Stadtökologie
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Stadtökologie ist eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die sich mit den städtischen Bio- und Geoökosystemen, ihren Organismen und Standortsbedingungen sowie mit Struktur, Funktion und Geschichte urbaner Ökosysteme beschäftigt. Die Ökosystemkomplexe von Städten unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von denen der offenen Landschaft, von denen einige im folgenden benannt werden sollen (vgl. auch Landschaftsökologie).
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[Bearbeiten] Abiotische Aspekte
Wesentliche abiotische Aspekte in Ökosystemen sind Klima, Boden, Wasser und Luft, die je nach Betrachtungsweise auch als Schutzgüter gelten und zu denen einige Tatbestände aufgeführt sind:
- Im Durchschnitt ist die Bodenoberfläche zu 75 % mit Baumaterialien bedeckt. Dies hat Folgen für das Kleinklima in Städten wie für den Wasserhaushalt
- Gebäude, die in aller Regel dicht stehen, haben einen starken Einfluss auf die Sonneneinstrahlung und die Albedo
- Durch die Verwendung von Beton und Steinen für den Bau der Gebäude ist das Wärmespeichervermögen höher und die Fähigkeit, Feuchtigkeit zurückzuhalten gegenüber der freien Landschaft geringer
- Städte haben eine mittlere Temperatur, die um 1 °C bis 2 °C höher liegt als in ihrem Umland
- In Städten sind große Anteile der Böden hoch verdichtet. Deshalb und wegen gezielter Entwässerungsmaßnahmen sind die Böden trockener als in der freien Landschaft. Damit wird unter anderem das Mikroklima in Städten trockener
- Die dichte Bebauung vermindert die Windgeschwindigkeiten und somit den Austausch der Luftmassen
- Städtische Siedlungen sind meist Komplexe aus Wohnquartieren und Gewerbe- bzw. Industriegebieten. Von letzteren gehen spezifische Emissionen bzw. Abfälle aus.
- Der dichte Straßenverkehr in Städten erzeugt Lärm und Abgase, die ihrerseits auf Tier- und Pflanzenwelt sowie auf den Menschen einen Einfluss hat.
[Bearbeiten] Biotische Aspekte
Die abiotischen Gegebenheiten, die vom Menschen geschaffen sind, wirken sich wesentlich auf den Lebensraum der Tier- und Pflanzenwelt in Städten aus. Weitere Auswirkungen hat der Mensch darüber hinaus dadurch, dass er bestimmte Lebensraumelemente schafft, die es in der freien Landschaft nicht oder nur selten gibt.
- Städte weisen eine geringe Pflanzenmasse auf. Die daraus resultierenden geringere Menge an Evapotranspiration wirkt ebenfalls in Richtung eines trockneren Mikroklimas
- Das chemische Milieu von Stadtböden und Luft ist in Städten negativ verändert. Die Bodenversiegelung erschwert die Ansiedlung von Pflanzen.
- In Städten sind bestimmte, in der freien Landschaft nicht so häufige Pflanzengesellschaften zu finden wie Trittgesellschaften (an häufig betretenen Orten), Ruderalfluren (im Bereich von [Bau-] Schuttanhäufungen, in Schienen und Industriebrachen, auf Deponien), Schnittrasen (in Parks), Pflanzen an Mauern (in Mauerspalten, auch Kletterpflanzen), Pflanzengesellschaft der Pflasterritzen.
- Bereiche in Städten, in denen Pflanzen eine dominierende Rolle spielen sind Parks, Friedhöfe, Schrebergartensiedlungen, Innenhöfe, Villenviertel, teilweise auch botanische Gärten.
- Für die Tierwelt bieten Städte verschiedenste (Teil-) Lebensräume. Einige wenige Beispiele:
- Siedlungsumfeld: Türme oder hohe Industriebauten (Turmfalke), drei- bis viergeschossige Wohnhäuser (Mauersegler, Rauchschwalbe), Wohngebiete gerne mit Kühlschläuchen und Zündkabel (Steinmarder), Dachstühle in Altbaugebieten (Fledermäuse, Siebenschläfer), Abwasserkanäle (Kellerassel, Ratten), Mülleimer (Fuchs), Gartenabfälle (Igel).
- Wohnungen: Zimmerpflanzen (Blattläuse, Schildläuse) Möbel (Pochkäfer) Nahrungsmittel (Speckkäfer, Mehlkäfer), Kleider (Kleidermotte), Bett (Bettwanze, Milben) oder Badezimmer (Silberfischchen).
- Haustiere: Hund und Katze (an diesen: Flöhe, Zecken, Hundebandwurm), Wellensittich (Rote Vogelmilbe, Grabmilben, Federlinge),
[Bearbeiten] Zur Geschichte der Stadtökologie
Einer der ersten Hinweise auf Probleme, die wir heute der Stadtökologie zuordnen würden, kamen vom Englischen Gärtner Thomas Fairchild Ende des 17. Jahrhunderts. Mit Flora und Fauna von Städten befassten sich William Nylander (Flechtenflora von Paris 1866), Ferdinand Arnold (1891), Hans Höppner u. Hans Preuss (1926), Richard Scheuermann, Kurt Wein und Louis Bonte mit Arbeiten zu Gartenunkräutern in Städten (1938) bzw. (1930) zur Adventivflora in Städten.
Für zahlreiche Untersuchungen zur Vegetation der Schuttflora gab es in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg hervorragende Untersuchungsflächen. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kamen zahlreiche Untersuchungen auch zu den abiotischen Faktoren der Stadtökologie hinzu. Der Begriff Stadtklima wurde 1937 von Albert Kratzer geprägt, die Böden einer Großstadt wurden erstmalig Mitte der 80-er Jahre des 20. Jahrhunderts von Hans-Peter Blume und Ralf Grenzius in Berlin systematisch untersucht.
[Bearbeiten] Literatur
- F. Arnold: Zur Lichenenflora in München. In: Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft. 1. 1891, 1-147.
- A. M. Beck: The Ecology of Stray Dogs. A Study of Free-Ranging Urban Animals. Purdue University Press, West Lafayette 2002
- A. R. Berkowitz, C. H. Nilon und K. S. Hollweg (Hrsg.): Understanding Urban Ecosystems. Springer, New York 2003
- L. Bonte und R. Scheuermann: 1. Beiträge zur Adventivflora des rheinisch-westfälischen Industriegebietes 1913-1927. - 2. Mittelmeer-Pflanzen der Güterbahnhöfe des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. In: Beiträge zur Landeskunde des Ruhrgebiets. 3:1-207. Girardet Essen 1930
- G. Fellenberg: Lebensraum Stadt. Verlag der Fachvereine, Zürich 1991
- S. D. Garber: The Urban Naturalist. Dover Publication, Mineola 1998
- O. L. Gilbert: Städtische Ökosysteme. Neumann Verlag, Radebeul 1989
- R. Grenzius und H.-P. Blume: Karte der Bodengesellschaften von Berlin (West) 1:50.000. In: Umweltatlas Berlin. 1985
- R. Grenzius: Die Böden Berlins (West): Klassifizierung, Vergesellschaftung, ökologische Eigenschaften. Berlin, Techn. Univ., FB 14 - Landschaftsentwicklung, Diss., 1987
- S. Harris und P. Baker: Urban Foxes. British Natural History Series. Whittet Books 2001
- J. D. Henry: Red Fox. The Catlike Canine. Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1996
- H. Höppner und H. Preuss: Flora des Westfälisch-Rheinischen Industriegebietes unter Einschluß der Rheinischen Bucht. 381 S. 1926
- B. Klausnitzer: Verstädterung von Tieren. Ziemsen, Wittenberg 1989
- B. Klausnitzer: Ökologie der Großstadtfauna. Gustav Fischer, Jena 1993
- Kratzer, A (1937): Das Stadtklima. 143 S. Vieweg, Braunschweig 1937, 2., neubearb. u. erw. Aufl. - Braunschweig : Vieweg, 1956
- W. Meyer, G. Eilers, A. Schnapper: Müll als Nahrungsquelle für Säugetiere und Vögel. Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2003
- W. Nylander: Les lichens du Jardin du Luxembourg. In:Bulletin de la Societé Botanique de France, Lettres Botaniques. 13. 1866, 364-372.
- D. W. Orr: The Nature of Design. Ecology, Culture, and Human Intention. Oxford University, New York 2002
- K. Pezzoli: Human Settlements and Planning for Ecological Sustainability. The Case of Mexico City. MIT Press, Cambridge 1998
- J. H. Reichholf: Die Zukunft der Arten. Neue ökologische Überraschungen. Beck, München 2005
- R. Scheuermann und K. Wein: Die Gartenunkräuter in der Stadt Nordhausen. In: Hercynia, Abh. Bot. Ver. Mitteldeutschland. 1938, 232-264.
- H. Sukopp (Hrsg.): Stadtökologie. Das Beispiel Berlin. Reimer, Berlin, 455 S. 1990
- C. Steinberg, B. Weigert, K. Möller und M. Jekel, M. (Hrsg.): Nachhaltige Wasserwirtschaft. Entwicklung eines Bewertungs- und Prüfsystems. Schmidt, Berlin 2002
- H. Sukopp und R. Wittig (Hrsg.): Stadtökologie – Ein Fachbuch für Studium und Praxis. Gustav Fischer, Stuttgart 1998
- R. Sullivan: Rats. Observation on the History and Habitat of the City’s Most Unwanted Inhabitants. Bloomsbury, New York 2005
- R. Wittig: Siedlungsvegetation. Ulmer, Stuttgart 2002

