Paul Bowles

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Paul Frederick Bowles (* 30. Dezember 1910 in Jamaica, Long Island, New York City; † 18. November 1999 in Tanger) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Komponist und Übersetzer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Frederick Bowles wurde als Einzelkind konservativer Eltern geboren, der Vater war Zahnarzt. Früh zeichnete sich seine schriftstellerische und musikalische Gabe ab: Bereits 1929 wurden einige seiner Gedichte in Frankreich veröffentlicht. Daraufhin verließ er die University of Virginia, an der er Musik studierte, um nach Europa zu reisen. Nach seiner Rückkehr widmete er sich erneut dem Studium der Musik.

Im Jahr 1931 reiste Bowles zum ersten Mal nach Tanger und war von der Stadt und ihren Menschen fasziniert. Wieder zurück in den Vereinigten Staaten, verdiente er sein Geld als Komponist für Kammer- und Theatermusik und schrieb Theaterkritiken. 1937 lernte er Jane Auer kennen, eine 20-jährige angehende Schriftstellerin. Im Jahr darauf heirateten die beiden, obwohl Jane zuvor nur lesbische Beziehungen geführt hatte, während Bowles bisexuell orientiert war. Schon bald gingen beide im sexuellen Bereich wieder ihre eigenen Wege, blieben aber freundschaftlich eng verbunden und unterstützten sich gegenseitig in ihrer künstlerischen Arbeit.

Mit dem ersten Roman von Jane Bowles Zwei sehr ernsthafte Damen, den die Kritik äußerst unterschiedlich aufnahm, begann auch seine Karriere. Paul Bowles begann selbst zu schreiben und veröffentlichte ab 1945 Erzählungen. Während Jane an ihrem zweiten Roman arbeitete, ging Bowles 1947 nach Tanger, um dort seinen ersten Roman zu schreiben. Auf dem Weg dorthin entstand die Kurzgeschichte Pages from Cold Point, die die Beat-Bewegung der 1950er- und 1960er-Jahre solchermaßen inspirierte, dass sie Bowles zu einem ihrer Vorbilder erhob.

1948 folgte Jane ihm nach Tanger. Durch weitere Autoren wie Truman Capote, Tennessee Williams, William S. Burroughs, Jack Kerouac wurde diese Stadt zeitweilig zu einem Mekka der Schriftsteller.

Im Jahr 1949 erschien sein erster Roman The Sheltering Sky (dt. Himmel über der Wüste), der ein großer Erfolg wurde. Ausgedehnte Reisen nach Sri Lanka, Indien, Spanien und durch Marokko einschließlich der Sahara folgten, woraus weitere Geschichten und Bücher resultierten. Er arbeitete auch an einer Oper.

Seine Frau erlitt 1957 einen Schlaganfall und wurde alkohol- und tablettenabhängig, litt unter epileptischen Anfällen und zunehmender geistiger Verwirrung. Als sie 1973 in Málaga starb, war Bowles bei ihr. Er, der sich während ihrer Krankheit stets um sie gekümmert hatte, schrieb in dieser Zeit unter anderem die Erzählungen Gesang der Insekten, Mitternachtsmesse, die Romane So mag er fallen, Das Haus der Spinne und seine Autobiografie Without Stopping. An Autobiography („Rastlos. Erinnerungen eines Nomaden“). Er unterstützte marokkanische Autoren, indem er sie – wie zum Beispiel Mohamed Choukri – zum Schreiben ermutigte. Choukris Autobiografie Das nackte Brot übersetzte Bowles ins Englische, so wie Driss ben Hamed Charhadis Ein Leben voller Fallgruben. Im Weiteren übersetzte er die Werke der schweizerischen Abenteurerin und Autorin Isabelle Eberhardt. 1981 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt.[1]

1990 entstand Bernardo Bertoluccis Verfilmung Himmel über der Wüste nach Bowles’ Roman. Der Autor hatte zwei kurze Gastauftritte in dem Film, war aber mit dem Gesamtergebnis nicht zufrieden.

Bowles starb 1999 im italienischen Krankenhaus in Tanger.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bowles hat sich schon in seiner Kindheit mit den versteckten Abgründen der US-amerikanischen Gesellschaft auseinandergesetzt, von denen viele seiner Geschichten und Romane handeln. Die dauerkränkelnde Mutter, mit der ihn eine Hassliebe verband, und sein puritanisch-autoritärer Vater, den er ausnahmslos hasste, drängten ihn zudem früh in eine Traumwelt, in der er seine Phantasien ausleben konnte.

Sein literarisches Werk zeichnet sich vor allem durch eine Offenheit aus, die zu ihrer Zeit wohl einmalig, zumindest aber für die breite Öffentlichkeit schockierend war. Bowles’ Figuren sind oft entwurzelte, im Innersten kranke und sich selbst suchende Gestalten. Als Verfasser von Erzählungen gehört Paul Bowles zu den bedeutendsten Autoren in der US-amerikanischen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben seinen Romanen und Musikkompositionen veröffentlichte Bowles vierzehn Kurzgeschichten-Bände, drei Gedichtbände, zahlreiche Übersetzungen, etliche Reiseberichte und eine Autobiographie.

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1931
  • Sonata for Oboe and Clarinet
1936
  • Horse Eats Hat, Stück
  • Who Fights This Battle, Stück
1937
  • Doctor Faustus, Stück
  • Yankee Clipper, Ballett
1938
  • Too Much Johnson, Stück
  • Huapango – Cafe Sin Nombre – Huapango-El Sol, lateinamerikanischer Folk
1939
  • Denmark Vesy, Oper
  • My Heart’s in the Highlands, Stück
1940
  • Loves Old Sweet Song, Stück
  • Twelfth Night, Stück
1941
  • Liberty Jones, Stück
  • Watch on the Rhine, Stück
  • Love Like Wildfi;re, Stück
  • Pastorela, Ballett
1942
  • In Another Five Years Or So, Oper
1943
  • South Pacific, Stück
  • Sonata for Flute and Piano und Two Mexican Dances
  • ’Tis Pity She’s a Whore, Stück
1944
  • The Glass Menagerie, Stück
  • Jacobowsky and the Colonel, Stück
  • Sentimental Colloquy, Ballett
1945
1946
  • Night Without Sleep, Text von Charles Henri Ford
  • Cyrano de Bergerac, Stück
  • The Dancer, Stück
  • Land’s End, Stück
  • On Whitman Avenue, Stück
  • Twilight Bar, Stück
  • Cabin, Text von Tennessee Williams, Musik von Paul Bowles
  • Concerto for Two Pianos
1947
  • Sonata for Two Pianos
  • Pastorela: First Suite, Ballett/Oper in einem Akt
  • The Glass Menagerie, Text von Tennessee Williams, zwei Lieder von Bowles
1948
  • Concerto for Two Pianos, Winds and Percussion
  • Summer and Smoke, Stück
1949
  • Night Waltz
1953
  • A Picnic Cantata
  • In the Summer House, Stück
1955
  • Yerma, Oper
1958
  • Edwin Booth, Stück
1959
  • Sweet Bird of Youth, Stück
1962
  • The Milk Train Doesn’t Stop Here Anymore, Stück
1966
  • Oedipus (Sophocles), Stück
1967
  • The Garden, Stück
1969
  • The Bacchae (Euripides), Stück
1978
  • Orestes, Stück
  • Caligula (Camus), Stück
1979
  • Blue Mountain ballads, Text von Tennessee Williams, Musik von Bowles.
1984
  • Camp Cataract, Stück
  • A Quarreling Pair, Stück
1992
1993
  • Salome, Stück

Fiktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romane Kurzgeschichten (Sammelbände) Gedichte
  • 1950A Little Stone
  • 1950The Delicate Prey and Other Stories
  • 1959The Hours after Noon
  • 1962A Hundred Camels in the Courtyard
  • 1967The Time of Friendship
  • 1968Pages from Cold Point and Other Stories
  • 1975Three Tales
  • 1977Things Gone & Things Still Here
  • 1979Collected Stories, 1939–1976
  • 1981In the Red Room
  • 1982Points in Time
  • 1985Midnight Mass
  • 1988Unwelcome Words: Seven Stories
  • 1988A Distant Episode
  • 1988Call at Corazon
  • 1989A Thousand Days for Mokhtar
  • 1995The Time of Friendship Paul Bowles & Vittorio Santoro
  • 1933Two Poems
  • 1968Scenes
  • 1981Next to Nothing: Collected Poems, 1926–1977
  • 1997No Eye Looked Out from Any Crevice

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1946No Exit von Jean-Paul Sartre
  • 1952The Lost Trail of the Sahara von Roger Frison-Roche
  • 1964A Life Full Of Holes von Driss ben Hamed Charhadi (Larbi Layachi)
  • 1967Love With A Few Hairs von Mohammed Mrabet
  • 1969The Lemon von Mohammed Mrabet
  • 1969M’Hashish von Mohammed Mrabet
  • 1973For Bread Alone von Mohamed Choukri
  • 1973Jean Genet in Tangier von Mohamed Choukri
  • 1974The Boy Who Set the Fire von Mohammed Mrabet
  • 1975Hadidan Aharam von Mohammed Mrabet
  • 1975The Oblivion Seekers von Isabelle Eberhardt
  • 1976Look & Move On von Mohammed Mrabet
  • 1976Harmless Poisons, Blameless Sins von Mohammed Mrabet
  • 1977The Big Mirror von Mohammed Mrabet
  • 1979Tennessee Williams in Tangier von Mohamed Choukri
  • 1979Five Eyes von Abdeslam Boulaich, Sheheriar and Sheherazade von Mohamed Choukri, The Half Brothers von Larbi Layachi, The Lute von Mohammed Mrabet, und The Night Before Thinking von Ahmed Yacoubi
  • 1980The Beach Café & The Voice von Mohammed Mrabet
  • 1982The Path Doubles Back von Rodrigo Rey Rosa
  • 1983The Chest von Mohammed Mrabet
  • 1983 – Allal von Pociao
  • 1984The River Bed von Rodrigo Rey Rosa (Kurzgeschichte)
  • 1985She Woke Me Up So I Killed Her (Kurzgeschichten von 16 Autoren in verschiedenen Sprachen)
  • 1986Marriage With Papers von Mohammed Mrabet
  • 1986Paul Bowles: Translations from the Moghrebi von mehreren Autoren
  • 1988 – The Beggar’s Knife von Rodrigo Rey Rosa
  • 1989Dust on Her Tongue von Rodrigo Rey Rosa
  • 1990The Storyteller and the Fisherman, CD von Mohammed Mrabet
  • 1991The Pelcari Project von Rodrigo Rey Rosa
  • 1991Tanger: Vues Choisies von Jellel Gasteli
  • 1992Chocolate Creams and Dollars von mehreren Autoren
  • 2004Collected Stories von Mohammed Mrabet
  • 2022The Garden / Der Garten (1967), Paul Bowles’ einziges Bühnenstück, übersetzt und herausgegeben von Florian Vetsch; grafisch konzipiert und gestaltet von Dario Benassa. Zürich 2022
    [2]

Reiseberichte, Autobiographie und Briefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1957Yallah, Text von Paul Bowles, Fotos von Peter W. Haeberlin (Reisebericht)
  • 1963Their Heads are Green and Their Hands Are Blue (Reisebericht)
  • 1972Without stopping (Autobiographie)
  • 1990Two Years Beside The Strait (Autobiographie)
  • 1991Days: Tangier Journal (Autobiographie)
  • 199317, Quai Voltaire (Autobiographie von Paris, 1931, 1932)
  • 1994Photographs – “How Could I Send a Picture into the Desert?” (Paul Bowles & Simon Bischoff)
  • 1995In Touch – The Letters of Paul Bowles (herausgegeben von Jeffrey Miller)

Editionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Musikethnologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Music of Morocco from the Library of Congress. Recorded by Paul Bowles in 1959. Dust to Digital, 2016. 4 CD.

Auftritte in Filmen und Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Briatte: Paul Bowles 2117 Tanger Socco. Editions Plon, Paris 1989.
  • Robert Briatte: Paul Bowles : Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1991. ISBN 3-499-12911-6
  • Gena Dagel Caponi: Paul Bowles: Romantic Savage. Southern Illinois University, Carbondale 1994.
  • Millicent Dillon: You Are Not I: A Portrait of Paul Bowles. University of California Press, Berkeley 1998.
  • Michelle Green: The Dream at the End of the World: Paul Bowles and the Literary Renegades in Tangier. HarperCollins, New York 1991.
  • Allen Hibbard: Paul Bowles: A Study of the Short Fiction. Twayne, New York 1993. ISBN 0-8057-8318-0
  • Richard F. Patteson: A World Outside: The Fiction of Paul Bowles. University of Texas Press, Austin 1987.
  • Jens Rosteck: Jane und Paul Bowles: Leben ohne anzuhalten. Goldmann, München 2005.
  • Christopher Sawyer-Lauçanno: An Invisible Spectator: A Biography of Paul Bowles. Grove Press, New York 1989.
  • Virginia Spencer Carr: Paul Bowles: A Life. Scribner, New York 2004. ISBN 0-684-19657-3
  • Lawrence D. Stewart: Paul Bowles: The Illumination of North Africa. Southern Illinois University Press, Carbondale 1974.
  • Elke Stracke-Elbina: Die Short Stories von Paul Bowles, 1939–1990. Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich und New York 1995. ISBN 3-487-09991-8 (= Anglistische und amerikanistische Texte und Studien 8)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Members: Paul Bowles. American Academy of Arts and Letters, abgerufen am 17. Februar 2019.
  2. Existentialismus pur: Paul Bowles’ einziges Theaterstück Franziska Hirsbrunner, SRF Sendung vom 24. März 2022; abgerufen am 15. November 2023