Stuck
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Stuck (italienisch: stucco) ist ein leicht verformbares, schnell aushärtendes Gemisch aus Gips oder Kalk sowie Sand und Wasser – oft mit weiteren, speziellen Zusätzen – zur plastischen, dekorativen Anwendung auf Wänden, Decken und Gewölben; in selteneren Fällen wurde er auch für freistehende Objekte verwendet.
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[Bearbeiten] Technik
Kalk-Stuck wird vorwiegend für Fassaden benutzt, Gips-Stuck für Innenarbeiten. Traditionell versahen Handwerker ihre Stuck-Mischungen mit bestimmten Zusätzen, um Formbarkeit und Haltbarkeit zu verbessern. Die konkreten Mischungsverhätnisse wurden möglichst geheimgehalten. „Jeder Stuckarbeiter mischt die Zutaten so, wie er es nach seiner Erfahrung für richtig hält. Er setzt Sand, Gips und Kalk, alles gut vermischt, in einen Brei um. (...) Nachdem Gips schnell abbindet – was den Künstler am sorgfältigen Ausarbeiten seines Werkes hindern könnte – muss er Leimwasser beifügen, denn Leimwasser verzögert das Abbinden des Gipses“, so Peter N. Sprengel, ein Autor des 18. Jahrhunderts.[1] Auch andere Beigaben sollten unerwünscht schnelles Trocknen verzögern: Milch, Bier, Zucker, ein Pulver aus Eibischwurzeln, gegorener Traubensaft. Heute werden im Fachhandel standardisierte Mischungen aus industrieller Herstellung unter Bezeichnungen wie stucco veneziano, -romano, -palladiano, -antico und ähnlichen angeboten, allerdings meist für das flächige Verputzen von Wänden, Pfeilern usw. mit speziellen Farb- und Struktureffekten.
Gebräuchliche Anwendungstechniken bei der Stuckverarbeitung sind:
- Sgraffito – dabei werden zunächst mehrere Schichten unterschiedlicher Farbe aufgetragen; durch Freilegen der verschiedenen Schichten können farbige Ornamente oder Bilder als Flachreliefs hergestellt werden.
- Zugarbeiten – hier werden mit Hilfe von Schablonen Gesimse ausgeformt.
- Versetzarbeiten – die Arbeit mit vorgefertigten Stuckelementen.
- Antrag-Stuck – die gewünschten Formen werden vor Ort ausgearbeitet.
Spezielle Anwendungen:
- Stuckmarmor wurde schon in der Spätantike, besonders aber im Barock in zwei unterschiedlichen Techniken hergestellt. "Stucco lustro" ist ein Verfahren, bei dem die Marmorierung nass in die obere von mehreren Kalkstuckschichten gemalt wird, die im Grundton des Marmors durchgefärbte wurde. "Scagliola" ist eine Herstellungstechnik, bei der eine Masse auf Gipsbasis speziell eingefärbt, durchgeknetet, gepresst und geschnitten wird. In beiden Fällen muss das Ergebnis aufwändig geglättet werden. Stuckmarmor konnte teurer werden als echter Marmor, erlaubte aber Farbeffekte, die bei natürlichem Stein nicht vorkommen.
- Bilderrahmen mit reicher Ornamentierung wurden im 19. Jahrhundert zum Teil nicht mehr aus Holz geschnitzt. Stattdessen benutzte man mit Hilfe von Modeln vorgeformte Ornamente aus Stuck, befestigte sie auf den glatten Holzrahmen und vergoldete sie danach, sodass das verwendete Material nicht mehr erkennbar war.
Schon um 1900 konnten Bauherren für ihre Projekte vorgefertigte Stuckelemente aus Musterkatalogen bestellen. Auch heute bestehen plastische Stuckarbeiten weit überwiegend aus vorfabrizierten Teilen, die am Bestimmungsort zusammengesetzt und mit Dübeln und Schrauben angebracht werden. Angeboten werden die unterschiedlichsten Formen – Leisten, Gesimse, Rosetten, Konsolen, Bögen, Säulen und Pilaster – in zahlreichen verschiedenen Maßen und Dekors. Eine Alternative sind Stuckimitationen aus Kunststoff, die man kleben und überstreichen kann.
Die aktuell geltenden Standards für das Putz- und Stuckhandwerk regelt die VOB Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen – Teil C: Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) DIN 18350 Putz- und Stuckarbeiten.
[Bearbeiten] Historische Entwicklung
Die überall preiswert verfügbaren Rohmaterialien und die nützlichen Eigenschaften des Werkstoffs trugen dazu bei, dass Stuckarbeiten schon im Altertum weit verbreitet waren. Die Technik ist im Lauf der Zeiten weitgehend unverändert geblieben. Seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. wurden in Ägypten und in der kretisch-mykenischen Kultur bemalte Stuckreliefs hergestellt, in Ägypten auch freistehende Skulpturen. Die ägyptische Porträtplastik der Nofretete (14. Jh. v. Chr.) besteht aus einem Kalksteinkern und einem Überzug aus bemaltem Stuck. Figürliche und ornamentale Bauplastik kamen bei Parthern und Sassaniden im Vorderen Orient vor, nach der Eroberung des Gebietes durch die Araber um 650 wurden sie zu Vorbildern für die islamische Kunst, die später daraus eigene Formen entwickelte. Stuck war ein wichtiger Baustoff auch für Plastiken in der Kultur von Gandhara – heute eine Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Im klassischen Griechenland verwendete man Stuck auf Wänden, Säulen und Gebälk, im Hellenismus entstanden Plastiken auch aus Stuck statt aus Marmor. Dekorative Stuckreliefs finden sich in der etruskischen Kunst des zweiten Jahrhunderts v. Chr. Eine Blütezeit erlebte die Technik in Rom seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, ihren Höhepunkt während der Herrschaft des Kaisers Augustus – Wände und Decken in Privathäusern, Palästen, Thermen und Grabbauten waren mit so genannten Grotesken aus Stuck dekoriert – hochdifferenzierten Ornamenten aus Ranken, Tieren und Fabelwesen.
Im Italien der Renaissance wurde das antike Verfahren wieder aufgegriffen. Der Maler, Architekt und Künstlerbiograf Giorgio Vasari beschrieb 1550, wie ein Schüler Raffaels (1483–1520) in römischen Ruinen antike Stuckreliefs ausgegraben und untersucht habe. Nach vielen Versuchen habe er Splitter „des weißesten Marmors, der zu finden ist, zerstoßen und zu feinem Mehl verkleinert, dann gesiebt. Diese Substanz fügte er dem kristallinischen Kalkstein (Travertin) sowie Flußsand und Wasser zu. (...) Es ist ihm zweifellos gelungen, den echten Stuck der Alten nachzumachen.“[1] Durch wandernde Stuckateure – in Italien aufgewachsen oder dort ausgebildet – gelangte die wiederentdeckte Technik zuerst nach Frankreich, zu Beginn des 17. Jahrhunderts dann auch nach Deutschland. Vor allem in Süddeutschland entstanden Zentren, so genannte Schulen, an denen zunächst italienische Vorbilder nachgeahmt, später eigenständige Formen entwickelt wurden, so in der Benediktinerabtei Wessobrunn in Oberbayern seit Ende des 17. Jahrhunderts. Die kräftigen Blatt- und Rankenornamente des Barock veränderten sich im 18. Jahrhundert zu den flacheren und zierlicheren Schmuckformen des Rokoko. Der Höhepunkt der deutschen Entwicklung war um 1750 in Bayern erreicht, herausragende Beispiele für die dekorative Anwendung von Stuck sind die Amalienburg im Münchener Schlosspark Nymphenburg (1734), die Wieskirche, eine Wallfahrtskirche in Oberbayern (1746) und die Basilika Vierzehnheiligen in Oberfranken (1770).
Mit der Stilrichtung des Klassizismus in der Baukunst verlor das dekorative Element im 19. Jahrhundert zunächst an Bedeutung. Der einflussreiche Architekt Leo von Klenze (1784–1864) verkündete: „Jedes Ornament (...) schadet dem idealen Kunstwerk“.[1] Die Abkehr von diesem einseitigen Standpunkt begann mit der Architektur des Historismus seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts und kulminierte in den Bauten der „Gründerzeit“ nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs nach Krieg und Reichsgründung überboten sich wohlhabende private Bauherren darin, in den schnell wachsenden Städten außer kahlen Mietskasernen auch Mietshäuser mit prunkvoll stuckverzierten Fassaden und Innenräumen zu errichten. Historische Stilformen wurden imitiert und Gebäuden aufgesetzt, die im Übrigen ziemlich gleichförmig und architektonisch von zweifelhafter Qualität waren.[2] Für das üppige Dekor gab es zudem einen materiellen Grund: „Die überreiche Gestaltung (...) entspringt oft nur dem Triebe, eine möglichst hohe Einschätzung zur Feuerkasse und damit die Hinaufschiebung der Beleihungsgrenze zu erzielen“[3], notierte ein Berliner Architekt 1896.
Die nächste Gegenbewegung setzte um 1900 ein. Die Architekten der Moderne lehnten aufwändigen Gebäudeschmuck als „unehrlich“ und als unvereinbar mit dem Vorrang der Funktionalität entschieden ab. „Stuck“ wurde zum Synonym für Überflüssiges und Rückständiges. Diese Haltung leitete eine Entwicklung ein, die man „Entstuckung“ genannt hat. Sie führte in mehreren Etappen in den 1920er Jahren, in den Jahren des Nationalsozialismus und nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg dazu, dass die Fassadenfronten ganzer Stadtteile verödeten. Erst seit etwa 1980 wird dies verbreitet als Verlust registriert, werden die Stuckarbeiten der Gründerjahre vielfach restauriert und konserviert, als authentische Zeugnisse der Baugeschichte oder auch nur wegen ihrer dekorativen Wirkung.
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Stuck in den Räumen des Zwiefalter Abts von Schloss Mochental |
[Bearbeiten] Literatur
- G. I. Astachow, W. P. Iwanow: Putz- und Stuckarbeiten. Fachbuchverlag, Leipzig 1956.
- Geoffrey Beard: Stuck. Die Entwicklung plastischer Dekoration. Edition Atlantis, Zürich 1988, ISBN 3-7611-0723-4.
- Paul Binder, Fritz Schaumann, Meinrad Haas, Karl Läpple: Stukkateur-Handbuch. Die Gipserfibel. Schäfer, Hannover 1985, ISBN 3-88746-087-1. Nachdruck der 3. Auflage von etwa 1955.
- Alfred Bonhagen: Der Stukkateur und Gipser. Reprint-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-8262-0211-2. Nachdruck der Ausgabe Voigt, Leipzig 1914.
- Deutscher Stuckgewerbebund im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e. V. (Hrsg.): Stuck – Putz – Trockenbau. Fachbuch für die Aus- und Weiterbildung im Stukkateur-Handwerk. 2. Auflage. Müller, Köln 1991, ISBN 3-481-00316-1.
- Fachgruppe Stuck-Putz-Trockenbau in der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg e. V.: Stuckmarmor und Stucco lustro. Neues Bauen in traditionellen Techniken. Knaak, Berlin 2001.
- Siegfried Leixner, Adolf Raddatz: Der Stukkateur. Handbuch für das Gewerbe. 4. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-03096-0.
- Katharina Medici-Mall: Lorenz Schmid. Ein Wessobrunner Altarbauer und Stuckateur. Thorbecke, Sigmaringen 1975, ISBN 3-7995-5021-6.
- Peter Vierl: Putz und Stuck. Herstellen, Restaurieren. 2. Auflage. Callwey, München 1987, ISBN 3-7667-0873-2.
- Horst Wilcke: Stuck- und Gipsarbeiten. 8. Auflage. Verlag für Bauwesen, Berlin 1986, ISBN 3-345-00152-7.
[Bearbeiten] Weblinks
- Kulturgeschichte des Stucks bei Monumente Online
- Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei, Stuckdekorationen und Raumausstattungen (Photothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München)
- ausbau + fassade – Fachzeitschrift, Offizielles Organ des Bundesverbandes Ausbau und Fassade (ehemals Deutscher Stuckgewerbebund)

