Nikobaren

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Lage der Nikobaren
Karte der Nikobaren

Die Nikobaren (auch Nicobaren) sind eine zum indischen Unionsterritorium Andamanen und Nikobaren gehörende Inselgruppe im Golf von Bengalen mit einer Fläche von insgesamt 1841 km² und etwa 42.000 Einwohnern (Zählung 2001). Davon sind 65 % - also etwa 27.000 - einheimisch, der Rest stammt meist aus Indien. Nur 12 der 22 Inseln sind bewohnt.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geografie

Die wichtigsten Inseln heißen: Car Nicobar, Great Nicobar, Chowra, Teressa, Nancowrie (auch: Nancowry), Katchal und Little Nicobar. Hauptort ist Nancowrie (auch: Nancowry).

[Bearbeiten] Geschichte

Ab 1754/1756 stand die Inselgruppe infolge der Landnahme durch staatlich gelenkte Handelskompanien unter europäischer, zunächst dänischer, Herrschaft. In der Zwischenzeit gab es mehrere dänische Versuche von Tranquebar aus die Inseln dauerhaft zu kolonisieren. Ein letzter Versuch fand 1846 statt. Damit waren die Nikobarischen Inseln die letzte Kolonie Dänemarks in Südasien. Im Zusammenhang mit den dänischen Kolonialisierungsversuchen befand sich dort von 1768-1787 ein Missionsstützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine.

Zwischen 1778 und 1784 waren die Nikobaren die erste österreichische Überseekolonie, wurden jedoch gleichzeitig von Dänemark beansprucht. Eine der Inseln, Teressa, trägt heute noch den Namen der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia. Dänemark gab seinen Anspruch durch königliche Resolution von 1868 auf, wonach die Inseln nicht mehr als dänisches Hoheitsgebiet betrachtet wurden.

Zu der Zeit propagierten die Berliner Kolonialenthusiasten Ernst Friedel, Otto Kersten und Franz Maurer u.a. die Kolonialisierung der Nikobaren durch Preußen. „Ein Jahr nach Königgrätz versuchte diese Gruppe vergeblich, mit einem gemeinsamen Vorstoß das Interesse von Öffentlichkeit und Regierung auf koloniale Fragen hinzulenken. Jeder von ihnen warb in einer Broschüre für ein besonderes Kolonialprojekt:“[1] Sie veröffentlichten jeder ein Buch zu einem Überseegebiet, das ihnen für eine Kolonialisierung frei und geeignet schien. Maurer schlug in seinem Buch, das nach umfangreichen Studien u.a. in Kopenhagen und einer regen Korrespondenz mit der Brüdergemeine entstand, die Nikobaren als Kolonie vor.[2] Darauf entbrannte eine Debatte über die Machbarkeit zwischen Georg Ritter von Frauenfeld einerseits und Maurer sowie Karl Ritter von Scherzer andererseits.[3]

Solche Erörterungen erübrigten sich, denn nach 1869 fielen die Nikobaren an Großbritannien und wurden Teil von Britisch-Indien. Mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 fand die britische Dominanz ein Ende. Beziehungen zur einstigen Kolonialmacht bestehen weiterhin, jedoch aufgrund der Abgelegenheit und Isolierung weniger intensiv als vergleichsweise auf dem Festland.

[Bearbeiten] Ethnografie

Einzelne Inseln der Nikobaren und der benachbarten Andamanen waren Jahrzehnte von der indischen Regierung für Besucher gesperrt, um die Urbevölkerung vor unberechenbaren Einflüssen der Zivilisation zu schützen. Auch Forscher haben nur mit Ausnahmegenehmigung Zutritt. Touristen werden auf den Nikobaren nicht geduldet. Die indigene Bevölkerung lebte vor dem Tsunami 2004 in stattlichen Dörfern an den Küsten der Inseln. Das Meer war die Hauptnahrungsquelle. Die halbnomadisch lebenden Shompen der südlichen Inseln kennen den Gebrauch des Feuers nicht. Die Volkszählung von 2001 hat 380 Shompen ermittelt.

Wichtige Objekte aus der Kultur auf den Nikobaren sind im Völkerkundemuseum in Wien aufbewahrt. Diese Sammlung stammt aus der Zeit Kaiserin Maria Theresias und ihres ältesten Sohnes Joseph II., als die Nikobaren für knapp fünf Jahre österreichische Kolonie des Habsburger Reichs waren. Die Sammlung könnte dazu beitragen, das untergegangene kulturelle Erbe der Nikobaresen wiederzubeleben.

[Bearbeiten] Sprachen

Siehe Hauptartikel   Nikobaresische Sprachen

Die nicobaresischen Sprachen bilden eine Untergruppe der Mon-Khmer-Sprachen, die einen der drei Hauptzweige des Austroasiatischen darstellen. Die acht bis zehn nicobaresischen Sprachen werden von rund 27.000 Menschen gesprochen; die größte Sprache ist das auf Car gesprochene Pu. Entgegen früheren Untersuchungen gehört auch die Sprache der Shompen (noch etwa 400 Sprecher im Hinterland von Groß-Nicobar) zur nicobaresischen Gruppe, allerdings hat sie zu allen anderen den größten Abstand (van Driem 2008).

[Bearbeiten] Der Tsunami von 2004 und seine Folgen

Dem verheerenden Tsunami vom 26. Dezember 2004 sind nach offiziellen Angaben 4.405 Nikobaresen zum Opfer gefallen, nach inoffiziellen Angaben hat ein Drittel der einheimischen Bevölkerung die Katastrophe nicht überlebt. Insgesamt acht bis zu 20 Meter hohe Wellen vernichteten fast alle Dörfer der Nikobaresen, die sich sämtlich an den Küsten der Inseln befanden. Manche Dörfer sind kaum noch zu lokalisieren. Nach dem Tsunami wurde die Bevölkerung in höher gelegene Notlager auf den größeren Inseln zusammengeführt, einige kleinere Inseln wurden evakuiert. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass der Tsunami die reiche Kultur der Nikobaresen weitgehend zerstört hat. Die gut gemeinten Hilfsangebote zahlreicher zum Teil im Wettbewerb liegender Hilfsorganisationen trug entscheidend zur weiteren Destabilisierung der nikobaresischen Kultur bei. Die soziale Struktur der Großfamilien, Clans und Stämme ist weitgehend zerbrochen, viele ältere Menschen sind dem Tsunami direkt zum Opfer gefallen und können nicht mehr um Rat gefragt werden (vgl. Singh 2006).

Auch die Geografie der Inselgruppe hat sich durch die Wucht der Erschütterung verändert; einige Inseln wurden verschoben, angehoben oder sind wie die Insel Trinket in mehrere Teile zerbrochen. Die am stärksten verwüsteten Inseln sind Car Nicobar und Chowra. Auf Car Nicobar gibt es keine landwirtschaftlichen Anbauflächen; die Bewohner beziehen ihre Nahrungsversorgung von Little Andaman Island.

[Bearbeiten] Militär

Die strategisch wichtigen Inseln werden von der indischen Armee und Luftwaffe als Basis genutzt, was zu Konflikten mit der Urbevölkerung führt.

[Bearbeiten] Literatur

  • George van Driem: The Shompen of Great Nicobar Island: new linguistic and genetic data. In: Mother Tongue XIII, Harvard 2008.
  • Franz Theodor Maurer, Die Nikobaren: Colonial-Geschichte und Beschreibung nebst motivirtem Vorschlage zur Colonisation dieser Inseln durch Preussen, Berlin: Heymann, 1867, 320 pp. Keine ISBN.
  • Simron Jit Singh: Die Nikobaren - Das kulturelle Erbe nach dem Tsunami. Czernin, Wien 2006. ISBN 3-7076-0078-5. (Zweisprachig deutsch und englisch; die erste ausführliche Dokumentation über Alltag und Kultur der Nikobaresen und eine Darstellung ihrer Situation nach dem Tsunami.)

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Klaus Bade, Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Evolution – Depression – Expansion, Freiburg im Breisgau: Atlantis-Verl., 1975, zugl. Freiburg im Breisgau, Albert-Ludwigs-Univ., Diss., 1975, Neuauflage: Osnabrück: Internetausgabe (www.imis.uni-osnabrueck.de/BadeFabri.pdf), 2005, Fußnote 3, p. 180.
  2. Franz Theodor Maurer (Dedeleben *16. April 1831-27. Januar 1872* Charlottenburg), Die Nikobaren: Colonial-Geschichte und Beschreibung nebst motivirtem Vorschlage zur Colonisation dieser Inseln durch Preussen, Berlin: Heymann, 1867, 320 pp. Keine ISBN.
  3. Georg Ritter von Frauenfeld, Offenes Schreiben an Herrn Franz Maurer, als Erwiderung auf dessen Schmähschrift „Nicobariana“ Berlin: Flugblatt 1868, sowie Franz Maurer, Nicobariana: Beleuchtung der in der K.K. Zoologisch-Botanischen Gesellschaft zu Wien an Werken norddeutscher Autoren geübten Kritik, als Beantwortung des vom Dr. Georg Ritter von Frauenfeld gegen Franz Maurer gerichteten Angriffes in Sachen seiner und der Ritter Karl von Scherzer'schen Arbeit über die Nicobaren, Berlin: Heymann, 1868, 40 pp.

[Bearbeiten] Weblinks

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