68er-Bewegung

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Unter dem Schlagwort 68er-Bewegung werden verschiedene, meist linksgerichtete Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen zusammengefasst, die mehr oder weniger zeitlich parallel seit Mitte[1] der 1960er-Jahre stattgefunden haben. Der Name bezieht sich auf das Jahr 1968, in dem einige der von diesen Bewegungen thematisierten Konflikte eskalierten, insbesondere in den USA in den Antikriegsdemonstrationen und den Folgen der Ermordung Martin Luther Kings, in Europa in diversen außerordentlichen zivilen Auseinandersetzungen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch in Deutschland bezeichnet man hiermit häufig vereinfachend die deutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] 68er-Generation

Die 68er-Bewegung hat der 68er-Generation ihren Namen gegeben, für die die späten 1960er-Jahre eine prägende Phase darstellt. Angehörige der Generation, im Besonderen aktive Teilnehmer der Bewegungen, werden 68er beziehungsweise Alt-68er genannt. Es werden aber auch allgemein die Geburtsjahrgänge 1940 bis 1950 als 68er-Generation bezeichnet; da diese im Jahr 1968 18-28jährigen auch ungefähr die Hauptträger der Bewegung waren und stark von ihr beeinflusst wurden. Seit dem Jahr 2005 beginnt diese Generation das reguläre Renteneintrittsalter zu erreichen.[2] Aus der Alltagswahrnehmung heraus wird 1968 oft vereinfacht als Generationenkonflikt betrachtet. Diese Sichtweise lässt aber die unterschiedlichen weltweiten Schauplätze und die gleichzeitige Teilnahme verschiedener Generationen außer acht.[3]

[Bearbeiten] Die 1960er-Jahre als zeitlicher Wendepunkt

Klaus Wagenbach beschreibt die besondere Situation in der westdeutschen Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren und damit die Ursachen der 68er-Bewegung in Deutschland so:
1954, als sie in Bern Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der Deutschlandhymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das Gebrüll des „Dritten Reichs“ konnten Sie in den Wochenschauen hören, und im Rundfunk wurde noch immer gebellt. Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel. Das waren die "Schwabinger Krawalle“. Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion "Saubere Leinwand“ aktiv.[1].

Einen weiteren Erklärungsversuch, warum innerhalb eines kurzen Zeitraums Ende der 1960er, Anfang der 1970er-Jahre so viele und verschiedene Prozesse abliefen, bietet Marcel van der Linden: Einerseits nennt er drei strukturelle Faktoren. Diese sind das global gesehen zwar ungleiche, aber starke Wirtschaftswachstum seit dem Zweiten Weltkrieg, das gegen Ende der 1960er zu stocken begann; die weltweit zunehmend stärkere Bildungsbeteiligung, insbesondere an der Hochschulbildung; die Dekolonisierung, die seit dem Zweiten Weltkrieg und besonders Anfang der 1960er stattfand. Daneben nennt er mehrere Ereignisse, die als Inspirationsquelle zu zeigen schienen, dass ganz andere Arten der Politik möglich waren: die kubanische Revolution, die chinesische Große Proletarische Kulturrevolution (die oft gemäß der offiziellen Rhetorik als anti-bürokratischer Kampf gegen die nach-revolutionäre Erstarrung wahrgenommen wurde), der Prager Frühling und die Tet-Offensive im Vietnam-Krieg. Als letzten Faktor nennt van der Linden wechselseitige Lernprozesse und internationale Kontakte, einerseits zwischen Arbeitergruppen, die einhergehend mit dem Aufstieg multinationaler Unternehmen internationale Interessensvertretung zu organisieren suchten, und andererseits zwischen radikalen Studenten.[4]

Die einzelnen Bewegungen unterschieden sich teilweise deutlich voneinander. Häufige Themen waren u. a. der Protest gegen den laufenden Vietnamkrieg (Friedensbewegung), der Kampf gegen Autorität (insbesondere in Bildung und Erziehung, Jugendbewegung) und für die Gleichstellung von Minderheiten sowie der Einsatz für mehr sexuelle Freiheiten (Frauenbewegung, Sexuelle Revolution, Schwulenbewegung, Flowerpower- und Hippie-Bewegung, Ostermarsch- und Friedensbewegung).

Die verschiedenen Bewegungen waren weltweit verbreitet. Nicht nur in Westeuropa und den USA, auch im sowjetischen Machtbereich fanden tief greifende gesellschaftliche Veränderungen statt – wenn auch unter sehr verschiedenen Vorzeichen: Prager Frühling, Aufstand in Ungarn, Reformprogramm im Gomulka-Polen, Aufschwung in Jugoslawien und kurzzeitige Entstalinisierung in Rumänien Mitte der 60er Jahre. Daneben gab es auch Bewegungen in Mexiko, Senegal und Japan.

[Bearbeiten] Beispiele von 68er-Bewegungen

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum-Verlag, Wien 2008, ISBN 978385476-257-7
  • Ingrid Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA, C. H. Beck, München ³2001, ISBN 3-406-47983-9
  • Rudolf Sievers: 1968. Eine Enzyklopädie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-12241-X
  • Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution. 1967–1977. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001, ISBN 3-462-02985-1
  • Norbert Kozicki: Aufbruch im Revier. 1968 und die Folgen. Klartext-Verlag, Essen 1993, ISBN 3-88474-063-6
  • Martin Klimke / Joachim Scharloth (Hgg.): 1968. Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung, Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 3-476-02066-5
  • Boris Spernol: Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit. Klartext-Verlag, ISBN 978-3-89861-962-2
  • Karl Stankiewitz: München ’68. Traumstadt in Bewegung. Volk Verlag, München 2008, ISBN 978-3-937200-46-0 (Verlagsseite)
  • Norbert Frei: 1968, Jugendrevolte und globaler Protest, dtv, München 2008
  • Stefan Wolle: Der Traum von der Revolte, Ch. Links, Berlin 2008
  • Stefan Bollinger: 1968 – Die unverstandene Weichenstellung, rls-Texte Bd. 44, Dietz, Berlin 2008

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Quellen

  1. a b Süddeutsche Zeitung, 29. Mai 2009: "Kann ich mal bei dir pennen?“ Im Gespräch: Klaus Wagenbach
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Die 68er gehen in Rente.
  3. Jens Kastner, David Mayer: Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Zur Einführung. In: Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum-Verlag, Wien 2008, ISBN 978385476-257-7, S. 11 f.
  4. Marcel van der Linden: 1968: Das Rätsel der Gleichzeitigkeit. In: Jens Kastner, David Mayer (Hrsg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Mandelbaum-Verlag, Wien 2008, ISBN 978385476-257-7, S. 23-37.
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