teilnahm, zusammen.

1909 nahm Duchamp in Paris an der Ausstellung des Salon des Indépendants, die vom 25. März bis 2. Mai dauerte, mit zwei Bildern teil, wovon eines die Landschaft von 1908 war. Für die vom 1. Oktober bis 8. November stattfindende Ausstellung des Salon d’Automne trug Duchamp drei Werke bei, darunter die Werke Auf den Klippen von 1908 und Saint Sébastien von 1909, welches im damaligen Katalog zur Ausstellung unter dem Titel Veules (Eglise) aufgeführt wurde.[1] Nachdem er einige Zeit Karikaturen für mehrere Zeitschriften gezeichnet hatte, wandte er sich wie seine Brüder 1911 dem Kubismus zu. Im gleichen Jahr freundete er sich mit Guillaume Apollinaire und Francis Picabia an. Neben Künstlern wie Francis Picabia, Albert Gleizes, Juan Gris und seinem Bruder Jacques Villon war auch Marcel Duchamp Mitglied der Section d’Or. 1912 hielt er sich in München auf, und 1913, wieder in Paris, verbrachte er den Sommer in England, wo er Entwürfe zum Großen Glas herstellte.

[Bearbeiten] Die Armory Show

Poster der Armory Show, New York, 1913

Nachdem das Bild Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 (Nu descendant un escalier no.2) aus dem Jahr 1912 im selben Jahr vom „Salon des Indépendants“ in Paris zurückgewiesen wurde, da es über das mittlerweile verfestigte Programm der Kubisten um Gleizes und Metzinger hinaus ging,[2] zeigte Duchamp das im kubistischen Stil mit gleichzeitigen futuristischen Elementen gemalte[3] stark von Eadweard Muybridges Bildfolge Woman walking downstairs beeinflusste[4] und für das amerikanische Publikum provozierende Bild von 1912, Nude Descending a Staircase (No. 2) auf der Armory Show 1913 in New York, wo die avantgardistischen Stilströmungen Europas vom Impressionismus bis zur abstrakten Malerei vorgeführt wurden. Die aus dieser Aktion hervorgegangenen heftigen Diskussionen machten Duchamp in Amerika zu einer bekannten Persönlichkeit. [5] Gegenwärtig ist es im Philadelphia Museum of Art ausgestellt. Seine Ansichten stellten den gängigen Kunstbegriff radikal in Frage: So kaufte sich Duchamp 1914 in dem Pariser Warenhaus Bazar de l’ Hôtel-de-Ville einen Flaschentrockner (Portes-bouteilles) aus Eisen und signierte ihn. Er vertrat öffentlich die Meinung, dass bereits die Auswahl dieses Gegenstandes ein künstlerisches Werk sei, was zu einem Kunstskandal führte.

[Bearbeiten] Übersiedlung nach New York

In New York, wohin Duchamp 1915 übersiedelte und am 15 Juni mit dem Schiff eintraf, hatte er sich zunächst ein Doppelappartement in der 33 West 67th Street angemietet. Einen Monat später bezog er ein Lagerhaus auf am Beekham Place und kurz darauf ein Studio am Broadway. Zu diesem Zeitpunkt freundete er sich mit Kunstsammler-Ehepaar Louise und Walter Arensberg an, das ihn unterstützte und zu seinen wichtigsten Sammlern wurde. In New York traf er seinen Freund Francis Picabia wieder, der wie er und weitere Künstler wie Jean Crotti und Albert Gleizes aufgrund des Ersten Weltkriegs nach Amerika ausgewandert waren. Im gleichen Jahr signierte er sein erstes Ready-made im Kreis um Alfred StieglitzFlaschenständer und Urinoir. 1916 gründete er zusammen mit weiteren Künstlern die Society of Independent Artists sowie die „Proto-dadaistische Bewegung“. 1917 zog Duchamp in ein kleines Studio in der 33 West 67th Street, wo er bis Juli 1918 arbeitete, bevor er am 13. August 1918 nach Buenos Aires abreiste. Er blieb dort bis zum Juni 1919, spielte intensiv Schach, zeichnete Schachspieler und fertigte detaillierte Studien für das Große Glas an, welches „mit einem Auge fast eine Stunde lang aus der Nähe zu betrachten ist.“[1]

[Bearbeiten] Zurück in Paris

Marcel Duchamp

1919, wieder zurück in Paris, lernte er André Breton, Louis Aragon, Paul Eluard, Philippe Soupauld und Jacques Rigaud, Dichter aus dem Kreis der Dadaisten, kennen. Duchamp arbeitete an einer Variation des Ready-mades L.H.O.O.Q, einer Reproduktion der Mona Lisa von Leonardo da Vinci, der er mit Bleistift einen Schnauz- und Spitzbart hinzugefügt hatte. Nach der Duchamp’schen Paronomasie lässt sich das Werk auf zwei Weisen lesen: Einerseits lassen sich die einzelnen Lettern des Titels Französisch ausgesprochen „elle a chaud au cul“ lesen, andererseits „offenbart sich eine andere Beklemmung, indem durch das Hinzufügen von männlichen Attributen zu einem der berühmtesten und am meisten abergläubisch verehrten Frauenportraits ein subtiler Witz an Leonardos eigener Homosexualität und an Duchamps Interesse in der Konfusion der sexuellen Rolle.“[6] angespielt wird.

1920 gründete er zusammen mit Katherine Sophie Dreier und Man Ray die „Societé Anonyme“ und kam in Kontakt mit anderen Künstlern der Avant-Garde.[7] Auf einer Reise nach Paris von 1921 bis 1922 begegnete er André Breton.

Am 8. Juni 1927 heiratete Duchamp Lydie Sarazin-Levassor (1903–1988), doch erfolgte sechs Monate später die Scheidung. Es wurde kolportiert, dass Duchamp die Ehe aus finanziellen Gründen geschlossen hätte, da Lydie die Enkelin des reichen Automobilfabrikanten Émile Levassor war. [8]

1936 nahm Duchamp an der Ausstellung „Phantastic Art, Dada, Surrealism“, die von Alfred H. Barr jun. im Museum of Modern Art in New York organisiert wurde, teil. Auf der 1938 von der „Galérie des beaux-arts“ ausgerichteten „Exposition internationale du surréalisme“ in Paris stellte Duchamp Rrose Sélavy, „eine lebensgroße weibliche Schaufensterpuppe, die Kleider Duchamps trägt“[1], aus. 1942 organisierte er zusammen mit André Breton und Sidney Janis (1896–1989) die Ausstellung „First Papers of Surrealism“, die vom 14. Oktober bis 7. November stattfand.[1]

[Bearbeiten] Letzte Jahre

1945 entwarf Duchamp die Einbände für die Marcel Duchamp-Sondernummer der Zeitschrift „View“ und für den Man Ray-Katalog zur Ausstellung in der „Julien Levy Gallery“ im April 1945.[1] Im Jahr 1946 war Duchamp Mitglied der Jury des Bel Ami Kunstwettbewerbes neben Alfred H. Barr jun. und Sidney Janis, der für den US-amerikanischen Film The Private Affairs of Bel Ami von dessen Produzenten ausgeschrieben wurde. Die Jury wählte das Bild Die Versuchung des heiligen Antonius von Max Ernst als Sieger des Wettbewerbs aus.

Im Jahr 1954 heiratete Duchamp ein weiteres Mal: Seine zweite Ehefrau Alexina, genannt Teeny, war vorher mit Pierre Matisse, dem bekannten Galeristen in New York und Sohn des Malers Henri Matisse, verheiratet gewesen.

1963 fand die erste Duchamp-Retrospektive im „Pasadena Art Museum“ statt. Er war Teilnehmer der documenta III in Kassel im Jahr 1964 (und auch posthum auf der documenta 5 (1972) und der documenta 6 im Jahr 1977) mit Werken vertreten.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1968, verstarb Duchamp nach einem Abend mit seiner Frau Teeny und Freunden Lébel und Man Ray an einem Lachanfall.[9]

[Bearbeiten] Werk

[Bearbeiten] Das große Glas

Marcel Duchamp

Ein Umdenken und radikaler Bruch mit der ihn umgebenden zeitgenössischen Kunst fand 1912 während eines einsamen längeren Aufenthalts in München statt. 1915 begann er sein Werk „Die Neuvermählte/Braut wird von ihren Junggesellen entkleidet, sogar (oder: Großes Glas)“. Duchamp brachte viel Zeit mit der Konzeption dieser Arbeit zu und erwähnt sie immer wieder in seinen Notizen, ausgestellt wurde sie 1926/1927 im Brooklyn Museum. Das Werk besteht aus einer großen, bemalten, senkrecht stehenden zweiteiligen Glasplatte. Die Mitte bildet den Horizont. Die Braut im oberen Teil stellt sich als eine Art Maschine dar, die keine menschlichen Züge trägt – eine Weiterentwicklung des Akt, eine Treppe hinuntersteigend. Rechts von ihr befindet sich die Inschrift oder Milchstrasse. Im unteren Teil des Glases befinden sich links die Junggesellen, im Einzelnen sind dies Priester, Leichenträger, Stationsvorsteher, Schutzmann, Lakai, Kürrassier. Sie setzen durch ihr Begehren nach der Braut die Schokoladenreibe rechts daneben in Gang, ein Motiv, das Duchamp seit jeher fasziniert hatte. Das Werk funktioniert wie eine Versuchsanordnung, die Junggesellen begehren die Braut, ohne ihrer habhaft zu werden (Eros), es ist selbstreferentiell, und wirkt zunächst kryptisch. Das Glas sollte eine Vermählung von geistigen und visuellen Reaktionen hervorrufen, zugleich Darstellung und Idee sein. 1931 zerbrach das Werk beim Transport, aber Duchamp setzte es wieder zusammen und integrierte so die Spuren des Zersplitterns.

Nähere Erläuterungen zum Großen Glas und andere Ideen lieferte Duchamp in den Textfragmenten der Grünen Schachtel, die Worte sollten auch nicht bloß Kommunikation, sondern direkter Bestandteil der Kunst, wie eine Farbe (Duchamp) sein.

[Bearbeiten] Die Ready-mades

Replik von Duchamps Fountain in Musée Maillol, Paris
(Das Original von 1917 ist verschollen)

Mit dem Jahr 1913 führte er das „erste Ready-made ein, kein vom Künstler geschaffenes, sondern von ihm ohne jedes ästhetische Vorurteil ausgesuchtes (und darin vom Objet trouvé verschiedenes) Alltagsobjekt“ [10] in die Kunst ein. Das 1914 entstandene Ready-made Flaschentrockner war ein massenhaft industriell erzeugter Gebrauchsgegenstand, also in den Augen der meisten ein eher wertloses Objekt, dessen Form, losgelöst von der Funktion, eine ganz eigene Charakteristik hatte, die allerdings zuvor – bis zu Duchamps Geste des Signierens, und der Bedeutung, die er ihm damit verlieh – sozusagen unsichtbar blieb. Duchamps Geste wird als „die Geburt“ der Konzeptkunst betrachtet. Aktionen wie die Verhüllung des Reichstages von Christo stehen in dieser Tradition: Durch das Verhüllen wird etwas Gewöhnliches erst wieder wirklich sichtbar.

1917 besorgte sich Duchamp bei der New Yorker Firma „J. L. Mott Iron Works“, einem Händler für Sanitärbedarf, ein Urinal, ein Pissoirbecken für öffentliche Bedürfnisanstalten, gab ihm den Titel Fountain, signierte es mit dem Pseudonym „R.[ichard] Mutt“ und reichte es unter diesem pseudonymisierten Künstlernamen für die Jahresausstellung der Society of Independent Artists in New York ein. Seine Einsendung wurde heftig diskutiert, denn Duchamp verstieß mit ihr bewusst gegen alle ‚Regeln’ der traditionellen Kunst und provozierte damit die Zurückweisung seines Werkes durch die Jury der Ausstellung, der er selbst mit angehörte und aus der er nach der Zurückweisung des Werkes austrat. Das heute verlorene Objekt ist durch eine Fotografie in der zweiten Ausgabe von „The Blind Man“ (New York, Mai 1917) authentisch überliefert.[11]

Replik von Duchamps Ready-made Fahrrad-Rad (Roue de bicyclette)
(Das Original von 1913 ist verschollen)

Die Gruppe um Marcel Duchamp sorgte für Publizität. Fountain wurde somit „ausgestellt“ – jedoch nicht im konventionellen Sinn: Fountain wurde zum Medienereignis. Vom größten Teil der Kunsthistoriker wird Marcel Duchamp daher als Erfinder des Ready-made und Kunstrevolutionär, und das Werk „Fountain“ als ein zentrales Werk der Kunstgeschichte, mit dem er alle bisherigen Kunstbegriffe ironisch infrage stellte, gesehen. Außer als Provokation kann man Duchamps „Fountain“ auch als Reaktion auf das zunehmende Vertrauen in die Rationalität des Menschen sehen.

1923 gab Duchamp die Malerei auf und nutzte seine Ready-mades als eine Art Gegenkunst, denn er vertrat die Ansicht, dass der Künstler jederzeit von der Gesellschaft abhängig ist und sich aufgrund deren Korruptheit nie frei entfalten könne. Das führte auch dazu, dass sich seine Bedeutung mehr am theoretischen als am künstlerischen Schaffen misst. Mit seinen Werken kritisierte er den konventionellen Geschmack und forderte die Betrachter dazu heraus, ihre bisherigen Definitionen von ‚Kunst’ zu überdenken und möglicherweise die Sinnlosigkeit der Kunst im bisherigen Sinne zu erkennen. Diese Gedanken nahmen viele Künstler nach ihm, u.a. Jasper Johns und Robert Rauschenberg, auf, weshalb Duchamp oft auch als Mitbegründer der modernen Kunst bezeichnet wird.

Lange nach Duchamps Tod entstanden Zweifel, ob die „Ready-mades“ nicht auch von Duchamp selbst hergestellte Objekte waren und somit „[…] kreierte er einen größeren Witz, als er zugab.“[12].

[Bearbeiten] Schachtel im Koffer

Fünf Jahre lang, von 1936 bis 1941, entwickelte Duchamp seine Idee eines tragbaren Künstlermuseums, einer Boîte en valise (Schachtel-im-Koffer), bevor er diese 1941 in Paris als Deluxe-Ausführung herausbrachte. Hierin wurden „seine seit 1910 geschaffenen Kunstwerke in miniaturisierter und reproduzierter Form jederzeit verfügbar und vorzeigbar“ [13] gemacht. Duchamp selbst produzierte etwa dreihundert dieser „Miniaturmuseen“. Die kleinen Objekte, jeweils siebzig bis achtzig, fanden durch ein speziell entwickeltes Faltsystem in der Schachtel Platz.

[Bearbeiten] Schach

Zwischen 1928 und 1933 beschäftigte er sich hauptsächlich mit Schach und nahm zusammen mit der französischen Nationalmannschaft, deren Mitglied er 1930 wurde, an fünf Schacholympiaden teil: 1924 in Paris, 1928 in Den Haag, 1930 in Hamburg, 1931 in Prag und 1933 in Folkestone. Zudem befasste er sich theoretisch mit dem Spiel und publizierte zusammen mit Vitali Halberstadt in L'opposition et les cases conjuguées sont réconciliées[14] eine Abhandlung über Bauernendspiele.

Am Schachspiel faszinierte ihn sowohl die intellektuelle Abstraktion als auch der visuelle Aspekt, der durch die Bewegungen der Schachfiguren auf dem Brett entsteht. Außerdem schätzte er das Fehlen einer gesellschaftlichen Zweckbestimmung. Schach ermöglichte es ihm, sich dem Kunstbetrieb zu entziehen.

Sein Interesse am Schachspiel schlug sich aber auch vielfach in seinem künstlerischen Schaffen nieder. Er entwarf unter anderem das Plakat für die Schachmeisterschaft von Frankreich 1925, verarbeitete seine Partieaufzeichnung gegen Savielly Tartakower in Chess Score (1965) und veranstaltete am 5. März 1968 in Toronto eine Reunion betitelte Performance zusammen mit John Cage. Dabei spielten die beiden eine Schachpartie, bei der durch Sensoren im Schachbrett Tonfolgen ausgelöst wurden.

[Bearbeiten] Rezeption

Joseph Beuys

Am 11. Dezember 1964 führte Joseph Beuys im Zuge einer Live-Sendung des ZDF im Landesstudio Nordrhein-Westfalen die Aktion Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet aus. Der Titel der Aktion enthält einerseits „Kritik an Duchamps Kunstbegriff und ebenso an seinem späteren Verhalten und dessen Kultivierung, als er die Kunst aufgab und nur noch dem Schachspiel und der Schriftstellerei nachging.“[15] Andererseits die zu dieser Zeit, Mitte der 1960er Jahre, unter den Fluxus nahestehenden oder angehörenden Künstlern kontrovers geführte Debatte, ob man sich unter dem Rubrum Neodada in die Duchamp-Tradition einreihen solle.[16]

Uwe M. Schneede führt in seinem Buch über die Aktionen von Beuys noch einen weiteren Zusammenhang mit dieser Aktion und den Duchamp’schen Ready-mades auf, indem er Beuys’ Werk Stuhl mit Fett, welches ein Jahr zuvor entstand, auf die Ready-made-Praxis überträgt.

Im Mittelpunkt der Aktion stand ein im Fernsehstudio aufgestellter rechtwinkliger, nach einer Seite offener Bretterverschlag. Beuys, „eine Filzdecke mit sich ziehend, betrat das Aktionsfeld, legte die Filzdecke ab, entnahm einem Margarinekarton die einzelnen Packungen und stapelte sie.“[17] Danach brachte Joseph Beuys eine Fettecke in den Winkeln des Verschlags an. Auf dem Boden vor dem Holzwinkel lag eine quadratische Platte mit den in brauner Farbe geschriebenen Worten DAS SCHWEIGEN VON MARCEL DUCHAMP WIRD ÜBERBEWERTET, wobei er DUCHAMP unterstrichen hatte.

Richard Hamilton

Der britische Pop-Art Künstler Richard Hamilton, der, neben John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, George Heard Hamilton und Robert Rauschenberg, mit Duchamp persönlich bekannt war[2], begann 1965 mit der Rekonstruktion von Marcel Duchamps Le Grand Verre.[18]

Merce Cunningham führte am 10. März 1968 mit seiner Dance Company das Stück Walkaround Time auf, das mit einem von Jasper Johns nach Motiven des Großen Glases gestalteten Bühnenbilds gestaltet war.[2] [19]

[Bearbeiten] Werke (Auswahl)

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Ausgaben

  • Marcel Duchamp: Die Schriften. Band I. Zu Lebzeiten veröffentlichte Texte. Hrsg. von Serge Staufer. Regenbogen-Verlag, Zürich 1981

[Bearbeiten] Sekundärliteratur

  • Arturo Schwarz: The complete Works of Marcel Duchamp. Thames and Hudson, London 1969
  • Herbert Molderings: Marcel Duchamp. Campus, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-88655-178-4 (lesenswerte Einführung in Duchamps Gedankenwelt)
  • Octavio Paz: Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-38333-7
  • Calvin Tomkins: Marcel Duchamp. Eine Biographie. Hanser, München 1999, ISBN 3-446-19669-2 (umfassende Biografie zu Duchamps Leben)
  • Heinz Herbert Mann, Marcel Duchamp 1917. Silke Schreiber, München 1999, ISBN 3-88960-043-3 (Darstellung der Ereignisse um Fountain)
  • Transform. BildObjektSkulptur im 20. Jahrhundert, Kunstmuseum und Kunsthalle Basel, 14. Juni bis 27. September 1992, Pro Litteris, Zürich 1992; ISBN 3-7204-0072-7
  • Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2000; ISBN 3-7757-0853-7
  • Vlastimil Fiala: The chess career of Marcel Duchamp. Moravian Chess, Olomouc. Bd. 1: 2002, ISBN 80-7189-420-6; Bd. 2: 2004, ISBN 80-7189-516-4
  • Sherin Hamed: Die Unsichtbare Farbe. Der Gebrauch und die Funktion der Titel in dem frühen Werk von Marcel Duchamp. LMU-Publikationen, München 2004 (Volltext)

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Marcel Duchamp – Bilder, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b c d e Arturo Schwarz: Marcel Duchamp Biographie
  2. a b c Marcel Duchamp 1887-1986
  3. Marcel Duchamp Biografie
  4. Luigi Carluccio: the sacret and profane in Symbolist art, Art Gallery of Ontario, Toronto, 1. November bis 26. November 1969, S. 99
  5. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Hatje Kantz Verlag, Düsseldorf 2000, S. 427
  6. Robert Hughes: The shock of the new. Alfred A. Knopf, New York 1981, S. 66, ISBN 0-394-51378-9
  7. Thomas Krens (Vorw.): Rendezvous. Masterpieces from the Centre Georges Pompiddou and the Guggenheim Museums. Editions du Centre Pompidou, Paris 1998, S. 627
  8. Hulten, Pontus: Marcel Duchamp. Work and Life: Ephemerides on and about Marcel Duchamp and Rrose Selavy, 1887-1968. Seiten 8–9 , Juni 1927 bis 25. Januar 1928. ISBN 0-262-08225-X
  9. Michael Wetzel: Marcel Duchamp oder: Die Kunst als Inszenierung. Deutschlandfunk, 31. August 2008. Abgerufen am 14. September 2008.
  10. Stephan E. Hauser in: Transform. BildObjektSkulptur im 20. Jahrhundert, Kunstmuseum und Kunsthalle Basel, 14. Juni bis 27. September 1992, Pro Litteris, Zürich 1992, S. 62
  11. [1]
  12. Rhonda Roland Shearer: "Marcel Duchamp's Impossible Bed and Other 'Not' Readymade Objects. Art & Academe, Fall 1997. Abgerufen am 14. September 2008.
  13. Christiane Ladleif in: Open Box. Künstlerische und wissenschaftliche Reflexionen des Museumsbegriffs, hrsg. von Michael Fehr, Wienand, Köln 1998, S. 130
  14. Marcel Duchamp/ Vitali Halberstadt: L’opposition et les cases conjuguées sont réconciliées, Paris 1932; deutsch: Opposition und Schwesterfelder, 2001, ISBN 3-932170-35-0)
  15. Götz Adriani, Winfried Konnertz und Karin Thomas: Joseph Beuys. DuMont; Neuauflage, Köln 1994, ISBN 3-7701-3321-8
  16. Uwe M. Schneede: Joseph Beuys. Die Aktionen. Kommentiertes Werkverzeichnis mit fotographischen Dokumentationen. Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit, 1994, S. 80 f.
  17. Uwe M. Schneede: Joseph Beuys. Die Aktionen, Ostfildern-Ruit, 1994, S. 80 f.
  18. Biographie Richard Hamilton
  19. Merce Cunningham Dance Company. Complete Chronology
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