Wissensgesellschaft
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Der Begriff Wissensgesellschaft bezeichnet eine Gesellschaftsformation in hochentwickelten Ländern, in der individuelles und kollektives Wissen und seine Organisation vermehrt zur Grundlage des sozialen und ökonomischen Zusammenlebens wird. Grundsätzlich jedoch baut jedes gesellschaftliche System auf Wissen auf.
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[Bearbeiten] Abgrenzungen
Derzeit scheint der flexiblere Begriff der Wissensgesellschaft den der Informationsgesellschaft abzulösen. Während der Begriff Informationsgesellschaft versucht, spezifisch technische (bezüglich neuer Informations- und Kommunikationstechnologien) und ökonomische Entwicklungen zu fassen, sind Gegenstände und Aspekte der Wissensgesellschaft breiter gestreut und werden einem komplexeren Gesellschaftsbild gerecht.
Die Bezeichnung Wissensgesellschaft wird im wissenschaftlichen, (bildungs-)politischen und privatwirtschaftlichen Zusammenhang gebraucht, um verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen, die aus einer Neugewichtung von intellektuellem und praktischem Wissen entstanden sind, zu erfassen. Ob damit eine im Entstehen begriffene oder tatsächlich bereits real existierende Gesellschaftsform getroffen ist, bleibt Streitpunkt diverser theoretischer Ansätze.
[Bearbeiten] Geschichte des Begriffs
Der Begriff der Wissensgesellschaft wurde u.a. 1966 vom amerikanischen Soziologen Robert E. Lane verwendet („knowledgeable societies“). Daniel Bell, ebenfalls amerikanischer Soziologe, popularisierte das Konzept der Wissensgesellschaft 1973 in seiner Studie „The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting“ und versuchte darin zu zeigen, dass theoretisches Wissen die wichtigste Ressource der post-industriellen Gesellschaft darstelle, während in industrialisierten Gesellschaften Arbeit, Rohstoffe und Kapital die zentrale Rolle spielten. Nach Daniel Bell lässt sich der Strukturwandel der Gesellschaft auf ökonomischer Ebene an der Entwicklung zur Dienstleistungsökonomie und in kognitiver Hinsicht an der Einbeziehung von Wissenschaft und Wissensarbeit in die Produktion selbst beobachten.
Als einer der ersten Ökonomen prägte Peter Drucker die Begriffe der „Angestelltengesellschaft“ (1950), des „Wissens- und Kopfarbeiter“ (1960) beziehungsweise den der „Wissensgesellschaft“ (1969). Ausgehend von dem Werk Michael Polanyis, "The tacit dimension" aus dem Jahr 1966, und dessen Kernaussage, „daß wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen“, ist die eigentliche Grundlage für eine inhaltliche Diskussion nach Art, Schaffung und Verwertung der Ressource Wissen eröffnet worden. Die Differenzierung in „implizites Wissen“ und „explizites Wissen“ bildet hierbei einen der wesentlichen Ansätze.
Der Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft lässt sich zeitlich nicht genau fixieren. Verschiedene Denker haben ab den 50er bzw. 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Strukturwandel innerhalb der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung diagnostiziert, der mindestens so bedeutsam sein soll wie der Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Erzeugung, Nutzung und Organisation von Wissen wurden als zentrale Quellen von Produktivität und Wachstum begriffen. Allerdings wird schon in der klassischen sozialwissenschaftlichen Literatur darauf hingewiesen, dass bereits die Industrialisierung eine wissensbasierte Gesellschaft voraussetzt, in der ein ent-traditionalisierter, systematischerer Umgang mit Wissen praktiziert wird.
Karl Marx zum Beispiel sieht die Systematisierung, Verwissenschaftlichung und Technisierung der betrieblichen und gesellschaftlichen Wissensbestände vor allem als Mittel zum Zweck kapitalistischer Herrschaftsstrukturen. Max Weber verweist im Zuge einer umfassenden Analyse der europäischen Geistesgeschichte auf die Berechen- und Kalkulierbarkeit wirtschaftlicher Prozesse als Indikatoren für eine rationale Wirtschaft. Er rückt im Zuge dessen die Bürokratie als besondere Form des Umgangs mit Wissen in den Mittelpunkt, die er als Herrschaft durch Wissen analysiert. Der Zusammenhang von Wissen und Macht bzw. Wissen und seine Legitimierung wurde später auch von Michel Foucault bzw. Jean-Francois Lyotard untersucht.
Im Unterschied zu den Diskussionen der 60er Jahre problematisieren die Debatten bezüglich der Wissensgesellschaft ab Ende des 20.Jahrhunderts auch den globalen Charakter der beobachteten Rationalisierungsprozesse und die Zunahme von Nicht-Wissen in der Wissensproduktion und damit verbundene Unsicherheiten, Risiken und Paradoxien.
In den letzten Jahren wird die Idee einer Entwicklung zur Wissensgesellschaft vermehrt von politischen Parteien und Interessenverbänden benutzt, um den wirtschaftsliberalen Umbau (bzw. Abbau) des Sozialstaats und der sozialen Sicherungssysteme zu begründen und durchzusetzen.
[Bearbeiten] Ökonomische Aspekte
Da die Wissensgesellschaft anstelle der Verwertung von fixem Sachkapital von immateriellem Kapital ausgeht, das nicht mehr mit klassischen Methoden (Produkteinheit pro Zeiteinheit) gemessen werden kann, wäre nach André Gorz die angemessene Ökonomie für eine Wissensgesellschaft ein Wissenskommunismus. Gefragt ist nicht formelles, abrufbares Wissen, sondern Formen lebendigen Wissens, wie Erfahrungswissen, Urteilsvermögen, Selbstorganisation, etc. Nicht die abgeleistete Arbeitszeit, sondern die „Verhaltenskomponente“ und die „Motivation“ gelten als ausschlaggebende Wertschöpfungsfaktoren. Solche Faktoren werden betriebswirtschaftlich als Humankapital bezeichnet. "Motivation" bedeutet in diesem Zusammenhang ein Sich-Selbst-Einbringen und Sich-Selbst-Produzieren, während die erwähnte Verhaltenskomponente sich auf Kunden, aber auch auf die innerbetriebliche Zusammenarbeit bezieht. Pierre Veltz macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass nicht die von Einzelnen geleistete Arbeit, sondern die Qualität der Verständigungen im Umfeld des Produktionssystems entscheidend ist. Das Humankapital entsteht also nicht individuell im luftleeren Raum, sondern entfaltet sich unter kulturellen Rahmenbedingungen als allgemeines Wissen, das in der primären Sozialisierung weitergegeben wird. Das lebendige Wissen als Quelle der Wertschöpfung produziert, so A. Gorz, nichts greifbar Materielles. Es ist vielmehr die Arbeit des sich selbst als Aktivität produzierenden Subjekts.
[Bearbeiten] Charakteristika der Wissensgesellschaft
- Wissen wird zur strategischen Ressource in Produkten und Dienstleistungen
- Das Wissen der Zukunft ist vernetzt, dezentral und interdisziplinär
- Effektive Nutzung des Wissens ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor
- Wissen selbst wird zum veräußerlichten Gut
[Bearbeiten] Siehe auch
- Freie Informationsinfrastruktur
- Informationsgesellschaft
- Infosphäre
- Kollektive Intelligenz
- Kollektive Wissenskonstruktion
- Ressourcenorientierung
- Transferwissenschaft
- Wissensallmende
- Wissensfreiheit
- Wissenstransfer
[Bearbeiten] Literatur
[Bearbeiten] Literatur allgemein
- Thomas Auer, Wolfgang Sturz (Hg.) ABC der Wissensgesellschaft, doculine Verlag 2007, ISBN 978-3-9810595-4-0
- Gernot Böhme und Nico Stehr, Knowledge Society (D. Reidel Publishing, 1986); ISBN 978-9027723055
- Peter Burke, Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft, Berlin: Wagenbach 2001
- Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach (Hg.): Macht des Wissens. Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft Köln, Weimar, Wien, 2004.
- Alexander Filipovic, Axel Bernd Kunze (Hg.): Wissensgesellschaft. Herausforderungen für die christliche Sozialethik, Münster: Lit 2003 - ISBN 3825870383.
- Karsten Gerlof und Anne Ulrich (Autoren), Heinrich Böll Stiftung (Hg.): Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft Westfälisches Dampfboot, 2006, ISBN 3-89691-619-X
- Martin Heidenreich: Die Debatte um die Wissensgesellschaft, in: Stefan Böschen und Ingo Schulz-Schaeffner (Hg.), Wissenschaft in der Wissensgesellschaft, Opladen: Westdeutscher Verlag, 2003 Internet, PDF, 25 Seiten
- Jean-Pol Martin: "Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia". In: Klebl, Michael, Köck, Michael (Hg.): Projekte und Perspektiven im Studium Digitale. Medienpädagogik, 3: 157–164. LIT Verlag Berlin. 2006.Internt, PDF, 8 Seiten
- Bernhard von Mutius: Die Verwandlung der Welt. Ein Dialog mit der Zukunft, 2000, ISBN 3-608-94271-8
- Helmut F. Spinner: Die Wissensordnung, 1994
- Helmut F. Spinner: Die Architektur der Informationsgesellschaft, 1998
- Nico Stehr, Moderne Wissensgesellschaften, Bundeszentrale für politische Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 36/2001) Internet, PDF, 8 Seiten
- Nico Stehr, Arbeit, Eigentum und Wissen: Zur Theorie von Wissensgesellschaften (Suhrkamp, 1994); ISBN 3-518-58187-2
- Nico Stehr, Knowledge Societies (Sage, 1994); ISBN 0-8039-7892-8
- Nico Stehr, The Fragility of Modern Societies. Knowledge and Risk in the Information Age (Sage, 2001); ISBN 9780761953487
- Nico Stehr, Wissen und Wirtschaften. Die gesellschaftlichen Grundlagen der modernen Ökonomie (Suhrkamp, 2001); ISBN 3-518-29107-6
- Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft , Weilerswist: Velbrück 2001.
[Bearbeiten] Kritische Literatur
- Uwe H. Bittlingmayer, Wissensgesellschaft als Wille und Vorstellung, uvk 2005, ISBN 3-89669-525-8, ideologiekritisch und orientiert an Pierre Bourdieu
- Uwe H. Bittlingmayer, Spätkapitalismus oder Wissensgesellschaft?, BpB, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 36/2001) Internet, PDF, 8 Seiten
- Maria Funder (Hg.), Jenseits der Geschlechterdifferenz? : Geschlechterverhältnisse in der Informations- und Wissensgesellschaft, München [u.a.] : Hampp, 2005
- Gemperle Michael, Steckeisen Peter (Hrsg.), Ein neues Zeitalter des Wissens? Kritische Beiträge zur Diskussion über die Wissensgesellschaft, Zürich: Seismo 2006. ISBN 978-3-03-777045-0 - kritische empirische und theoretische Studien zum Realitätsgehalt und zur sozialen und politischen Funktion des Begriffs
- André Gorz: Wissen, Wert und Kapital, Rotpunktverlag, Zürich, 2004
- Hans-Dieter Kübler: Mythos Wissensgesellschaft. VS Verlag 2005, ISBN 3531144847
- Konrad P. Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, Zsolnay 2006, ISBN 3552053824
- Heinz Steinert: Neue Flexibilität, neue Normierungen. Der zuverlässige Mensch der Wissensgesellschaft, Picus 2005, ISBN 3854525141, Hinweis: Das Buch legt einen Schwerpunkt auf die Ausgrenzungsdebatte
- Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft - Betrug an der Wissensgesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-518-26002-9
[Bearbeiten] Weblinks
- Weltordnung des Wissens gefordert: Der 97. Internationale Dahlem-Workshop diskutiert über Folgen des globalen Informationsaustausches („Tagesspiegel“, 17. November 2007 – Interview mit Jürgen Renn)
- Die Herausbildung der "Wissensgesellschaft" Seminararbeit zum Thema "Wissensgesellschaft" und "Ökonomisierung der Bildung" (PDF-Datei; 171 kB)
- BPB: Wissengesellschaft
- Wissensgesellschaft.org – Eine Website der Heinrich-Böll-Stiftung
- SWR-Sendereihe "Wer weiß was" über die Wissensgesellschaft mit Manuskripten
- Die Wissensgesellschaft, Wissen in der digitalen Welt und der Mensch in der Wissensgesellschaft
- UNESCO World Report: Towards Knowledge Societies
- Humanismus reloaded oder Welche Wissensgesellschaft wollen wir? – Beitrag im Online-Magazin sciencegarden.de

