Masoretischer Text
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Der Masoretische Text (von hebr. masorah: „Überlieferung“; abgekürzt M, MT oder MasT) ist ein hebräischer Text des Tanach. Er ist Ergebnis einer streng geregelten, generationenlangen manuellen Abschrift und Überarbeitung älterer Handschriften durch die Masoreten. Diese jüdischen Schriftgelehrten vokalisierten den von ihren Vorgängern, den Sofarim („Schreiber“), ab etwa 100 fixierten Konsonantentext zwischen 700 und 1000 nach einem einheitlichen System. Sie markierten Varianten, andere Lesarten, Parallelstellen und vermutete Fehler des unverändert kopierten Konsonantentextes mit besonderen Zeichen, die man als Masora zusammenfasst und als frühe biblische Textkritik deutet. Ihr Text setzte sich gegenüber allen übrigen Fassungen durch und führte zu den ältesten vollständig erhaltenen Handschriften des Tanach (895ff), die allen heutigen wissenschaftlichen Ausgaben der Hebräischen Bibel zugrundeliegen.
Der masoretische Text galt seit der Renaissance als biblischer Urtext. Diese Annahme wurde durch Funde von bis zu 1100 Jahren älteren Bibelhandschriften unter den Schriftrollen von Qumran und anderswo entkräftet. Zugleich aber bestätigten diese Funde, dass der Masoretentext für die meisten Bücher der Bibel auf frühester jüdischer Bibelüberlieferung beruht und diese erstaunlich genau bewahrte.
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[Bearbeiten] Heutiger Gebrauch
Der Masoretische Text bildet heute den im Judentum benutzten Tanachtext. Im Christentum stellt er eine der wichtigsten Quellen für Bibelübersetzungen dar. Theologen greifen bevorzugt auf den masoretischen Text zurück.
Die Textkritik des Alten Testamentes geht infolge der Entstehungsgeschichte des Masoretischen Textes heute davon aus, dass der Masoretische Text dem zur Zeit des Urchristentums verwendeten Text des Alten Testamentes am nächsten kommt. Nur wo begründete Zweifel an diesem Text bestehen, sollte die betreffende Textstelle zugunsten einer anderen Quelle aufgegeben werden.
[Bearbeiten] Kanonisierung und erste Textedition
Nach dem jüdischen Aufstand, der um das Jahr 70 n. Chr. endete, wurde ein Treffen unter dem pharisäischen Rabbi Jochanan ben Sakkai im Jahre 95 in Jamnia einberufen, um das geistliche Gremium des Judentums, den Sanhedrin, wiederherzustellen. Auf diesem auch als Synode von Jamnia bezeichneten Treffen wurde unter anderem der Kanon der heiligen Schriften diskutiert.
Unter den umstrittenen Texten waren die heute deuterokanonische Schriften bzw. Apokryphen genannten Bücher, die in der römisch-katholischen Kirche und den Ostkirchen als inspiriert gelten, sowie das Buch der Sprichwörter (= Sprüche Salomons), das Buch des Hohen Liedes und das Buch Kohelet (= Prediger Salomo). Die letzten drei Bücher wurden wahrscheinlich nur in den Kanon aufgenommen, da sie Salomo zugesprochen wurden, eine heute als unwahrscheinlich geltende These. Nach dem Talmud (Jadajim 3,5) wurde in Jamnia nur die Kanonizität von Kohelet (Rabbi Schimon ben Azzai) beziehungsweise von Kohelet und Hohelied (laut Rabbi Aqiba) diskutiert. Für eine Diskussion der „deuterokanonischen“ Schriften in Jamnia fehlt jeder Beleg.
Die Kanonisierung des Tanach war etwa um 100 nach Christus, besonders durch das Wirken Rabbi Akibas abgeschlossen. Ein verbindlicher jüdischer Text war unter anderem notwendig geworden, da es mit Vertretern des sich ausbreitenden Christentums immer wieder zu Differenzen in der Lesart und Auslegung der Heiligen Schriften kam. Dazu hatte insbesondere die Verwendung der griechischen Septuaginta durch die Christen und Juden der hellenistischen Welt beigetragen.
Es ist im einzelnen wenig darüber bekannt, nach welchen Kriterien aus den verschiedenen zu jener Zeit existierenden Textversionen ausgewählt wurde. Relativ sicher erscheint, dass Vulgärtexte, also Texte, die eine populäre und vereinfachende Sprache zeigten, zugunsten differenzierter und älterer Textversionen aufgegeben wurden. Aramäische Wörter und Passagen wurden durch ursprünglichere hebräische Textversionen ersetzt. Da nach jüdischem Brauch Schriftrollen, die nicht mehr im Gottesdienst verwendet werden konnten, in einer Genisa, d.h. einem eigens dafür geschaffenen Raum, aufbewahrt wurden, haben wichtige Schriftstücke der jüdischen Liturgie und Geschichte ab dem 8. Jahrhundert überlebt.
Seit der Kanonbildung kann man von einem sehr stabilen Konsonantentext ausgehen. Der einmal gesicherte Konsonantentext sollte durch die Tätigkeit seiner Überlieferer (Masoreten) möglichst nicht mehr verändert werden. Vielmehr wurde eine noch genauere Textfassung angestrebt. Im Umlauf befindliche abweichende Schriften wurden diesem Text in der Folge entweder durch Korrektur angeglichen oder als unbrauchbar verworfen. Dieser Prozess dauerte bis ins 8. Jahrhundert. Mittelalterliche jüdische Handschriften zeigen weitgehend einheitliche Textfassungen.
[Bearbeiten] Die Masoreten
Der Ausdruck meint im engeren Sinn diejenigen Bibelschreiber, die etwa zwischen 780 und 930 in Tiberias den Bibeltext einer sehr genauen Prüfung unterzogen und ein eigenes, hochentwickeltes System zur genaueren Fixierung des Texts entwickelten. In dieser Zeit entfaltete die Bewegung der Karäer ihren Einfluss auf das jüdische Geistesleben. Diese Religionsgemeinschaft hat ihre eigenen masoretischen Traditionen.
Überliefert sind die Namen der Masoretenfamilien Ben Ascher und Ben Naftali in Tiberias (Israel). Von manchen Forschern werden auch diese Familien den Karäern zugerechnet. Der Masoretische Text verdankt ihnen einen guten Teil seiner hohen Qualität. Bekannte Mitglieder waren:
- Ascher der Alte, der Große, auch Rabbi Ascher genannt
- Aschers Sohn Nehemia
- Ascher ben Nehemia
- Moses ben Ascher, ein Enkel Ascher des Großen. Konsonantenbestand und Punktation des Kairoer Prophetenkodex wurden traditionell ihm zugeschrieben (in jüngerer Zeit bestritten, s. Codex Cairensis).
- Sein Sohn Aaron ben Mosche ben Ascher wirkte in Tiberias in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Er wurde zur führenden masoretischen Autorität.
Ben Naftali etwa 890-940, wirkte vermutlich ebenfalls in Tiberias. Obwohl die Notationsart seiner Familie weiter fortgeschritten erscheint, setzte sich ab dem 12. Jahrhundert die Fassung Ben Aschers durch, die auch von Maimonides favorisiert wurde. Eine Abschrift seines Textes stellt der Codex Leningradensis dar. Die Punktation und Masora des Codex von Aleppo stammt von ihm.
Folgende Aufgaben wurden von den Masoreten in Angriff genommen:
- die Vokalisierung des Textes,
- die Phrasierung des Textes
- die Sicherung des Textes gegen zufällige und absichtliche Änderungen,
- die Klärung von unklaren Textstellen.
Zur Umsetzung dienten ihnen eine Reihe von Zusätzen, die dem Konsonantentext beigegeben wurden.
[Bearbeiten] Vokalisation
Der hebräische Konsonantentext enthielt nur wenige Vokalzeichen. Diese wurden zudem unregelmäßig gebraucht. Daher wurden die Konsonanten durch Teamim mit Vokalen ergänzt. Dies sind verschiedene Punkte unter (infralinear), über (supralinear) oder in den Buchstaben der Quadratschrift. Diese Tätigkeit wird als punktieren bezeichnet.
Verschiedene Punktationssysteme, die teilweise voneinander abhängen, kamen zum Einsatz:
- das babylonische Vokalisationssystem des biblischen Hebräisch (supralinear)
- das palästinensische System (supralinear)
- das tiberische System (infralinear).
Letztlich setzte sich das tiberische System durch. Problematisch und teilweise bis heute strittig war die Wahl der Vokale, da die hebräische Sprache zum Zeitpunkt der Vokalisierung bereits hunderte von Jahren von der Sprache des Konsonantentextes entfernt war.
[Bearbeiten] Phrasierung des Textes
Ähnlich wie bei der Vokalisierung wurden Textabschnitte durch Punkte und Akzente (hebräisch Teamim) kenntlich gemacht. In einigen heutigen Bibelausgaben wird dies vor allem am Satz des Psalters deutlich, in dem das hebräische Versmaß abgebildet werden soll.
[Bearbeiten] Sicherung des Textes
Die Sicherung des Textes wurde durch die Beigabe der Masora (im engeren Sinne) erreicht. Man unterscheidet, je nach Position zum Text:
- die Randmasora (Masora marginalis), am Seitenrand, unterteilt in
- Masora parva, ein oder beidseitig des Textes und die
- Masora magna, ober und unterhalb des Textes,
- die Schlussmasora (Masora finalis) am Schluss des gesamten Textes, die das Material der Randmasora noch einmal geordnet wiedergibt.
Die Masora enthält Hinweise zur Gestalt des Textes und stellt keine Auslegung des Textes dar. So wird beispielsweise hingewiesen auf:
- das mehrfache Vorkommen eines Wortes, oft mit Anzahl,
- die besondere Schreibweise einzelner Wörter,
- ähnliche Textstellen und Probleme anderenorts,
- Textkuriositäten,
- Abweichende Lesarten bestimmter Wörter (so genannte Ketib und Qere),
- Bedenken gegen überlieferte Wörter (punkta extraordinaria)
- Bedenken gegen überlieferte Versabfolgen (Nun inversum),
- die abweichende, eigentlich erwartete Wortform (Sebirin)
Die Masora gleicht vielerorts einem ausgefeilten Zahlenspiel. Tatsächlich hatten die Sopherim (סֹפֵרִים), die Schreiber, zuallererst begonnen, jedes einzelne Wort des Textes zu zählen. Dieses bildete jedoch für die Masoreten eine unverzichtbare Möglichkeit, die Korrektheit ihrer Abschriften zu prüfen. Sie kann damit als früher Vorläufer der in der Informatik verwendeten Prüfsummen angesehen werden.
[Bearbeiten] Erhaltene Textfassungen
Der Text der sogenannten zweiten Rabbinerbibel (auch Bombergiana genannt), die 1524/25 gedruckt wurde, war lange Zeit der allgemein anerkannte hebräische Text des Alten Testamentes (textus receptus hebraicus). Er war von Jakob Ben Chajim erarbeitet worden. Auf ihm basieren die ersten beiden Auflagen der von Rudolf Kittel herausgegebenen Biblia Hebraica.
Der auf 1008 n. Chr. datierte Codex Leningradensis B 19A (auch: Codex Petropolitanus) gilt als älteste vollständig erhaltene Handschrift der Hebräischen Bibel (Tanach). Er stellt eines der besten Beispiele masoretischer Texte dar. Auf ihm basiert die Biblia Hebraica ed. Kittel seit ihrer 3. Auflage sowie die Biblia Hebraica Stuttgartensia. Der Codex wurde als Abschrift eines Textes des Masoreten Aaron ben Mosche ben Ascher identifiziert. Damit ist die Handschrift gemessen an den bedeutendsten Handschriften des griechischen Alten und Neuen Testaments aus dem 4. und 5. Jahrhundert relativ jung. Der älteste hebräische Text, der den Prophetenkanon vollständig enthält, der Codex Cairensis, stammt nach den Angaben seines Kolophons aus dem Jahr 895 n. Chr. (Datierung in jüngerer Zeit bestritten, s. Codex Cairensis).
Der auf etwa 920 n. Ch. datierte Codex von Aleppo wird ebenfalls dem Umfeld Aaron Ben Aschers zugerechnet. Er gilt daher als sehr guter Textzeuge, war jedoch bis 1947 der Wissenschaft nicht zugänglich und ist seit 1947 nicht mehr vollständig.
[Bearbeiten] Beziehung zu anderen Texten
Ein Vergleich mit der Septuaginta, dem zweiten wichtigen Textzeugen der Hebräischen Bibel, ergibt zahlreiche kleine und einige auch theologisch signifikante Unterschiede.
Die Schriftrollen vom Toten Meer stimmen teilweise mit dem Masoretischen Text, teilweise mit der Vorlage der Septuaginta, teilweise mit keinem der beiden Texte oder aber mit beiden überein; in etlichen Fällen haben sie jedoch gemeinsam mit der Septuaginta die gleiche Lesart gegen den Masoretischen Text. Dies macht es wahrscheinlich, dass die Septuaginta an diesen Stellen ursprünglichere hebräische Lesarten überliefert hat, und es erlaubt den Schluss, dass dies auch bei vielen derjenigen Unterschiede zwischen Septuaginta und Masoretischem Text gilt, für die es kein Vergleichsmaterial aus Qumran gibt.
[Bearbeiten] Literatur
- englisch
- Israel Yeivin: Introduction to the Tiberian Masorah. Scholars Press for the Society of Biblical Literature and the International Organization for Masoretic Studies, University of Michigan 1980, ISBN 9780891303732
- Shnayer Z. Leiman: The Canon and Masorah of the Hebrew Bible: An Introductory Reader. The Library of Biblical studies, American Oriental Society 1974, ISBN 0870681648
- Emanuel Tov: Textual Criticism of the Hebrew Bible. Brill Academic Publications, revidierte Auflage 2005, ISBN 9023237153
- deutsch
- Timothy G. Crawford, Page H. Kelley, Daniel S. Mynatt: Die Masora der Biblia Hebraica Stuttgartensia. Einführung und kommentiertes Glossar. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2003, ISBN 3438060094
- Paul Kahle: Masoreten des Ostens. Die ältesten punktierten Handschriften des Alten Testaments und der Targume. Olms Verlag (1. Auflage: Leipzig 1913), Nachdruck, Hildesheim 1984/2001, ISBN 3487012480 (Buchauszug online)
- Paul Kahle: Masoreten des Westens. 2 Bände, Olms Verlag (1. Auflage: Stuttgart 1927-30), Nachdruck, Hildesheim 2005, ISBN 3487018152
- H.-G. von Mutius: Die Masoreten als Textverfälscher? Neue Überlegungen zu einem bekannten Problem in Genesis 1,20. In: Biblische Notizen 81, München 1996, ISSN 0178-2967, S. 15-20
- Johann Maier: Studien zur jüdischen Bibel und ihrer Geschichte. Studia Judaica, Walther de Gruyter, 1. Auflage 2004, ISBN 3110182092 (Buchauszug online)
- Emanuel Tov: Der Text der Hebräischen Bibel: Handbuch der Textkritik. Kohlhammer, München 1997, ISBN 3170135031

