Russinen
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Die Russinen (auch Ruthenen, Rusniaken, Russynen, Karpato-Ukrainer, Karpatorussen, Karpatenrussinen, Ungarnrussinen etc.) sind eine ostslawische (bzw. gemischtsprachige) Bevölkerungsgruppe, die hauptsächlich in den Karpaten in der Karpatoukraine, den an die Ukraine angrenzenden Staaten Osteuropas, in Mittelosteuropa, auf dem Balkan sowie in Nordamerika lebt. Im Gegensatz zu insgesamt 22 Staaten, in denen sie als eigenständige Nationalität anerkannt werden, gilt die Minderheit in der Ukraine als Teil des Staatsvolks der Ukrainer.
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[Bearbeiten] Begriffsabgrenzung und Verbreitung
Obwohl die Begriffe Russinen und Ruthenen den gleichen etymologischen Hintergrund haben und Ruthenen früher für Altrussen oder von den Österreichern für die Ukrainer im Habsburgerreich verwendet wurde, ist die simple Einordnung der Russinen als „Ukrainer außerhalb der Ukraine“ heute umstritten.
Unter Ruthenen waren einst alle Ostslawen im Habsburgerreich zu verstehen, die Russinen Transkarpatiens ebenso wie galizische Ukrainer. Heute nennen sich all jene ethnische Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die man einst „Ruthenen“ nannte, Russinen; die meisten Ukrainer Galiziens jedoch ausgenommen.
Einige Russinen sehen sich selbst nicht als Untergruppe der Ukrainer, sondern als eine den Ukrainern eng verwandte, aber von Ukrainern, Russen und Weißrussen verschiedene vierte, wenn auch kleinere ostslawische Ethnie. Die Russinen sind nach manchen Autoren historisch eine kulturelle Splittergruppe der altrussischen Ethnie, die die Kiewer Rus bevölkerte, anderen Ansichten zufolge handelt es sich historisch um eine slawische Ethnie aus den nordöstlichen Karpaten mit einer von den restlichen Ostslawen separaten Entwicklung.
Heute leben die Russinen primär in der einst zu Ungarn, ab 1919 zur Tschechoslowakei, heute zur Ukraine gehörenden Karpatoukraine sowie in Polen, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Kroatien und Serbien. Die Russinen in Kroatien und Serbien waren Kolonisten, die ab dem 17. Jahrhundert in diese Gebiete umgezogen sind, die Russinen in den USA Emigranten aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
[Bearbeiten] Geschichte und Etymologie
Das Wort Ruthene (Ruthenen) leitet sich vom lateinischen Ruthenus (Rutheni) ab, das wiederum ab dem 11. Jahrhundert als die lateinische Entsprechung des Ethnonyms Rusyn/Rusin belegt ist.
Die tatsächliche frühe Verwendung des Wortes „Ruthenen“ sowie die genauen westlichen Grenzen der einstigen Kiewer Rus und die ethnischen Verhältnisse in den heutigen Hauptgebieten der Russinen im Mittelalter sind eher unklar, und somit auch ihre Geschichte im Mittelalter. Russischen Auffassungen zufolge handele es sich bei den Russinen um die Nachkommen der seit der Völkerwanderung autochtonen slawischen Bevölkerung der Karpaten. Die Ukrainische Akademie der Wissenschaft bestreitet jedoch die Existenz einer eigenständigen russinischen Ethnie. Diese Auffassung folgt auch die International Association of Ukrainians, für die Rusyn bzw. Ruthenen nur alternative Bezeichnungen für Ukrainer seien.[1]
Der Ausdruck Ruthenen (Rutheni) selbst bezeichnet die seit etwa dem 15. Jahrhundert im Großfürstentum Litauen, in Polen-Litauen und dem Königreich Ungarn lebenden Slawen östlichen christlichen Glaubens; die (Groß-)Russen hießen damals bereits Moscovitae oder Russi.
[Bearbeiten] Zahlen und Anerkennung
Entgegen 2004 gemachten Versprechungen des jetzigen ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko gegenüber der Russinen-Lobby in den USA werden die Russinen innerhalb der Ukraine nicht als nationale Minderheit anerkannt.[2] Ebenso wie in Rumänien werden sie statt dessen als Ukrainer betrachtet.
Vertreter der Ansicht, die Russinen seien eine separate Ethnie, geben bis zu 800.000 der 1,3 Millionen Karpato-Ukrainer als Russinen an, in der letzten ukrainischen Volkszählung sollen sich allerdings nur 10.000 selbst als Russinen bezeichnet haben. In Rumänien gab es laut Volkszählung 2002 61.000 "Ukrainer", davon werden rund 55 % als Russinen (einschl. Huzulen) bezeichnet. Laut Expertenschätzungen leben aber in Rumänien 120.000-150.000 "Ukrainer", nach ukrainischen Angaben sogar noch mehr.
Im Gegensatz dazu werden in:
- Polen (2002: 5.863 Russinen neben 31.000 Ukrainern, Schätzung: 50.000 - 80.000 Russinen),
- der Slowakei (2001: 24.201 Russinen neben 10.814 Ukrainern, Schätzung: 50.000 Russinen),
- Tschechien (2001: 1.106 Russinen neben 22.112 Ukrainern, Schätzung: 2.000 Russinen),
- Ungarn (2001: 2.079 Russinen neben 7.393 Ukrainern),
- Kroatien (2001: 2.337 Russinen neben 1.977 Ukrainern, Schätzung: 5.700 Russinen)
- Serbien (2002:15.905 Russinen neben 5.354 Ukrainern, Schätzung: 19.000 Russinen)
- und in den USA und Kanada (rund 250.000 Russinen)
die Russinen als nationale Minderheit neben den Ukrainern anerkannt, obwohl sie auch von manchen Forschern in diesen Ländern als eine Untergruppe der Ukrainer klassifiziert werden. Außerdem leben Russinen auch in Moldawien.
[Bearbeiten] Gliederung
Die einzelnen Untergruppen der Russinen in Polen, der Slowakei und Transkarpatien sind vor allem die: Lemken (Lemkos, Lemoks), Bojken (Boykos, Boyks), Huzulen (Hutsuls), Werchowiner (Verkhovinetses) und Doljanen (Dolinyanins, Haynals, Hajnalen).
[Bearbeiten] Sprache
Hauptartikel: Russinische Sprache
Entsprechend der umstrittenen ethnischen Zuordnung gilt auch die russinische Sprache bei manchen Sprachforschern als Dialekt des Ukrainischen, andere sehen sie als eigenständige Sprache, wieder andere als einen ostslowakisch-westukrainischen Übergangsdialekt.
[Bearbeiten] Religion
Trotz der durch Polen zum Teil gewaltsam betriebenen katholischen Missionierung der ostslawischen Gebiete unter polnisch-litauischer Herrschaft behielten die russisch-orthodoxen Russinen überwiegend ihre ursprüngliche Konfession.
[Bearbeiten] Aktuelle Entwicklung
Bereits von Dezember 1918 bis März 1920 hatte im polnisch-galizischen eine Florynka (Grybów) eine Lemko-Russinische Republik existiert und im Gegensatz zur proukrainischen Republik in Komancza (November 1918 bis Januar 1919) die Einheit mit Russland proklamiert, ehe beide von Polen annektiert wurden.[3] Im Oktober bzw. November 1938 proklamierte die Karpatenukraine ein autonomes Staatswesen innerhalb der Tschechoslowakei (im März 1939 durch den Wiener Schiedsspruch an Ungarn angegliedert, 1946 an die Sowjetunion).
Nach der Unabhängigkeit der Ukraine hatte der Transkarpatische Gebietsrat 1992 und 2002 das ukrainische Parlament aufgefordert, die Russinen als Nationalität anzuerkennen. Im März 2007 schließlich vollzog der Gebietsrat Transkarpartiens eigenständig diesen Schritt, nachdem im August 2006 auch der UN-Ausschuss gegen Rassendiskriminierung die Ukraine zur Anerkennung der Minderheit aufgerufen hatte. Im Oktober 2008 bekundete in Mukatschewo (Transkarpatien) der Zweite Europäische Kongress der niederkarpatischen Russinen die Absicht, die einst durch die Abspaltung von der Tschechoslowakei 1938 erreichte kurzlebige Staatlichkeit wiederherzustellen und forderte die Behörden auf, dies bis zum 1. Dezember 2008 in die Wege zu leiten. Ziel sei ein selbstverwaltete Republik Niederkarpatische Rus (Podkarpatskij Rus) im Staatenverbund der Ukraine. Daraufhin wurde am 8. Dezember 2008 der Vorsitzende des Verbandes der niederkarpatischen Russinen, Dimitri Sidor, unter Hausarrest gestellt und wegen "Angriffen auf die Integrität der Ukraine" angeklagt.[4] Im Gegensatz zum eindeutigen Votum der Russinen (1991 stimmten 78 % für den Verbleib und eine Autonomie Transkarpatiens innerhalb der Ukraine) und den Beteuerung ihrer Führer, unterstellen ukrainische Sicherheitsbehörden ihnen, Eigenstaatlichkeit unter dem Protektorat Russland, der EU und der Slowakei anzustreben.[5] Den russinischen Verbänden wird vorgeworfen, schon seit den 1980ern von Russland finanziert und kontrolliert zu werden.[6] Als Beleg dafür gilt ukrainischen Politikern in Kiew, dass Sidor russisch-orthodoxer Priester ist und gute Beziehungen zur russischen Presse habe. Pjotr Getsko, selbsternannter Premierminister des von den Russinen am 1. Dezember 2008 proklamierten 700.000-Einwohner-Staates, und Sidor drohen nun bis zu drei Jahre Haft wegen vermeintlichen Separatismus. Andere Quellen sehen Juschtschenkos Präsidentenberater Viktor Baloha, ein Ukrainer aus Transkarpathien, hinter den Umtrieben: auf Juschtschenkos Rivalin, Premierministerin Timoschenko, sollte so innenpolitischer Druck ausgeübt werden.[7] Russinischen Bemühungen um internationale Anerkennung hatte Russland zunächst eine Absage erteilt.
[Bearbeiten] Berühmte Russinen
- Statt als russinisch meist als russisch wird der Schriftsteller Nestor Kukolnik - der Autor des Librettos der Oper "Das Leben für den Zaren" eingestuft, der im 19. Jahrhundert lebte.
- Ivan Zejkan (1670–1739) - der Lehrer von Prinz Peter II.
- Peter Lodij (1764–1829) - der erste Dekan der philosophischen Fakultät der Petersburger Universität.
- Michail Baludjanskij (1769–1847) - der erste Rektor der Petersburger Universität.
- Ivan Orlaj (1770–1829) — der Hofchirurg beim russischen Zaren, Akademiker von RAW
- Vasilij Kukolnik (1765–1821) - der Direktor des Petersburger pädagogischen Instituts, der Vater von Nestor Kukolnik.
- Igor Grabar (1871–1960), der Maler und Direktor der "Tretjakov Galerie"
- Als Sohn lemkischer Immigranten galt der US-Künstler Andy Warhol ebenfalls als Russine. In "The Andy Warhol Diaries" soll er übrigens behauptet haben, jene Hochzeit, die zu Beginn des Films Die durch die Hölle gehen zu sehen ist, sei russinisch.
- Weitere bekannte US-amerikanische Russinen bzw. Nachkommen russinischer Elternteile sind oder waren
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Meinolf Arens: Die vierte ostslawische Nation: Die Russinen. Ein „verspäteter“ Nationswerdungsprozess im östlichen Europa am Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Flavius Solomon (Hrsg.): Südosteuropa im 20. Jahrhundert. Ethnostrukturen, Identitäten, Konflikte. Verlag Hartung-Gorre, Iaşi 2004, ISBN 3-89649-945-9, S. 243–254
- Paul Robert Magocsi: The people from nowhere. An illustrated history of Carpatho-Rusyns. Verlag Padjaka, Uzhhorod 2006, ISBN 978-966-7838-96-6
- Paul Robert Magocsi, I.I. Pop: Encyclopedia of Rusyn History and Culture
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Russia Today, 1. Dezember 2008: Ethnic group seeks autonomy in Ukraine & Video-Feature (englisch)
- ↑ Regnum 23. September 2008: US-Senator McCain erinnert Juschtschenko an Zusagen zum speziellen ethnischen Status von Transkarpathien Englisch, Russisch)
- ↑ Flags Of The World: Republic of Lemko Rusyn
- ↑ RIA Novosti, 8. Dezember 2008: Rutenen kämpfen um Autonomierechte im Staatenverband der Ukraine
- ↑ Ukrainischer Sicherheitsdienst warnt Ruthenen vor Verletzung der territorialen Integrität des Landes und droht mit "energischen Maßnahmen"
- ↑ RIA Novosti 9. Dezember 2008: Zerschlagung von aus Ausland finanzierten Extremisten in Ukraine gemeldet
- ↑ The leaders of Subcarpathian Ruthenians have urged Kyiv…
[Bearbeiten] Weblinks
- Karte des über die Ukraine, die Slowakei, Polen Ungarn und Rumänien verteilten Siedlungsgebiets der Russinen
- Euromosaik-Studie
- Artikel in Le Monde diplomatique über Minderheiten auf dem Balkan (französische Originalfassung)
- Artikel in Le Monde diplomatique über Minderheiten auf dem Balkan (englische Übersetzung)
- John Slivka: Who Are We. Nationality: Rusin, Russian, Ruthenian, Slovak?
- Unabhängige "Russische Premie" von Transkarpatien-Russland (rus., rusin., czech)
- Orthodox Carpatho-Russia: An Interview With Archpriest Dimitri Sidor, 16. Juli 2007 (englisch)

