Wahlbeteiligung
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Die Wahlbeteiligung gibt den Anteil der Wahlberechtigten wieder, die bei einer Wahl tatsächlich gewählt haben. Abhängig von jeweiligen Staat werden auch jene zu den Wählenden gezählt, die einen leeren Wahlzettel oder einen ungültigen eingelegt haben. In der Öffentlichkeit wird der Begriff meist im Zusammenhang mit politischen Wahlen gebraucht, allerdings kann er auch bezogen auf andere Wahlen benutzt werden. Bei politischen Wahlen ist sie eine Art der Partizipation.
Die Höhe der Wahlbeteiligung lässt keine Aussage über die Zustimmung oder Ablehnung der Bevölkerung zum System zu.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Situation in Deutschland
In Deutschland zählen die leeren zu den ungültigen Wahlzetteln § 39 BWahlG. Beide werden für die Berechnung der Wahlbeteiligung zu den gültigen Stimmen gezählt und anschließend durch die Zahl der Wahlberechtigten geteilt.
Bei Bundestagswahlen lag die Wahlbeteiligung (Quote) bis zur Wiedervereinigung meist deutlich über 80 Prozent, seit der Wiedervereinigung knapp darunter, bei Landtagswahlen im Regelfall bei mehr als 65 Prozent, bei Kommunalwahlen über 55 Prozent. Bei der letzten Europawahl lag sie bei 43 Prozent.
Die bisher höchste Wahlbeteiligung bei freien Wahlen war bei der Volkskammerwahl 1990 in der DDR mit 93,4 Prozent und der Bundestagswahl 1972 mit 91,1 Prozent, die niedrigste bei der Bundestagswahl 2005 mit 77,7 Prozent.
Es gibt in Deutschland keine Mindestwahlbeteiligung, d. h. es gibt keine Grenze an absoluten Stimmen, unter der die Wahl ungültig wäre.
Auf Bundes- und Landesebene zeichnet sich ab, dass die Wahlbeteiligung längerfristig gesehen sinkt. Die Gründe für diesen allgemein als Wahlmüdigkeit bezeichneten Abwärtstrend sind noch nicht endgültig geklärt. Manche Politikwissenschaftler und Soziologen führen dies auf das durch die nicht gehaltenen Wahlversprechen sinkende Vertrauen in die Parteiendemokratie zurück. Außerdem würden die politischen Unterschiede zwischen den Parteien immer schwerer erkennbar sein („Politikverdrossenheit“). Es existieren aber auch Theorien, denen zufolge die sinkende Wahlbeteiligung ein Generationeneffekt sei, d.h. die neu ins Wahlalter eintretenden Generationen würden zu einem geringen Teil wählen gehen.
Um das Ausmaß dieses Phänomens zu verdeutlichen, wird gelegentlich das Bild der Partei der Nichtwähler herangezogen: Hätten alle Nichtwähler für eine weitere, fiktive Partei gestimmt, wäre diese bei einigen Wahlen außer einer Bundestagswahl stärkste Fraktion im Parlament. Diese Redewendung hat mit der real existierenden Partei der Nichtwähler nichts zu tun. Es ergibt sich aus der hohen Zahl von Nichtwählern und den steigenden Zahlen von ungültigen Stimmen ein großes Stimmenpotenzial.
Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen (in Prozent) ab 1949:
| Bundestagswahl | Wahlbeteiligung in % |
|---|---|
| 1949 | 78,5 |
| 1953 | 86,0 |
| 1957 | 87,8 |
| 1961 | 87,7 |
| 1965 | 86,8 |
| 1969 | 86,7 |
| 1972 | 91,1 |
| 1976 | 90,7 |
| 1980 | 88,6 |
| 1983 | 89,1 |
| 1987 | 84,3 |
| 1990 | 77,8 |
| 1994 | 79,0 |
| 1998 | 82,2 |
| 2002 | 79,1 |
| 2005 | 77,7 |
[Bearbeiten] Wahlbeteiligung von Jugendlichen
Insgesamt ist sowohl bei der gesamten Bevölkerung (1980: 88,6 Prozent – 2002: 79,1 Prozent), wie bei den Jugendlichen (bis 25) (1980: 79,65 Prozent – 2002: 69,15 Prozent) eine Abnahme der Wählenden zu beobachten. Da die bis 25-jährigen nur acht Prozent der Wahlberechtigten ausmachen, können sie nicht als einzige Gruppe für die Abnahme der Wahlbeteiligung verantwortlich sein. Die Differenz zwischen 1980 und 2002, also die Abnahme des Wähleranteils, ist bei den Jugendlichen etwas stärker (10,5 Prozent) als bei der gesamten Bevölkerung (acht Prozent). Nach Geschlecht aufgeschlüsselt zeigt sich, dass junge wie ältere Frauen stets seltener zur Wahl gehen als gleichaltrige Männer. Wie in der Stadt zeigt sich auf dem Land ein Abstand zur Wahlbeteiligung der Gesamtbevölkerung (6 %) sowie ein geringes Vertrauen in die repräsentative Parteiendemokratie.
[Bearbeiten] Kampagnen zur Erhöhung der Wahlbeteiligung
Im Bundestagswahlkampf 2002 hat die studentische Agentur Politikfabrik unter dem Label „die WAHLGANG“ eine Kampagne zur Mobilisierung von Erstwählern geführt. In diesem Zusammenhang wurde u. a. als Hilfe zur Wahlentscheidung die erste Version des Wahl-O-Mat programmiert, der jedoch nur die Parteien berücksichtigt, die auch in den Aufsichtsgremien der Bundeszentrale für politische Bildung vertreten sind. 2005 wurde die überparteiliche Kampagne erneut geführt, diesmal als „WAHL GANG 05“. Diese Kampagnen sind überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.
[Bearbeiten] Wahlbeteiligung in der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR
Bei den (unfreien) Wahlen zum Reichstag in der Zeit des Nationalsozialismus und der Volkskammer in der DDR wurden offiziell signifikant höhere Wahlbeteiligungen ausgewiesen, als dies bei freien Wahlen erreichbar gewesen wäre. Die Wahlbeteiligung wurde in der jeweiligen Propaganda als ein Ausdruck der Unterstützung der Bevölkerung für das Regime dargestellt.
Wahlbeteiligungen bei Reichstagswahlen im Nationalsozialismus (Beispiele, da die Größenordnung sich nicht veränderte):
| Reichstagswahl | Wahlbeteiligung in % |
|---|---|
| 1936 | 99,0 |
| 1939 | 99,6 |
Wahlbeteiligungen bei Volkskammerwahlen der DDR (Beispiele, da die Größenordnung sich nicht veränderte):
| Volkskammerwahl | Wahlbeteiligung in % |
|---|---|
| 1950 | 99,7 |
| 1986 | 99,74 |
Aber auch bei den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 war die Wahlbeteiligung sehr hoch, fiel dann allerdings zu den ersten Landtagswahlen im Oktober und zur Bundestagswahl im Dezember des Jahres 1990 stark:
| Volkskammerwahl | Wahlbeteiligung in % [1] |
|---|---|
| 1990 | 93,38 |
[Bearbeiten] Situation in Österreich
Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen der ersten Republik ab 1919:
| Nationalratswahl | Wahlbeteiligung in % | Vergleich zur letzten Wahl (+/− in Prozentpunkten) |
|---|---|---|
| (1919) | (93,27) | - |
| 1920 | 84,4 | (−8,87) |
| 1923 | 87,0 | +2,6 |
| 1927 | 89,3 | +2,3 |
| 1930 | 90,2 | +0,9 |
Anmerkung: Im Jahr 1919 fand keine Nationalratswahl sondern eine Wahl der konstituierenden Nationalversammlung statt und steht daher in der Tabelle in Klammer.
Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen der zweiten Republik ab 1945:
| Nationalratswahl | Wahlbeteiligung in % | Vergleich zur letzten Wahl (+/− in Prozentpunkten) | |
|---|---|---|---|
| 1945 | 93,27 | - | |
| 1949 | 95,49 | +2,22 | |
| 1953 | 94,15 | −1,34 | |
| 1956 | 94,31 | +0,16 | |
| 1959 | 92,90 | −1,41 | |
| 1962 | 92,73 | −0,17 | |
| 1966 | 92,74 | +0,01 | |
| 1970 | 90,95 | −1,79 | |
| 1971 | 91,42 | +0,47 | |
| 1975 | 91,92 | +0,50 | |
| 1979 | 91,18 | −0,74 | |
| 1983 | 91,29 | +0,11 | |
| 1986 | 88,85 | −3,07 | |
| 1990 | 83,58 | −5,27 | |
| 1994 | 80,24 | −3,34 | |
| 1995 | 83,08 | +2,84 | |
| 1999 | 80,42 | −2,66 | |
| 2002 | 80,48 | +0,06 | |
| 2006 | 78,48 | −2.00 | |
| 2008 | 78,81 | +0,33 |
[Bearbeiten] Situation in der Schweiz
Im halb-direktdemokratischen System der Schweiz sind die Bürger nicht nur wahlberechtigt, sondern auch stimmberechtigt. Der Souverain (das Volk) wird bis zu vier mal jährlich zu Wahlen oder Abstimmungen an die Urnen gerufen.
In der Schweiz errechnet sich die Wahl- und Stimmbeteiligung in dem man die Anzahl der eingelegten Wahl- oder Stimmzettel durch die Anzahl der Wahl- oder Stimmberechtigten teilt. Leere oder ungültig gemachte fliessen in die Wahlbeteiligung ein.
Die Wahlbeteiligung in der Schweiz sank im 20. Jahrhundert. Lag diese bei den ersten Nationalratswahlen nach dem Proporzsystem 1919 noch bei 80,4%, waren es 1999 nur noch 43,4% der Stimmberechtigten die sich an der Wahl beteiligten. Die grössten Verluste waren in den drei Legislaturperioden von 1967 bis 1979 zu beobachten - die Wahlbeteiligung sank von 65,7% (1967) um mehr als ein viertel auf 48,0% (1979), was unter anderem auch mit der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts 1971 zusammenhängen dürfte. Die Wahlbeteiligung in der Schweiz gilt als die niedrigste in einem demokratischen Land. Die Gründe für die niedrige Wahlbeteiligung werden allgemein im politischen System gesehen. Durch das Konkordanzprinzip sind grössere Machtwechsel ausgeschlossen, wodurch die Wahlen an Brisanz verlieren. Von 1959 bis 2003 erfolgte zudem die Zusammensetzung des Bundesrates nach einer festen Formel, der Zauberformel. Die Zauberformel wurde 2003 gesprengt, nachdem die Schweizerische Volkspartei bei den Parlamentswahlen 1999 und 2003 grosse Gewinne verzeichnen konnte und Anspruch auf einen zweiten Bundesratssitz erhob. Ein weiterer möglicher Faktor liegt in der Tatsache, dass Stimmberechtigte in der Schweiz zusätzlich zu den Wahlen mehrmals pro Jahr dazu aufgerufen sind, sich an Volksabstimmungen auf kommunaler, kantonaler und Bundesebene zu beteiligen.
Wahlbeteiligung bei Nationalratswahlen seit Einführung der Proporzwahl:
| Nationalratswahl | Wahlbeteiligung in % | Vergleich zur letzten Wahl (+/− in Prozentpunkten) |
|---|---|---|
| 1919 | 80,4 | - |
| 1922 | 76,4 | -4,0 |
| 1925 | 76,8 | +0,4 |
| 1928 | 78,8 | +2,0 |
| 1931 | 78,8 | - |
| 1935 | 78,3 | -0,5 |
| 1939 | 74,3 | -4,0 |
| 1943 | 70,0 | -4,3 |
| 1947 | 72,4 | +2,4 |
| 1951 | 71,2 | -1,2 |
| 1955 | 70,1 | -1,1 |
| 1959 | 68,5 | -1,6 |
| 1963 | 66,1 | -2,4 |
| 1967 | 65,7 | -0,4 |
| 1971 | 56,9 | -8,8 |
| 1975 | 52,4 | -4,5 |
| 1979 | 48,0 | -4,4 |
| 1983 | 48,9 | +0,9 |
| 1987 | 46,5 | -2,4 |
| 1991 | 46,0 | -0,5 |
| 1995 | 42,2 | -3,8 |
| 1999 | 43,4 | +1,2 |
| 2003 | 45,4 | +2,0 |
| 2007 | 49,9 | +4,5 |
[Bearbeiten] Situation in den USA
Die Wahlbeteiligung bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in den USA ist signifikant niedriger als im europäischen Durchschnitt. Bei den Präsidentschaftswahlen schwankt die Wahlbeteiligung nach 1944 zwischen einem Maximum von 66,6% 2008 und der bislang niedrigsten Wahlbeteiligung von 49% bei den Wahlen von 1996. Hinweis: Die Quote der Wahlbeteiligung der USA wird nach oben überzeichnet, da Voraussetzung für das Wahlrecht (und damit für das Eingehen in diese Statistik) die Eintragung in ein Wahlverzeichnis ist. Wer sich nicht in ein Wahlverzeichnis eintragen lässt, nimmt zwar nicht an der Wahl teil, wird aber nicht als Nichtwähler gezählt.
| Jahr | Wahlberechtigte in Mio | Registrierte Wähler in Mio | Wahlbeteiligung % |
|---|---|---|---|
| 1944 | 85,65 | 56,1 | |
| 1948 | 95,57 | 51,1 | |
| 1952 | 99,92 | 61,6 | |
| 1956 | 104,51 | 59,3 | |
| 1960 | 109,67 | 63,85 | 62,8 |
| 1964 | 114,09 | 73,71 | 61,4 |
| 1968 | 120,33 | 81,66 | 60,7 |
| 1972 | 140,78 | 97,28 | 55,1 |
| 1976 | 152,31 | 105,02 | 53,6 |
| 1980 | 164,60 | 113,04 | 52,8 |
| 1984 | 174,47 | 124,18 | 53,3 |
| 1988 | 182,63 | 126,38 | 50,3 |
| 1992 | 189,04 | 133,82 | 55,2 |
| 1996 | 196,51 | 146,21 | 49,0 |
| 2000 | 205,81 | 156,42 | 50,3 |
| 2004 | 221,26 | 174,80 | 55,5 |
| 2008 | 231,23 | 66,6 |
[Bearbeiten] Situation in anderen Ländern
In Frankreich ist es üblich, nicht die Wahlbeteiligung anzugeben, sondern Abstentions, also die relative Anzahl der Stimmenthaltungen, bezogen auf alle (eingetragenen) Wähler.
In Spanien werden bei Wahlen immer auch die Ungültigen (sp.: nulos) und die Leeren (sp.: votos en blanco), die ebenfalls ungültig sind, aufgeführt. Wie in Deutschland und der Schweiz zählen sie mit den gültigen zu den Wahlteilnehmern.
Es gibt in verschiedenen anderen Ländern, wie Belgien oder Australien anstelle eines Wahlrechts die Wahlpflicht. Bürgern, die nicht zur Wahl gehen droht dann zumeist eine Geldstrafe, was die Wahlbeteiligung hoch ausfallen lässt.
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Amtliches Endergebnis der Wahlen zur 10. Volkskammer am 18. März 1990
- ↑ The American Presidency Project, Voter Turnout in Presidential Elections 1824 - 2008
[Bearbeiten] Weblinks
- Offizielle Wahlergebnisse des Bundeswahlleiters
- Wahlbeteiligung
- Ergebnisse der österreichischen Nationalratswahlen von 1919–1930 (PDF-Datei; 11 kB)
- Wahlen und Volksbegehren in Österreich

