Stressmodell von Lazarus
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus ist nach dem Psychologen Richard Lazarus benannt und wurde 1974 veröffentlicht. Dieses Modell sieht Stresssituationen als komplexe Wechselwirkungsprozesse zwischen den Anforderungen der Situation und der handelnden Person. Im Gegensatz zu früheren Stresstheorien ging Lazarus davon aus, dass nicht die Beschaffenheit der Reize oder Situationen für die Stressreaktion von Bedeutung sind, sondern die individuelle kognitive Verarbeitung des Betroffenen. Stress entsteht weniger durch die Ereignisse selbst als vielmehr dadurch, wie wir diese bewerten. Menschen können für einen bestimmten Stressor höchst unterschiedlich anfällig sein, d.h. was für den einen Betroffenen Stress bedeutet, wird von einem anderen noch nicht als Stress empfunden. Das Modell ist transaktional, da ein Bewertungsprozess zwischen Stressor und Stressreaktion zwischengeschaltet ist.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Drei Stufen der Bewertung
Jeder Mensch bewertet Situationen und deren Belastung unterschiedlich, und damit auch deren Bedrohlichkeit. Lazarus unterscheidet dabei drei Stufen.
[Bearbeiten] Primary Appraisal (Primäre Bewertung)
Situationen können nach Lazarus als positiv, irrelevant oder potenziell gefährlich (stressend) bewertet werden. Wenn eine Situation als stressend erlebt wird, kann diese Bewertung in drei verschiedenen Abstufungen erfolgen: als Herausforderung (challenge), als Bedrohung (threat) oder als Schädigung/Verlust (harm/loss).
[Bearbeiten] Secondary Appraisal (Sekundäre Bewertung)
In der Sekundärbewertung wird überprüft, ob die Situation mit den verfügbaren Ressourcen bewältigt werden kann. Nur wenn die Ressourcen nicht ausreichend sind, wird eine Stressreaktion ausgelöst. Es wird eine Bewältigungsstrategie entworfen, die abhängig von der Situation und von der Persönlichkeit und kognitiven Strukturen der Person ist. Dieser Umgang mit einer Bedrohung wird Coping genannt. Mögliche Verhaltensweisen sind z. B. Angriff oder Flucht, Verhaltensalternativen, Änderung der Bedingung oder Verleugnung der Situation. Über Erfolgs- oder Misserfolgsrückmeldungen lernt die Person mit der Zeit Bewältigungsstrategien selektiv einzusetzen.
[Bearbeiten] Reappraisal (Neubewertung)
Um diesen Teil des Lazarusschen Modells zu verstehen, ist ein Vorverständnis der beiden Bewertungsschritte notwendig, die Lazarus zwischenschaltet. Außerdem ist die Neubewertung verquickt mit dem darauf folgenden Coping.
Die sekundäre Bewertung ist notwendig, um eine entsprechende Reaktion auf eine Stressbelastung zu finden. Dieser Prozess ist dynamisch, weil er wiederum von dem nächsten Element in Lazarus' Modell beeinflusst wird: dem Coping, d.h der eigentlichen Bewältigung einer Stresssituation. Ganz eng verwahnt sind in der primären Bewertung die beiden Optionen "Herausforderung" und "Bedrohung". Deren Verhältnis ist wechselseitig, da beide sich in das andere verwandeln können. Hier stellt das Vorhandensein bzw. die Abwesenheit von Copingstrategien Weichen. Kann einem Stresspatienten aufgezeigt werden, wie er mit einer Bedrohung umgeht, kann diese auch zur Herausforderung werden. Genauso kann eine Herausforderung zur Bedrohung werden, wenn keine angemessene Bewältigung durchführbar ist. Diese Möglichkeit der Veränderung der Erstbewertung bezeichnet Lazarus als „Reappraisal“ (deutsch Neubewertung).
[Bearbeiten] Drei Arten des Copings (Stressbewältigung)
Lazarus unterscheidet drei Arten der Stressbewältigung: das problemorientierte, das emotionsregulierende und das bewertungsorientierte Coping.
[Bearbeiten] Problemorientiertes Coping
Darunter versteht man, dass das Individuum versucht, durch Informationssuche, direkte Handlungen oder auch durch Unterlassen von Handlungen Problemsituationen zu überwinden oder sich den Gegebenheiten anzupassen. Diese Bewältigungsstrategie bezieht sich auf die Ebene der Situation bzw. des Reizes.
[Bearbeiten] Emotionsorientiertes Coping
Das emotionsorientiertes Coping wird auch „intrapsychisches Coping“ genannt. Hierbei wird in erster Linie versucht, die durch die Situation entstandene emotionale Erregung abzubauen, ohne sich mit der Ursache auseinandersetzen zu müssen.
[Bearbeiten] Bewertungsorientiertes Coping
An dieser Stelle wird die Komplexität des Modells von Lazarus deutlich. Er verwendet den Begriff reappraisal (Neubewertung) in zwei Zusammenhängen. Zum einen bezüglich des Bewertungsprozesses, wie oben erwähnt. Andererseits ist die Neubewertung einer Stresssituation gleichzeitig eine Copingstrategie, wie an folgendem Zitat deutlich wird: "I also used the term cognitive coping to express this idea that coping can influence stress and emotion merely by a reappraisal of the person-environment relationship" (Lazarus, Stress and Emotion 1999, S.77) Die betroffene, "gestresste" Person soll ihr Verhältnis zur Umwelt kognitiv neu bewerten, um so adäquat damit umzugehen. Liest man das oben zitierte Buch von Lazarus, kann man sagen, dass das Hauptziel beim Bewertungsorientierten Coping darin liegt, eine Belastung eher als Herausforderung zu sehen, weil so ein Lebensumstand positiv belegt wird und dadurch Ressourcen frei werden, um angemessen zu reagieren. Dennoch kann dies nur gelingen, wenn konkrete Problemlösungsansätze gefunden werden (siehe Problemorientiertes Coping) Es müssen also verschiedene Bewältigungstrategien kombiniert werden.
[Bearbeiten] Literatur
- Lazarus, R. S. (1991). Emotion and Adaptation. London: Oxford University Press.
- Lazarus, R.S. (1999). Stress and Emotion. London: Free Association Books (Nachdruck).
- Lyons, R. (2004). Zukünftige Herausforderungen für Theorie und Praxis von gemeinsamer Stressbewältigung. In P. Buchwald, C. Schwarzer & S.E. Hobfoll (Hrsg.), Stress gemeinsam bewältigen – Ressourcenmanagement und multiaxiales Coping (S. 199-204). Göttingen: Hogrefe.
- Schwarzer, C., Meißen, B. & Buchwald, P. (2002). Stressmanagement im Erziehungsalltag. Aachen. Caritas.

