Leonard Nelson

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Leonard Nelson (* 11. Juli 1882 in Berlin; † 29. Oktober 1927 in Göttingen) war ein pädagogisch und politisch engagierter deutscher Philosoph mit Arbeitsschwerpunkten Logik und Ethik.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Leonard Nelsons Vater, Heinrich Nelson (1854–1929), war Rechtsanwalt, seine Mutter Elisabeth, geb. Lejeune-Dirichlet (1860–1920), Malerin. Als Tochter des ostpreußischen Gutsbesitzers und Reichstagsabgeordneten der Fortschrittspartei Walter Dirichlet (1833–1887) und Enkelin des Mathematikers Peter Gustav Lejeune Dirichlet sowie der Rebecka Mendelssohn Bartholdy stammte sie von Moses Mendelssohn ab.

Nelson studierte in Heidelberg, Berlin und Göttingen, wo er 1904 auch promovierte wurde. Seine Habilitation wurde durch Edmund Husserl zunächst behindert, gelang 1909 jedoch mit Unterstützung des Mathematikers David Hilbert. 1919 unterstützte Hilbert auch die Ernennung Nelsons zum außerordentlichen Professor. Ein eigener Lehrstuhl wurde ihm bis zu seinem frühen Tod nicht übertragen.

Nelson war ein eminent politischer Denker. Philosophie und Praxis bildeten für ihn eine Einheit; der Übergang von der gedanklichen Reflexion zur ethischen Lebensführung war vom philosophischen Programm her gefordert. Nelson formulierte das Konzept eines ethisch begründeten Sozialismus, wie es schon im Marburger Neukantianismus vorformuliert worden war. Allerdings geriet er mit dem 1917 von ihm gegründeten Internationalen Jugend-Bund (IJB) in Konflikt zur Parteilinie der SPD. 1925 faßte der Parteivorstand einen Unvereinbarkeitsbeschluß, was im allgemeinen Nelson-Bild bis heute Spuren hinterlassen hat. Nelson gründete nach dem Ausschluß den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), der seit 1933 im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wirkte.

[Bearbeiten] Aktivitäten

Bereits als junger Student gründete Nelson in Berlin und Göttingen mit Freunden einen Neue Fries'sche Schule genannten philosophischen Diskussionskreis zur Pflege und Fortbildung der kritischen Philosophie Immanuel Kants, nachdem er ihre wissenschaftlich Weiterbildung durch den Philosophen Jakob Friedrich Fries (wieder)entdeckt und in ihrer Bedeutung erkannt hatte. Mitglieder dieses Kreises waren u.a. der Mathematiker Gerhard Hessenberg und der Physiologe Karl Kaiser, mit denen Nelson ab 1904 die Neue Folge der Abhandlungen der Fries'schen Schule herausgab, der spätere Nobelpreisträger Otto Meyerhof, der sie nach dem frühen Tod von Nelson mit Franz Oppenheimer und Minna Specht bis 1937 weiterführen konnte, Meyerhofs Freund und Kommilitone, der spätere Psychiater und Psychotherapeut Arthur Kronfeld, der Theologe Rudolf Otto, der spätere Mitarbeiter David Hilberts Paul Bernays, der Mathematiker und Wissenschaftsphilosoph Kurt Grelling sowie Richard Courant, der Physiker Max Born, der Historiker und Soziologe Carl Brinkmann oder der Nationalökonom Alexander Rüstow. Zu Nelsons wichtigsten Schülern gehört der Nationalökonom Hans Peter, der mit einer Dissertation über die Fries'sche Schule promoviert wurde.

1913 überführte Nelson diesen Kreis in eine Jakob-Friedrich-Fries-Gesellschaft, in der er den rührigen Psychiater Arthur Kronfeld zum stellvertretendem Vorsitzenden und Schriftführer bestimmte. Den Ersten Weltkrieg überstand sie nur geschwächt und hielt lediglich 1921 noch einmal eine Tagung zum Thema Relativitätstheorie und Kritische Philosophie ab.

Ende des Ersten Weltkriegs gründete Nelson in Anlehnung an die Platonische Akademie eine Philosophisch-Politische Akademie. Sie wurde die Trägerin des 1924 eröffneten Landerziehungsheims Walkemühle bei Kassel. Weitere Gründungen Nelsons waren die Gesellschaft der Freunde der Philosophisch-Politischen Akademie sowie der Internationale Jugendbund (s.O.). Nelson sah sich als ethischen, antiklerikalen, nichtmarxistischen Sozialisten - darin beeinflusste er vor allem Willi Eichler, einen Hauptverfasser des Godesberger Programms. Auch vertrat er öffentlich eine vegetarische Lebensweise.

[Bearbeiten] Aspekte seiner Philosophie

Im Anschluss an Fries verstand Nelson seine Philosophie als theoretische und praktische Fortführung des an mathematischer Exaktheit und Stringenz orientierten Kritizismus Immanuel Kants. Nelson forderte vom philosophischen Denken rigorose Wissenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit sowie eine konsequente Umsetzung gewonnener Einsichten in die eigene und politische Praxis.

In der Schrift Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie vertrat Nelson die Auffassung, dass eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie nicht möglich sei. Denn es lasse sich die objektive Gültigkeit von Erkenntnis nicht begründen, ohne diese Gültigkeit selbst bereits vorauszusetzen.

In seinem bekanntesten Vortrag, Die sokratische Methode von 1922 (hier in englischer Fassung), empfahl Nelson eine modifizierte sokratische Unterrichtsmethode für den Philosophieunterricht wie auch als Methode zur Wiederbelebung der philosophischen Forschung. Sein Standpunkt wird auch als "neosokratisch" bezeichnet (siehe auch: Mäeutik und Sokratisches Gespräch).

[Bearbeiten] Werke

[Bearbeiten] Gesamtausgabe

  • Gesammelte Schriften in neun Bänden. Herausgegeben von Paul Bernays, Willi Eichler, Arnold Gysin, Gustav Heckmann, Grete Henry-Hermann, Fritz von Hippel, Stephan Körner, Werner Kroebel und Gerhard Weisser. Hamburg: Meiner 1970 – 1977.
    • Band I: Die Schule der kritischen Philosophie und ihre Methode,
    • Band II: Geschichte und Kritik der Erkenntnistheorie,
    • Band III: Die kritische Methode in ihrer Bedeutung für die Wissenschaft,
    • Band IV: Kritik der praktischen Vernunft;
    • Band V: System der philosophischen Ethik und Pädagogik,
    • Band VI: System der philosophischen Rechtslehre und Politik,
    • Band VII: Fortschritte und Rückschritte der Philosophie von Hume und Kant bis Hegel und Fries,
    • Band VIII: Sittlichkeit und Bildung,
    • Band IX: Recht und Staat.

[Bearbeiten] Einzelschriften

  • Die sokratische Methode. Vortrag, gehalten am 11. Dezember 1922 in der Pädagogischen Gesellschaft in Göttingen. In: Abhandlungen der Fries’schen Schule. Neue Folge. Hrsg. v. Otto Meyerhof, Franz Oppenheimer u. Minna Specht. 5. Bd. H. 1 (1929) Verlag „Öffentliches Leben“, Göttingen 1929, S. 21-78.
  • Demokratie und Führerschaft, Berlin: Verlag Öffentliches Leben, 1932.
  • Ausgewählte Schriften. Studienausgabe. Hrsg. u. eingeleit. v. Heinz-Joachim Heydorn, Frankfurt: Europ. Verlagsanstalt 1974.
  • Vom Selbstvertrauen der Vernunft: Schriften zur krit. Philosophie und ihrer Ethik. Hrsg. von Grete Henry-Hermann (Philosophische Bibliothek. Band 288), Hamburg : Meiner, 1975.

[Bearbeiten] Nachlaßpublikation

  • Kritische Naturphilosophie. Mitschriften aus dem Nachlass. Hrsg. v. Herrmann Kay und Jörg Schroth (Beiträge zur Philosophie, Neue Folge 233), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2004.

[Bearbeiten] Literatur

  • Leonard Nelson zum Gedächtnis. Herausgegeben von Minna Specht und Willi Eichler, Frankfurt a.M., Göttingen: Verlag Öffentl. Leben, 1953.
  • Beiträge zur Friedensforschung im Werk Leonard Nelsons, Hamburg: Meiner 1974.
  • Gustav Heckmann: Das sokratische Gespräch. Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Schroedel, Hannover 1981 ISBN 3-507-39014-0.
  • Grete Henry-Hermann: Die Überwindung des Zufalls. Kritische Betrachtungen zu Leonard Nelsons Begründung der Ethik als Wissenschaft. Meiner, Hamburg 1985, ISBN 3-7873-0658-7.
  • Ekkehard Hieronimus: Theodor Lessing - Otto Meyerhof - Leonard Nelson. Bedeutende Juden in Niedersachsen. Nieders. Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1964
  • Rainer Loska: Lehren ohne Belehrung. Leonard Nelsons neosokratische Methode der Gesprächsführung. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1995 ISBN 3-7815-0790-4.
  • Gisela Raupach-Strey: Sokratische Didaktik: die didaktische Bedeutung der Sokratischen Methode in der Tradition von Leonard Nelson und Gustav Heckmann. Münster, Hamburg, London: Lit 2002 ("Sokratisches Philosophieren" Bd. 10) ISBN 3-8258-6322-0.
  • Udo Vorholt: Die politische Theorie Leonard Nelsons. Eine Fallstudie zum Verhältnis von philosophisch-politischer Theorie und konkret-politischer Praxis. Nomos-Verlags-Gesellschaft, Baden-Baden 1998 ISBN 3-7890-5550-6.
  • Jürgen Ziechmann: Theorie und Praxis der Erziehung bei Leonard Nelson und seinem Bund. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1970.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Siehe auch

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen