Zweites Kaiserreich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Ausdruck Zweites Kaiserreich (franz. second Empire) steht für die Periode von 1852 bis 1870 in der Geschichte Frankreichs. In dieser Zeit war Napoléon III. der Kaiser der Franzosen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Ursprünge

Den Ruf seines Onkels Napoleons I. nutzend, hatte Charles-Louis Bonaparte die Präsidentschaftswahlen 1848 gewonnen. Im Dezember 1851 vollzog Napoleon den Staatsstreich mit diktatorischen Vollmachten und krönte sich am 2. Dezember 1852 zum Kaiser der Franzosen. Die Verfassung, die er ausarbeitete, bedeutete faktisch eine Diktatur.

In Hinblick auf die Staatssymbole griff das Zweite Kaiserreich auf das Erste Kaiserreich zurück. Die Funktion einer Nationalhymne erfüllte ein Lied, welches die Ägyptische Expedition von 1798 besang – Partant pour la Syrie.

[Bearbeiten] Innenpolitisches System

Dieser Artikel oder Abschnitt besteht hauptsächlich aus Listen, an deren Stelle besser Fließtext stehen sollte.

Ein Jahr nach dem erfolgten Staatsstreich bestieg Charles-Louis Bonaparte am 2. Dezember 1852 als Napoléon III. den Thron. Zunächst regierte er mit absoluter Macht, das Parlament (Corps législatif) besaß keine Gesetzesinitiative, sondern konnte nur vom Kaiser eingebrachte Gesetze billigen. Säulen des Systems waren Armee und Kirche, so dass Napoleon III. sich sogar als Beschützer des Kirchenstaats hervortun konnte.

[Bearbeiten] Phase 1: Das autoritäre Empire (1851/52–1860/61)

Parlament (Corps législatif)

  • Mehrheitswahlrecht. Das damalige Wahlsystem beruhte auf Zetteln, deren Farbe den Kandidaten festlegte. Die Bürokratie setzte bei Wahlen regelmäßig die Opposition unter Druck, ließ Zettel bestimmter Farben für die Wahldauer nicht verkaufen, Wahlplakate durch Staatsbeamte abreißen etc. Freie Wahlen im heutigen Sinne fanden also nicht statt.
  • keine Gesetzesinitiative, nur Billigung kaiserlicher Gesetzesvorschläge. Somit konnten auch keine gegen die Regierung gerichteten Gesetze erlassen werden.
  • eingeschränktes Budgetrecht.

Opposition

[Bearbeiten] Phase 2: Das liberale Empire (1860/61–1870)

Seit 1860/61 wurde der Regierungsstil geändert, das Parlament erhielt mehr Rechte, die Pressefreiheit wurde erweitert und Gewerkschaften zugelassen.

Parlament

  • Droit d'adresse;
  • Veröffentlichung der Debatten in der Zeitung Le Moniteur (ab 1860);
  • Budgetrecht erweitert;
  • Umwandlung in ein halb-parlamentarisches System: das Parlament erhält das Interpellationsrecht (1867);
  • Recht zur Gesetzesinitiative (1869).

Opposition

  • antiklerikale Maßnahmen gegen katholische Blätter, wie etwa L'Univers;
  • Adolphe Thiers, der französische Liberale, fordert von Napoleon die Garantie der Freiheitsrechte;
  • Die republikanische Opposition wuchs Jahr für Jahr (1863: 32 Oppositionelle im Corps Législatif);
  • Manifest der Neunundsechzig (1864): die Republikaner beanspruchen die soziale Gleichberechtigung der Arbeiter;

Arbeiter

Noch im März 1870 fand ein Volksentscheid statt, in dem dafür gestimmt wurde, dass diese napoleonische Gesetzgebung fortgeführt werde. So schien das System bei Kriegsbeginn im Sommer 1870 gefestigt genug, einen Krieg zu überdauern.

[Bearbeiten] Wirtschaft

Das zweite Kaiserreich ist gekennzeichnet durch folgende wirtschaftliche Entwicklungen:

Frankreich stieg damit zur Nation der Rentiers auf und verfügte über sehr viel Kapital. Diese Maßnahmen hatten allerdings auch negative Auswirkungen. So war das Eisenbahnsystem strikt auf die Hauptstadt Paris fixiert; es gab so gut wie keine Verbindungen zwischen den anderen Städten Frankreichs wie etwa Caen, Marseille, Bordeaux oder Lyon. Um von einer Stadt zur nächsten zu gelangen, musste man über Paris fahren. Dies sollte sich als besonders nachteilig im Krieg gegen Preußen 1870/71 erweisen, als Truppen nicht rasch genug mit der Eisenbahn bewegt werden konnten.

Die Weltausstellungen von Paris 1855 und 1867 sollten der ganzen Welt das industrielle Potenzial Frankreichs vor Augen führen.

Die wirtschaftliche Entwicklung verlief anfänglich positiv, ab Mitte der 1860er Jahre geriet die Wirtschaft aber in eine Krise, was mit zum Ende des imperialen Systems beitrug.

[Bearbeiten] Außenpolitik

Die Ausgangslage Frankreichs war um 1852 immer noch die eines seit dem Wiener Kongress 1815 unter europäischer Kontrolle stehenden Staatswesens, das für alle europäischen Mächte als revolutionärer Unruheherd galt. Das erste Ziel der napoleonischen Politik musste demnach sein, diese außenpolitische Isolation zu überwinden.

[Bearbeiten] Krimkrieg (1854–1856)

Anlass für den Krimkrieg war die russische Forderung nach Gebieten des Osmanischen Reiches, welche im heutigen Rumänien und Bulgarien (Dobrudscha) liegen. Frankreich trat auf Seite der anti-russischen Koalition in den Krieg ein und konnte auf Napoleons Initiative den Krieg durch den Frieden von Paris (1856) beenden. Diese Konferenz unter Leitung Kaiser Napoléon III. verhalf Frankreich zur Wiederanerkennung des Großmachtstatus durch die europäischen Mächte. Frankreich konnte sich so zum (Schieds-)Richter Europas (arbiter europae) aufschwingen.

[Bearbeiten] Italienische Einigung (1859)

Als Schutzherr der nationalen Idee trat Frankreich auf Seiten des Königreich Piemont-Sardiniens gegen Österreich in den Sardinischen Krieg von 1859 ein. Als Folge der Niederlage Österreichs in den Schlachten von Magenta und Solferino konnte ein einheitlicher italienischer Nationalstaat geschaffen werden. Der Preis, den das Piemont-Sardinien für die Unterstützung Frankreichs zahlen musste, bestand in der Abtretung der Grafschaft Nizza an der Côte d'Azur sowie Savoyens (des Gebiets südlich des Genfersees). Um den Anschluss zu legitimieren, ließ Napoleon (Schein-)Abstimmungen in den teils italienischsprachigen Gebieten durchführen, die erwartungsgemäß zustimmend ausfielen.

[Bearbeiten] Französische Intervention in Mexiko (1862–1867)

In der Annahme, dass die USA im Amerikanischen Bürgerkrieg gebunden waren und somit nicht die Monroe-Doktrin durchsetzen konnten, wurden französische Truppen nach Mexiko entsandt, um den habsburgischen Kaiser Maximilian I., der Anspruch auf den mexikanischen Thron erhob, zu unterstützen. Nach anfänglichem Kriegsglück wendete sich das Blatt und schließlich mussten die Franzosen das Land verlassen, Maximilian wurde von den Mexikanern hingerichtet. Diese Niederlage in der Französischen Intervention Mexikos wirkte nochmals destabilisierend auf das Regime.

[Bearbeiten] Deutscher Krieg (1866)

Bismarck versprach Napoleon III. das Gebiet zwischen Rhein und Mosel, wenn Frankreich nicht in den Krieg intervenierte und keine Friedenskonferenz forderte. Nach dem Sieg über Österreich konnte Bismarck allerdings mit Rücksicht auf innenpolitische Gründe kein deutsches Gebiet abtreten, so dass Napoleon III. auch diesmal keinen Erfolg verzeichnen konnte.

[Bearbeiten] Luxemburgkrise (1867/69)

Als Ausgleich forderte Napoléon III. nun Luxemburg, was Bismarck scheinbar zugestand, dann jedoch die britische Regierung davon in Kenntnis setzte. Der britische Protest verhinderte die Annexion Luxemburgs; ähnlich wurde im Falle der geplanten Besetzung Belgiens 1869 reagiert.

[Bearbeiten] Deutsch-Französischer Krieg (1870/71)

Napoléon III. bei Sedan von Wilhelm Camphausen

In Spanien wurde seit 1868 ein Thronfolger gesucht und nach längeren Recherchen fiel die Wahl schließlich auf einen Hohenzollern aus dem katholischen Zweig der Familie, dessen Kandidatur durch den protestantischen preußischen Zweig unterstützt wurde. Frankreich sah nun abermals die Gefahr, welche schon einmal unter Kaiser Karl V. bestanden hatte, nämlich die Einkreisung Frankreichs durch eine gegnerische Macht. Ferner bestand die Möglichkeit, dass Napoleons Sohn, dessen Mutter ja eine geborene spanische Prinzessin war, gleichfalls diesen Thron übernehmen konnte. Auf diplomatischen Druck Frankreichs hin lehnte der katholische Hohenzollernfürst ab. Napoleon wollte diesen diplomatischen Sieg auskosten und zu einem außenpolitischen Triumph werden lassen: durch einen Gesandten wurde dem preußischen König Wilhelm I., der zur Kur in Bad Ems weilte, eine Nachricht zugestellt, die den ewigen Verzicht auf den spanischen Thron verlangte. Wilhelm benachrichtigte seinen Ministerpräsidenten Bismarck per Depesche. Bismarck kürzte diesen Text und veränderte ihn minimal, sandte aber Kopien davon an die Regierungen der übrigen europäischen Mächte. Bismarcks Text, die sog. Emser Depesche, war so gehalten, dass niemand diese Forderung annehmen konnte. Napoleon war in den Augen der damaligen Öffentlichkeit entehrt und nun genötigt, Preußen den Krieg zu erklären. Somit stand Frankreich vor aller Welt als Angreifer da, obwohl es selbst keinen Krieg gewollt hatte. Die Schutz- und Trutzbündnisse Preußens mit den süddeutschen Staaten führten dazu, dass dieser Krieg gegen Frankreich zum nationalen Einheitskrieg wurde.

Für Napoleon verlief der Deutsch-Französische Krieg ungünstig: die französischen Armeen verloren bei Sedan am 2. September 1870 und der Kaiser persönlich geriet in Kriegsgefangenschaft. In Paris wurde bei Eintreffen dieser Nachricht schon am 4. September 1870 die Dritte Republik ausgerufen. Das napoleonische Kaiserreich war beendet.

[Bearbeiten] Kolonialreich

Frankreich benötigte Absatzmärkte und Rohstofflieferanten für seine Wirtschaft. Außerdem trug man spätestens seit der Französischen Revolution von 1789 auch den Anspruch vor, die Welt zivilisatorisch zu missionieren. Das Kolonialreich bestand um 1850 fast nur noch aus Inseln wie Guadeloupe, Martinique, Saint-Pierre und Miquelon, Réunion, Seychellen und pazifischen Gebieten wie Neukaledonien. Die Phase der neuen Kolonialpolitik begann 1858, als ein Sohn Napoleons III. zum Kolonialminister berufen wurde.

[Bearbeiten] Senegal / Westafrika

Schon 1854 begann die Eroberung des Senegal, die 1865 erfolgreich beendet wurde. Die Stadt Dakar, der Verwaltungssitz des Kolonialministeriums, wurde 1857 gegründet. Aus diesem Gebiet Westafrikas sollte später Französisch-Westafrika entstehen.

[Bearbeiten] Französisch-Indochina

Schon die Compagnie des Indes hatte Interessen in Südostasien (vgl. Indochina) bekundet. 1858 wurde ein gemeinsames französisch-spanisches Kontingent dorthin entsandt, um die Verfolgung westlicher Missionare zu beenden und den Expansionsdrang durch Thailand (Siam)zu beschränken, wie es offiziell hieß. Die nächsten 15 Jahre sind von schweren Kämpfen erfüllt, die erst die Dritte Republik beendet. 1860 wurden das Mekong-Delta und Saigon (Cochinchina) erobert, nur zwei Jahre später wurde Kambodscha französisches Protektorat.

[Bearbeiten] Algerien

Die Eroberung Algeriens hatte schon 1830 begonnen und war durch die Fremdenlegion durchgeführt worden. 1864–1871 gab es schwere Aufstände gegen die Kolonialmacht, die erst im Zuge des Deutsch-französischen Krieges beendet wurden. 1871 lebten bereits 300.000 Franzosen, Spanier, Italiener und Deutsche in dem Küstenstreifen Algeriens.

[Bearbeiten] Madagaskar

Hier verfolgte Napoleon III. eine subtilere Politik und setzte auf eine langsame Infiltration. Diese endete jedoch 1863 mit der Ermordung des frankophilen Königs Radama II. Erst in den 1890er Jahren konnte die Insel unter französische Oberhoheit gestellt werden.

[Bearbeiten] Kultur und Geistesleben

Bedeutende Personen waren:

  • Paul Cézanne (1839–1906), Maler
  • Victor Hugo (1802–1885), Schriftsteller; einer der schärfsten politischen Oppositionellen im Zweiten Kaiserreich; er schrieb Die Elenden und Der Glöckner von Notre Dame.
  • Pierre-Auguste Renoir (1841–1919), Maler; gehörte dem Impressionismus an.
  • Jules Verne (1828–1905), Schriftsteller; Begründer der Science-Fiction; Werke u.a.: 20.000 Meilen unter dem Meer; Reise zum Mittelpunkt der Erde; Um die Welt in Achtzig Tagen; Die 500 Millionen der Begum (hierin beschreibt er beklemmend präzise eine mögliche nationalistische Diktatur).
  • Émile Zola (1840–1902), Schriftsteller; Republikaner; wurde in der Dritten Republik zum Verteidiger von Alfred Dreyfus. Sein Romanzyklus Les Rougon-Maquart schildert ein Panorama aller sozialer Schichten des Zweiten Kaiserreichs – vom Elend der Bergarbeiter bis zu der Geld- und Lebensgier der hohen Politiker.


[Bearbeiten] Literatur

  • Olivesi, Antoine / Nouschi, André: La France de 1848 à 1914, Paris: Nathan, 1997. ISBN 2-09-192135-1
  • Smith, William H.: Napoléon III., Paris: Hachette, 1984. ISBN 2-501-00526-0
  • Wüstemeyer, Manfred: Demokratische Diktatur: zum politischen System des Bonapartismus im Zweiten Empire, Köln: Böhlau, 1986. ISBN 3-412-08385-2
  • Heinz Rieder: Napoleon III. – Abenteurer und Imperator, Casimir Katz Verlag

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen