Lebenswissen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der Begriff Lebenswissen entfaltet die Beziehung zwischen Leben und Wissen. Er wurde von dem Potsdamer Romanisten Ottmar Ette neu geprägt und behandelt Grundfragen von Literatur und Lebenswissen, sowie von Literaturwissenschaft und Lebenswissenschaft im Kontext einer philologischen Grundlagenforschung.

Literatur und Lebenswissen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das innovative Potential des Begriffs liegt darin, dass der Fragehorizont von Lebenswissen in erster Linie philologisch-kulturtheoretisch sowie philosophisch ist. Dies bedeutet für die traditionelle „two cultures“-Debatte (C. P. Snow) zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, dass Lebenswissenschaften in einer komplementären und zugleich kontrastiven Beziehung zur derzeit vorherrschenden Definition der Lebenswissenschaften als Life Sciences stehen. Der Literatur kommt dabei das Vermögen zu, normative Formen von Lebenspraxis nicht nur zu simulieren, sondern auch performativ zur Disposition zu stellen, insofern Literatur stets ein Wissen um die Grenzen der Gültigkeit von Wissensbeständen an einer gegebenen Kultur oder Gesellschaft enthält. Für eine lebenswissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft, die sich einer unreflektierten Ausblendung des Lebensbegriffes entgegenstellt, ist daher der experimentelle Charakter von Literatur nicht zuletzt an der fundamental-komplexen Prozesshaftigkeit des Lebens ausgerichtet.

Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eröffnet wurde die Diskussion mit Ettes Schrift „Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft“.[1] Lebenswissen wird hier verstanden als ein Horizontbegriff, der die in der Produktion und Rezeption von Kunst und Literatur beobachtbaren Wissensbestände von Lebensvorgängen verstärkt in den Fokus literatur- und kulturwissenschaftlicher Analysen rückt. Die Programmschrift löste eine Diskussion aus, die weit über geistes- und kulturwissenschaftliche Kreise hinausging. Auf ihre Veröffentlichung im Jahr 2007 folgten drei Dossiers in den Heften Lendemains (Jg. 32: H. 126–127 & 128 und Jg. 33: H. 129). 2010 erschien die Debatte in Buchform, wobei neben den bereits publizierten Aufsätzen mit zwei Texten der beiden Schriftsteller Amin Maalouf und Jorge Semprún zusätzliche Stellungnahmen abgedruckt wurden.[2] Neben der Einrichtung des DFG-Graduiertenkollegs „lebensformen+lebenswissen“ an der Universität Potsdam und der Europa-Universität Viadrina an der Oder, der Ringvorlesung der Mainzer Universitätsgespräche zum Themenschwerpunkt „Lebenswissen: Vom Umgang mit Wissenschaft“ im Jahr 2007 folgten zahlreiche Veranstaltungen, Rezensionen (u. a. in Die Zeit[3]). Hiervon sind besonders erwähnenswert:

  • „Vivre ensemble – Zusammenleben. Le savoir sur le vivre de la littérature et de la critique littéraire.“ (Maison Heinrich Heine, Paris 27. Mai 2010)
  • „LifeLive“ im Tagungszentrum L’Arc der Kulturstiftung Migros in Romainmôtier, 11.–13. Juni 2010
  • „Wissensformen und Wissensnormen des Zusammenlebens“. Freiburg Institute for Advanced Studies FRIAS, 17.–18. Juli 2010
  • „Gemeinschaft in Literatur“ an der Universität Osnabrück 29.–30. Oktober 2010

Diverse Publikationen und Übersetzungen haben die Diskussion um den Begriff Lebenswissen seit 2009 weiter internationalisiert. Auf Ottmar Ettes Monographie Del macrocosmos al microrrelato. Literatura y creación – nuevas perspectivas transareales (Guatemala: F&G Editores), die den Begriff des Lebenswissen einbettet in eine Konzeption transarealer Philologie, folgte 2010 das Buch Canon City des baskisch-venezolanischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers Josu Landa (México: Afinita Editorial). Im selben Jahr erschien auf Französisch das Dossier "Vivre ensemble - ZusammenLeben. Le «savoir sur la vie» de la littérature et la tâche de la critique littéraire." in der RZLG – Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte[4] sowie eine englische Fassung der Programmschrift in der Zeitschrift PMLA, mit einem Vorwort von Vera M. Kutzinski, das besonders die wissenschaftspolitische Dimension in Ettes Konzeption betont und ausführlich darstellt.[5]

Historischer Rückblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ottmar Ette bezieht sich mit seiner Konzeption auf eine Tradition des Lebensbegriffes, die wichtige Säulen in Hannah Arendt (v. a. Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1960) und Giorgio Agamben (Homo Sacer. Il potere sovrano e la nuda vita, 1995) hat. Die Originalität der Etteschen Begriffsbildung liegt in der Verbindung des Lebens- mit dem Wissensbegriff. Diese Verbindung kann auf eine wissenschaftshistorische Dimension zurückblicken: sie wurde bereits – wenn auch nur im Rahmen einer einmaligen Publikation – am 12. Februar 1801 von Christoph Meiners in seinem Grundriss der Ethik, oder Lebens-Wissenschaft formuliert. Lebenswissenschaft ist bei Meiners ein Wissen vom guten Leben für den Einzelnen wie für unterschiedliche Gemeinschaften. Sie beleuchtet aus vergleichender Perspektive ein Wissen von den Lebensformen und Lebensarten kritisch. Bei ihm fehlt jedoch eine globale Perspektive, was – angesichts der Zeit nicht verwunderlich – zu einer eurozentristischen Haltung führt, die eine Affinität zum Zivilisationsbegriff forciert. Mit Ausnahme dieser einzelnen Schrift von Meiners können die Begriffe Lebenswissen und Lebenswissenschaft über die letzten zwei Jahrhunderte bis zu den Arbeiten von Ottmar Ette 2007 auf keine begriffsgeschichtliche Entwicklung zurückblicken. Dennoch ist unbestreitbar (und dies nicht zuletzt angesichts der Arbeiten von Michel Foucault), dass der Lebensbegriff bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zur Leitfrage zwischen den sich ausdifferenzierenden Wissensbereichen von Philosophie und Physiologie, von anthropologischer Ethik und medizinisch- naturwissenschaftlicher Forschung wurde.

Lebenswissen als Aufgabe der Philologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzept des Lebenswissens propagiert eine Rehabilitierung des Lebensbegriffs für die Geisteswissenschaften. Denn wenn ein interdisziplinär vernetztes und stark anwendungsorientiertes Ensemble biochemischer, biophysikalischer, biotechnologischer und humanmedizinischer Forschungsfelder den Lebensbegriff für sich beanspruche, gehe – so Ette – die ursprünglich breite kulturelle Auffächerung von Leben im Sinne von gr. bios verloren. Damit betont der Potsdamer Romanist ein als „Aufgabe der Philologie“ verstandenes Konzept des Lebenswissens, das sich als Beitrag zu einem breiten Verständnis der Lebenswissenschaften weiß und das auf Ansätze der poststrukturalistischen Semiologie, der philosophischen Anthropologie und einer biopolitisch ausgerichteten Kulturtheorie zurückgreift.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ottmar Ette: ÜberLebenswissen. Die Aufgabe der Philologie. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2004
  • Ottmar Ette: ZwischenWeltenSchreiben. Literaturen ohne festen Wohnsitz. Reihe ÜberLebenswissen, 2. Kadmos, Berlin 2005
  • Ottmar Ette: Lebenswissen und Lebenswissenschaft. in Ansgar Nünning, Hg.: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. 4. Auflage. Stuttgart 2008, S. 414f.
  • Ottmar Ette: Über Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Perspektiven einer anhebenden Debatte. In: Wolfgang Asholt und Ette, Hgg.: Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Programm, Projekte, Perspektiven. Gunter Narr, Tübingen 2010, pp. 137 – 144. Online (PDF-Datei; 519 kB)
  • Ottmar Ette: ZusammenLebensWissen. List, Last und Lust literarischer Konvivenz im globalen Maßstab. Reihe Überlebenswissen, 3. Kadmos, Berlin 2010

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Eine Programmschrift im Jahr der Geisteswissenschaften, in "Lendemains. Études comparées sur la France. Zs. für vergleichende Frankreichforschung," H. 125, Jg. 32. Gunter Narr, Tübingen 2007 ISSN 0170-3803 S. 7–32.
  2. Asholt, Wolfgang / Ette, Ottmar (Hg.): Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. Programm - Projekte - Perspektiven. Tübingen: Narr Francke Attempto, (Reihe edition lendemains 20) Tübingen 2010. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 25. Oktober 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.uni-potsdam.de
  3. Thomas Assheuer: “Wer erklärt den Menschen? Zwei Kulturen: Literaturwissenschaftler machen in einem Sammelband gegen die Life-Sciences mobil.” In: Die Zeit, Nr. 25, 17. Juni 2010. [1]
  4. Asholt, Wolfgang / Ette, Ottmar (Hg.): Dossier: "Vivre ensemble - ZusammenLeben. Le «savoir sur la vie» de la littérature et la tâche de la critique littéraire." In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte / Cahiers d'Histoire des Littératures Romanes (Heidelberg) XXXIV, 3 – 4 (2010), pp. 443-507.
  5. Ottmar Ette: "Literature as Knowledge for Living, Literary Studies as Science for Living." Edited, translated, and with an introduction by Vera M. Kutzinski. In: Special Topic: «Literary Criticism for the Twenty-First Century», in: PMLA (New York) CXXV, 4 (october 2010), pp. 977-993. [2]