Neopaganismus

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Neopaganismus oder Neuheidentum bezeichnet als Oberbegriff neuzeitliche Formen des Heidentums. Seine Anhänger berufen sich auf vorchristliche Traditionen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Überblick

Das Wort Neopaganismus kommt vom lateinischen Wort paganus, ursprünglich Dorfbewohner, ab dem Hochmittelalter Heide, und griechisch neo für neu. Das Christentum, das seinerseits aus Sicht des Judentums eine Abspaltung darstellte, verwendete den Begriff für ländliche Bewohner um die römisch-griechischen Städte, die am beginnenden Mittelalter zunehmend christianisiert wurden.

Der Neopaganismus wird von seinen Anhängern als Wiederbelebung indigener vorchristlicher Religionen gesehen, die aufgrund der christlichen Missionierungen, der Christianisierung und Zwangstaufen – teils verfolgt und gewalttätig – untergingen. Die neopaganen Lehren und Praktiken werden sowohl als Urreligion der Menschheit als auch als Religion für die Zukunft betrachtet.[1] Anhänger des Neuheidentums leben zumeist in den westlichen Industrieländern. Zwar gibt es auch indigene Religionen in anderen Ländern, aber nicht das Phänomen der Wiederbelebung historischer („ausgestorbener“) Religionen in Zusammenhang mit der Selbstbezeichnung als „Heidentum“.

Die Rekonstruktion des alten Polytheismus kann aus verschiedenen Gründen keine authentische sein, sondern versteht sich als eine an wissenschaftlichen Quellen orientierte spirituelle Rückbindung (im vorchristlichen Sinne religio von relegere = wiederauflesen/-sammeln). Die Götter, die Naturgeister des Landes und die nahen wie entfernten Ahnen werden kultisch in Anrufungen nach dem do ut des Prinzip geehrt.

Neopaganismus ist auch eine Gegenbewegung zum kirchlichen Christentum, das über Jahrhunderte das Heidentum ausgegrenzt und dämonisiert hat.[2] Abgelehnt wird der Dogmatismus und die Lebensfeindlichkeit der jüdisch-christlichen Tradition.[1]

Viele Neuheiden praktizieren ihre Religion(en) alleine und gehören keiner Gemeinschaft an, wie etwa Hexen. Daneben existieren eine Reihe neuheidnischer Gemeinschaften. Zum Neuheidentum zählen auch neue religiöse Gruppierungen, die Elemente aus vor- oder nichtchristlichen Glaubensrichtungen verwenden, etwa ein Pantheon. Asatrú (aus dem Altnordischen: „Glaube an die Asen, das jüngere Göttergeschlecht in der nordischen Mythologie) ist sowohl ein Begriff für germanisches Neuheidentum als auch für die eher orthodoxe Richtung dieser Form des Heidentums.

Die sogenannten Neuheiden nehmen heidnisches, oftmals animistisches Brauchtum, Rituale, und Traditionen vorchristlicher Kulturen der eigenen Region oder fremder Naturreligionen (Animismus) unter den Bedingungen heutiger Kultur wieder auf. Die Rekonstruktion des alten Polytheismus kann aus verschiedenen Gründen keine authentische sein, sondern versteht sich als eine an wissenschaftlichen Quellen orientierte spirituelle Rückbindung (im vorchristlichen Sinne religio von relegere = wiederauflesen/-sammeln). Neopaganismus ist auch eine Gegenbewegung zum kirchlichen Christentum, das über Jahrhunderte das Heidentum ausgegrenzt und dämonisiert hat.[2]

Zu unterscheiden sind insbsondere folgende Richtungen des Heidentums:

In dieser „neuen Kultur“ können sich auch die beide Richtungen Keltismus und Germanismus zu einer Religion vermischen. Daneben gibt es aber auch Neuheiden, die sich keiner solchen Tradition direkt zurechnen. So werden etwa indianisch- oder sibirisch-schamanistische Rituale und Mythen gepflegt.[3]

Der Neopaganismus wird soziologisch heute unter dem Begriff Neue religiöse Bewegungen subsumiert, häufig auch der esoterischen Szene oder animistischen Gruppierungen zugeordnet. Im Unterschied zu Stammestraditionen oder tatsächlich traditionell naturreligiösen Kulturen ist das Neuheidentum ein postmodernes Phänomen mit subkulturellen Zügen meist in den westlichen Industrieländern.

[Bearbeiten] Geschichte

Die ältesten greifbaren Strömungen des Neuheidentums begannen als Gegenbewegung zur Aufklärung: die neudruidischen Orden und neukeltischen Gruppen sowie das Neugermanentum.[4] Dieses wirkte im deutschen Sprachraum mit dem Erwachen des Nationalstolzes nach dem Sieg über Napoleon zusammen.[4] Dabei führte das Suchen nach den heidnischen Wurzeln der „echten“ Deutschen zur Entstehung eines germanisierenden Geschichtsmythos, verbunden mit dem Herabwerten anderer Völker, ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auch anderer „Rassen“.[5]

Sogenannte Deutsch- und germanischgläubige Gemeinschaften, die der völkischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zugerechnet werden, wandten sich vom Christentum ab und waren auf der Suche nach einer arteigenen Religion. Das führte zu sehr unterschiedlichen religiösen Entwürfen, die an germanische und deutsche Traditionen anknüpfen wollten; es war ein Versuch, vorchristliche germanische Glaubensvorstellungen zu rekonstruieren.

Zur völkischen Bewegung zählt die Ariosophie von Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels, die am stärksten elitär, rassistisch und antisemitisch ausgerichtet war. Ihre Wirkungsgeschichte einer rechten Esoterik setzte sich zu einzelnen heutigen neuheidnischen Gruppen fort. Auch einzelne Nationalsozialisten wie Heinrich Himmler waren davon beeinflusst. Die meisten Neuheiden sind allerdings politisch neutral oder treten antifaschistisch auf.[6]

Seit den 1960er Jahren kam es zu einer internationalen Belebung des Neuheidentums. Besonders aus England und den USA wirkten neue Impulse auf Europa ein, die zusätzlich auch „heidnische“ Religionsformen anderer Völker in die Bewegung aufnahmen.[5] So wurden z. B. die außereuropäischen Traditionen der indianischen und sibirischen Schamanen als fester Bestandteil integriert. Auch das Neukeltentum bekam neuen Aufschwung.[7] 1972 wurde die jahrhundertelang in Island geduldete vorchristliche nordische Religion, unter der Bezeichnung Asatru staatlich anerkannt. Das sich seit den 1930er Jahren von England aus durchsetzende neuheidnische Hexentum wurde ebenfalls fester Teil der Bewegung.[7]

Im heutigen Heidentum findet ein typischer Prozess fortwährender Ausdifferenzierung zwischen „Traditionalisten“ und „Modernisten“ statt.[7] Die „Traditionalisten“ versuchen, mit Hilfe derzeitigen wissenschaftlichen Wissens und den alten lückenhaften Überlieferungen möglichst originalgetreu die vorchristlichen Religionen zu rekonstruieren und zu beleben.[7] Die „Modernisten“ versuchen, vom Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse ausgehend, eine Religion des Einklangs mit der beseelten Natur mit dem Menschen zu leben. Sie bekennen sich dazu, neue religiöse Formen zu erschaffen.[7]

Seit den 1990er Jahren hat ein Prozess der Institutionalisierung eingesetzt, welcher dazu führt, Dachverbände zu bilden (z. B. „Pagan Federation“). Viele Neuheiden aber lehnen jede Verbandsform als nichtheidnisch ab.[7]

[Bearbeiten] Aussagen und Ziele

Den Neopaganismus kennzeichnen unter anderen folgende Selbstaussagen jeweils einiger Gruppen:

  • Naturnahe Lebensweise in einer hoch technisierten Zivilisation
  • Schutz von Umwelt und Mitlebewesen
  • Erleben der Kräfte der Natur, die sich in Gestalt der Göttinnen und Götter anrufen lassen und auch dem einzelnen Gläubigen erkennbar sind
  • einzelne Abwendungen von einer Priesterreligion, direktes Glaubenserlebnis sowie auch Etablierung neuer Formen der (Hohe-)Priesterformen.
  • Kein dogmatisches Glaubensbekenntnis, stattdessen individualisiertes Erleben von Gläubigkeit und Vielfalt gleichberechtigter Kulte.
  • Kritik an monotheistischen, hierarchischen und dogmatischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam u. a.)
  • Weltweite Verbreitung heidnischer Kulte als Glaube an viele Gottheiten, in Europa (germanisches, keltisches, wendisches Heidentum), Afrika, Amerika (zahlreiche indianische Stammesreligionen, unter anderem der Hopi), Asien (Hinduismus, Shintō in Japan u. a.) – Vielfalt in einem Netzwerk weltweit verbreiteter Naturreligionen
  • Betonung der Freiheit des Einzelnen
  • Aktive Aufnahme alter Kulturtechniken, Handwerkstätigkeiten etc. im Rahmen des Reenactment z. B. bei Wikinger- und Mittelaltermärkten
  • Intensives Musikbewusstsein (Musik hören, Musik machen, Musik erleben)

Das Spektrum der Mitglieder von neuheidnischen Gruppierungen ist heterogen. Es reicht von politischen Extremisten über neugierige Selbsterfahrungs-Seminar-Teilnehmer und esoterischen Sinnsuchern bis hin zu praktizierenden Anhängern und Priestern.

Es gibt bislang nur wenige einheitliche, umfassende Organisationen oder Institutionen, in der sich die verschiedenen Religionen vereinigen, einige sind zum Beispiel die Kulturgeister e.V., der Rabenclan oder die orthodoxe, keltisch germanische Kirche.

[Bearbeiten] Hochfeste germanischer, baltischer und keltischer Naturreligionen

Termin germanisch baltisch irisch-keltisch Alternativname
6. Februar Disting (Lichtfest) Perkūno diena Imbolc
20. März Ostara Pavasario saulėgrįža Latha na Cailliche Frühjahrsäquinoktium
30. April Walpurgisnacht Beltane Nacht auf den 1. Mai
21. Juni Mittsommer Rasa (Joninės, Lyguo) Oiche Fheile Eoghain Sommersonnenwende
31. Juli Schnitterfest Lammas Lughnasadh
22. September Herbstfest Rudens saulėgrįža Blas an Fhomair Herbstäquinoktium
31. Oktober Winternacht Vėlinės Samhain
21. Dezember Jul, Mittwinter Žiemos saulėgrįža, Kūčios Dubluachair Wintersonnenwende

Die angegebenen Termine können nur Richtwerte sein, da sich die Feste nach den Sonnen- und Mondständen richten und schriftliche Quellen fehlen.

[Bearbeiten] Neopaganismus und Musik

Neopaganismus findet sich in Teilen der Metal-Szene, sowohl aus rein ästhetischen Gründen und zur Konstituierung des Archaischen und der Männlichkeit als auch als konstituierendes Element der Subgenres Viking Metal und Pagan Metal. Auch finden sich neuheidnische Strömungen im Neofolk und Teilen der Schwarzen Szene.

[Bearbeiten] Neopaganismus und Politik

Ein moderner Vertreter des politisch rechtsradikalen neuen Heidentums ist der französische Publizist Alain de Benoist. In Deutschland[8] stehen am rechten Rand des Spektrums Gemeinschaften wie etwa die „Deutschgläubige Gemeinschaft“, die „Nordische Glaubensgemeinschaft“ oder die „Artgemeinschaft“, die in der Tradition der völkischen deutschgläubigen Bewegung stehen. Aktiver sind dem Neugermanentum entstammende, vor allem Gruppen, die auch ariosophisch geprägt sind. Auf Guido von List und Jörg Lanz von Liebenfels berufen sich der Armanen- und Goden-Orden.

Es gibt neuheidnische Gruppierungen, die sich ausdrücklich von rechtsextremistischen Tendenzen distanzieren. Beispiele für solche Gruppen sind der Steinkreis oder der Rabenclan. Eine antifaschistische Einzelinitiative ist „Heiden gegen Hass“.[9] Auch Reclaiming ist eine neuheidnische Organisation, für die politisches Engagement für Umweltbewusstsein, Feminismus und Völkerverständigung Teil ihres Selbstverständnisses ist.

[Bearbeiten] Literatur

  • Otto Bischofsberger et al. (Hrsg.): Das neue Heidentum. Rückkehr zu den alten Göttern oder neue Heilsbotschaft?. Beiträge von Otto Bischofsberger, Peter Hölzle, Stefanie von Schnurbein, Paulusverlag, Freiburg/Schweiz 1996 ISBN 3-7228-0383-7 (Weltanschauungen im Gespräch; Bd 14)
  • David Burnett: Dawning of the Pagan Moon, Eastbourne 1991
  • Hubert Cancik: Neuheiden und totaler Staat: Völkische Religion am Ende der Weimarer Republik, in H. Cancik (Hrsg.): Religions- und Geistesgeschichte der Weimarer Republik, Düsseldorf 1982, S. 176-212
  • Richard Faber, Renate Schlesier (Hrsg.): Die Restauration der Götter: Antike Religion und Neo-Paganismus. Königshausen + Neumann, Würzburg 1986 ISBN 3-88479-211-3
  • René Gründer: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland: Entstehung, Struktur und Symbolsystem eines alternativreligiösen Feldes, Berlin 2009
  • Charlotte Hardman, Graham Harvey (eds.): Paganism Today, London 1996
  • Ronald Hutton: The Triumph of the Moon – A History of Modern Pagan Witchcraft, Oxford 2000
  • Aidan A. Kelly: Neo-Pagans and the New Age, in J. Gordon Melton, Jerome Clarke, Aidan A. Kelly (eds.): New Age Encyclopedia, Detroit/London 1990, S. 311-315
  • Joanne Pearson (ed.): Nature Religion Today: Paganism in the Modern World, Edinburgh 1998
  • Shelley Rabinovitch, James Lewis: The Encyclopedia of Modern Witchcraft and Neo-Paganism, 2003
  • Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache - Rasse - Religion. Wiss. Buchges., Darmstadt 2001. ISBN 3-534-15052-X
  • Uwe Puschner: Weltanschauung und Religion, Religion und Weltanschauung. Ideologie und Formen völkischer Religion. In: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1. online
  • Sian Reid: Between the Worlds – Readings in Contemporary Neo-Paganism, 2006
  • Stefanie von Schnurbein: Die Suche nach einer „arteigenen“ Religion in 'germanisch-' und 'deutschgläubigen' Gruppen. In: Handbuch zur "Völkischen Bewegung" 1871 - 1918. Hrsg. von Uwe Puschner, Walter Schmitz und Justus H. Ulbricht. Saur, München u.a. 1996, S. 172-185. ISBN 3-598-11421-4
  • Stefanie von Schnurbein: Religion als Kulturkritik. Neugermanisches Heidentum im 20. Jahrhundert. Carl Winter, Heidelberg 1992. ISBN 3-533-04582-X
  • Marc R. Spindler: Europe's Neo-Paganism: a Perverse Inculturation, International Bulletin of Missionary Research 11(1), 1987, S. 8-11
  • Justus H. Ulbricht: Deutschgläubige und deutschgläubige Gruppierungen. In: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933. Hrsg. von Diethart Kerbs und Jürgen Reulecke. Pter Hammer Verlag, Wuppertal 1998 ISBN 3-87294-787-7, S. 499-511
  • David Waldron: The Sign of the Witch – Modernity and the Pagan Revival, 2008
  • Karlheinz Weißmann: Druiden, Goden, Weise Frauen. Zurück zu Europas alten Göttern, Herder, Freiburg im Breisgau 1991 ISBN 3-451-04045-X

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b Otto Bischofsberger: Einführung. In: Otto Bischofsberger et al. (Hrsg.): Das neue Heidentum. Freiburg/Schweiz 1996, S. 7ff.
  2. a b Otto Bischofsberger: Vom alten zum neuen Heidentum. Eine religionsgeschichtliche Einführung. In: Otto Bischofsberger et al. (Hrsg.): Das neue Heidentum. Freiburg/Schweiz 1996, S. 11
  3. Brockhaus-Enzyklopädie (30 Bd.), Art. Neuheidentum; Leipzig / Mannheim 212006, ISBN 978-3-7653-4116-8
  4. a b Nils Grübel und Stefan Rademacher: Religion in Berlin. Ein Handbuch. Weissensee Verlag, Berlin 2003, S. 515.
  5. a b Nils Grübel und Stefan Rademacher: Religion in Berlin. Ein Handbuch. Weissensee Verlag, Berlin 2003, S. 516.
  6. Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne: Entfesselung und Mißbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik. Herder, Freiburg, 1999, 256 S., ISBN 3-451-05205-9, Kap. 9 "Die Wiederkehr der alten Götter"
    Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-185-8. Original Black Sun, 2002, Kap. 3, 4, 10 und 14
  7. a b c d e f Nils Grübel und Stefan Rademacher: Religion in Berlin. Ein Handbuch. Weissensee Verlag, Berlin 2003, S. 517.
  8. Brockhaus-Enzyklopädie, 30 Bände, Art. Neuheidentum; Leipzig/Mannheim 2006
  9. Heiden gegen Hass (HAH)

[Bearbeiten] Weblinks

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