Eric Gujer

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Eric Gujer (2023)

Eric Gujer (eigentl. Erik Gujer; * 24. Juli 1962 in Zürich; heimatberechtigt in Volketswil) ist ein Schweizer Journalist und Autor. Er ist seit März 2015 Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eric Gujer wurde als Sohn des Schweizer Juristen und Unternehmers Hans-Georg Gujer und seiner deutschstämmigen Frau Johanna in Zürich geboren, wuchs aber in Königstein im Taunus und Baden-Baden auf.[2][3] Sein Vater, der aus Volketswil bei Zürich stammte, war Geschäftsführer einer Accumulatorenfabrik in Rastatt.[4] Nach dem Abitur absolvierte Gujer zwischen 1982 und 1984 ein Praktikum beim Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden sowie ein Volontariat beim Mannheimer Morgen. Anschliessend studierte er Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität zu Köln. 1990 schloss er sein Studium in Köln bei Harm Klueting mit einer Magisterarbeit über die deutschen Akademien der Wissenschaften im 18. Jahrhundert ab.[5][6]

Seine Tätigkeit bei der Neuen Zürcher Zeitung begann Gujer 1986 als Praktikant und freier Mitarbeiter.[1] Seit 1989 arbeitete er als Korrespondent für die NZZ: Von 1989 bis 1992 in (Ost-)Berlin (für die Deutsche Demokratische Republik und seit 1990 für die neuen Bundesländer), von 1992 bis 1995 als Israel-Korrespondent in Jerusalem, von 1995 bis 1998 in Moskau für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und von 1998 bis 2008 als Deutschland-Korrespondent in Berlin.[7][8] Anschliessend wirkte Gujer in der NZZ-Auslandredaktion in Zürich mit den Schwerpunkten Deutschland, Europäische Union, internationale Strategiefragen und Terrorismus, im Juli 2013 wurde er Auslandchef der NZZ.[9] Seit dem 11. März 2015 ist Gujer Chefredaktor der NZZ und verantwortet darüber hinaus zusammen mit dem CEO Felix Graf die Geschäftsführung der NZZ AG.[1][10]

Er erhielt 2022 den Ludwig-Börne-Preis für «deutschsprachige Autoren, die im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage Hervorragendes geleistet haben». Der Preisrichter Leon de Winter lobte ihn als profilierten politischen Publizisten, der gerne auch unpopuläre und unkonventionelle Meinungen vertrete: «Die Freude am kreativen Umgang mit der Sprache und an der journalistischen Zuspitzung ist stets erkennbar, was zur Differenziertheit seiner Analysen beiträgt und zur Debatte einlädt.»[11]

Gujer ist mit der Journalistin, Autorin und NZZ-Redaktorin Claudia Schwartz verheiratet.

Politische Positionierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gujer bezeichnet die NZZ als das Leitmedium in der Schweiz, welches die politischen und gesellschaftlichen Debatten im Land präge.[12] Die NZZ solle einen bürgerlich-liberalen Standpunkt vertreten,[13] der für die Rechte des Individuums einsteht. «Zeitungen, die in ihrer Haltung beliebig sind, haben keine Zukunft», so Gujer bei seinem Amtsantritt.[14] Die NZZ solle Stimmen aus unterschiedlichen politischen Lagern eine Plattform bieten: «Ohne den Meinungsstreit, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, verkümmert die öffentliche Sache.»[15]

Er betrachtet einen zunehmend konfrontativen Ton in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Sorge und fordert, über Gräben hinweg zur Verständigung fähig zu bleiben und «die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken zu weisen».[15] Angesichts des aufgeheizten Meinungsklimas müssten Medien Fakten prüfen und einordnen können, deshalb sei Glaubwürdigkeit so wichtig im Journalismus und für die NZZ das oberste Gut.[16] Dazu gehöre auch die Bereitschaft zur Selbstkritik. Dem Magazin Der Spiegel sagte er, die Medienbranche müsse ehrlicher mit sich werden: «Sind wir wirklich willens, Pro und Kontra zu berücksichtigen? Sind wir bereit, unsere eigene Haltung infrage zu stellen?»[17]

Gujer wurde zugeschrieben, dass sich die NZZ unter seiner Führung als Chefredaktor politisch nach rechts verschoben habe. In seinem Newsletter für Deutschland schrieb Gujer, die AfD sei «ein heilsamer Schock», denn sie bedeute für den Bundestag eine «Revitalisierungskur»[18], und er empfahl, man dürfe sich der Debatte mit ihr nicht verschliessen.[19]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der freisinnige Publizist Ulrich E. Gut sah bei der NZZ eine «Öffnung gegenüber Publizisten der äussersten Rechten»[20], derweil die linke Wochenzeitung schrieb: «Im Zusammenhang mit Aktionen der AfD liefert das Berlinbüro der NZZ gern verharmlosende Interpretationen, die keine deutsche Zeitung drucken würde.»[21] Willi Winkler erklärte in der Süddeutschen Zeitung, Gujer bringe das Kunststück fertig, «als Schweizer so deutschnational zu poltern, wie es in Deutschland selber niemand diesseits der AfD kann». Für Aufsehen[22] sorgte auch, dass diverse AfD-Aushängeschilder die NZZ lobten. Besonders umstritten war ein Tweet von Hans-Georg Maaßen, der die NZZ als Westfernsehen bezeichnete[23], und damit die Alternative zur «gelenkten Information in einer Diktatur» meinte, wobei die Metapher auf den Ringier-Journalisten Frank A. Meyer zurückgeht.[24] Gujer und die NZZ verwahrten sich gegen das Lob von ganz rechts[25]: Gujer bestreitet einen Rechtsruck[26] und spricht von «Profilschärfung»[27] sowie davon, dass der Zuwachs an Digitalabonnements in Deutschland vor allem bürgerlichen Lesern verdankt sei.[28]

Projekte der NZZ[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 2016 führte Gujer den Premium-Newsletter NZZ Global Risk ein. Er soll Schweizer KMU mittels wöchentlichen Risikoanalysen von Auslandkorrespondenten dabei helfen, den Einfluss politischer Entwicklungen auf ihr Unternehmen einzuschätzen. Ergänzt wird das Angebot durch eine jährlich stattfindende Konferenz zu den Chancen und Risiken einer bestimmten Länderregion.[29]

Des Weiteren hat Gujer die Etablierung der NZZ in Deutschland vorangetrieben. Seit April 2017 schreibt er den wöchentlichen Deutschland-Newsletter Der andere Blick, der Teil des im Juli 2017 lancierten NZZ-Angebots für Deutschland, NZZ Perspektive, ist.[30]

Buchautor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gujer ist Buchautor zu nachrichtendienstlichen Themen[31] und zur deutschen Aussenpolitik.[32][33][34] Er ist Mitglied des Gesprächskreises Nachrichtendienste in Deutschland und wurde als Strategieexperte vom Schweizer Nachrichtendienst des Bundes konsultiert.[35]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die deutschen Akademien der Wissenschaften in der nationalen und internationalen Gelehrtenwelt. Zur Bedeutung wissenschaftlicher Verbindungen für die Akademien in Berlin, Mannheim, München, Göttingen und Erfurt im 18. Jahrhundert. (Köln, Univ., Mag.-Arb., 1990).
  • Kampf an neuen Fronten. Wie sich der BND dem Terrorismus stellt. Campus, Frankfurt am Main 2006.
  • Schluss mit der Heuchelei. Deutschland ist eine Großmacht. Hrsg. von Roger de Weck. Ed. Körber-Stiftung, Hamburg 2007.
  • Der andere Blick. Persönlicher wöchentlicher Newsletter mit Fokus Deutschland. NZZ, Zürich 2017.[33]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Eric Gujer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Neue NZZ-Leitung: Eric Gujer wird Chefredaktor. In: Neue Zürcher Zeitung. 11. März 2015, abgerufen am 11. März 2015.
  2. Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Eric Gujer, Chefredakteur NZZ Neue Zürcher Zeitung – Thema: «Mit dem Ukraine Krieg beginnt das 21. Jahrhundert – Was bedeutet das für Deutschland und Europa». In: CEU. Abgerufen am 23. Juni 2022.
  3. Republik: Wie war ich? Abgerufen am 23. Juni 2022.
  4. Vgl. Leitenden Männer der Wirtschaft 1970, Darmstadt 1970, S. 402.
  5. Neue NZZ-Leitung: Eric Gujer wird Chefredaktor. In: Neue Zürcher Zeitung. 11. März 2015, abgerufen am 11. März 2015.
  6. Betreute Dissertationen, Magisterarbeiten etc. - Harm Klueting. Abgerufen am 23. Juni 2022.
  7. Vgl. Swiss Who's Who: A Biographical Reference Publication featuring the Profiles of contemporary leading figures of Switzerland, Ausg. 2017–2018, Geneve 2017, S. 270.
  8. Wolbert K. Smidt et al. (Hrsg.): Geheimhaltung und Transparenz. Demokratische Kontrolle der Geheimdienste im internationalen Vergleich. Lit, Berlin 2007, S. 340 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. ADM: Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Eric Gujer, Chefredakteur NZZ Neue Zürcher Zeitung – Thema: «Mit dem Ukraine Krieg beginnt das 21. Jahrhundert – Was bedeutet das für Deutschland und Europa». In: CEU. Abgerufen am 7. Juli 2022.
  10. NZZ-Mediengruppe: «Der publizistische Aufwand hat zugenommen». Abgerufen am 23. Juli 2019.
  11. Elena Prenaj: Eric Gujer erhält Ludwig-Börne-Preis 2022. In: Unternehmen NZZ. 10. Februar 2022, abgerufen am 25. Januar 2024.
  12. Kurt W. Zimmermann: «Wir sind das Leitmedium». In: Die Weltwoche. 31. Juli 2018, abgerufen am 15. August 2018.
  13. Nordgelüste. In: SZ.de. 26. Juni 2017
  14. Interview von Marc Felix Serrao, Charlotte Theile: «Es gibt in Deutschland eine Lücke». 11. Dezember 2015 (sueddeutsche.de [abgerufen am 11. Juli 2019]).
  15. a b Eric Gujer: Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi». In: Neue Zürcher Zeitung. 19. April 2018, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 15. August 2018]).
  16. Eric Gujer: Wahrheit und andere Lügen. In: Neue Zürcher Zeitung. 12. Dezember 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 15. August 2018]).
  17. Isabell Hülsen: Misstrauen gegen Medien: "… dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe". In: Der Spiegel. 25. Februar 2018 (spiegel.de [abgerufen am 15. August 2018]).
  18. Eric Gujer: «Der andere Blick»: Die AfD ist für den Bundestag ein heilsamer Schock. NZZ, 20. April 2018, abgerufen am 7. Dezember 2020.
  19. Eric Gujer: «Der andere Blick»: Warum die AfD keine bürgerliche Partei ist. In: NZZ. 13. September 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  20. Dietrich Karl Mäurer: Profil geschärft – mit rechten Thesen? (audio datei) Deutschlandfunk.de, 17. Juli 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  21. Daniele Janser: Geschichte der NZZ: Die Geister, die sie riefen. In: Die Wochenzeitung. 18. Juni 2020, abgerufen am 7. November 2022.
  22. Daniela Janser: Die AfD-Gouvernante auf allen Kanälen. In: Die Wochenzeitung. 18. Juli 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  23. Ex-Chef vom Verfassungsschutz: Das steht in dem Artikel, für den Maaßen die NZZ als "Westfernsehen" bezeichnet. Der Stern, 7. Oktober 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  24. Caroline Schmidt: Neue Zürcher Zeitung: Warum das Blatt sich wendet. (In den Artikel eingebetteter Video) In: NDR. 28. Februar 2018, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  25. Hans Brand: Die NZZ umwirbt deutsche Rechtspopulistren. 10. Juli 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  26. Raffael von Matt: Deutschlandstrategie der NZZ: «Von einem Rechtsrutsch ist nichts zu spüren». SRF, 18. Juli 2019, abgerufen am 7. Dezember 2022.
  27. „Neue Zürcher Zeitung“ – Profil geschärft – mit rechten Thesen? Deutschlandfunk, 17. Juli 2019, abgerufen am 23. Juli 2019.
  28. Daniel Ryser: Wie war ich? Republik.ch, 15. April 2020, abgerufen am 16. April 2020.
  29. Das Weltgeschehen in Szenarien. (Memento des Originals vom 22. Dezember 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.organisator.ch In: organisator.ch. 1. Juni 2017.
  30. Vom festen Glauben an eine "Perspektive" auf dem deutschen Markt. In: horizont.net. 25. Juli 2017.
  31. Eric Gujer: Kampf an neuen Fronten. Wie sich der BND dem Terrorismus stellt. (perlentaucher.de [abgerufen am 3. März 2018]).
  32. Deutschland, eine Großmacht? Abgerufen am 3. März 2018.
  33. a b Eric Gujer auf der Website der Neuen Zürcher Zeitung. 31. März 2017
  34. Eric Gujer: «Der andere Blick»: Die deutsche Migrationspolitik ist Augenwischerei | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. 23. Februar 2018, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 3. März 2018]).
  35. Charlotte Theile: NZZ-Chef half Geheimdienst, in: Süddeutsche Zeitung, 9. Mai 2015, S. 46
  36. www.nzz.ch vom 7. Juli 2023