Sunna

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Disambig-dark.svg Dieser Artikel beschäftigt sich mit der islamischen Sunna. Zur germanischen Göttin Sunna siehe Sol (Mythologie).

Sunna (arabischسنة‎,Pl.‏ سنن‎ sunan, DMG sunan, „Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“) ist ein Begriff, der vermutlich schon in vorislamischer Zeit die Sitten, Bräuche, Werte und Normen aller arabischen Stämme umfasste. In der islamischen Jurisprudenz und Traditionswissenschaft bezeichnet der Begriff Sunna den kanonisierten normsetzenden Lebensvollzug des Propheten[1].

Das entsprechende Verb hierzu ist ‏استنّ سنّ ‎, DMG sanna / istanna, „etw.vorschreiben, etw. einführen“.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Sunna und Hadith

Schon in den frühesten Quellen des islamischen Schrifttums erscheint ein weiterer Begriff, der der Bedeutung von Sunna nahesteht: sīra (‏سيرة‎) „Prozedur“, „Verhaltens- und Lebensweise“. Oft werden beide Begriffe – wie darauf M. M. Bravmann (1972) hingewiesen hat – zusammen verwendet: „die Sunna des Propheten und seine Sīra“. In diesen Fällen ist sīra von der „Prophetenbiographie“ als literarische Gattung, ebenfalls sīra genannt, die die Vita Mohammeds zum Thema hat (Ibn Ishaq), zu unterscheiden.

Neben dem Koran ist die Sunna des Propheten die zweitwichtigste Quelle des islamischen Rechts. asch-Schafi’i (gest. 820) hat in seiner Systematisierung der islamischen Jurisprudenz den Stellenwert von Sunna als Rechtsquelle als sunnatu 'l-nabiyy (‏سنة النبي‎) genauer definiert; es sind Hadithe, die mit einer ununterbrochenen Kette (Isnad) der Überlieferer auf den Propheten zurückgehen.[2] Es war aber erst Ahmad ibn Hanbal († 855), der eine Verbindung zwischen Sunna des Propheten als Rechtsquelle und dem Korantext herzustellen versucht hat; hierbei griff er auf Sure 33, Vers 21 zurück:

„Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel...“

Übersetzung Rudi Paret

Verwendet man den Begriff Sunna im Sinne von Prophetenhadith, so unterscheidet man in den Hadithwissenschaften zwischen drei Arten der Sunna:

  • as-sunna al-qauliyya: die Aussagen Mohammeds;
  • as-sunna al-fiʿliyya: die Taten Mohammeds;
  • as-sunna at-taqrīriyya: das (bestätigende) Schweigen Mohammeds zu Taten seiner Gefährten ohne ihre Taten zu mißbilligen. [3]

Im islamischen Traditionswesen ist neben der Sunna des Propheten schon recht früh vor allem die Sunna des zweiten Kalifen Umar ibn al-Khattab - sunnatu 'Umar - als zu befolgende Autorität in der Rechtspraxis genannt.[4]

Eine weitere Bedeutung von Sunna ist: „Gebrauch“, „Usus“ im allgemeinen und kann regional unterschiedlich sein. Schon im Muwaṭṭaʾ des Malik ibn Anas ist die „Sunna der Medinenser“ wegweisender Bestandteil der islamischen Jurisprudenz. In allen Zentren der islamischen Welt sprach man schon zu Beginn des 2. muslimischen Jahrhunderts (8. Jahrhundert) von der „sunna bei uns“ (al-sunna ʿindanā) und von der „sunna nach unserer Auffassung“ (al-sunna fī raʾyinā) usw., ohne dabei auf die Sunna des Propheten zurückgegriffen zu haben.[5] Das Antonym zu Sunna ist Bid'a (Ketzerei).

[Bearbeiten] Koran und Sunna

Der Koran ist die erste Quelle des islamischen Rechts, gefolgt von der Sunna des Propheten als höchster persönlicher Instanz in der Gemeinschaft der Muslime (Umma). Seine Autorität – neben der Offenbarung – wird auch im Korantext mehrfach betont:

„Ihr Gläubigen! Gehorchet Gott und Seinem Gesandten und wendet euch nicht von ihm ab, wo ihr doch hört!“

Übersetzung Rudi Paret: Sure 8, Vers 20

Siehe auch Sure 5, Vers 92; Sure 24, Vers 54 und Sure 64, Vers 12.

Derjenige, der die Sunna des Propheten befolgt, ist ṣāḥib al-sunna, der dadurch folglich auch die Eintracht in der Gemeinschaft der Muslime bewahrt; schon im zweiten muslimischen Jahrhundert (8. Jhd. n. Chr.) hat man zahlreiche Vertreter der Hadith-Wissenschaften in diesem Sinne als ṣāḥib as-sunna wal-dschamāʿaصاحب السنة والجماعة‎, DMG ṣāḥibu ʾs-sunna wa-ʾl-ǧamāʿa bezeichnet.[6]

Die islamische Tradition verbindet somit Koran und Sunna zu einem zu befolgenden Maßstab als Garant für die Einheit der Muslime und bringt diesen Gedanken in der Schilderung der letzten Rede Mohammeds während der sog. Abschiedswallfahrt zum Ausdruck:[7]

„Ich habe euch etwas Klares und Deutliches hinterlassen; wenn ihr daran festhaltet, werdet ihr niemals in die Irre gehen: Gottes Buch und die Sunna seines Propheten.“

[Bearbeiten] Literatur

  • M. M. Bravmann: The Spiritual Background of Early Islam. Studies in Ancient Arab Concepts; Leiden: Brill, 1972
  • Yasin Dutton: Sunna, ḥadīth and Madinan ʿamal. In: Journal of Islamic Studies. 4/1993, S. 1-31
  • Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien, Band 2; Hildesheim: Olms, 1961,S. 213-220
  • Avraham Hakim: Conflicting images of Lawgivers: the Caliph and the Prophet Sunnat 'Umar and Sunnat Muhammad. In: Herbert Berg (Hrsg.): Method and Theory in the Study of Islamic Origins; Leiden, Boston: Brill, 2003. S. 159–177
  • G. H. A. Juynboll: Some new ideas on the development of sunna as a technical term in early Islam. In: Jerusalem Studies on Arabic and Islam. 10 (1987), S. 97–118
  • Joseph Schacht: The Origins of Muhammadan Jurisprudence. 4. Auflage. Oxford 1967. S. 44-58; 61-70 und 347-348 (General Index)
  • Encyclopaedia of Islam. New Edition; Leiden: Brill; Band 9, S. 878.

[Bearbeiten] Einzelnachweis

  1. Vgl. Das islamische Religionsgesetz und säkularer Humanismus, in: Religion, Kultur und Politik im Vorderen Orient; Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004; S. 111
  2. Joseph Schacht (1967), S. 77-78
  3. al-Mausūʿa al-fiqhiyya. 2. Auflage. Kuwait 2002. Bd. 25, S. 265-266
  4. Avraham Hakim (2003), S. 160-161 und passim
  5. Joseph Schacht (1967), S. 61ff
  6. M. Muranyi: Fiqh. In: Helmut Gätje: Grundriß der Arabischen Philologie. Bd. II: Literaturwissenschaft. Wiesbaden 1987. S. 300-301
  7. Zu einer Überlieferungsvariante siehe: Yasin Dutton:The Origins of Islamic Law. The Qurʾān, the Muwaṭṭaʾ and Madinan ʿamal. Cruzon Press, Richmond 1999. S. 180. Dazu siehe M. Muranyi in: Die Welt des Islam Bd. 44,1 (2004), S. 133-135, bes. S. 135
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