Botanischer Blindengarten Radeberg

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In einer parkartigen Umgebung steht die Villa Storchennest, ein Gebäude mit zwei Stockwerken und einem Dachgeschoss unter dem rot eingedeckten Walmdach. Die sandfarbene Fassade ist mit ornamentalen Putzflächen nach Art des Jugendstils dekoriert. Ober- und Untergeschoss sind durch ein rötliches Gurtgesims deutlich voneinander getrennt, in der Mitte des Erdgeschosses springt ein Erker mit trapezförmigem Grundriss hervor. Eine Terrasse vor dem Erdgeschoss ist von roten Ziegelmauern umgeben und trägt ein Geländer aus weißen Holzlatten. In der Mitte des Daches, oberhalb des Erkers, gibt es eine größere Dachgaube mit Fenstern; darüber, auf dem Dachfirst, thront ein Türmchen. Es ist Winter, die Bäume sind kahl und die winterliche Sonne verleiht der Fassade einen warmen Gelbton.
Die Villa Storchennest

Der Botanische Blindengarten Radeberg ist ein botanischer Garten in der sächsischen Stadt Radeberg, der speziell auf die Bedürfnisse taubblinder und blinder Menschen mit mehrfachen Behinderungen zugeschnitten ist. Der erste Botanische Garten im deutschsprachigen Raum, der komplett als Blindengarten angelegt ist[1], erstreckt sich über 20.000 Quadratmeter rund um die Begegnungsstätte des Taubblindendienst e.V., die Villa Storchennest. Der Botanische Blindengarten ist Vollmitglied der Internationalen Gesellschaft Gartentherapie.[2]

Nach der Eröffnung der Beratungsstelle des Taubblindendienstes im Jahr 1993 wurde mit der Rekonstruktion des verwilderten, parkähnlichen Geländes um die Villa Storchennest begonnen. Während der dreijährigen Bauphase wurden neben landschaftsarchitektonischen vor allem blinden- und behindertengerechte Aspekte forciert. Der Pflanzplan für die Anlage wurde unter der Leitung von Prof. Gerhard Richter vom Institut für Freiraumplanung der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf entwickelt.[3][4]

Am 1. September 1996 wurde die Anlage als Blindengarten Radeberg von Hans Geisler, dem damaligen Sächsischen Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie, eröffnet. Der Garten besaß anfangs eine Fläche von 5.600 Quadratmetern. In den Jahren 2000, 2003 und 2005 wurde die Gartenfläche durch Angliederungen und Zukäufe benachbarter Grundstücke auf insgesamt 20.000 Quadratmeter (im Oktober 2005) erweitert. 2002 wurde der Blindengarten in den Verband Botanischer Gärten aufgenommen und zum Botanischen Blindengarten Radeberg ernannt.[5] 2003 öffnete die Gewächshausanlage auf der Storchenaue.

Die barrierefrei gestaltete Gartenanlage ist mit einem ca. 1,5 Kilometer langen Wegesystem versehen, das sowohl zu Fuß als auch mit dem Rollstuhl benutzt werden kann. Entlang der Hauptwege wurde ein Edelstahl-Handlauf zur Orientierung für blinde und stark sehbehinderte Besucher errichtet. An diesem sind zusätzliche Orientierungshilfen (Reliefs) angebracht. Die Nebenwege sind mit verschiedenen Bodenbelägen (zum Beispiel Rindenmulch, Rasen oder Porphyrkies) ausgestattet, um die Orientierung mit den Füßen zu ermöglichen. Als Leitsystem verfügen diese Wege über eine Klopfkante, die mit dem Blindenstock ertastet werden kann.

Im Botanischen Blindengarten Radeberg wachsen ca. 1.300 verschiedene Pflanzenarten, darunter etwa 700 stark duftende. Vor allem kleine bzw. niedrig wachsende Arten sind in Hochbeeten angepflanzt. Das erleichtert, neben der olfaktorischen Wahrnehmung, das Erfassen der Pflanzen per Tastsinn. Die unmittelbar am Wuchsort angebrachte Beschilderung ist mit Alphabet- und Brailleschrift ausgestattet.

Mit besonders stark oder ungewöhnlich duftenden Pflanzenarten wurden separate Bereiche eingerichtet, wie das Minzegärtchen, der Kamillepfad und die Pelargoniensammlung. So genannte Duftlauben sind zum Beispiel mit verschiedenen Heckenkirschenarten und Blauregen bepflanzt. In der Gärtnerei des Blindengartens ist zudem eine Sammlung stark duftender Kübelpflanzen untergebracht. Entlang der Wege sind stellenweise Berührungs- oder Kontaktdufter, also Pflanzenarten wie Thymian, die ihren Duft erst bei einer Berührung verströmen, als Orientierungshilfen angepflanzt worden.[6]

Der Taubblindendienst e.V. veranstaltet jährlich einen Tag der offenen Tür und ein Gartenfest, aber auch regelmäßige Seminare (zum Beispiel Kräuter-Kurse) für blinde und taubblinde Interessenten. Verschiedene Arten von Duftpflanzen werden in der Gärtnerei und bei Basarverkäufen zum Kauf angeboten.

2004 begann die Gärtnerei des Blindengartens mit der Einrichtung einer Kameliensammlung. Ein Gewächshaus, das Dufthaus auf der Storchenaue, beherbergt die Kamelienschau. Neben Pillnitz, Zuschendorf, Königsbrück und Rosswein wurde der Blindengarten Radeberg der fünfte offiziell anerkannte sächsische Kamelienstandort.[7] Im Fokus der Sammlung stehen stark duftende Kamelienarten.

Im Jahr 2011 wurde Ruth Zacharias, die damalige Leiterin der Anlage und maßgeblich für deren Auf- und Ausbau verantwortlich, mit dem Sächsischen Bürgerpreis geehrt. Im Jahr 2013 wurde sie für den Radeberger Blindengarten mit dem Alma de l’Aigle-Preis für Gartenkultur ausgezeichnet. Der Preis, den die Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V. verleiht, ehrt besonders nachhaltige Projekte und Menschen im Bereich der Gartenkultur.[8]

Einzelnachweise

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  1. Bernd Goldammer, Jens Fritzsche: Der besondere Garten. In: Sächsische Zeitung, Ausg. 5. September 2011
  2. Mitgliederliste der Internationalen Gesellschaft Gartentherapie. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 26. Februar 2016; abgerufen am 26. Februar 2016.
  3. Ruth Zacharias: Der duftende Garten - Botanischer Blindengarten Storchennest. Broschüre, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, 2001
  4. Botanischer Blindengarten Radeberg wird 20 Jahre alt. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 25. Juni 2018; abgerufen am 25. Juni 2018 (deutsch).
  5. Übersicht des Verbandes der Botanischen Gärten e.V. über die Anlagen in Deutschland. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 3. September 2014; abgerufen am 29. August 2014.
  6. Ulrike Springer: Gartentherapie: Kliniken und Anwendungsgebiete auf www.wecarelife.at. Abgerufen am 26. Februar 2016.
  7. Kamelie weckt Frühlingsgefühle im kalten Winter. In: Sächsischer Bote, Ausg. 05/2011.
  8. Alma de l'Aigle-Preis. Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V., archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 26. Februar 2016; abgerufen am 26. Februar 2016.

Koordinaten: 51° 6′ 18″ N, 13° 55′ 21,8″ O