Wikinger
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Der Begriff Wikinger bezeichnet Angehörige von kriegerischen, zur See fahrenden meist germanischen Völkern des Nord- und Ostseeraumes in der so genannten Wikingerzeit. Dieser Artikel behandelt die Menschen, die von ihren Zeitgenossen als Wikinger bezeichnet wurden. Die Ereignisgeschichte im Zusammenhang mit den Wikingern wird im Artikel Wikingerzeit behandelt.
In der zeitgenössischen Wahrnehmung stellten die Wikinger nur einen sehr kleinen Teil der skandinavischen Bevölkerung dar. Dabei können zwei Gruppen unterschieden werden: Die einen betrieben den ufernahen Raub zeitweise und nur in einem frühen Lebensabschnitt. Es waren junge Männer, die aus der heimatlichen Gebundenheit an Kult und Sippe ausbrachen und Ruhm, Reichtum und Abenteuer in der Ferne suchten. Später ließen sie sich wie ihre Vorfahren nieder und betrieben die in ihrer Gegend übliche Wirtschaft. Von ihnen berichten die Sagas (Altnordische Literatur) und die Runensteine. Für die anderen wurde der ufernahe Raub zum einzigen Lebensinhalt. Ihnen begegnet man in den fränkischen und angelsächsischen Annalen und Chroniken. Sie kehrten bald nicht mehr in die Heimat zurück, waren in die heimatliche Gesellschaft nicht mehr integrierbar und wurden dort als Verbrecher bekämpft.
[Bearbeiten] Der Begriff Wikinger
[Bearbeiten] Wortherkunft
Das Wort Wikinger leitet sich vermutlich von dem altnordischen Substantiv víkingr (mask) ab, das “Seekrieger, der sich auf langer Fahrt weit von der Heimat entfernt” bedeutet.[1] Víking (fem) bedeutet zunächst nur die weite Schiffsreise,[2] sekundär dann auch die “Kriegsfahrt zur See an entfernte Küsten”.[3] Allerdings ist dies bereits das Endstadium der Wortentwicklung. Das Wort ist älter als die Wikingerzeit und bereits im angelsächsischen Wídsíð belegt. Die Nachrichten über die Überfälle von Skandinaviern an den nordfränkischen Küsten zur Merowingerzeit nennen Seekönige, Seegauten und Seekrieger, aber niemals Wikinger.[4] Am Ende des 8. Jahrhunderts begann eine Serie von Plünderungszügen nach England, aber es dauerte bis 879, bis in der Angelsächsischen Chronik das Wort Wikinger verwendet wurde und danach kommt es nur dreimal vor, nämlich in den Aufzeichnungen für die Jahre 885, 921 und 1098.[5] Es handelte sich also nicht um einen gängigen Ausdruck, nicht einmal in der Zeit dänischer Herrschaft. Hinzukommt, dass man mit Wikinger Skandinavier meint, aber dieses Wort bei der Übersetzung der Bibel und klassischer Literatur für Seeräuber ganz allgemein verwendet wurde.[6] Jedenfalls taucht der Begriff Wikinger auf schwedischen Runensteinen relativ spät auf, der feminine Ausdruck víking für den Wikingzug in der Zusammensetzung vestrvíking erst zu einer Zeit, als die Raubfahrten nach Osten offenbar eingestellt waren, denn das entsprechende Wort austrvíking gibt es nicht.[7] Auf dänischen Runensteinen ist Viking für den Beginn des 11. Jahrhunderts belegt.
Der Ursprung des Wortes ist umstritten. Vík bezeichnet eine große Bucht, in der das Ufer zurückweicht; nach einigen Forschern also die ursprünglichen Siedlungsplätze der späteren Wikinger. [8] Dies ist aber deshalb unwahrscheinlich, weil das Anlaufen von Buchten und das Siedeln in Buchten eine ganz allgemein übliche Vorgehensweise war und nichts, was spezifisch die Wikinger auszeichnete.[9] Im Gegenteil, die Wikinger ließen sich in aller Regel auf Inseln nieder: Île de Noirmoutier in der Loiremündung, die Insel vor Jeufosse und l'île d'Oissel in der Seine, die Camargue, eine Insel im Flussdelta der Rhône, Groix (wo ein Bootgrab gefunden wurde), Walcheren, die Isle of Thanet, die Isle of Sheppey und andere mehr, ganz zu schweigen von den atlantischen Inseln nördlich von Schottland und in der Irischen See. Da ist eine Herleitung von einem Wort für Bucht historisch unplausibel. Eine weitere Theorie leitet Wikinger vom lateinischen Wort vicus ab, das eine Ortschaft bezeichnet.[10] Dabei wird auf die vielen Städtenamen verwiesen, die auf -wik enden. Das feminine Abstraktum víking ist aber damit nicht zu erklären. Häufig wird auch auf Vik als alte Bezeichnung für den Oslofjord verwiesen. Es seien also ursprünglich Seeräuber aus Vik gewesen.[11] Dies wird aber überwiegend als unwahrscheinlich gehalten, da die Leute aus Vik als Seeräuber nirgends besonders in Erscheinung getreten sind.[12] Die neuere Forschung stellt für eine akzeptable Herleitung die von Munch.[13] entwickelte Bedingung auf, dass mit ihr auch das feminine Abstraktum als Parallelentwicklung erklärt werden kann,[14] eine Bedingung, die genannten Erklärungen nicht zu erfüllen vermögen.
Auch wird erwogen, dass die Wurzel nicht im Skandinavischen, sondern im Anglo-Friesischen zu suchen sei, da es bereits in altenglischen Glossaren aus dem 8. Jahrhundert auftrete; in diesem Fall erscheint eine Ableitung von Altenglisch wik, „Lagerplatz,“ wahrscheinlich.[15] Auch diese Herleitung kann das feminine Abstraktum nicht erklären. Andere Wortherleitungen gehen von vikva (von der Stelle rücken, bewegen, sich bewegen), víkja (norwegisch vige = weichen) aus. Hierzu gehört das Wort vík im Ausdruck róa vík á (eine Kurve rudern, beim Rudern vom Kurs abkommen[16])[17] Afvík hat die Bedeutung Abstecher.[18] Das feminine Wort víking wäre dann eine Abweichung vom rechten Kurs. Synonym dazu wird in den Texten auch úthlaup, die Fahrt, das Auslaufen von Land verwendet. úthlaupsmaðr heißt auch Wikinger und úthlaupsskip Seeräuberschiff. Víkingr wäre dann einer, der von zu Hause entweicht, sich also in der Fremde aufhält, auf eine weite Seereise geht.[19] Aber auch diese Herleitung hat keine allgemeine Zustimmung gefunden, weil sie von einem zu hohen Abstraktionsniveau ausgeht.
Ein neuer Erklärungsversuch bezieht das Wort "vika" in die Überlegungen ein. Dieses Wort lebt im deutschen Wort "Woche" fort und hat sowohl eine zeitliche als auch räumliche Bedeutung: Es handelt sich um die Strecke, die eine Rudermannschaft bis zum Wechsel an den Riemen rudert. Altwestnordisch ist vika sjóvar eine Seemeile. Daraus wird der Vorschlag entwickelt, dass víkingr ein Wechsel– oder Schichtruderer ist und das Abstraktum víking "das Rudern in Schichten" bedeutet.[20] Das Fehlen eines ursprünglichen maskulinen Substantivs aus dem Wort vika wird damit erklärt, dass das feminine Wort víking zuerst dagewesen sei und víkingr eine sekundäre Ableitung dazu. Aber diese Erklärung ist noch in der Diskussion und hat sich noch nicht endgültig durchgesetzt.
Somit bleibt, dass über die Herkunft des Wortes Wikinger bislang keine Einigkeit erzielt werden konnte.
[Bearbeiten] Begriffsentwicklung
Wikinger war nie eine ethnische Bezeichnung, wenn man sie sich auch geografisch im Süden und Westen, nicht so sehr im Osten Skandinaviens vorstellte.
Die Wörter víkingr und víking haben eine unterschiedliche Bedeutungsentwicklung erfahren. Während víkingr wegen seiner immer negativer werdenden Konnotation bald nicht mehr für edle Menschen und regierende Könige verwendet wurde, konnte von diesen durchaus gesagt werden, dass sie auf víking führen. König Harald Graumantel und sein Bruder Gudröd pflegten im Sommer „im Westmeer oder in den Ostlanden auf Víking“ zu gehen.[21] Diese Wikingerfahrten waren entweder private Plünderungsunternehmen einzelner, oder man schloss sich zu organisierten Verbänden zusammen. Aber die Fahrten waren nicht notwendig mit Raub verbunden. In der Gunnlaugr Ormstungas saga geht der Held auf víking und besucht erst Nidaros, dann König Æthelred, reist schließlich von da nach Irland, den Orkneys und Skara in West-Gotland, wo er sich bei Jarl Sigurd einen Winter aufhält, zuletzt nach Schweden zu König Olof Skötkonung. Von Plünderung ist keine Rede.
Begriffsgeschichtlich sind zwei Phasen des Begriffsinhaltes auszumachen: eine frühgeschichtliche Phase in den altnordischen Texten bis in das 14. Jahrhundert und eine moderne, die bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann.
[Bearbeiten] Angelsächsische Quellen
Das Wort vícing findet sich wohl zuerst in der Angelsächsischen Chronik. Dort tritt es zusammen mit den Wörtern scip-hlæst (= Schiffslast) und dene (= Dänen) auf. Die Körper der Männer werden als Schiffsladung bezeichnet.[22] 798 wurden die Angreifer noch als Dänen bezeichnet. 833 waren die Angreifer „Schiffsladungen von Dänen“. Auffallend ist, dass von xxxv scip-hlæst und nicht von 35 Schiffen die Rede ist. Der Akzent wird auf die Männer gelegt. 885 wurden die Schiffsladungen dann Wikinger genannt. Im 9. Jahrhundert wurden die Wikinger in Übereinstimmung mit dem Wortursprung und offenbar durch Widsith gestützt als Seeräuber betrachtet. Dass die Chroniken die Dänen nicht sofort Wikinger nannten, lässt darauf schließen, dass man sie außerhalb ihres unmittelbaren Umfeldes zunächst nicht erwartete. Auch das Gedicht The Battle of Maldon aus dem späten 10. oder frühen 11. Jahrhundert schildert die Wikinger als Lösegeld fordernde Kriegerschar.
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þa stod on stæðe, stiðlice clypode |
Da stand ein Bote der Wikinger am Ufer, |
Archäologische Funde lassen vermuten, dass das Wort wícing mit dem Gebrauch im Gedicht Widsith (im dortigen Artikel ist der Vers zitiert) im Wesentlichen übereinstimmt: Sie sind räuberische Angreifer. Sie werden in dem zitierten Vers mit den Heathobearnern gleichgesetzt. Was es damit auf sich hat, ist ungeklärt. Vers 57–59 bringt eine Völkertabelle:
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Ic wæs mid Hunum |
Ich war mit den Hunnen |
Wer auch immer im Einzelnen mit den Namen gemeint gewesen sein mag, die Tabelle weist klar in den Ostseeraum, und mit den Wikingern sind sicher Nordländer gemeint.[24]
Etwa aus der gleichen Zeit stammt eine Dichtung über das Buch Exodus, in der besonderer Wert auf die Kämpfe der Israeliten gelegt wird und das im Junius manuscript überliefert ist. Es geht um den Durchzug durch das Rote Meer in Heeresformation mit weißen Schilden und flatternden Fahnen. Über den Stamm Rubens heißt es da:
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æfter þære fyrde flota modgade, |
Nach dieser Schar kommt stolz ein Seekrieger, |
Diese beiden Belege zeigen, dass der Begriff Wikinger im Sinne von Seekrieger vor der nordgermanischen Expansion nach England verwendet wurde und daher nicht die von einem König initiierten Eroberungen abdeckt.[26] Zu dieser Zeit war der ufernahe Raub auf privater Initiative die maßgebliche Erfahrung mit den Wikingern. Diese lag bereits vor der eigentlichen Wikingerzeit. Die organisierten Invasionen zur Herrschaftsausdehnung in der Wikingerzeit wurden Nordmannen und Dänen zugeschrieben, nicht aber Wikingern.[27] Die Verknüpfung des Begriffes Wikingern mit einem seegestützten Angriff ist in den angelsächsischen Quellen durchgängig zu beobachten. Sie gehören untrennbar zusammen.[28] Es wird sogar zwischen Landheer und Wikingern unterschieden. In der Chronik zum Jahr 921 wird vom Kampf des dänischen Heeres in Ostanglien gegen Edward als von einem Kampf des „landheres ge thara wicinga“ (des Landheeres und der Wikinger) berichtet. Beide Gruppen waren Dänen, und die Schiffe unterstützten das Landheer.[29]
Die Verbindung zwischen wic = Bucht und wicing wird in den militärischen Befestigungsanlagen in Gudsø vig am kleinen Belt und im Umkreis des Kanhave-Kanals, der die Insel Samsø an ihrer schmalsten Stelle von der Sælvig-Bucht in den Stavns-Fjord durchschnitt (Bau dendrochronologisch auf 726 datiert[30]) gesehen.[31] Dazu passt, dass im Widsith (Vers 28) das Wort wicing parallel zu sædena = See-Dänen gestellt wird. Auf dem Stiel einer Axt, die in Nydam gefunden wurde, befindet sich eine Runeninschrift, die die Namen Sikija (einer, der am Sik, einem Feuchtgebiet, wie es oft im Anschluss an eine Bucht zufinden ist) und Wagagast (Wellengast, Seefahrer) beinhaltet. Daraus kann man schließen, dass sich die Bevölkerung dort stark auf die Seetopographie bezog.[32] Obgleich Boote und Waffen in Nydam Seekriegern gehört zu haben scheinen, kann aus den Funden keine Definition eines Wikingers hergeleitet werden.
Auch in irischen Texten kommt das Wort Wikingern als Lehnwort uicing, ucing oder ucingead vor.[33]
[Bearbeiten] Altnordische Literatur
Die Einführung des Personennamens víking zeigt, dass mit dem Begriff bald persönliche Qualitäten verbunden wurden und er eine bestimmte Identität signalisierte und nicht eine bestimmte Art des Krieges.[34] Allerdings fällt auf, dass der Personenname nur in Norwegen, in Ostschweden, Småland, Finnland und Schonen belegt ist, in Island aber nicht verwendet wurde, allenfalls als Beiname (Landnámabók).[35] Eilífr Goðrúnarson (2. Hälfte des 10. Jahrhunderts) nennt in seiner Þórsdrápa die kriegerischen Götter “Wikinger”.
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Óðu fast (en) fríðir |
Gautheims Wiking, wackre, |
Mit dieser Namensgebung sollen Tugenden der Vergangenheit beschworen werden: Ein treuer und tapferer meergebundener Krieger, beschäftigt mit externem Erwerb.
In der Skaldendichtung ist die älteste Verwendung bei Egill Skallagrímsson (910–990) zu finden:
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Þat mælti mín móðir, |
Meine Mutter sagte |
Da ist Egill noch nicht zwölf Jahre alt und reagiert mit diesem berühmt gewordenen Gedicht auf eine entsprechende Zusage der Mutter. Egill repräsentiert den Saga-Typus des Wikingers. Er verwendet das Wort in vielen Skaldenstrophen. Man erkennt, dass diese heroische Auffassung vom Wikingerleben zur Zeit der Abfassung des Gedichtes (um 920) bereits eine längere Tradition hinter sich hat. Bei der gesamten schriftlichen Tradition fällt auf, dass über die soziologischen Strukturen der Wikinger nichts überliefert ist. Weder sind der soziale Hintergrund, die Familien der Teilnehmer noch die Motive der Wikingerbewegung, ihre rechtlichen oder militärischen Strukturen Gegenstand der Überlieferung.[38]
Aber bald setzte sich vor allem in Schweden die pejorative Bedeutung durch, als dort der Handel eine vorrangige Stellung einnahm, denn der Wikinger war die größte Gefahr für den Kaufmann. Auch dies ist ein Grund, für diese Zeit den Wikinger vom Kaufmann zu unterscheiden, wenn auch die gleiche Person sich je nach Gewinnaussicht mal als Wikinger, mal als Kaufmann betätigt haben mochte. Das sind aber Einzelfälle. Überhaupt scheint das Wikingerunwesen im Ostseebereich eine geringere Bedeutung gehabt zu haben. Wenn es richtig ist, dass der Leidang seinen Ursprung in Schweden hat, so blieb für die privaten Raubzüge bald nicht mehr viel Spielraum. Vielmehr stand der Kriegszug dort schon sehr früh unter der Kontrolle des Königs. So musste sich die private Initiative mehr auf den Handel verlegen. Für die Ostfahrten in die Flüsse Russlands wurde der streng auf diese Gegend beschränkte Begriff der Waräger verwendet.
Auch in Norwegen wurde bald gegen die Wikinger im eigenen Lande vorgegangen. Sigvald der Skalde bezeugt in seinem Gedächtnislied über Olav den Heiligen, dass er gegen die Räuberei im eigenen Lande gnadenlos vorgegangen sei:
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Vissi helst, það er hvössum |
Lands Schirmherr mit Schwerte |
[Bearbeiten] Runensteine
In altnordischen Texten auf Runensteinen des 11. Jahrhunderts kommen neutrale [40] und Ehrfurcht erweckende [41] Bedeutungen vor. Das Wort Wikingern ist auch mit Vorstellungen von Ehre und Eid verbunden. Das Wort wurde auch einfach mit drengr = tapferer, ehrenhafter Mann gleichgesetzt. [42] In diesen Texten gibt es keinen Wikinger hinter einem Pflug. Er wurde als in der Fremde mit dem Schwert in der Hand vorgestellt.
[Bearbeiten] Frühe außerskandinavische Literatur
Zu derselben Zeit werden in der übersetzten lateinischen Literatur Seeräuber, Räuber und andere Schurken Wikinger genannt. In der frühen Phase wurde das Wort von Nichtskandinaviern und von Christen in einer pejorativen Bedeutung mit einem gewissen Maß an Ehrfurcht verwendet. Wikinger waren gewalttätige Angreifer. Adam von Bremen schreibt: „Sie sind wirklich Piraten, die jene Wikinger nennen, wir Eschenmänner“.[43] Er nennt die Piraten mehrfach „Ascomanni“.[44]
In den westfränkischen Quellen taucht das Wort Wikinger nicht auf. Stattdessen ist bei den Plünderungszügen durchweg von Normannen die Rede. Die zeitgenössische Annalistik erwähnt ihre Grausamkeit. In der mehr örtlich orientierten Hagiographie tritt die unglaubliche Grausamkeit als besonderes Merkmal deutlich hervor.[45]
In der Angelsächsischen Chronik wird die Grausamkeit der Wikinger nicht explizit erwähnt. Dies hängt aber mit der Thematik und Darstellungsabsicht, den Aufstieg des Hauses Wessex und den Kampf Alfreds des Großen zu schildern, zusammen.
[Bearbeiten] Christliches Mittelalter
Nach 1100 kam die Bezeichnung Wikinger ganz allgemein in Misskredit und wurde immer häufiger abwertend gebraucht. Der Aufmerksamkeitswert rührt vor allem daher, dass sie sich bei den damals durchaus allgemein üblichen kriegerischen Unternehmungen nicht an die kontinentalen Regeln hielten. Diese schützten grundsätzlich Kirchen und Klöster, die für die heidnischen Krieger nur eine leichte Beute waren.[46] Insofern stehen sie in der zeitgenössischen Berichterstattung den Reiterhorden aus Ungarn nahe.[47] Auch hier handelte es sich nicht um politische Kriegszüge zur Herrschaftsausweitung, sondern wie bei den Wikingern um reine Beutezüge.[48]
Der sog. Poeta Saxo setzt die “Ashmen”, die Adam von Bremen mit den Wikingern gleichsetzt, mit Piraten gleich. Snorri beginnt seinen Bericht über die Orkaden-Jarle in der Geschichte über Olav den Heiligen mit der abfälligen Bemerkung: „Es heißt, dass in den Tagen des Norwegerkönigs Harald hårfagre die Orkaden besiedelt wurden. Vor dieser Zeit waren die Inseln nur eine Wikingerhöhle.“[49] Ihre Anwesenheit lässt er nicht einmal als Besiedlung gelten. Über Magnus Berrføtt heißt es in der Heimskringla: „Er hielt den Frieden in seinem Lande aufrecht und reinigte es von allen Wikingern und Wegelagerern.“[50] Hier zeigt sich bereits der Wandel durch die Nennung der Wikinger zusammen mit den Gesetzlosen. Auch Erik Ejegod wird gelobt wegen seines beherzten Eingreifens gegen Wikinger in Dänemark.[51] Im 12. Jahrhundert wird in einem Gedicht zur Erinnerung an Olav Tryggvason “Wikinger” synonym zu Räuber und Verbrecher verwendet.[52] In den Dichtungen des 12. Jahrhunderts wird der Wikinger zum Staatsfeind und Aufrührer. In der lateinischen religiösen Literatur wird víkingr mit “raptor”, “praedo”, usw. übersetzt.[53] Die gleiche Entwicklung kann man auf Island beobachten: In der Landnámabók werden die ersten Siedler, Stammväter bedeutender Geschlechter, noch als “víkingr mikill” (große Wikinger) bezeichnet. Aber zur selben Zeit setzt sich der unfriedliche Gewaltaspekt durch. „Þorbjörn bitra hét maður; hann var víkingur og illmenni.“ (Ein Mann hieß Þorbjörn bitra; er war Wikinger und ein übler Mensch.)[54] Der vornehme Óleifr enn hvíti wird gleichzeitig als herkonungr (Heerkönig) und nicht als Wikinger bezeichnet.[55] Kein Nachkomme der vornehmen Geschlechter wird selbst “Wikinger” genannt. Aber es wird von manchen berichtet, dass sie waren “í (vest)víking”, also auf Wikingerfahrt.
Selbst der Skalde Egill Skallagrímsson, der den klassischen Typus des Wikingers verkörperte, wird nicht als Wikinger bezeichnet. Nur seine Unternehmungen werden “Víking” genannt. In der Njálssaga wird von Gunnar von Hlíðarendi und den Söhnen Njáls berichtet, dass sie auf “Víking”-Fahrt fuhren, sie selbst werden aber nicht Wikinger genannt. Aber Gunnars Feinde in Estland werden als Wikinger bezeichnet. Hingegen bezeichnet die mutmaßlich auf den Färöer-Inseln entstandende Saga von Hjorti aus Viðareiði den Seefahrer Tumpi, der von einem heute als Gammelfjols-gård bekannten Gehöft stammt, recht eindeutig als "víkingr". Er soll auf einer Fahrt nach Island um das Jahr 1000 herum mit dem Lensmann der norwegischen Krone auf den Færøern, Bjørn von Kirkjubø, in Streit geraten sein, und deswegen von den Inseln nach Grönland verbannt worden sein.
In den Rechtstexten (Grágás, Gulathingslov) hat sich die Gleichsetzung mit Übeltäter dann verfestigt. Das Gleiche gilt für Schweden.[56] Gleichzeitig finden sich in den Wikingersagen über Ragnar Lodbrok und andere Seehelden Züge romantischer Seeräuberromane, in denen der Held gerne als Beschützer der Schwachen dargestellt wird. In der Friðþjófs saga ins frœkna lebt der Held Friðþjóf ein ritterliches Freibeuterleben, in dem er die Übeltäter und grausamen Wikinger vernichtet, aber Bauern und Kaufleute in Frieden lässt.[57] Das gleiche Motiv der Ritterlichkeit durchzieht auch die Vatnsdœla saga. Dabei ist auf die feine Unterscheidung zwischen dem femininen Wort „víking“ = Heerfahrt und dem maskulinen Wort „víkingr“ = Pirat hinzuweisen. Die ritterlichen Protagonisten ziehen auf Víking-Fahrt, aber ihre Gegner sind Piraten und Räuber, denen sie die Beute, die diese harmlosen Kaufleuten und Bauern abgenommen hatten, abjagen.[58]
[Bearbeiten] Frühmoderne Auffassung
Die literarische Verarbeitung in den Sagas bildete die Grundlage für die frühmoderne Auffassung über die Wikinger im Zuge der skandinavischen Identitätsfindung. Besonders der schwedische Gelehrte Olof Rudbeck betrachtete den Wikinger als „unseren starken, kriegerischen, ehrbaren, heidnischen und primitiven Vorfahren“.[59]
Obwohl geringwertiger, wurde angenommen, dass seine besten Qualitäten in Schweden und dem übrigen Skandinavien weiterlebten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die heidnische Primitivität zurückgedrängt zu Gunsten eines freien und gesetzestreuen Wikingerbildes.[60] Dies wirkte sich in der späteren Literatur dahin aus, dass die regulären Eroberungskriege z.B. in England ebenfalls Wikingern zugeschrieben und damit den räuberischen Überfällen auf die englischen Klöster im 8. Jahrhundert gleichgestellt wurden.
Dabei wurde übersehen, dass die Tugenden, die an den Wikingern gelobt wurden, damals nur gegenüber der eigenen Gruppe geübt wurden. Die Moral war streng auf die eigene Sippe und die Gefolgschaft ausgerichtet. Daher war der Raub in der Fremde nichts unehrenhaftes, im Gegenteil, er trug zum Ansehen bei. Diese Unterscheidung liegt auch der Entscheidung Harald Hårfagres zu Grunde, den Wikinger Gang-Hrolf (angeblich identisch mit Rollo in der Normandie) aus Norwegen zu verbannen. Solange er in den Ostlanden heerte, wurde dies akzeptiert. Als er aber seine Plünderungen in Vik (Oslofjord) fortsetzte, verstieß er gegen die Regeln, dass man im eigenen Lande nicht plündern durfte.[61] Die etwas verharmlosende Auffassung vom Wikinger in der frühen Neuzeit führte dazu, dass sich die Wikinger angeblich auch als Bauern und Händler betätigten und die Tugenden des ehrbaren Bürgers übernahmen. Das war die Zeit, als die Wikinger einer ganzen Kulturepoche, nämlich der Wikingerzeit, ihren Namen gaben. Als auch andere Aktivitäten im Kunstgewerbe entdeckt wurden, wurde der Begriff in der heutigen Weite allgemein auf die seefahrenden Völker der Nord- und Ostsee übertragen, sofern sie auch räuberisch auftraten. Der Begriff “Wikinger” verlor seine Konturen. Die romantische Heroisierung führte auch dazu, dass man den Wikingern besondere Fähigkeiten und Kenntnisse in der Seefahrt andichtete. So sollen sie angeblich bereits den Kompass und hervorragende nautische Fähigkeiten besessen haben. Dies ist, wie im Artikel Wikingerschiff dargelegt wird, Legende.
[Bearbeiten] Gegenwart
Im deutschen Sprachraum wurde “Wikinger” erst im 19. Jahrhundert zu einem Allgemeinbegriff für nordische Seefahrer. Insbesondere Leopold von Ranke[62] hat wohl zur Verallgemeinerung des Wikingerbegriffs im 19. Jahrhundert entscheidend beigetragen. Vorher wurden diese Völker Nordmannen oder Normannen genannt.[63] Auch heute wird der Wikingerbegriff immer noch sehr undifferenziert angewendet, wie bereits an den Karten zu sehen ist, die unter der Bezeichnung “Die Welt der Wikinger” geboten werden und alle Schiffsbewegungen der Wikingerzeit von Vinland im Nordwesten bis in das Byzantinische Reich im Südosten, von Staraja Ladoga im Nordosten bis Gibraltar im Südwesten unterschiedslos den Wikingern zuschreiben. Die Karte Boyers enthält sogar einen wikingischen Pilgerweg nach Jerusalem![64]
Heute ist in der Wissenschaft teilweise eine extreme Gegenbewegung zu beobachten, die jedwede andere Betätigung des Wikingers als Raub als der nationalromantischen Geschichtsschreibung entstammend ablehnt. Dieser extremen Reduktion auf den Raub, die Herschend vertritt,[65] der sogar jedweden Handel ausschließen möchte, wird hier nicht gefolgt. Vielmehr muss die Wirtschaftsweise “Raubhandel” für viele Wikinger der norwegischen und schwedischen Oberschicht als erwiesen gelten. Auch konnten sich Wikinger auf Raubzug anschließend in anderen Ländern niederlassen. Manchmal konnten von diesen Niederlassungen und Siedlungen neue Raubzüge ausgehen. Harald Hårfagre sah sich gezwungen, die Bedrohung der norwegischen Küsten durch Wikinger aus den britischen Inseln abzuwehren. Richtig ist daran nur, dass reine Handelsreisende, Handwerker und Bauern - gleichgültig, wo sie sich niederließen -, deren Lebensentwurf nicht wesentlich von Kampf und Raub bestimmt war, nicht als Wikinger bezeichnet werden dürfen. Die Nordmänner, die Island und Grönland besiedelten und Nordamerika entdeckten, waren keine Wikinger. Die Auffassung von Herschend trifft nur auf die Wikinger zu, die im 8. und 9. Jahrhundert das Frankenreich und England heimsuchten. Dies ist aber nur ein Teil.
[Bearbeiten] Verwandte Ausdrücke für den gleichen Personenkreis
[Bearbeiten] Skandinavische Textzeugnisse
Zu der eher ehrenvollen Auffassung “Wikinger” dürfte auch das Wort “DrængR” beigetragen haben, das sich auf den Runensteinen Schwedens findet. Dieses Wort hat um 1000 eine Wandlung durchgemacht. Auf den ältesten Runensteinen wird es oft synonym zu “Wikinger” gebraucht.[66] Zu dieser Zeit bezeichnet das angelsächsische Lehnwort “dreng” den Krieger.[67] Später hatte es dann einen mehr ethischen Inhalt als eine Bezeichnung für einen Mann „von rechtem Schrot und Korn“, ohne dass damit eine Auslandsfahrt verbunden sein müsste.[68]
Snorri definiert in seiner Snorra-Edda den Drengr so:
„Drengir heita ungir menn búlausir, meðan þeir afla sér fjár eða orðstír, þeir fardrengir, er milli landa fara, þeir konungsdrengir, er höfðingjum þjóna, þeir ok drengir, er þjóna ríkum mönnum eða bóndum. Drengir heita vaskir menn ok batnandi.“
„“Drengir” heißen junge Männer, solange sie sich Habe und Ruhm erstreiten; “Fardrengir” die, die von Land zu Land segeln; “Königsdrengir” die, die Häuptlingen dienen; aber auch die sind “Drengir”, welche mächtigen Männern oder Bauern dienen; “Drengir” heißen alle rüstigen und reiferen Männer.“
– Snorra-Edda, Skáldskaparmál Kap. 81.
Hier zeichnet sich schon die Begriffswandlung ab, die bis zur Zeit Snorris stattgefunden hatte.
Eine weitere Bezeichnung für Männer mit wikingischer Lebensweise dürfte die frühe Verwendung des Titels “húskarl” gewesen sein. Es handelte sich um freie Männer, die sich den Mächtigen anschlossen und dessen Gefolge bildeten. Sie genossen freien Unterhalt und lebten in dessen Haus, das schon deshalb ein geräumiges Anwesen sein musste. Dafür waren sie verpflichtet, ihm bei allen Unternehmungen beizustehen. Ging er auf víking, so bildeten sie seine Kerntruppe, den “lið”. Húskarl bei einem mächtigen Mann zu sein, war für junge Bauernsöhne eine ehrenvolle Anstellung, insbesondere, wenn diese mächtigen Männer ein Jarl oder ein König waren. Aber unter den Verhältnissen vor und um 1000 konnte eine solche Schar nur gehalten werden, wenn sie Aussicht auf Ruhm und Reichtum hatte, zumal Reichtum Voraussetzung für hohes Ansehen war, das man nur durch große Freigebigkeit (“Goldausstreuer”[69] “Schenker der Ringe” waren Kenningar für den König.) erwerben konnte. Dies geschah ganz überwiegend auf Auslandsfahrten, die mit Raubhandel verbunden waren. Das wird auch durch das völlige Fehlen des Titels “húskarl” in den nachwikingischen schwedischen Quellen nahegelegt. [70]
Snorri definiert in der Ynglinga saga den Seekönig so:
„Í þann tíma herjuðu konungar mjög í Svíaveldi, bæði Danir ok Norðmenn. Voru margir sækonungar, þeir er réðu liði miklu ok áttu engi lönd. Þótti sá einn með fullu mega heita sækonungur, er hann svaf aldri undir sótkum ási, ok drakk aldri at arinshorni.“
„Da gab es viele Seekönige, die über große Heere geboten, aber kein Land besaßen. Den allein erkannte man mit Fug als einen richtigen Seekönig an, der nie unter rußigem Hausdach schlief und nie im Herdwinkel beim Trunke saß“
– Ynglinga saga, Kap 30 (nach anderer Zählung 34) über Hrólf Krakes Tod
Hier handelt es sich um einen typischen Wikingerführer, da die Unterhaltung einer solchen Mannschaft den Raub voraussetzt. Zu Olaf dem Heiligen schreibt er:
„Þá er Ólafur tók við liði og skipum þá gáfu liðsmenn honum konungsnafn svo sem siðvenja var til að herkonungar, þeir er í víking voru, er þeir voru konungbornir, þá báru þeir konungsnafn þegar þótt þeir sætu eigi að löndum.“
„Als er [12.jährig] Heer und Schiffe bekam, gaben ihm seine Leute den Namen “König”, wie dies damals Brauch war. Heerkönige nämlich, die Wikinger wurden, führten ohne weiteres den Königsnamen, wenn sie aus königlichem Blute waren, auch wenn sie noch kein Land zur Herrschaft besaßen.“
– Heimskringla Ólafs saga helga Kap. 4.
Die sehr häufig (auf mehr als 50 Steinen) verwendete Formulierungen “at verða dauður” (fand den Tod) und “hann varð drepinn” (er wurde getötet) wird mit einer Ausnahme nur im Zusammenhang mit dem Tod im Ausland gebraucht. Das kann auf Wikinger-Unternehmungen deuten, aber auch auf Handelsfahrten. Die Handelsschiffe konnten ja selbst Opfer von Überfällen werden.
Die Bezeichnungen der Schiffsmannschaften sind nur wenig belegt. So gibt es den Ausdruck “styrimannr”. Dieser ist der Schiffsführer. Welcher Art Unternehmungen das Schiff diente, lässt sich aus den wenigen Texten nur indirekt erschließen. Der Stein Haddeby 1 aus Gottorp deutet auf Grund des Textzusammenhangs eher auf eine kriegerische Verwendung hin. [71] Dagegen dürfte der Schiffsführer, der auf dem schwedischen Stein im Dom zu Uppsala genannt wird, auf Handelsfahrt gewesen sein. [72]
Ein weiterer Ausdruck für einen Seekrieger war “Skípari”, Schiffsmann. Am deutlichsten ist dies auf den Steinen aus Småland [73] und Södermanland zu erkennen. [74]
[Bearbeiten] Außerskandinavische Textzeugnisse
Die Bezeichnung in den frühen Schriftquellen des 8. bis 11. Jahrhunderts im Frankenreich lassen nicht immer einen Rückschluss darauf zu, inwieweit die Autoren die Ethnien bei den von ihnen geschilderten Überfällen unterschieden haben. Die Bezeichnung war im Wesentlichen von der Aussageabsicht bestimmt. So werden die Wikinger unter den Sammelbegriffen “Normannen”, “Heiden” und “Piraten” geführt. Man findet auch den bevorzugten Begriff Dänen. Manchmal wird zwischen Dänen, Norwegern und anderen unterschieden.[75] Bei den Schilderungen der Untaten kam es den Annalen nicht auf eine ethnische Differenzierung an. Bei Autoren wie Nithard und Notker wird man auf Grund ihrer Informationsquellen davon ausgehen dürfen, dass sie über die überwiegend dänischen Herkunft der Wikinger Bescheid wussten. Trotzdem benutzten sie den Begriff “Normannen”.[76] In der Hagiographie findet sich eine häufige Gleichsetzung von Normannen und „pagani“ (Heiden). Für die Darstellung des beispielhaften Handelns des geschilderten Heiligen war die ethnische Zugehörigkeit seiner Gegner ohne Bedeutung. Wenn Hinkmar von Reims an Papst Hadrian von “pagani Northmanni” und an die Bischöfe der Diözese Reims vom Kampf „conta paganos“ schreibt, dann dürfte dieser Verfasser eines Teiles der Annales Bertiniani über die ethnische Zugehörigkeit sicher informiert gewesen sein. In der pastoralen Briefliteratur ist naturgemäß überwiegend von “pagani” ohne weitere Differenzierung die Rede.[77] In Annalen und Chroniken wird die Bezeichnung „Dänen“ dann bevorzugt, wenn von den Verhältnissen in Dänemark berichtet wird. Dann findet sich auch der synonyme Gebrauch von “Dänen” und “Normannen”.[78] Andere Schilderungen nennen ausschließlich Dänen als Akteure. Aus Einhards Leben Karls des Großen kann man die Kenntnis unterschiedlicher Volkszugehörigkeit der Normannen ablesen.
„Dani siquidem ac Suenones, quos Nordmannos vocamus, et septentrionale litus et omnes in eo insulas tenent.“
„Dänen und Sueonen, die wir Nordmannen nennen, haben die ganze Nordküste und alle Inseln in ihm (gemeint ist die Ostsee) inne.“
– Einhardi vita Karoli Kap. 12.
In der Angelsächsischen Chronik wird bei den normannischen Überfällen durchaus zwischen Norwegern und Dänen unterschieden. Der Wikingerangriff 787 wird in der ältesten Handschrift “A” den Dänen zugeschrieben. Die Handschriften “B”, “C”, “D”, “E” und “F” schreiben “III scipu nodhmanna”. Dies seien die ersten Dänen (Deniscra manna) in England gewesen. Die Handschriften “E” und “F” geben zusätzlich als Herkunftsort “Heredhalande” an, was auf die norwegwische Küste bezogen wird.[79]
Andere fränkische Schriftquellen sprechen von den Wikingern als “piratae”, benutzen das Wort “Wikinger” aber nicht. Sie unterscheiden auch nicht zwischen Flotte und Landheer. Im übrigen decken sich aber die Wortbedeutungen “piratae” bei den fränkischen und “wicing” bei den angelsächsischen Quellen, indem sie sich beide auf den Zusammenhang “Schiff - Angriff - Plünderung” beziehen.
In Irland wurden Wikinger Lochlannach genannt, was die gleiche Bedeutung hat. Der Geschichtsschreiber Adam von Bremen nannte die Wikinger Ascomanni, “Eschenmänner”. Es gab Schiffe, die “askr” oder “askvitul” hießen.[80] Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass die Schiffe unter der Wasserlinie zwar aus Eichenholz, oberhalb der Wasserlinie aber oft aus Eschenholz gebaut sein sollen, was sich aber archäologisch nicht sicher belegen lässt. Der Schwager von Erik Blutaxt hieß Eyvindr skreyja (“Schreier”),dessen Bruder Álfr trug den Beinamen “Askmaðr”. Die Araber nannten die nordischen Seekrieger, die hin und wieder ihre Küsten heimsuchten, “Al-Madschūs”. In den irischen Annalen unterschied man zwischen dänischen und norwegischen Wikingern. Die dänischen Wikinger wurden “dubh” (die Schwarzen) genannt, die norwegischen Wikinger “finn” (die Weißen). Dies soll angeblich auf die Farbe ihrer Schilde zurückzuführen sein. Von der Entscheidungsschlacht Olavs des Heiligen bei Nesjar berichtet der Skalde Sigvat als Augenzeuge, dass die Schilde seiner Männer weiß gewesen seien.[81] Zusammen waren sie „gall“ (die Fremden).[82] Aber die Schilde hatten oft verschiedene Farben, wie der Teppich von Bayeux beweist.
[Bearbeiten] Aktivitäten
[Bearbeiten] Quellen
Für die Aktivitäten der Wikinger gibt es höchst unterschiedliche Quellen mit sehr unterschiedlichem Aussagewert. Die Hauptquellen sind:
- Runensteine: Sie enthalten zuverlässige Aussagen über die dort verewigten Personen. Allerdings stammen sie, soweit von Wikingern die Rede ist, in der Regel aus dem 11. Jahrhundert und geben wenig Aufschluss über die Zeit davor. Ältere enthalten zu wenig Text. Zum anderen betreffen die meisten Personen im Ostseeraum. Die Personen gehören der sozialen Oberschicht an und geben daher ein ganz spezifisches Wikingerbild wieder, das nicht verallgemeinert werden kann.
- Sagas: Auch sie schildern das Wikingerbild einer Oberschicht. Sie sind zwar ebenfalls in einer späten Zeit niedergeschrieben worden, aber die in ihnen enthaltenen Gedichte sind zweifellos sehr alt, oft zeitgenössisch und haben einen hohen Quellenwert.
- Annalen und Chroniken: Sie sind im Frankenreich und in England niedergeschrieben worden. Ihr Quellenwert wird oft unterschätzt, indem man ihnen vorwirft, sie seien von Mönchen geschrieben worden und gäben daher ein einseitig negatives Bild der Wikinger wieder.[83] Dem ist entgegenzuhalten, dass die Verfasser den Ereignissen in aller Regel sehr nahestanden und es keine Veranlassung gibt, an der Darstellung nur wegen ihres religiösen Hintergrundes zu zweifeln. Im übrigen zeigt eine genaue Lektüre, dass sich durchaus anerkennende Passagen finden. Aber der Aussagewert ist gleichwohl begrenzt, da sie nur ganz selten quantitative Aussagen machen. Sie beschränken sich auf die Ereignisse als solche. Im wesentlichen handelt es sich um die Reichsannalen, die Jahrbücher von St. Bertin, die Jahrbücher von St. Vaast, die Xantener Jahrbücher, die Jahrbücher von Fulda, die Chronik von Regino von Prüm, die Taten Karls von Notker Balbulus, De bello Parisiaco des Abbo von St. Germain, The Anglo-Saxon Chronicle, De rebus gestis Aelfredi von Asser und das Chronicon von Aethelweard.
- Hagiographie und Translationsberichte. Dies ist die am meisten unterschätzte Quellengattung. Wenn auch die Lebensbeschreibung des Heiligen einer kritischen Distanz entbehrt, so hat doch die Einbettung in das Zeitgeschehen eine hohe Glaubwürdigkeit, zumal sie oft genug in der Beschreibung der Ereignisse mit anderen Quellen übereinstimmt. Hinzukommt, dass die Verfasser oft in den betroffenen Klöstern saßen und die Geschehnisse aus nächster Nähe verfolgen konnten. Ergiebig in dieser Hinsicht sind die anonyme Translatio S. Germani und die Miracula S. Filiberti. Sie sind hier nur über die Sekundärliteratur benutzt.
Einige Wissenschaftler hängen noch der radikalen Quellenkritik an und verwerfen alle Quellen aus unterschiedlichen Gründen. Sie stehen in der Tradition der radikalen Sagakritik aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber der größte Teil der seriösen Geschichtsforschung hat sich davon abgewandt und versucht durch sorgfältige Textanalyse die glaubhaften Informationen aus den Quellen herauszuarbeiten.
[Bearbeiten] Lebensweise und Unternehmungen
Die Außensicht unterschied sich radikal von der Binnensicht, wobei als Binnensicht nur die Sicht der aristokratischen Wikinger in den Sagas und auf den Runensteinen überliefert ist. Die in Frankreich und England plündernden Wikinger haben keine Zeugnisse ihres Selbstverständnisses hinterlassen. Durch die kontinentale Wahrnehmung und Überlieferung erhielten die Wikinger eine Aufmerksamkeit, die über ihre Bedeutung in der innerskandinavischen Geschichte weit hinausgeht.[84] Bei den Wikingern der Saga-Literatur handelte es sich um eine Lebensphase einiger Adliger, die später in ein normales bäuerliches Leben zurückfanden.[85] Egill Skallagrimsson beschloss sein Leben als Bauer in Island. Bei den übrigen Wikingern handelte sich um eine soziale Gruppe, die sich aus der skandinavischen Gesellschaft ausgegliedert hatte und bald nur noch als Staatsfeind gesehen wurde, so dass sie für die innerskandinavische Geschichte nur eine begrenzte Rolle - eben als Feinde - spielten. Die Quellen in ihrer Gesamtheit zeigen ein außerordentlich divergierendes Bild von den Wikingern, und es ist Boyer entschieden zu widersprechen, wenn er schreibt: „Es besteht eine skandinavische Einheit mit unvermeidlichen, aber in Wirklichkeit sehr kleinen Nuancen. Diese Einheit erlaubt es, den Wikinger-Alltag unabhängig von der jeweiligen ‚Nationalität‘ zu behandeln.“[86]
In Diplomen König Ethelwulfs von Wessex, die bestimmte Klöster von Steuern befreiten, wird die Pflicht zur Verteidigung gegen die unglaublich grausamen, barbarischen Feinde ausgenommen.[87] Das gesamte west- und ostfränkische sowie das angelsächsische Quellenmaterial stimmt unabhängig darüber überein, dass die Mordlust und Zerstörungswut ein hervorstechendes Merkmal der Angreifer war. Eine solche Quellenlage kann nicht mit Hinweis auf die durchweg christlichen Verfasser relativiert werden, zumal die wenigen arabischen Quellen aus Spanien das gleiche Bild beschreiben.[88] Die kleineren, vor allem die hagiographischen Quellen betonen diese Eigenschaft besonders, während die Habgier weniger Beachtung findet. Diese wird eher in den größeren erzählenden Quellen angeführt.[89]
Das Wikingerbild des 9. Jahrhunderts kommt in den Annales Bertiniani zum Jahr 841 wie folgt zum Ausdruck:
„Interea pyratae Danorum ab oceano Euripo devecti, Rotumum irruentes, rapinis, ferro ignique bachantes, urbem, monachos reliquumque vulgum vel caedibus vel captivitate pessumdederunt et omnia monasteria seu quaecumque loca flumini Sequanae adhaerentia aut depopulati sunt aut multis acceptis pecuniis territa reliquerunt.“
„Inzwischen überfielen dänische Seeräuber von der Nordsee aus durch den Kanal fahrend Rouen, wüteten mit Raub, Schwert und Feuer, schickten die Stadt, die Mönche und das übrige Volk in den Tod oder in Gefangenschaft, verheerten alle Klöster, sowie alle Orte am Ufer der Seine oder ließen sie, nachdem sie sich viel Geld hatten geben lassen, in Schrecken zurück.“
– Annales Bertiani zum Jahr 841.
Die im gleichen Zeitraum durchgeführten Sachsenkriege Karls des Großen haben keineswegs in dieser Weise prägend auf die zeitgenössische Gedankenwelt eingewirkt, obgleich Alkuin dessen Vorgehen gegen die Sachsen scharf kritisierte. Wer in den lateinischen Texten eine antiskandinavische Parteinahme erkennt,[90] übersieht, dass es im damaligen Bewusstsein bereits eine Unterscheidung zwischen politisch motivierten Kriegszügen und Beutezügen aus Habgier mit sinnloser Zerstörungswut gab. Von den innerfränkischen Auseinandersetzungen beschränken sich die Quellen in der Regel auf den Begriff “depraedatio” (Verheerung) oder “devastare” (verwüsten) ohne genauere Beschreibung der Vorgänge.
„Odo rex in Francia hiemavit, Karolus vero rex supra Mosellam. Exhinc hi qui cum Karolo erant Balduinum infestum habuere, et ubique depraedationes agebantur ab eis.“
„König Odo überwinterte in Francien, König Karl aber an der Mosel. Von hier befehdeten Karls Anhänger den Balduin und überall wurden von ihnen Verheerungen angerichtet.“
– Annales Vedastini zum Jahre 896.
Bei den Normannen heißt es dagegen:
„Nortmanni incendiis et devastionibus in hiantes sanguinemque humanum sitientes ad interitum et perditionem regni mense Novembrio in monasterio sedem sibi ad hiemandum statuunt …“
„Die Normannen aber, nach Verwüstung und Mordbrennerei trachtend und dürstend nach Menschenblut, schlugen zum Unheil und Verderben des Reiches im November ihren Sitz im Kloster Gent auf …“
– Annales Vedastini zum Jahre 879.
Dieser unterschiedlichen Beschreibung ist sicher auch ein unterschiedliches Geschehen zuzuordnen.
Im altfriesischen Recht (17 Keuren und 24 Landrechte), die wohl im 11. Jahrhundert verschriftlicht wurden, wird auch von den skandinavischen Feinden gehandelt. In den 17 Keuren wird auf sie in drei Paragraphen eingegangen. In § 10 wird den Friesen zugestanden, dass sie zur Verteidigung gegen die heidnischen Heere (“hethena here”; “northhiri”)[91] nach Osten nicht weiter als bis zur Weser und nach Westen nicht weiter als bis Fli (= Vlie in Friesland zwischen Vlieland und Terschelling) zu fahren brauchten.[92] § 14 behandelte den Fall, dass jemand von den Nordmannen („nord mon“; „dae noerd manne“) verschleppt worden war. In der niederdeutschen Variante dieser Keuren wurden diese Feinde als “konnynck von Noerweghen”, “noerthliuden”, “dat northiere” oder “Noermannen” bezeichnet. Wie man diese Wikinger sah, geht aus § 20 der 24 Landrechte hervor:
„Dies ist das 20. Landrecht: Wenn Nordmannen (Northman) in das Land eindringen einen Mann gefangennehmen und fesseln, ihn außer Landes bringen und ihn dann mit ihm zurückkommen und ihn zwingen, Häuser niederzubrennen, Frauen zu vergewaltigen, Männer zu erschlagen, Kirchen niederzubrennen und was man noch für Schaden anrichten kann, und wenn er dann flieht oder aus der Gefangenschaft freigekauft wird, und nach Hause und zu seinem Volk zurückkommt und seinen Bruder, seine Schwester, sein angestammtes Haus und Heim, den Hof und Grund seiner Vorfahren wiedererkennt, da gehe er straflos zu seinem eigenen Besitz. Wenn jemand ihn zum Thing lädt und ihn dieses Verbrechens der großen Untat beschuldigt, das er vorher mit den Wikingern (mith tha witsingon) begangen hatte, dann muss er auf dem Thing erscheinen und offen reden. Und einen Eid muss er dort auf die Reliquien schwören, dass er all dieses nur unter Zwang getan hat, wie es ihm sein Herr befohlen habe, als er ein Mann war, der nicht über Leib und Leben bestimmen konnte. Dann ist weder das Volk noch der Vogt berechtigt, ihn einer Schuld oder Verbrechens zu bezichtigen, weil der Vogt ihm keinen Frieden bewahren konnte; der Unfreie musste tun, was ihm sein Herr gebot, um seines Lebens Willen.“
– v. Richthofen S. 71 ff.[93]
Überhaupt scheinen in den Wikingerhorden viele Einheimische gezwungenermaßen oder als Kollaborateure mitgezogen zu sein: Über die Besetzung von Angers durch Wikinger im Jahre 873 heißt es:
„Quam cum punitissimam et pro situ loci inexpugnabilem esse vidissent, in laetitiam effusi hanc suis suorumque copiis tutissimum receptaculum adversus lacessitas bello gentes fore decernunt. Protinus navibus per Medanam fluvium deductis muroque applicatis, cum mulieribus et parvulis veluti in ea habitaturi intrant, diruta reparant, fossas vallosque renovant et ex ea prosilientes repentinis incursionibus circumiacentes regiones devastant.“
„Als sie sahen, dass diese Stadt wohlbefestigt und durch ihre natürliche Lage uneinnehmbar sei, waren sie darob voller Freude und beschließen, dass sie für ihre und ihrer Landsleute Truppen als sicherster Zufluchtsort vor den durch ihren Angriff gereizten Völkern dienen sollte. Sofort ziehen sie ihre Schiffe die Maine hinauf und legen sie an die Mauern an, dann halten sie mit Weib und Kind ihren Einzug, um darin zu wohnen, bessern sie aus, wo sie zerstört war, stellen die Gräben und Wälle her und von dort in plötzlichen Überfällen hervorbrechend verwüsten sie die Umgegend.“
– Reginonis chronica zum Jahre 873.
Hier geht man davon aus, dass dies nicht Frauen aus der Heimat sondern Teile der Beute waren.[94] Anders lässt sich auch folgende Schilderung anlässlich der Belagerung von Paris nicht erklären:
„Dum haec aguntur, episcopus gravi corruit infirmitate, diem clausit extremum in loculoque positus est in ipsa civitate. Cuius obitus Nortmannis non latuit; et antequam civibus eius obitus nuntiaretur, a Nortmannis deforis praedicatur episcopum esse mortuum.“
„Währenddessen wurde aber der Bischof von schwerer Krankheit befallen und beschloss sein Leben, und er wurde in der Stadt selbst in einem Holzsarg beigesetzt. Sein Tod blieb jedoch den Normannen nicht verborgen: noch ehe sein Verscheiden den Einwohnern bekannt geworden war, wurde von den Normannen von draußen verkündet, der Bischof sei gestorben.“
– Annales Vedastini zum Jahre 886.
Das friesische Gesetz von 1085, welches v. Richthofen nach vier Handschriften herausgegeben hat, benutzt in einer Handschrift das Wort “Wikinger” (northeska wiszegge) bei der Festsetzung der Hilfspflicht der Nachbarn bei einem Überfall. Eine andere hat an dieser Stelle tha Nordmanum, die dritte northeska wigandum und die vierte niederdeutsche bietet northesca gygandüm. In den “Sieben Magnusküren” (wahrscheinlich aus dem 11. Jahrhundert), in denen die Freiheiten der Friesen festgelegt wurden, heißt es:
„Dae kaes Magnus den fyfta kerre ende alle Fresen oen zijn kerre iechten, dat hia nen hereferd ferra fara ne wolde dan aester toe dir Wisere ende wester toe dae Fle op mey dae floede ende wt mey dae ebba, omdat dat se den ower wariath deis ende nachtis iens den noerdkoning ende iens den wilda witzenges sees floed mey dae fyf wepenum: mey swirde ende mey sciolde, mey spada ende mey furka ende mey etekeris orde.“
„Da wählte Magnus die fünfte Küre - und alle Friesen stimmten zu, dass sie auf keiner Heerfahrt weiter ziehen wollen als ostwärts bis zur Weser und westwärts bis zum Fly und nicht weiter in das Land als hin zur Flutzeit und zurück zur Zeit der Ebbe, weil sie Tag und Nacht das Meeresufer vor dem nordischen König und vor der Flut der wilden Wikinger mit fünf Waffen schützen: Mit Schwert und Schild, mit Spaten und Forke und mit der Spitze des Speeres.“
Die Gefangenen wurden auch zum Bau von Befestigungen herangezogen. In den Miracula S. Benedicti des Adrevald von Fleury (kurz nach 867 geschrieben) wird berichtet, dass christliche Gefangene ein festes Lager errichten mussten, während die Normannen sich erholt hätten.[95]
Auf der anderen Seite werden die Tapferkeit und die Ausdauer der Wikinger durchaus anerkannt. Im Heldengedicht über die Schlacht bei Maldon, in der die Norweger einen entscheidenden Sieg erringen, werden sie als tapfere See-Helden geschildert.[96] Auch Regino von Prüm zollt der Tapferkeit der Wikinger durchaus seine Anerkennung. In seiner Chronik zum Jahre 874 schildert er die Begegnung zwischen Vurfand, einem Vasallen König Salomons, mit dem Wikinger Hasting. Die beiden begegnen sich durchaus von gleich zu gleich und respektieren einander als Mitglieder der gleichen Kaste.[97] Zum Jahr 888 beginnt er die Schilderung der Belagerung von Paris mit dem anerkennenden Satz:
„Eodem anno Nortmanni, qui Parisiorum urbem obsidebant, miram et inauditam rem, non solum nostra, sed etiam superiore aetate fecerunt.“
„Im selben Jahr vollbrachten die Normannen bei der Belagerung von Paris eine wunderbare und nicht nur in unseren, sondern auch in den früheren Zeiten unerhörte Tat.“
– Reginonis chronica 888.
Dabei schildert er ein paar Zeilen weiter auch, dass sie ganz Burgund durch Raub, Mord und Brand zu Grunde gerichtet hätten. Von einem antinormannischen schematischen Verdammungsklischee kann also keine Rede sein.
Die fränkischen Quellen sprechen von ungeheurer Beute, die die Wikinger auf ihren Raubzügen gemacht hätten. Damit stimmen aber die vergleichsweise bescheidenen Schatzfunde in Skandinavien nicht überein. Der allmähliche Übergang zu Überwinterungslagern im Frankenreich und auch in England zeigt eine sich von den heimatlichen Strukturen lösende soziale Gruppe, die in den sich entwickelnden zentralistischen Strukturen Skandinaviens nicht mehr integriert werden konnte.[98] Die gewaltigen Schätze wurden nicht mehr in die Heimat gebracht. Die Wikinger, die in den fränkischen Quellen beschrieben werden, sind ein anderer Menschenschlag als der, den Egill Skallagrimsson verkörpert oder der auf den Runensteinen gepriesen wird.
Über die Aufteilung der Beute geben die Quellen keine Auskunft. Wenn in The Anglo-Saxon Chronicle zum Jahre 897 gesagt wird, dass diejenigen Dänen, die kein Geld hatten, sich auf ihren Schiffen wieder nach Frankreich begaben, so deutet das darauf hin, dass diese Schätze offenbar nicht jedermann in gleichem Maße zur Verfügung standen.
[Bearbeiten] Die Führung
Ursprünglich waren die Wikingerkönige Seekönige ohne Land. Es handelte sich um Anführer von Raubzügen aus königlicher Familie. Sie sollen sogar auf ihren Schiffen überwintert haben. Denn in einer Beratung zwischen König Olav dem Heiligen und dem Schwedenkönig Önund sagt Olav: „Wir haben doch ein sehr starkes Heer und gute Schiffe die Menge, und wir können sehr wohl den ganzen Winter hindurch an Bord unserer Schiffe bleiben nach der Art der alten Wikingerkönige.“[99] Aber da versagen ihm die Schiffsleute die Gefolgschaft. Eine Überwinterung vor Ort kommt bei ihnen nicht in Betracht.
Im fränkischen Verständnis der Wikingerzeit waren “König” und “Volk” bereits einander zugeordnete Größen. Das war noch im 6. Jahrhundert anders. Befehls- und Disziplinargewalt des damaligen Heerführers waren noch sehr beschränkt. Als Karl der Große 810 erfuhr, dass eine Flotte König Gudfreds mit 200 Schiffen aus Nordmannia in Friesland eingefallen sei, wurde an seinem Hof auch ein Hauptangriff zu Lande erwartet, so dass sich der Kaiser veranlasst sah, dieser Gefahr persönlich mit einem Heer zu begegnen.[100] Wenn auch die Zahl 200 übertrieben ist, so ist doch von einer großen Flotte auszugehen. Als er vor Ort eingetroffen war, stellte sich heraus, dass die Flotte bereits abgezogen und Gudfred ermordet war. Da Friesland von den jütischen Herrschern als ihr Interessengebiet betrachtet wurde, ist es zweifelhaft, ob Gudfred diesen Raubzug tatsächlich veranlasst hatte. Aber am Hofe Karls des Großen konnte man sich bei einer so großen Zahl von Schiffen anderes nicht denken. Auch den Bau des Danewerkes konnten sich die Franken nicht anders vorstellen, als dass er durch einen Beschluss des Königs veranlasst worden sei.[101] Archäologische Untersuchungen haben aber ergeben, dass er viel früher und in mehreren Phasen errichtet worden ist. Karl der Kahle versuchte 860 und in den folgenden Jahren erfolglos, die Nordmannengruppen, die im Seine-Gebiet umherzogen, durch Tributzahlungen, Treueversprechen und Taufen zu bändigen,[102] ohne zu berücksichtigen, dass für diese das Christentum und das Lehnsrecht und überhaupt das “fränkische System” ohne Bedeutung war.[103] Er gab ihrem Anführer (“rex”) Sigfried 886 ein hohes Lösegeld, damit er die Belagerung von Paris abbräche. Sigfrid nahm das Lösegeld und zog tatsächlich ab. Aber ein Teil seiner Truppen wähnte sich um die Beute geprellt und setzte gegen seinen Willen die Belagerung fort. Dabei verloren zwei weitere “reges” ihr Leben. Gleichwohl wurde die Belagerung fortgesetzt, was darauf hindeutet, dass noch mehr “reges” vor Ort waren.[104] Es operierten immer nur kleine Gruppen nebeneinander, ein einheitliches Oberkommando gab es allenfalls für gemeinsame Aktionen, die Autorität des Anführers war nur durch seinen Erfolg beim Beutezug gewährleistet, wenn er auch immer aus dem Adel stammte. Die einzig wirklich anerkannte Befehlsgewalt über einen Krieger dürfte wohl nur vom einzelnen Schiffsführer ausgegangen sein, soweit dies zur Handhabung des Schiffes notwendig war.
Daneben werden in den fränkischen Quellen die Bezeichnungen “princeps”, “dux” und “comes” verwendet, wenn es sich um kleinere Einheiten handelt. Dabei muss die zu befehligende Gruppe nicht groß sein. Hundeus fährt 896 mit fünf Barken in die Seine ein. Er wird in den Annales Vedastani zum Jahre 896 als “dux” bezeichnet.
Die Dynamik der Wikinger-Raubzüge ging relativ rasch wenigstens teilweise in reguläre Kriegszüge mit politischem Hintergrund über. Das unterscheidet sie von den wendischen Seeräubern im 12. Jahrhundert. Dieser Unterschied drückt sich auch in den Quellen aus, in denen die heidnischen Slaven immer Barbaren genannt werden, während dies bei den heidnischen Skandinaviern nicht immer der Fall ist, sondern sie häufig dani, normanni oder suenes heißen. Das politische Ziel der Herrschaftsausweitung setzte sich bei den Kriegszügen erst ganz allmählich durch. Reine Beutelust bei den Kriegern und politische Ziele bei den Anführern verschränkten sich noch lange Zeit, weshalb die Zuordnung eines Kriegszuges zu “Wikingerzügen” oder “Eroberungskriegen” höchst problematisch ist. Diese Entwicklung findet ihren literarischen Niederschlag darin, dass in den Königssagas die regierenden Könige trotz aller kriegerischer Unternehmungen, die natürlich auch mit Beute verbunden waren, nie „Wikinger“ genannt werden. Im Zusammenhang mit Harald Blauzahn wird von seinem Neffen Gullharald berichtet, dass er, da er nicht König wurde, stattdessen “Wikinger” wurde. Hier wird also nur der nicht zum Zuge kommende Thronprätendent als “Wikinger” bezeichnet, der seinen Unterhalt durch Raubzüge erstreitet.[105]
[Bearbeiten] Abgrenzungsprobleme
Bei der Schilderung der Aktivitäten ist zu berücksichtigen, dass es keine Abgrenzungen gibt. Der Überfall zu Beginn der Wikingerzeit auf schottische Klöster und die regulären Kriegszüge nach England, bei denen man eher von Invasionen sprechen muss, oder die Kämpfe um Dublin sind prinzipiell verschieden. Die Übergänge sind fließend. Das eine Unternehmen den Wikingern zuzuschreiben, andere aber als solche von Nordmannen zu bezeichnen, kann zu einer willkürlichen Trennung von historisch Zusammengehörigem führen. Denn was als Wikingerüberfall begann, kann von den gleichen Mannschaften unter neuer Führung später zu einer regelrechten Invasion oder zu einem regulären Kriegszug mit Plünderungen als Begleiterscheinung geraten. Außerdem ist zwischen punktuellen Überfällen und den regulären und größer angelegten Raubzügen zu unterscheiden. Ein typisches Beispiel bietet Einhards Leben Karls des Großen:
„Ultimum contra Normannos, qui Dani vocantur, primo pyraticam exercentes, deinde maiori classe litora Galliae atque Germaniae vastantes, bellum susceptum est. Quorum rex Godofridus adeo vana spe inflatus erat, ut sibi totius Germaniae promitteret potestatem.“
„Als letzter Krieg wurde der gegen die Normannen unternommen, die Dänen genannt werden, und zuerst Seeräuberei trieben, dann mit einer größeren Flotte die Küste Galliens und Germaniens verwüsteten. Ihr König Gudfred war von so eitler Hoffnung aufgeblasen, dass er sich die Herrschaft über ganz Germanien versprach.“
– Einhardi vita Karoli, Kap. 14, übersetzt von Reinhold Rau.
Hier wird im Zeitschema “zuerst - dann” deutlich zwischen Raubüberfall und groß angelegten Plünderungszügen unterschieden und anschließend die räumliche Eroberung durch den König angesprochen.[106] Auf jeden Fall ist den Quellen nirgends zu entnehmen, dass die Überwinterungsstützpunkte in Franken oder in England als Vorläuferaktionen zu einer Landnahme gesehen wurden.[107]
Ein Umschwung der Zielsetzung ist in England erst zu beobachten, als 875/876 das Danelag entstand und die Normannen begannen, sich regulär niederzulassen. Für das Frankenreich ist hier die Belehnung Rollos zu nennen. Aber damit endeten die Raubzüge der Wikinger keineswegs, sondern die Siedlungstätigkeit nahm ganz allmählich zu und die privaten Raubzüge nahmen ebenso allmählich ab. Deshalb werden die Aktivitäten der Nordmänner in der Wikingerzeit ohne Unterscheidung zwischen Wikinger im engeren Sinne und Nordmannen im Artikel Wikingerzeit dargestellt. Dort finden sich auch die Theorien über die Gründe für diese Entwicklung.
[Bearbeiten] Verhältnis zwischen Raub und zivilem Erwerb
Aus den Silberdepotfunden lässt sich auch nicht erkennen, welcher Anteil auf Raub oder Lösegeld und welcher auf den Handel zurückzuführen ist, wenn auch diese Tätigkeiten in den Quellen terminologisch scharf getrennt werden. So heißt es in der Egilssaga über den Seefahrer Björn:
„Björn var farmaðr mikill, var stundum í víking, en stundum í kaupferðum;“
„Björn war ein großer Seefahrer und war zeitweise auf Wikingfahrt und zeitweise auf Handelsfahrt;“
– Egils saga Kap. 21.
Von Björn, dem Sohn Harald Hårfagres, König über Vestfold wird ausdrücklich betont, dass er selten in den Krieg zog, sondern von Tønsberg aus Handelsverbindungen nach Vik in der Nähe, nach den Ländern im hohen Norden, nach Dänemark und dem Sachsenland unterhielt und deshalb den Beinamen “Seefahrer” oder “Kaufmann” erhielt.[108] Hier wird terminologisch zwischen Handelsfahrt und Wikingfahrt unterschieden.
Die überlieferten Handelswege wurden auch in der Wikingerzeit genutzt. Regis Boyer beschreibt sie als wehrhafte Kauffahrer, die sich je nach Lage entschieden, zu plündern statt zu handeln. Gehandelt wurde mit allem: Lebensmittel ( Dörrfleisch und -Fisch ),Tuche, Felle, Holz, Elfenbein,Schmuck, Waffen, und vor allem Sklaven. Sklaven, d.h. Unfreie, bestimmten die sozialen Strukturen der nordischen Gesellschaft.
Die unten geschilderten reichen Hacksilberfunde in England bestätigen, dass mit dem geraubten Gut, insbesondere Sklaven, Handel getrieben wurde. Ansgar trifft in Birka auf christliche Sklaven.[109]
Aus den Runeninschriften über die Fahrten der Toten zu ihren Lebzeiten und über die Erlebnisse der Heimgekehrten lassen sich nur begrenzt Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen Raubfahrten und Handelsfahrten ziehen. Da die Runensteine der ausgehenden Wikingerzeit Gedenksteine sind, beziehen sie sich überwiegend auf die Toten. Der Händler, der den Reichtum eines Klosters wahrnahm, konnte im folgenden Jahr als Mitglied eines Raubzuges das gleiche Kloster aufsuchen. Der Seeräuber konnte das geraubte Gut, zum Beispiel Sklaven, auf einem Markt als Ware feilbieten. Es ist überhaupt nicht davon auszugehen, dass sich überall alle Wikinger gleich verhielten. Das gilt auch für die Mitglieder reiner Räuberbanden.
Es spricht viel dafür, dass der Stein, der in Rösås (Kronobergs län) gefunden wurde, für einen christlichen Kaufmann in England Anfang des 11. Jahrhunderts errichtet wurde, da der Bestattungsort Bath weit außerhalb des skandinavischen Siedlungsgebietes liegt. Das spricht für eine Trennung zwischen Wikinger und Händler, da dieser Mann dann nicht als Wikinger gelten kann. [110]
Rimbert schildert den Einfall der Schweden in Kurland um 852. Dort werden im Heer neben den Kämpfern auch “negotiatiores” (Händler) erwähnt und von diesen deutlich unterschieden, die bei der erfolglosen Belagerung Grobiņas vorschlagen, mit einem Losorakel bei Christus um Hilfe nachzufragen.[111]
Ein wohl damals typisches Verhalten wird in der Geschichte Olavs des Heiligen geschildert. Þórir hundur, Karli und dessen Bruder Gunsteinn fahren auf víking nach Bjarmaland:
„En er þeir komu til Bjarmalands þá lögðu þeir til kaupstaðar. Tókst þar kaupstefna. Fengu þeir menn allir fullræði fjár er fé höfðu til að verja. Þórir fékk óf grávöru og bjór og safala. Karli hafði og allmikið fé það er hann keypti skinnavöru marga. En er þar var lokið kaupstefnu þá héldu þeir út eftir ánni Vínu. Var þá sundur sagt friði við landsmenn. En er þeir koma til hafs út þá eiga þeir skiparastefnu. Spyr Þórir ef mönnum sé nokkur hugur á að ganga upp á land og fá sér fjár. Menn svöruðu að þess voru fúsir ef féföng lægju brýn við. Þórir segir að fé mundi fást ef ferð sú tækist vel „en eigi óvænt að mannhætta gerist í förinni.“ Allir sögðu að til vildu ráða ef fjárvon væri.“
„Als sie nun in Bjarmaland kamen, ankerten sie bei einem Handelsplatz, und dort fand ein Markt statt, und die, die reichlich zahlen konnten, erwarben sich dort Waren in Fülle. Þórir kaufte sich eine Menge Grauwerk sowie Biberfelle und Zobelpelze. Auch Karli hatte reichlich Geld, wovon er viel Pelzwerk kaufte. Als nun der Markt geschlossen war, segelten sie den Dwinastrom hinab, und darauf wurde der Friede mit der Landbevölkerung für beendet erklärt. Als sie nun auf die See hinausgekommen waren, da hielten die beiden Heerhaufen eine Beratung darüber ab, und Þórir fragte, ob die Männer alle gesonnen seien, an Land zu gehen und dort Beute zu machen. Die Männer erwiderten, sie täten das sehr gerne, wenn bestimmte Beute in Aussicht stehe. Þórir erklärte, man werde dort wohl sicher Beute machen, wenn ihr Zug einen guten Ausgang nehme, aber es sei nicht unwahrscheinlich, dass Menschenleben auf der Fahrt aufs Spiel gesetzt werden müssten. Da erklärten alle, man wolle den Zug schon wagen, wenn man auf Beute hoffen dürfe.“
– Heimskringla. Ólafs saga helga. Kap. 133. Übs. von Felix Niedner.
Snorri und seine Leser hielten es jedenfalls für die Zeit Olavs des Heiligen für selbstverständlich, dass auf der gleichen Fahrt gehandelt und geraubt wurde, ja, es ist sogar ein Ritual für den Wechsel angedeutet, indem der Friede besonders “aufgekündigt” wird. Außerdem erkennt man die besondere Motivation durch zu erwartende Beute. Wenn keine Beute zu erwarten war, unterließ man kriegerische Unternehmungen.
„Þar var skammt á land upp jarl sá, er Arnfinnur er nefndur; en er hann spurði, að víkingar voru þar komnir við land, þá sendi hann menn sína á fund þeirra þess erindis að vita, hvort þeir vildu þar friðland hafa eða hernað. En er sendimenn voru komnir á fund Þórólfs með sín erindi, þá sagði hann, að þeir myndu þar ekki herja, sagði, að þeim var engi nauðsyn til að herja þar og fara herskildi, sagði, að þar var land ekki auðugt.“
„Etwas landeinwärts wohnte ein Jarl namens Arnfin. Als er hörte, dass Wikinger ins Land gekommen seien, sandte er seine Mannen ihnen entgegen mit dem Auftrag zu erkunden, ob sie in Frieden oder in Feindschaft kämen. Da die Gesandten mit ihrer Botschaft zu Thorolf kamen, sagte dieser, sie würden hier nicht heeren. Er meinte, sie empfänden gar kein Bedürfnis dort zu heeren und kriegerisch vorzugehen. Das Land sei ja nicht reich.[112]“
– Egils saga Kap. 48.
Diese untrennbare Verschränkung von Raub und zivilem Erwerb wird besonders am Begriff des “felagi” (Plur.: felagaR) deutlich, das den “Genosse” bedeutet. “FelagaR” waren Männer, die Teile ihres beweglichen Vermögens zu einem gemeinsamen Kapital zusammenlegten, das einem gemeinsamen Unternehmen diente. Gewinn und Risiko trugen sie gemeinsam. Aber auch Kameraden auf gemeinsamem Kriegszug waren felagaR. Welcher Art die Unternehmungen waren, ist umstritten. Finnur Jónsson verfocht die Auffassung, es habe sich um reine Handelsfahrten gehandelt, Magnus Olsen hielt die Felagi dagegen für Kameraden auf dem Kriegszug. Die Verfasser der Danske Runeinnskrifter nehmen für die dänischen Runensteine ausschließlich die kriegerische Bedeutung an. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der frühen Zeit des Raubhandels nicht überall eine strikte Trennung zwischen diesen Betätigungen gegeben war.
Für die Wikinger, die im 9. Jahrhundert das Frankenreich und England heimsuchten, gilt das nicht. Männer, die mehrere Jahre in befestigten Lagern hausten und brennend und mordend durch die Lande streiften, waren keine heimatverbundenen Bauern und hatten auch keine Kenntnisse auf dem Gebiet des Handels. Das war eine völlig andere soziale Gruppe mit eigenen Gesetzen und Handlungsnormen. Es war auch nur ein Teil der norwegischen und dänischen Männer, die diese Wikingerkarriere einschlugen. Andere beteiligten sich an dem einen oder anderen Unternehmen, und die meisten dürften sich überhaupt nicht beteiligt haben.
[Bearbeiten] Vertragstreue
In den fränkischen und angelsächsischen Quellen wird die Vertragstreue unterschiedlich beurteilt. Da Verträge personengebunden waren, hing sie sicher vom Charakter und der Einstellung der vertragschließenden Personen ab. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass Vertragstreue nicht unbedingt ethisch motiviert sein muss. Mit Personen, die Verträge nicht einhalten, schließt man keine weiteren Verträge. Wenn immer wieder Tributzahlungen an Wikinger geleistet worden sind, um sie von Angriffen abzuhalten, müssen also die tributzahlenden Vertragspartner die Erfahrung gemacht haben, dass danach die Angriffe in aller Regel auch unterblieben. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass zur damaligen Zeit Verträge nur zwischen den Personen galten, die sie schlossen und darüber hinaus keine Wirksamkeit entfalteten. Das ist auch aus den kontinentalen Vasallenverträgen bekannt, die nur zu Lebzeiten beider Partner galten und beim Tode des Herrn (Herrenfall) oder des Vasallen (Mannfall) endeten.[113] Dies galt als allgemeiner Grundsatz auch für die Wikinger.
„Anno Domini incarnationis DCCCLXXXIIII. Nortmanni , qui ab Haslon recesserant, Somnam fluvium intrant ibique consederunt. Quorum creberrimas incursiones cum Carlomannus sustinere non posset, pecuniam pollicetur, si a regno eius recederent. Mox avidae gentis animi ad optinendam pecuniam exardescunt et XII milia pondera argenti puri atque probati exigunt totidemque annis pacem promittunt. Accepta tam ingenti pecunia funes a litore solvunt, naves concendunt et marina litora repetunt. … Nortmanni cognita morte regis protinus in regnum revertuntur. Itaque Hugo abba et ceteri proceres legatos ad eos dirigunt, promissionem et fidem datam violatam esse proclamant. Ad hac illi respondent, se cum Carlomanno rege, non cum alio aliquo foedus pepigisse; quisquis ille esset, qui ei in regnum succederet, eiusdem numeri et quantitatis pecuniam daret, si quiete ac pacifice imperium tenere vellet.“
„Im Jahr der göttlichen Menschwerdung 884 laufen die Normannen, die von Asselt abgezogen waren, in die Somme ein und ließen sich dort nieder. Da Karlmann ihren häufigen Einfällen nicht widerstehen konnte, verheißt er ihnen Geld, wenn sie sein Reich verließen. Bald brennen die Herzen dieses gierigen Volkes nach dem Empfange des Geldes, sie erheben 12.000 Pfund reinen und geläuterten Silbers und versprechen auf ebensoviel Jahre den Frieden. Nachdem sie eine so ungeheure Summe erhalten hatten, lösen sie die Taue von dem Ufer, besteigen ihre Schiffe und eilen nach den Seegestaden zurück. … [Im gleichen Jahr stirbt Karlmann] … Die Normannen kehren, als sie den Tod des Königs erfahren, sofort in das Reich zurück. Der Abt Hugo und die übrigen Großen schicken daher Gesandte zu ihnen und halten ihnen vor, sie hätten ihr Versprechen und die von ihnen eingegangene Verpflichtung verletzt. Hierauf erwidern jene, sie hätten mit dem König Karlmann, nicht mit irgend jemand anderem, einen Vertrag geschlossen; wer der auch sein möchte, der ihm in der Regierung nachfolge, er müsse eine Geldsumme von gleichem Betrage und Gewicht hergeben, wenn er sein Reich in Ruhe und Frieden besitzen wolle.[114]“
– Reginonis chronica zum Jahr 884.
Während in den Quellen ganz überwiegend festgehalten wird, dass die Wikinger nach Erhalt des Lösegeldes ihren Teil der Abmachung einhielten und abzogen, so wird doch hin und wieder geschildert, dass sie es mit der Vertragstreue nicht genau nahmen. Als sie in Angers von König Karl belagert wurden und in ernsthafte Gefahr gerieten, ihre Schiffe zu verlieren, da boten sie Lösegeld für freien Abzug an.
„Rex turpi cupiditate superatus pecuniam recepit et ab obsidione recedens hostibus vias patefecit. Illi conscensis navibus in Ligerim revertuntur et nequaquam, ut spoponderant, ex regno eius recesserunt; sed in eodem loco manentes multo peiora et inmaniora, quam antea facerant, perpetrarunt.“
„Von schnöder Habgier übermannt nahm der König [Karl der Dicke] das Geld an, hob die Belagerung auf und gab den Feinden die Straße frei. Jene besteigen ihre Schiffe und kehren in die Loire zurück, entfernen sich aber keineswegs aus seinem Reiche, wie sie gelobt hatten, sondern in derselben Gegend verbleibend verübten sie noch viel schlimmere und unmenschlichere Dinge, als sie zuvor getan hatten.[114]“
– Reginonis chronica zum Jahre 873.
Als eklatanten Vertragsbruch schildert der Mönch von St. Vaast das Verhalten der Normannen bei der Belagerung von Meaux:
„Interim Nortmanni Meldis civitatem obsidione vallant, machinas instruunt, aggerem comportant ad capiendam urbem. … Cumque hi qui infra civitatem erant inclusi, obsidione pertesi, fame attenuati, mortibus etiam suorum nimis afflicti, cernerent ex nulla parte sibi auxilium adfuturum, cum Normannis sibi notos agere coeperunt, ut data civitate vivi sinerentur abire. Quid plura? Refertur ad multitudinem, et sub spetie pacis obsidens dant. Reserantur portae, fit via Christianis, ut egrediantur, delegatis his qui eos quo vellent ducerent. Cumque amnem Maternam transissent et longius a civitate processissent, Nortmanni eos omnes insecuti comprehenderunt ipsum episcopum cum omni populo.“
„Unterdessen belagerten die Normannen die Stadt Meaux, stellten Belagerungsmaschinen auf und errichteten einen Damm, um die Stadt zu erobern. … Und da die in der Stadt Eingeschlossenen, durch die Belagerung ermattet, durch Hunger entkräftet und durch den Tod der ihrigen sehr betrübt, sahen, dass von keiner Seite Hilfe kommen werde, fingen sie an, mit Normannen, die ihnen bekannt waren, zu unterhandeln, dass sie nach Übergabe der Stadt ihres Lebens sicher abziehen dürften. Was weiter: der Vorschlag wurde der Mennge mitgeteilt und von den Normannen zum Schein Geiseln gegeben. Die Stadttore wurden geöffnet, den Christen wurde der Weg freigemacht und ihnen Leute bestimmt, um sie zu führen, wohin sie wollten. Nachdem sie aber die Marne überschritten und sich schon weiter von der Stadt entfernt hatten, brachen die Normannen alle zu ihrer Verfolgung auf und machten den Bischof mit dem ganzen Volk zu Gefangenen.[114]“
– Annales Vedastini zum Jahre 888.
In den angelsächsischen Quellen überwiegen die Schilderungen von Vertragsbrüchen.[115] Im Jahre 876 kam es nach längeren Kämpfen zu einem Vergleich, in welchem die Wikinger eidlich versprachen, Northumberland zu verlassen. Sie leisteten den Eid sowohl nach heidnischer Sitte auf den heiligen Armring und nach christlicher auf die Reliquien. Doch wurde der Schwur nicht gehalten, und noch im gleichen Jahr setzte sich Halfdan in Northumberland so fest, dass er das Reich unter die Seinigen aufteilen konnte.[116]
[Bearbeiten] Das Ende
Das Ende der Raubzüge fällt nicht mit dem Ende des Zeitraums zusammen, den man Wikingerzeit (1066 mit der Schlacht bei Hastings) nennt. Denn schon vorher hatten die privaten Raubzüge ihr Ende gefunden. Die Datierung des Endes hängt damit zusammen, dass man auch die Plünderungszüge norwegischer Könige im Zuge ihrer Kriege mit einbezieht, die sogar noch unter Magnus Berrføtt (1073–1103) stattfanden, weshalb man ihn auch als den letzten Wikingerkönig bezeichnet hat. Aber diese Plünderung war die damals in ganz Europa übliche Art, einen Krieg zu finanzieren, und ist nichts, was spezifisch auf Wikinger zu beziehen ist.
Die nachfolgend beschriebenen Ansiedlungen und Landzuweisungen führten keineswegs zu einem Ende der Raubzüge. Aus den Mörderbanden wurden nicht friedliche Bauern und Familienväter. Die Quellen berichten auch nach den Landzuweisungen von blutigen Kämpfen. Vielmehr ist eine allgemeine Erschöpfung der beteiligten Wikinger und eine Überalterung der Teilnehmer wahrscheinlicher. Das Eintrittsalter in eine Gefolgschaft wird mit 18 Jahren angesetzt. Mit 50 Jahren endete das Kriegerdasein. Nach den Quellen waren die gleichen Gruppen viele Jahre unterwegs. Die Verluste bei den Kämpfen konnten allmählich nicht mehr aus der ursprünglichen Heimat aufgefüllt werden, da sich dort die negative Bewertung der raubenden Brandschatzung im Zuge der Erstarkung der Königsmacht immer mehr durchsetzte. Hinzu kam die allmählich erstarkende Abwehr in den betroffenen Gebieten, die die vorher mehr oder weniger gefahrlosen Raubzüge immer mehr zum unkalkulierbaren Risiko werden ließ.[117] So ist der Übergang zu nach damaligen Maßstäben zivilisiertem Verhalten zum einen dem biologischen Generationenwechsel, zum anderen den Frauen zuzuschreiben, die sich ja zum weitaus größten Teil aus der Bevölkerung vor Ort rekrutierten und daher ihre Kultur der nachfolgenden Generation vermittelten, während die marodierenden Wikingerbanden keine eigene Kultur hatten, die sie hätten tradieren können.
[Bearbeiten] England
In England setzte das Ende der Raubzüge mit den ersten Niederlassungen in Northumbrien im Jahre 876 ein und war im Wesentlichen um 918 abgeschlossen.[118] Das bedeutet, dass sich das Ende bereits abzeichnete, als sich die Christianisierung Skandinaviens noch nicht durchgesetzt hatte, so dass dieser Vorgang nicht als Ursache herangezogen werden kann.
Für England berichtet die Angelsächsische Chronik:
„& þy geare Healfdene Norþanhymbra lond gedælde. & ergende wæron & hiera tilgende.“
„… und Halfdan verteilte das Land der Northumbrier, und sie begannen von da an zu pflügen und sich selbst zu versorgen.“
– The Anglo-Saxon Chronicle, Manuscript A, zum Jahre 876
und Asser schreibt
„Eodem quoque anno Halfdene, rex illius partis Northanhymbrorum, totam regionem sibimet et suis divisit, et illam cum suo exercitu coluit.“
„In diesem Jahr teilte Halfdan, der König dieses Teils von Northumbrien, die ganze Region unter sich und die seinen auf und bebaute es mit seinem Heer.“
– De rebus gestis Ælfredi zum Jahre 876.
Die Beteiligten aus dem exercitus waren noch Krieger, nicht Bauern. Die Sesshaftigkeit war Ergebnis der vorangegangenen Gewalt, nicht deren Ziel.[119] In einer weiteren Stufe ließen sich Wikingergruppen 877 und 880 in Mercia[120] und Ostanglien[121] unter Führung von Guthrum nieder. Æthelweard schreibt, dass alle Einwohner dieses Landes unter das “Joch seiner Herrschaft” (sub iugo imperii sui) gebracht wurden.[122] Auch hier war offenbar Gewalt noch an der Tagesordnung. Ein Teil seines Kontingentes zog 880 zu weiteren Plünderungszügen nach Frankreich.[123] 893 kamen sie aber mit 250 Schiffen nach England zurück. 897 teilte sich das Kontingent abermals nach schweren Kämpfen, und der eine Teil ging zu den Dänen in Northumbria und Ostanglien, der andere wieder nach Frankreich. Allmählich löste sich der wikingische Raubverband auf. Aus der Gesamtschau des Quellenbestandes leitet Zettel ab, dass der Grund für diese Entwicklung in der sich steigernden Abwehr der englischen Aristokratie auf der einen Seite und der zunehmenden Erschöpfung der normannischen Kampfressourcen auf der anderen Seite zu suchen sei.[124] 875 hatte sie Alfred bei Ashdown besiegt. 877 hatten die Wikinger bei einem Sturm 120 Schiffe verloren.[125] Darauf verfolgte sie Alfred zu Lande, was dann zur Niederlassung in Mercia führte. Ein solcher Aderlass war nicht bald zu kompensieren. Aber die den Gesamtvorgang begleitenden harten Kämpfe zeigen, dass hier noch marodierende Kampfgefolgschaften existierten. Der Integrationsprozess wird auf etwa 100 Jahre, also mindestens drei Generationen geschätzt.[126]
[Bearbeiten] Frankreich
Im Jahre 897 zogen diejenigen Dänen, die kein Geld hatten, zu Schiff wieder nach Frankreich.[127] Offenbar konnten sie sich bei ihren Stammesgenossen nur gegen Geld niederlassen.
896 kamen 5 normannische Schiffe in die Seine. Es kamen weitere Schiffe hinzu, und diese fuhren in die Oise und ließen sich in Choisy nieder.[128] 897 machten sie einen Raubzug bis zur