Carl Severing

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Severing 1928

Carl Wilhelm Severing (* 1. Juni 1875 in Herford, † 23. Juli 1952 in Bielefeld) war ein sozialdemokratischer Politiker. Er war dabei eher auf dem rechten Flügel der Partei angesiedelt. Er war über Jahrzehnte die Führungsfigur der SPD im Bezirk Ostwestfalen und Lippe. Severing war Parlamentarier während des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und in Nordrhein-Westfalen. Eine überregional bedeutende Rolle spielte er 1919/20 als Reichs- und Staatskommissar im Ruhrgebiet. Von 1920 bis 1926 prägte er als Innenminister durch seine Demokratisierungspolitik von Verwaltung und Polizei die Politik des Freistaates Preußens entscheidend mit. Im Kabinett von Hermann Müller war Severing von 1928 bis 1930 Reichsinnenminister. In der Endphase der Republik war er von 1930 bis 1932 noch einmal preußischer Innenminister. Während der Zeit des Nationalsozialismus lebte er als Pensionär in Bielefeld. Nach Kriegsende war Severing erneut politisch aktiv. Er war unter anderem Vorsitzender der SPD in Ostwestfalen-Lippe und Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben und Wirken in der Zeit des Kaiserreichs

[Bearbeiten] Herkunft und erste politische Erfahrungen

Blick auf Bielefeld um 1895

Severing stammte aus einer typischen Arbeiterfamilie aus Herford, die in beengten Verhältnissen lebte. Sein Vater Bernhard war Zigarrensortierer, seine Mutter Johanna war Näherin. Die Familie war protestantisch. Die Familie geriet zusätzlich in Not, als der Vater psychisch erkrankte. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Severing eine Schlosserlehre in, die er 1892 abschloss.

Zwar war Politik in der Familie kein Thema, aber Carl zeigte bereits früh Interesse an der Arbeiterbewegung. Unmittelbar nach seiner Gesellenprüfung schloss er sich dem freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) an. Innerhalb der Organisation übernahm er bald erste Positionen. So war er Schriftführer und wurde 1893 bereits als Vertreter des DMV ins örtliche Gewerkschaftskartell gewählt. Im gleichen Jahr trat Severing für die Gründung eines sozialdemokratischen Lokalvereins in Herford ein. Diese Gründung war allerdings nicht von langer Dauer und Severing sah sich gezwungen, 1894 zusammen mit einigen anderen einen Neuanfang zu wagen. Bereits zu dieser Zeit war Severing Korrespondent und Ansprechpartner der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht aus dem benachbarten Bielefeld. Dabei lernte er mit Carl Hoffmann und Carl Schreck die damals führenden Sozialdemokraten Bielefelds kennen, mit denen ihn später ein besonderes Vertrauens- und Arbeitsverhältnis verband.

Als Gründe für seinen Engagement in der Arbeiterbewegung gab er später an: „Die Beweggründe, die mich zum Anschluss an die Gewerkschaft, zum Eintritt in die sozialdemokratische Partei bestimmt haben (...) waren mehr vom Gefühl, vom Willen zur Freiheit und zum wirtschaftlichen Aufstieg als von wissenschaftlicher Erkenntnis eingegeben.“[1]

Im Jahr 1894 verließ Severing Herford und zog nach Bielefeld. Dort gab er seine Beschäftigung im Handwerk auf und wechselte in die Industrie. Diese Stadt war damals das wirtschaftliche Zentrum der Region. Zu Beginn der Industriellen Revolution dominierte dort die Textilindustrie. Spätestens während der Hochindustrialisierung hatte aber die metallverarbeitende Industrie die führende Rolle in der Stadt übernommen. Zu diesen gehörten auch die Dürkopp-Werke, bei denen Severing anfing. Auch in Bielefeld engagierte er sich in Partei und Gewerkschaft. Im Jahr 1896 spielte er eine führende Rolle bei einem gescheiterten Streik beziehungsweise einer Aussperrung bei Dürkopp. Die Folge war, dass Severing seinen Arbeitsplatz verlor.

Deutsche Sozialdemokraten in der Schweiz (Severing befindet sich in der hinteren Reihe, der zweite neben dem Schild)

[Bearbeiten] Die Jahre in der Schweiz

Nach dem Arbeitsplatzverlust wanderte Severing südwärts und kam 1895 nach verschiedenen Stationen nach Zürich in der Schweiz. Die Schweiz hatte nicht nur eine lange Tradition als Zufluchtsstätte von Emigranten aus ganz Europa, sondern zog zunehmend Arbeitskräfte aus den umliegenden Ländern an. Dort arbeitete er als Facharbeiter in einer Metallwarenfabrik und engagierte sich für den Schweizerischen Metallarbeiterverband, der für zugewanderte deutsche Arbeitskräfte eigenständige Teilorganisationen besaß. Ebenso fand er Anschluss an den „Ortsausschuss deutscher Sozialdemokraten“ und im deutschen Arbeiterbildungsverein „Eintracht.“ In den verschiedenen Vereinen stieg Severing in kurzer Zeit zur führenden Persönlichkeit auf. In den Schweizer Jahren wurden Severing politische Ansichten deutlich radikaler als zuvor. In seinen Reden sprach er nun häufig von der Weltrevolution und nicht mehr nur von der Verbesserung der politischen und sozialen Lage der Arbeiter. Aus der Ferne beobachtete er kritisch, dass sich in Ostwestfalen ein extrem pragmatischer Kurs in der SPD durchsetzte und man sogar überlegte an den wegen des Dreiklassenwahlrechts verpönten preußischen Landtagswahlen teilzunehmen. Im Jahr 1898 verließ er die Schweiz wieder und kehrte nach Bielefeld zurück.

[Bearbeiten] Aufstieg in der Bielefelder Arbeiterbewegung

Nach der Rückkehr aus der Schweiz heiratete Severing eine entfernte Verwandte (Emma Wilhelmine Twelker), die von ihm ein Kind erwartete. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Das Verhältnis der Ehepartner zueinander entsprach den damaligen eher kleinbürgerlichen, patriarchalischen Verhaltensweisen. Die Frau blieb als Hausfrau ganz auf die Familie verwiesen. Sein traditionelles Rollenbewusstsein von Mann und Frau äußerte sich daran, dass er seiner Tochter später zwar die Aufnahme eines Medizinstudiums erlaubte, aber meinte diese würde ohnehin nach ein paar Semestern aufgeben und heiraten.[2]

Maifeier 1905 in Bielefeld

Unmittelbar nach der Rückkehr engagierte er sich wieder in der regionalen Arbeiterbewegung. Allerdings stand er mit seinen damals radikalen Ansichten weitgehend alleine da. So gelang es ihm nicht, den Bezirk Ostwestfalen zu einer Verurteilung der Revisionisten um Eduard Bernstein zu bewegen.

Auf Grund des mangelnden Rückhalts in der Partei verlagerte sich der Schwerpunkt von Severings Tätigkeit auf die Gewerkschaftsarbeit. In diesem Bereich stieg er rasch auf und wurde 1901 Geschäftsführer des Ortsverbandes des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Zu diesem Zeitpunkt hatte die örtliche Gewerkschaft lediglich etwa 1300 Mitglieder, dies entsprach einem Organisationsgrad von etwa 30%. In seiner Amtszeit nahm die Mitgliederzahl um das sechsfache zu, dies war deutlich höher als der Anstieg auf Reichsebene. Bereits 1906 lag der Organisationsgrad bei 75%. Zu seinem Erfolg trug die Einführung eines Vertrauensmännersystems bei. Dies garantierte die Nähe zu den Sorgen und Nöten der Mitglieder. Seine Basisnähe war ein Grund für die Beliebtheit Severings unter den Bielefelder Arbeitern.

Von seiner Basis in der Metallarbeiterbewegung dehnte Severing seinen Einflussbereich gegen heftigen Widerstand anderer Verbände auf die gesamte Gewerkschaftsorganisation in Bielefeld aus. Spätestens im Jahr 1906 war er die zentrale Person in der Arbeiterbewegung der Stadt. In den Jahren 1906 und 1910 erreichte Severing ohne Streik Erfolge für die Arbeiter. Erst 1911 kam es zu einer größeren Arbeitsniederlegung, die ebenfalls erfolgreich verlief. Im Jahr 1912 gab er seinen Posten im DMV auf.

In den Jahren vorwiegend gewerkschaftlicher Tätigkeit wandelten sich Severings politische Auffassung deutlich weg von linken Utopien hin zu einem nicht selten als rechts bezeichneten Pragmatismus. Sein Ziel war nicht mehr die „Diktatur des Proletariats“, sondern die Integration der Arbeiter in die Gesellschaft. Insofern näherte er sich den einst bekämpften revisionistischen Positionen an.

Severing war hinsichtlich des Umgangs mit der Kultur durchaus typisch für die Arbeiterbewegung des Kaiserreichs. Einerseits wurde die bürgerliche Kultur kritisiert, andererseits orientierte man sich letztlich doch an ihr. Severing selber hat Zeit seines Lebens Gedichte verfasst. Sie wurden in der Volkswacht und nach dem zweiten Weltkrieg in der „Freien Presse“ abgedruckt.

Aber Kultur war für die Arbeiterbewegung mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Eine zentrale Aufgabe war es, die zahlreichen neuen Gewerkschaftsmitglieder dauerhaft an die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zu binden. Ein wichtiger Aspekt dabei war der Aufbau von zahlreichen Nebenorganisationen zur Freizeitgestaltung und der Kulturarbeit. Es entstand ein sozialdemokratisches Milieu, dass seinen Mitglieder von der „Wiege bis zur Bahre“ eine emotionale Heimat bot. Bereits im Jahr 1892 war in diesem Zusammenhang ein Konsumverein entstanden.

Im Jahr 1905 bildeten Männer und Frauen aus dem gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Umfeld unter seiner Federführung die Theaterbesuchergemeinschaft „Freie Volksbühne Bielefeld“ als zweite Organisation ihrer Art in Deutschland. Durch ihre Mitgliedschaft erwarben die Arbeiter ein Abonnement, das ihnen ermöglichte, kostengünstig Theater- oder Konzertaufführungen zu besuchen. Dieser Organisation blieb Severing verbunden und gehörte 1947 als ein „Mann der ersten Stunde“ zu den Wiederbegründern der Volksbühne (nach dem Verbot von 1933 bis 1945).[3]

[Bearbeiten] Partei und Parlamentarische Tätigkeit während des Kaiserreichs

Severings Einfluss auf die Bielefelder Arbeiterbewegung beruhte während des Kaiserreichs vor allem auf seinem gewerkschaftlichem Erfolg. Durch die „Vergewerkschaftung der Partei“ (Karl Ditt)[4] war sein indirekter Einfluss über enge Mitarbeiter auf die Partei groß genug, dass er selbst auf leitende Positionen in ihr verzichten konnte.

karikierende Postkarte der bürgerlichen Parteien zur Wahl von Severing in den Reichstag

Wichtiger war ihm die allgemeine parlamentarische Mitsprachemöglichkeit. Das erste Mal zum Reichstag kandidierte er bereits 1903 noch an aussichtsloser Stelle, auch wenn es zu einer starken Steigerung sozialdemokratischer Stimmen gekommen war. Severing war von 1905 bis 1924 Stadtverordneter in Bielefeld. Die dritte Abteilung der Stadtverordnetenversammlung wurde seither eindeutig von den Sozialdemokraten beherrscht. Innerhalb der Fraktion übernahm Severing rasch immer deutlicher Führungsfunktionen.

Bei der Reichstagswahl 1907 wurde er im Wahlkreis Minden 3, wenn auch knapp nach einer Stichwahl, erstmals in den Reichstag des Kaiserreiches gewählt. Dies ist umso bemerkenswerter, weil die SPD reichsweit bei diesen sogenannten „Hottentottenwahlen,“ als angebliche Reichsfeinde gebrandmarkt, erheblich verloren hatte.

Mit diesem Sieg stieg nicht nur das Ansehen der Bielefelder Sozialdemokraten in der Gesamtpartei bedeutend, sondern Severing rückte auch innerhalb der Gesamtpartei in den engeren Kreis der Entscheidungsträger auf. Innerhalb der Reichstagsfraktion war er allerdings der jüngste Abgeordnete. Angesichts seiner gewerkschaftlichen Vergangenheit und mittlerweile reformistischen Grundeinstellung schloss er sich einem Kreis von Parlamentarieren an, die ebenfalls aus der Gewerkschaftsbewegung kamen. Dazu gehörten etwa Carl Legien oder Otto Hue, später stand er auch in Kontakt mit Sozialdemokraten, die über einen bürgerlichen Hintergrund verfügten, wie Eduard David, Wolfgang Heine und insbesondere Ludwig Frank. Innerhalb der Fraktion entwickelte sich Severing zu einem gefragten Debattenredner im Plenum und einem sachkundigen Mitglied in zahlreichen Ausschüssen. Dabei lag ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf der Sozialpolitik. In diese Zeit fällt auch der Beginn regelmäßiger Veröffentlichungen in dem Theorieorgan der Revisionisten, den Sozialistischen Monatsheften. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Severing, als er 1910 Unregelmäßigkeiten auf den kaiserlichen Werften in Kiel und Danzig in einer Reichstagsrede publik machte und einen gegenteiligen Bericht einer Marinezeitung als erlogen bezeichnete. Nach tumultartigen Szenen reagierte er auf einen Ordnungsruf des Reichstagspräsidenten: „Herr Präsident, ich meine, eine Ratte ist eine Ratte, und ein Lügner ist ein Lügner.“[5]

Der Wahlkampf von 1912 wurde der bislang schärfste und polemischste im Wahlkreis Bielefeld-Wiedenbrück und wurden von allen Seite als eine Prestigeangelegenheit betrachtet. Der Gegenkandidat von Severing war Arthur von Posadowsky-Wehner. Dieser Konservative hatte bis 1907 weitgehend die Innen- und Sozialpolitik des Reiches bestimmt und war gemeinsamer Kandidat von Zentrum, Nationalliberalen und Konservativen. Während beide Kandidaten beim ersten Wahlgang noch gleichauf lagen, gewann in der Stichwahl Posadowsky, da die Basis der Linksliberalen Fortschrittspartei entgegen dem Votum ihrer Parteiführung nicht für Severing stimmte.

Das Verlust des Reichstagsmandats bedeutete nicht, das Severing seinen Einfluss in der Partei verlor. Vielmehr blieb er einer der einflussreichsten „Provinzfürsten“ und spielte eine wichtige Rolle im sogenannten „Parteiausschuss“, einem Gremium das neben Vorstand und Reichstagsfraktion den Einfluss der Bezirke auf die Gesamtpartei vertreten sollte.

Ebenfalls im Jahr 1912 gab Severing seine Position beim DMV auf. Er war hinter den Kulissen zwar immer noch der starke Mann der Bielefelder Gewerkschaftsbewegung, suchte aber neue Aufgaben jenseits der gewerkschaftlichen Kleinarbeit. Von 1912 bis 1919 war er Redakteur und faktischer Leiter der sozialdemokratischen Volkswacht in Bielefeld.

[Bearbeiten] Erster Weltkrieg

[Bearbeiten] Kriegsbefürworter

Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges fand auch in Bielefeld eine große Antikriegsdemonstration statt. Bereits dort sprach Severing sich schon vorsichtig für die sozialdemokratische Unterstützung eines als Verteidigungskrieges gedachten Konfliktes aus. Am 1. August 1914 wurde er deutlicher: „Sind aber die Würfel gefallen, dann gibt es auch für die Sozialdemokratie nur ein Ziel: das deutsche Volk mit allen Mitteln gegen machthungrige Ansprüche des ‚Friedenszaren’ zu schützen.“ Und nach Kriegsbeginn am 4. August schrieb er „Inter arma silent leges! (…) Der Krieg ist da und wir haben uns zu wehren.“[6] Zur Legitimation der Bewilligung der Kriegskredite griff Severing auf Äußerungen von Ferdinand Lassalle und August Bebel zurück. Inwieweit er wie Ludwig Frank in der Kriegspolitik ein Mittel sah, um die Integration der Arbeiter in die Gesellschaft zu fördern ist nicht klar.[7]

Auf der Linie der Kriegsbefürworter blieb er auch in den folgenden Jahren und griff den Kriegsgegner Karl Liebknecht 1916 mit teils falschen polemischen Anschuldigungen an. Im Parteiausschuss ging Severing 1915 sogar soweit zu fordern Hugo Haase das Recht abzusprechen, seine kritische Haltung zu äußern.[8]

Severing gelang es gestützt auf die regionale sozialdemokratische Presse die SPD Bielefeld-Wiedenbrück auf den Kurs der Parteimehrheit um Friedrich Ebert einzuschwören. Als im Januar 1917 die Trennung der Parteimehrheit von den Kritikern bevorstand, war Severing einer der entschiedensten Verfechter eines klaren Schnitts „Alle diese gutgemeinten Reden seit zwei Jahren ändern nichts an der Tatsache, dass wir uns auflösen, wenn wir heute nicht die letzten Reste zusammenhalten.“[9]

Während in anderen Teilen Rheinland und Westfalens die neue USPD eine bedeutende und teils dominierende Rolle spielte, konnte sie in Ostwestfalen kaum Fuß fassen.[10]

[Bearbeiten] Burgfriedenspolitik

Die Burgfriedenspolitik der Bielefelder SPD führte dazu, dass die Anhänger der Partei zu einem anerkannten Bestandteil der Kommunalpolitik wurden. Severing selbst wurde etwa Deputierter der Schulkommission. Wichtiger noch war, dass Severing in einem informellen Gesprächskreis Bielefelder Honoratioren um Albert Bozi aufgenommen wurde, in denen im Vorfeld wichtige Probleme abgesprochen wurden, aber auch Konzepte für die Nachkriegszeit entwickelt wurden. So gab Bozi zusammen mit dem sozialdemokratischen Anwalt Hugo Heinemann ein Werk mit dem Titel: „Recht, Verwaltung und Politik im neuen Deutschland“ heraus, in dem auch Beiträge von Severing erschienen. Aus dem Kreis ging während der Revolution von 1918 ein „sozialpolitischer Arbeitskreis“ von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hervor. Diesem Gremium ging es darum, Konflikte ohne Streiks möglichst im Vorfeld zu verhindern. Der Versuch Severings, die Gremien auf andere Städte zu übertragen, hatte allerdings keinen Erfolg.

Severing ist während des Krieges zu einem gleichberechtigten Teil des bislang ausschließlich bürgerlichen Bielefelder Establishments geworden. Gemeinsam mit Bürgerlichen rief er noch 1917 zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf.[11]

[Bearbeiten] Wahlrechtskampagne, Friedensresolution und Kriegsende

Während für Severing auf kommunaler Ebene die Burgfriedenspolitik bei allen Problemen doch insgesamt erfolgreich war, brachte diese auf Reichsebene nur langsam Veränderungen zu Gunsten der Arbeiter mit sich. Dies gilt etwa für die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen. Nach der Osterbotschaft Wilhelm II. vom April 1917 brachte die SPD-Fraktion in der Bielefelder Stadtverordnetenversammlung eine Resolution durch, die für Veränderungen eintrat. Daneben wurden die Arbeiter zu einer Massenversammlung aufgerufen, auf der Severing sprach.[12]

Trotz grundsätzlicher Zustimmung zum Burgfrieden kritisierten Severing und andere Bielefelder Sozialdemokraten auf großen Volksversammlungen immer wieder Kriegsgewinnler, Schieber und die Unfähigkeit der Behörden bei der Bekämpfung der immer spürbarer werdenden Not der Bevölkerung. Den Eingriff der Regierung in den freien Markt sah Severing als „Kriegssozialismus“ an. Er forderte auf diesem Weg weiter zu gehen. „Nicht weniger, sondern mehr Sozialismus muss die Parole der Zukunft sein.“[13]

Obwohl er noch kurz zuvor zur Zeichnung von Kriegsanleihen aufgerufen hatte, begrüßte Severing die Friedensresolution von 1917 auch als einen Schritt hin zu einem demokratischen System und der Zusammenarbeit mit anderen Parteien. Er bilanzierte auf einer außerordentlichen Bezirkskonferenz der SPD: „Wir kamen aus dem Turm heraus, das war die große Bedeutung des Tages.“[14]

Als im Gegensatz zu dem in der Friedensresolution geforderten Verständigungsfriedens in Brest-Litowsk ein harter Diktatfrieden mit dem neuen bolschewistischen Russland abgeschlossen worden war, organisierte Severing in Bielefeld große Demonstrationen. Wie im Reich kam es auch in Bielefeld im Januar 1918 zu politisch motivierten Streiks. Auch hier stellte sich die SPD an die Spitze der Bewegung um diese in gemäßigte Bahnen zu lenken. Nach nur zwei Tagen waren die Arbeitsniederlegungen beendet und Friedrich Ebert bezeichnete das Vorgehen von Severing als Vorbild für das gesamte Reich.[15]

In den letzten Tagen und Wochen vor der Revolution verhielt sich Severing sehr widersprüchlich. Am 17. Oktober rief er noch einmal öffentlich zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf, am 27. Oktober sprach er allerdings ganz anders. „Man hat meine opportunistische Politik oft als ‚Bremsen‘ bezeichnet, aber ich hielte diese Politik für durchaus vereinbar, wenn ich mich allem widersetzte, was eine ungesetzliche Macht eine unverantwortlichen Militärkamarilla anordnen würde. Ich würde mich an die Spitze einer Bewegung stellen, die die offene Empörung gegen einen Krieg der Militärs organisierte. ‚Biegen oder Brechen,‘ hieße dann die Parole.“[16] Die Rede stand im Zusammenhang mit der Umorientierung der Politik der Sozialdemokratie, die einige Tage später den Rücktritt des Kaisers forderte.

[Bearbeiten] Novemberrevolution

Nicht zuletzt durch die enge Einbindung der SPD in die Kommunalpolitik vollzog sich die Novemberrevolution völlig reibungslos und Bielefeld galt in dieser Zeit als die ruhigste Industriestadt in Deutschland. Als Severing am 8. November von der beginnenden Revolution erfuhr, war er entschlossen, dass Heft des Handelns in der Hand zu behalten. In Bielefeld entstand bezeichnenderweise kein Arbeiter- und Soldatenrat sondern ein Volks- und Soldatenrat. Auch wenn dahinter die SPD und die Gewerkschaften standen, machte dies die Öffnung gegenüber anderen sozialen Gruppen deutlich. Als am selben Tag bewaffnete auswärtige Matrosen gewaltsam versuchten das Gefängnis zu stürmen, gelang es Severing die Menge zu beruhigen. Einen Tag später kam es zu Verhandlungen mit den Behörden. Das von Severing konzipierte Programm des Volks- und Soldatenrates zielte völlig auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Sicherstellung der Versorgung ab, politische Ansprüche waren damit nicht verbunden. Am 17. November wählte der Volks- und Soldatenrat einen Vollzugsausschuss der je zu einem Drittel aus Arbeitern, Angestellten und Bürgerlichen bestand. Severing saß dabei in der wichtigen Stellung des Sicherheitsdienstes und hatte zusammen mit einem Gewerkschafter den Gesamtvorsitz inne. Für die weitere Entwicklung des Rates war er die entscheidende Persönlichkeit. Die Bielefelder Räteorganisation wurde zur Koordinierungsinstanz für ganz Ostwestfalen und Lippe. Die Mehrheit folgte dabei Severings gemäßigten Kurs. Dieser wurde als Delegierter zum ersten I. Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin gewählt. Dort war er einer der drei Vorsitzenden der MSPD-Fraktion.[17] Obwohl er grundsätzlich die Politik Eberts unterstützte brachte Severing zusammen mit Hermann Lüdemann den Antrag auf die Sozialisierung aller dafür reifen Industrien ein und handelte damit gegen die Absichten Eberts.[18]

Die renommierte Vossische Zeitung zeigte sich beeindruckt wie Severing mit den Delegierten unter ihnen „Dutzende wilde Männer, Soldaten mit kriegszerütteten Nerven, Schaum vor dem Mund, lallend vor Aufregung“ umging. „Inmitten dieser Gärung, diesem Sturm und Aufruhr, wehrlos unter den Gewalttätigen: ein kleiner, unscheinbarer, schweigsamer Mann, mit den Händen eines Arbeiters, der Stirn eines Gelehrten, den Augen eines Gläubigen: Carl Severing, damals noch ein unbekannter Arbeiterführer aus Bielefeld, aber der Vertreter von vier Jahrzehnten gewerkschaftlicher Disziplin, Verantwortungsfreudigkeit, Nüchternheit und Gemeingeist.“[19]

[Bearbeiten] Weimarer Republik

[Bearbeiten] Parlamentarische Tätigkeit während der Weimarer Republik

Er gehörte 1919/20 der Weimarer Nationalversammlung an. Anschließend war er bis 1933 erneut Reichstagsabgeordneter. Daneben gehörte er von 1919 bis 1933 auch dem preußischen Landtag an.

In der deutschen Nationalversammlung setzte er sich für die Annahme des Versailler Vertrages ein, weil er der Ansicht war, dass die bei einer eventuellen Ablehnung drohenden Opfer nicht zu rechtfertigen seien.[20]

Bei der Bildung der Weimarer Koalition spielte Severing als Befürworter eines Bündnisses von MSPD, bürgerlichen Demokraten und Zentrums als einer der Verhandlungsführer der MSPD eine bedeutende Rolle.[21]

[Bearbeiten] Reichs- und Staatskommissar im Ruhrgebiet

Severing 1919

Im Ruhrgebiet hatten die Gewerkschaften und die MSPD erheblich an Einfluss zugunsten der USPD, KPD verloren. Dort kam es Anfang 1919 zur Sozialisierungsbewegung im Ruhrgebiet mit dem Ziel eine Sozialisierung des Bergbaus durchzusetzen an der alle Arbeiterparteien beteiligt waren. Im Verlauf des Ausstandes bildete sich mit der Allgemeinen Bergarbeiter-Union ein syndikalistischer Verband.

Als Reichs- und Staatskommissar erhielt Severing die Aufgabe die Lage zu entspannen. Die Reichs- wie auch die preußische Regierung verband damit die Absicht, General Oskar von Watter, den Befehlshaber des Generalkommandos in Münster, einen Politiker beizugeben, der den Einsatz von Gewalt möglichst gering halten sollte. In seinem Aufruf vom 8. April ließ Severing verlauten: er wolle als „Arbeitervertreter zu den Arbeitern reden und als Arbeiter für die Arbeiter handeln.“ Die von ihm getroffenen Entscheidungen zielten nicht „in erster Linie in gewaltsamer Unterdrückung, sondern in dem Versuch der Verständigung mit den streikenden Arbeitern und in der Abstellung vorhandener Härten und Missstände. Gewalt solle nur dort angewandt werden, wo diese von unverantwortlichen Elementen provoziert würden.[22] Den Streik konnte er rasch unter Einsatz sowohl von Repressionen wie auch Verhandlungen beilegen. In einer Anordnung wurde die Zwangsverpflichtung aller arbeitsfähigen Männer zu Notstandsarbeiten vorgesehen. Außerdem ließ er die „Rädelsführer“ des Streiks verhaften. Auf der anderen Seite erhielten Arbeitswillige Sonderrationen. In Verhandlungen wurde den Bergarbeitern die Siebenstundenschicht zugestanden und daraufhin begann die Streikfront zusammenzubrechen.[23]

Auch als die eigentliche Aufgabe erfüllt war, wurde Severing nicht abberufen. Er sollte vielmehr zur dauerhaften Beruhigung der Lage im Revier beitragen. Insbesondere versuchte er die Versorgungslage zu verbessern. In der preußischen Regierung wurde er inzwischen als Krisenmanager geschätzt. Vorübergehend wurde er nach Oberschlesien entsandt. Außerdem wurden seine Kompetenzen über das enge Ruhrgebiet auf weitere angrenzende Regionen ausgedehnt. Unterstützt von Ernst Mehlich und Fritz Husemann hat Severing zahlreiche Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geschlichtet.[24]

Obwohl er sich nicht zuletzt auch für die Bielefelder Arbeiter einsetzte, verlor Severing ausgerechnet auf seinem heimischen Terrain zeitweise die Kontrolle. Als dort im Juni 1919 Unruhen ausbrachen, sah er sich gar zur Flucht gezwungen und musste den Belagerungszustand über die Stadt verhängen. Insbesondere auch diese Maßnahmen führten zu Konflikten mit der Bielefelder SPD.[25]

Von Anfang an gab es Kompetenzkonflikte mit den Militärs und insbesondere mit General von Watter. Zur Kontrolle von dessen teilweise eigenmächtigen Vorgehen verlegte Severing seinen Dienstsitz von Dortmund nach Münster.[26]

Im Wesentlichen blieb die Lage im Revier bis Anfang 1920 ruhig. Als die Lage sich durch einen Eisenbahnerstreik und Streiks der Bergarbeiter wieder verschärfte, ging Severing mit repressiven Maßnahmen dagegen vor. Dazu gehörte unter anderem die Entlassung streikender Eisenbahner. Auch gegen den Versuch der Syndikalisten Sechsstundenschichten im Bergbau einzuführen ging er ähnlich vor. Gegen die Kohlekrise im Reich setzte er zudem Überschichten durch. Im Gegenzug setzte er sich für eine bessere Versorgung und Bezahlung ein.

Von den Mehrheitssozialdemokraten wurde Severings Arbeit zur Normalisierung der Lage im Rheinisch-westfälischen Industriegebiet auf dem Parteitag von 1919 ausdrücklich anerkannt. Dabei spielte es auch eine Rolle, dass Severing anders als Gustav Noske etwa sich gegen das Militär durchzusetzen verstand.[27]

[Bearbeiten] Kapp-Putsch und Ruhrkampf

Im Verlauf des Kapp-Putsches zeigte sich, dass dies eine Illusion war. Die Putschisten hatten ohne Erfolg gehofft rechte Sozialdemokraten wie Severing an der neuen Regierung zu beteiligen.[28] Severing befand sich zu Beginn des Putsches in Ostwestfalen, organisierte dort den Widerstand. Severing stellte sich jedenfalls zusammen mit dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen Bernhard Wuermeling eindeutig auf Seiten der rechtmäßigen Regierung. General Watter verweigerte jedoch die Unterschrift unter einen entsprechenden Aufruf und stand insgeheim Kapp nahe. Im Ruhrgebiet entwickelte sich aus dem Generalstreik gegen den Kapp-Putsch eine allgemeine Aufstandsbewegung, die sich gegen Watter und die ihm unterstellten Freikorps richtete. Zeitweilig konnte sich eine Rote Ruhrarmee gegen die Freikorps durchsetzen. Erst nach der Niederlage seine Truppen bekannte sich Watter am 16. März zur verfassungsmäßigen Regierung.

Der Aufruf Severings vom 21. März nach der Niederlage Kapps wieder an die Arbeit zurück zu kehren, wurde von den Streikenden nicht beachtet. Dabei spielte nicht nur die Gegnerschaft gegenüber den Freikorps und Watter eine Rolle, verschärft wurde die Lage auch durch die Erinnerungen an die von Severing verantworteten Zwangsmaßnahmen.

Die Rote Armee beherrschte inzwischen das gesamte Ruhrgebiet und stand vor Wesel. Dabei gab es Unstimmigkeiten zwischen der gemäßigten Zentralleitung in Hagen und den radikalen Kräften im Westen. Die beiden Regierungen in Berlin wollten zu diesem Zeitpunkt gegen die Arbeiter nicht mit vollem Einsatz der Armee antworten. Severing hatte deutlich gemacht, dass die Bewegung nicht allein mit militärischen Mitteln zu beenden sei.[29] Zunächst sollte versucht werden, eine Verhandlungslösung zu finden. Zu diesem Zweck vermittelte Severing das sogenannte Bielefelder Abkommen. Das Abkommen litt aber unter verschiedenen Defiziten. So wurden weder Vertreter der radikalen Räte des Westens noch Vertreter der roten Ruhrarmee eingeladen. Sprecher der KPD und USPD, die für diese zu sprechen vorgaben, waren durch nichts legitimiert. Auf der anderen Seite war das Militär nur schlecht in die Absprachen eingebunden und fühlte sich nicht daran gebunden. Die Ablösung General Watters, wie vielfach auch aus den Reihen der SPD gefordert wurde, lehnte Severing ab, da es zu ihm keine Alternative gäbe und sich alle Offiziere seines Wehrkreises mit ihm solidarisiert hätten. [30] Durch die Zugeständnisse an die Streikenden haben auch die Regierungen in Berlin die Abmachungen nicht wirklich anerkannt und begannen Severings Befriedungsversuche zu hintertreiben.

Das Abkommen war daher auch nur teilweise erfolgreich. Als Erfolg konnte er eine Spaltung der Bewegung vermelden. Die gemäßigten Kräfte aus dem Umfeld der Gewerkschaften, der MSPD, der Demokraten und des Zentrums rückten bald von der Ruhrarmee ab, weil diese sich von dem ursprünglichen Ziel die Verfassung zu schützen entfernt hatte. [31] In anderen Teilen vor allem im Westen wurden die Kämpfe fortgesetzt. Daraufhin kam es doch zu einem Einmarsch von Reichswehr und Freikorps in Ruhrgebiet. Eine Alternative zum militärischen Eingreifen sah er schließlich auch Severing nicht mehr. Er forderte sogar die Reichregierung auf, bei den Alliierten die Erlaubnis für den Einmarsch in die entmilitarisierte Zone zu erhalten. Ihm ging es nicht mehr darum die Reichswehr fern zu halten, sondern darum unnötiges Blutvergießen zu verhindern. [32] Dabei agierte General Watter weitgehend ohne Absprache mit Severing. So verschärfte dieser ein von der Regierung verhängtes Ultimatum zur Entwaffnung der Ruhrarmee derartig dass die Arbeiter keine Möglichkeit mehr hatten, den Auflagen nachzukommen. In der Folge marschierte die Reichswehr und Freikorps auf Befehl von Hans von Seeckt. Der Einmarsch der Truppen war begleitet von Misshandlungen und Tötungen zahlreicher Arbeiter. Severing versuchte nun den „Weißen Terror“ möglichst zu beenden. Erst spät gelang es ihm die Praxis der standrechtlichen Erschießungen zu beenden. Für Severing war spätestens seitdem klar, dass die Armee für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung ungeeignet sei, da ihr Einsatz den Unmut in der Bevölkerung noch steigerte.[33]

[Bearbeiten] Beginn des Systems Severing

Nach dem Kapp-Putsch kam es im Reich wie auch in Preußen zu Wechseln in der Regierung. In der preußischen Regierung stand Innenminister Wolfgang Heine in der Kritik. Dieser hatte kaum Willen gezeigt, die Bürokratie im Sinne der Republik zu modernisieren und sogar einige Putschanhänger in führende Positionen gebracht. Heine trat unmittelbar nach dem Putsch von seinem Amt zurück. Zu den neuen Personen an der Spitze gehörten Otto Braun als Ministerpräsident, Hermann Lüdemann als Finanzminister und Severing als Innenminister. Die neuen Männer betrieben keine linkere Politik als ihre Amtsvorgänger unterschieden sich von ihnen aber durch eine größere Zielklarheit und Energie ihrer Politik.[34] Zu seinen Aufgaben gehörten damit unter anderem die Kontrolle der Verwaltung sowie der Polizei. In Preußen hatte der Innenminister neben dem Ministerpräsidenten die meisten Befugnisse. Zentrale Aufgabe Severings wurde die Republikanisierung von Verwaltung und Polizei.

Offiziell ernannt wurde Severing zwar schon am 29. März 1920 aber weil er noch mit der Abwicklung seiner Geschäfte im Ruhrgebiet beschäftigt war, nahm er erst Mitte April an einer preußischen Kabinettssitzung teil. Im Ministerium gelang es Severing von Beginn an führende Beamte für sich einzunehmen. Dazu zählte zunächst insbesondere Staatssekretär Friedrich Freund (DDP) und Friedrich Meister (DVP), später Nachfolger Freunds. Insbesondere die Leitung der Personalabteilung wurde sofort von Severing ausgetauscht. Fritz Mooshake (DVP) und Heinrich Brand (Zentrumspartei) übernahmen diese Aufgabe.[35]

Zu den Aufgaben Severings in der Anfangszeit seiner Ministertätigkeit gehörte auch die politische Umsetzung des insbesondere von Bill Drews und Friedrich Freund ausgearbeiteten Entwurf für eine neue preußische Verfassung. Allerdings stammte der Entwurf noch aus der Amtszeit Heines und Severing trat daher kaum noch bei der Gestaltung der Verfassung in Erscheinung.[36]

[Bearbeiten] Republikanisierung der Verwaltung

Am Anfang seiner Maßnahmen zur Republikanisierung der Verwaltung stand die zur Dispositionstellung derjenigen Beamten, die sich den Putschisten angeschlossen oder mit ihnen offen sympathisiert hatten. Darüber wollte Severing die aus Überzeugung für die Demokratie eintraten und diese nicht nur als gegebene Tatsache widerwillig hinnahmen. Aus seiner Sicht musste insbesondere im Bereich der so genannten politischen Beamten angefangen von den Landräten, über Regierungs- und Oberpräsidenten bis hin zu hohen Ministerialbeamten und Staatssekretären ein Wechsel erfolgen. Nach dem Putsch wurden etwa hundert hohe Beamte von ihren Posten entfernt. An ihre Stelle traten überzeugte Republikaner. Die von den politisch Rechten geforderte Wählbarkeit der Landräte lehnte Severing wissend um die Stärke der DNVP in den Kreistagen der östlichen Provinzen ab. Landratswahlen hätten dort die Position der Rechten noch verstärkt. Am Ende von Severings Amtszeit 1926 waren alle Oberpräsidenten mit einer Ausnahme, alle Regierungspräsidenten und mehr als die Hälfte aller Landratsämter von republikanischen Regierungen ernannt worden. Die Spitzenpositionen wurden dabei fast durchweg von Anhängern der Koalitionsparteien eingenommen. In den Westprovinzen gehörten dazu auch viele Landräte (78%), im Osten war die Bilanz mit einem Drittel weniger eindrucksvoll.

Dabei achtete Severing im Prinzip darauf nicht nur Sozialdemokraten sondern Demokraten aus allen politischen Lagern zu berufen. Die Ernennung von Gustav Noske zum Oberpräsidenten war mehr dessen Person als der Partei geschuldet. Allerdings waren die Sozialdemokraten als Polizeipräsidenten deutlich überrepräsentiert. An der Grundstruktur der preußischen Verwaltung hat Severing aus Respekt vor deren Effektivität der Bürokratie kaum etwas geändert. Ihm gelang es etwa nicht das Juristenmonopol zu brechen.[37]

[Bearbeiten] Polizeireform

Verfassungsfeier der Schutzpolizei (1926)

Neben der Demokratisierung der Verwaltung war eine Reform der Polizei wichtigster Faktor des Systems Severing. Er kam in den Jahren nach der Revolution zu der Überzeugung, dass nur eine schlagkräftige Polizeitruppe den Einsatz des Militärs im Inneren bei Störungen der öffentlichen Ordnung verhindern könnte. Auch im Bereich der Polizei und insbesondere der Sicherheitspolizei wurden Anhänger des Kapp-Putsches entlassen.

Die Reorganisation und der Ausbau der Polizei hingen stark von der Zustimmung der ehemaligen Kriegsgegner ab. Gegen deren anfänglichen Widerstand setzte Severing die Verstaatlichung der bislang teilweise kommunalen Polizei und die Einrichtung von Polizeipräsidien und –direktionen durch. Im Jahr 1920 veranlassten die Alliierten dann in der „Boulogner Note“ die Auflösung der paramilitärischen Einheiten und den Aufbau einer Ordnungspolizei. Von 150.000 Mann sollten allein 85.000 auf Preußen entfallen. Als Organisator der neuen Schutzpolizei holte Severing Wilhelm Abegg in das Ministerium. Zwar war die Schutzpolizei ein beachtlicher Machtfaktor, aber die Polizeioffiziere stammten in der Regel aus den Reihen der alten Armee und standen innerlich der Demokratie meist fern. Insofern hatte die innere Republikanisierung der Polizei deutliche Grenzen.[38]

[Bearbeiten] Verbot von Schutzwehren und Mitteldeutscher Aufstand

Gestützt auf die neue Polizei konnte Severing bereit seit 1920 drangehen die Orgesch, Schutzwehren und ähnliche Organisationen zu verbieten und aufzulösen.[39]

Revolutionäre Arbeiter werden in Eisleben von der Polizei abgeführt.

Noch in Severings erste Amtszeit als Innenminister fiel die Niederschlagung des Mitteldeutschen Aufstandes. Politischer Hintergrund war eine von der Komintern formulierte kommunistische Offensivstrategie, die auf putschistische Aktionen außerhalb Russlands abzielte. Unmittelbare Ursache war der Einmarsch der neugebildeten Schupoeinheiten in das mitteldeutsche Industriegebiet. Unwissend um die KPD Pläne wollte Severing damit die Ordnung in dieser seit dem Kapp-Putsch unruhig gebliebene Region wieder herstellen. Mit dem Vorstoß der Polizei wollte er dem Einmarsch der Reichswehr zuvorkommen. Die Aktion war gleichzeitig eine Bewährungsprobe für die neuen Polizeieinheiten. Sie hat den geplanten Putsch nicht ausgelöst, sondern lediglich für die Vorverlegung gesorgt. [40] Es kam zu Kämpfen, bei denen sich die Polizei schnell durchsetzen konnte, zumal es außer im Ruhrgebiet und in Hamburg keine Versuche von KPD Anhängern gab, sich der Aktion anzuschließen. Der Vergleich der Schäden und Opfer zwischen den Kämpfen im Ruhrgebiet 1920 und dem Mitteldeutschen Aufstand bestätigte Severings Auffassung, dass der Einsatz von Polizei dem des Militärs vorzuziehen sei.[41]

[Bearbeiten] Regierungswechsel und neue Amtszeit

Bereits nach einem Jahr begann man zeitgenössisch vom System Severing zu sprechen. Gemeint war damit ein republikanisches Preußen. Die preußischen Landtagswahlen von 1921 führten allerdings zu einer deutlichen Schwächung der SPD. Es kam zur Bildung einer Minderheitsregierung von Zentrum und DDP unter Ministerpräsident Adam Stegerwald. An die Stelle von Severing trat Alexander Dominicus (DDP).[42]

Severing hat sich nach dem Ende seines Ministeramtes zunächst von den Anstrengungen der letzten Jahre erholt. Er sprach auch auf einer Massenversammlung in Bielefeld anlässlich der Ermordung von Matthias Erzberger. Da sein Nachfolger nach Severings Ansicht seinen innenpolitischen Kurs zu verlassen begann, plädierte er nun vehement für große Koalitionen im Reich und in Preußen. Eine Voraussetzung dafür war ein Wandel in der SPD selbst. Vor dem Görlitzer Parteitag schrieb Severing: „Will er [der Parteitag] seiner Pflicht gerecht werden, dann müssen seine Debatten nur von dem einen Geist getragen sein: vom Willen zur Macht, vom Mut der Verantwortung.“[43] Der Parteitag führte tatsächlich nicht nur zur Verabschiedung des sehr revisionistischen kurzlebigen Görlitzer Programms, sondern auch zum Beschluss der eine Regierungszusammenarbeit auch mit der DVP ermöglichte.

In Preußen begannen darauf hin Bemühungen anstelle der Minderheitenregierung Stegerwald eine große Koalition unter Einschluss von SPD und DVP zu bilden. Verhandlungsführer dabei war auf Seiten der Sozialdemokraten Severing. Diesem gelang es die DDP für ein Verlassen der bisherigen Regierung zu bewegen. Damit trat am 1. November 1921 die Regierung Stegerwald zurück. Erneut wurde Otto Braun Ministerpräsident und Severing Innenminister. Nach Meinung von Zeitgenossen wie Friedrich Hussong (DNVP) war Severing der eigentliche starke Mann der Regierung. Um dem neuen Koalitionspartner DVP entgegenzukommen ernannte Severing nach dem Tod von Friedrich Freund Wilhelm Meister zum Staatssekretär. Zwischen beiden gab es durchaus Konflikte, aber es gibt keine Beweise dass der Staatssekretär Severings Politik hintertrieben hätte.[44]

Im Gegensatz zum ersten Ministerjahr als die Kommunisten als die gefährlichsten Feinde der Republik erschienen waren, hatte insbesondere nach den Anschlägen gegen Scheidemann und Walter Rathenau der Kampf gegen Rechts für Severing in Einklang mit der entsprechenden Notverordnung von Reichskanzler Wirth größere Bedeutung. In Preußen wurden zahlreiche rechte Organisationen verboten. Darunter war 1922 auch der Stahlhelm. Diese Entscheidung wurde indes vom Staatsgerichtshof wieder aufgehoben. Der Versuch von Braun und Severing auch gegen illegale Reichswehreinheiten vorzugehen, scheiterte im Wesentlichen am Widerstand von General von Seeckt. Im Angesicht der politischen Morde gelang es Severing dagegen gegen den Widerstand des Zentrums weitere hohe Beamte insbesondere in der Provinz Westfalen und der Rheinprovinz auszutauschen.[45]

[Bearbeiten] Krisenjahr 1923

Carl Severing (1923)

Die nächste große Herausforderung für Severing war die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen 1923. Severing war einer der eindeutigsten Befürworter des passiven Widerstandes. Dagegen war er Gegner eines von den Rechtsgruppierungen propagierten und vollzogenen aktiven und gewalttätigen Widerstandes. Zum Kampf gegen Rechts gehörte auch Severings Verbot der Deutschvölkischen Freiheitspartei am 22. März 1923. In der Folge nahm auf der rechten Seite des politischen Spektrums der Hass gegen Severing zu. Die DNVP versuchte gar die DVP mit Verweis auf den Innenminister letztlich vergeblich zum Austritt aus der Koalition zu bewegen. Die Rechten versuchten zudem Severing als Verantwortlichen für den Tod von Leo Schlageter hinzustellen. Dass er entgegen den Vorwürfen von Rechts aber auch von Reichskanzler Wilhelm Cuno nicht auch die linksextremen Gefahren ignorierte, machte er durch das Verbot der Proletarischen Hundertschaften in Preußen deutlich. Gegen die rechten Schutzformationen schloss Severing ein Bündnis mit dem Reichswehrchef Hans von Seeckt. Dadurch wurde unter anderem der Aufbau der Schwarzen Reichswehr erleichtert.[46]Das Ziel der Abgrenzung der Reichswehr von den rechten Verbänden konnte indes nicht erreicht werden. Der passive Widerstand ließ sich angesichts der wachsenden Inflation indes nicht länger aufrechterhalten. Die Krise wurde unter der neuen Reichsregierung Gustav Stresemann, an der die SPD anfangs auch auf Bestreben Severings beteiligt war, überwunden.[47] Die Beteiligung der SPD endete an der geplanten Einschränkung des Achtstundentages. Ein Großteil der führenden sozialdemokratischen Politiker insbesondere Paul Löbe sprach sich auch unter dem Druck der Gewerkschaften für einen Rückzug ihrer Minister aus. Einer der wenigen die für ein Verbleiben in der Regierung eintraten, weil er einen Rechtsruck unter einen Regierung ohne sozialdemokratische Beteiligung befürchte war Severing. Er beschwor die Partei: „Denkt an die Folgen!“[48] Auch wenn Severing in der Staatskrise selbst extreme Parteien verboten hatte, war er nach Überwindung der akuten Krise zusammen mit Friedrich Ebert dafür, vor den Reichstagswahlen die auf Reichsebene verbotene KPD, NSDAP und deutsch-völkische Freiheitspartei wieder zu den Reichstagswahlen von 1924 zuzulassen. Er argumentierte dabei, dass Verbotsmaßnahmen zu einer Radikalisierung beitragen würden.[49]

[Bearbeiten] Minister unter Marx und Braun

Auch in Preußen kam es schließlich zu einem Regierungswechsel. Die DVP zog ihre Minister zurück und am 10. Februar 1925 wurde schließlich Wilhelm Marx (Zentrum) zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Er beließ Severing im Amt in der Hoffnung so auch die SPD für die Unterstützung der Regierung zu gewinnen. Marx scheiterte aber in den eigenen Reihen auch weil Politiker vom rechten Flügel der Zentrumspartei wie Franz von Papen wegen des Festhaltens an Severing der Regierung die Gefolgschaft verweigerten. Die Krise konnte schließlich durch eine Neuauflage der Regierung Braun überwunden werden. Auch in dieser war Severing wieder Innenminister.[50]

Internationale Polizeiausstellung in Berlin auf dem Funkturmgelände (1926)

Allerdings war er inzwischen amtsmüde. Seine Pläne für eine große Verwaltungsreform, die unter anderem die Auflösung der Bezirksregierungen beinhaltete scheiterten. Auch im Bereich der Demokratisierung der Verwaltung kam er nicht weiter voran, zumal ähnliche Maßnahmen auf Reichsebene ausblieben. Hinzu kam das sich das persönliche Verhältnis zwischen Braun und Severing verschlechtert hatte. Ein weiterer Aspekt waren die ständigen teilweise diffamierenden Angriffe der extremen Linken und Rechten. Außerdem wurde Severing unschuldig in die Affäre eines betrügerischen Geschäftsmann hineingezogen. Gewissermaßen als Krönung und Abschluss seiner Amtszeit betrachtete Severing die internationale Polizeiausstellung in Berlin. Abgesehen von fachlichen Aspekten wollte er dort die erfolgreiche Entwicklung der preußischen Polizei von einem Organ des Obrigkeitsstaates hin zu einer Einrichtung des republikanischen Staates präsentieren. Nach einer längeren Krankheit trat er offiziell am 7. Oktober 1926 zurück. Sein von ihm wenig geschätzter Nachfolger wurde Albert Grzesinski.[51]

[Bearbeiten] Weg zum Kabinett Müller

Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit verbrachte Severing nach seinem Rücktritt einige Zeit zur Kur in Baden-Baden und hielt sich auch in Italien auf. In dieser Zeit verfasste er auch seine Erinnerungen an seine Zeit als Regierungskommissar im Ruhrgebiet. Diese wurden unter dem Titel „1919/20 im Wetter- und Watterwinkel“ (1927) ein großer Erfolg.

Im Hintergrund warb Severing nunmehr für die Bildung einer großen Koalition auf Reichsebene. Notfalls war er auch bereit um die DVP zur Mitarbeit zu gewinnen, sozialpolitische Reformpolitik zurückzustellen. Während führender sozialdemokratische Politiker wie Hermann Müller dies ähnlich sahen, war die Haltung der Partei insgesamt zunächst eher ablehnend. Allerdings gelang es einer Gruppe um ihn, Otto Braun und Rudolf Hilferding den SPD Parteitag in Kiel 1927 zu einem Beschluss zu bewegen, im dem eine Eroberung von Machtpositionen auf allen politischen Ebenen angestrebt wurde.

Die Chance auf Reichsebene wieder Einfluss zu erlangen bot die Reichstagswahl von 1928. Im Wahlkampf stellte die SPD insbesondere die Ablehnung des Baus des Panzerkreuzers A in den Mittelpunkt. Severing, der diese Position selbst nicht teilte, hielt im Reichstag die Grundsatzrede gegen den Neubau. Mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ war die SPD erfolgreich und konnte stark zulegen. Schon vor Bildung der Regierung von Hermann Müller war klar, dass Severing Innenminister werden würde. Er selbst leitete die schwierigen Koalitionsverhandlungen auf Seiten der SPD. Diese Versuche einen formalen Koalitionsvertrag abzuschließen scheiterten und so kam zunächst nur eine „Regierung der Persönlichkeiten“ zu Stande.[52]

[Bearbeiten] Reichsinnenminister

Das Amt des Reichsinnenministers hatte deutlich weniger Gestaltungsmöglichkeiten als der Posten in Preußen, insbesondere da Verwaltung und Polizei weitgehend Ländersache waren. Severing begann die Spitze des Ministeriums im republikanischen Sinne personell umzubesetzen. Heinrich Menzel als neuer Leiter der Verfassungsabteilung begann in der Reichsbürokratie mit Veränderungen im Sinne einer Demokratisierung. Trotz der persönlichen Unstimmigkeiten mit dem preußischen Innenminister Grzesinski arbeiteten Preußen und das Reich in der Phase der großen Koalition innenpolitisch so intensiv wie nie zusammen.[53]

[Bearbeiten] Politik bis zur Krise um den Panzerkreuzerbau

Von seinem Vorgänger Walter von Keudell hatte Severing die Vorarbeiten zu einer umfassenden Reichsreform zum Abbau von Kompetenzstreitigkeiten, die Auflösung kleiner Länder und weitere Maßnahmen übernommen. Severing selbst, der am liebsten alle Länder im Reich aufgehen lassen wollte, war skeptisch über die Erfolgsaussichten einer großen Reichsreform. Dennoch hat er zusammen mit Arnold Brecht in Preußen alles versucht, um das Projekt zu einem Erfolg zu machen. Letztlich scheiterte die Reichsreform insbesondere am Widerstand Bayerns und anderer Länder.[54]

Das Kabinett im Juni 1928. Stehend v.l.n.r.: Hermann Dietrich, Rudolf Hilferding, Julius Curtius, Carl Severing, Theodor von Guérard, Georg Schätzel. Sitzend v.l.n.r.: Erich Koch-Weser, Hermann Müller, Wilhelm Groener, Rudolf Wissell. Nicht abgebildet: Gustav Stresemann

Severing gehörte wie Ernst Heilmann zu den wenigen Sozialdemokraten, die die politische Bedeutung des Radios erkannt hatten. Für sie sollte der Rundfunk im Sinne von Republik und Demokratie senden. Eine Privatisierung des Rundfunks lehnte er vehement ab. Auf Severing gingen kontroverse Diskussionssendungen im Radio zurück. Außerdem baute er die Aufsichtsgremien im Sinne einer größeren gesellschaftlichen Pluralität um. All dies führte dazu, dass die politische Rechte Severing als „Rundfunkdikator“ bezeichnete. Eine grundlegende Rundfunkreform deren Vorarbeiten weit gediehen waren, kam wegen des Endes der Regierung Müller nicht mehr zustande. Ein weiterer Aspekt der Medienpolitik Severings war sein Bestreben ein Monopol des rechten Hugenbergkonzern im Bereich der Kinowochenschauen zu verhindern. Auf seinen Vorschlag hin erwarb das Reich die Mehrheit am letzten noch unabhängigen Wochenschauproduzenten.[55]

Nicht zuletzt die harte Haltung der Unternehmer führte im so genannten Ruhreisenstreit um die Wende der Jahre 1928 und 1929 zu einem Konflikt mit den Gewerkschaften und der Aussperrung der Metallarbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die Unternehmerseite brachte vermittelt über die DVP Severing als Vermittler ins Spiel. Bei den Gewerkschaften war Severing anerkannt, aber sie waren einer Sonderschlichtung gegenüber misstrauisch. Severing nahm die Rolle auch unter der Bedingung an, dass beide Seiten im Voraus erklärten, sich seinem Schlichterspruch zu unterwerfen. An frühere Schlichtersprüche war er ebenfalls nicht gebunden. Nach einem heftigen Konflikten wurde Severing schließlich auch vom Gewerkschaftslager akzeptiert. Seine Entscheidung lag etwas niedriger als ein früherer Schlichterspruch. Beide Seiten waren zwar damit nicht ganz zufrieden, bewerten ihn jedoch als Erfolg für ihre Sache. [56]

Die Regierung Müller holte schon bald die Frage nach dem Neubau neuer Marineschiffe wieder ein. Die bürgerlichen Koalitionspartner bestanden auf einer Umsetzung der Pläne und drohten mit dem Ende der Koalition. Severing und die übrigen sozialdemokratischen Minister wollten die Regierung erhalten und stimmten zu. Diese löste in der Partei eine Welle des Unmuts hervor. Severing hat versucht die Entscheidung der Regierungsmitglieder offensiv zu verteidigen. Aber selbst die Mehrheit der Reichstagsfraktion konnte nicht überzeugt werden. Diese zwang die Regierungsmitglieder in der Abstimmung gegen den eigenen Gesetzesentwurf zu stimmen. Da diese Stimmen nichts an der Annahme des Gesetzes änderte, blieb die Koalition bestehen.[57] Innerhalb der Partei blieb die Militärpolitik auf der Tagesordnung. Auf dem Parteitag von 1929 kam es zum Streit über ein „Wehrprogramm“ das von einer Kommission vorgelegt worden war. Dagegen sprach sich insbesondere die linke „Klassenkampfgruppe“ um Paul Levi und andere aus. Diese lehnten das Militär kategorisch als Mittel zur Unterdrückung der Arbeiterklasse ab. Severing war einer der Hauptredner für den vorliegenden Antrag. Er warnte davor, „nur ständig die Reichswehr zu bekritteln.“ Wer nicht auch das Positive sehe, könne eine Republikanisierung der Reichswehr nicht erreichen. Durch seine positiv aufgenommene Rede hat Severing dazu beigetragen eine Mehrheit für den etwas modifizierten Kommissionsentwurf zu gewinnen. [58] Der eher rechte Flügel der SPD wurde von Severing auch gefördert als er zur Gründung des neuen Theorieorgans „Neue Blätter für den Sozialismus“ 5000 M 1929 aus einem Regierungsfond zum Republikschutz beisteuerte. Ohne dies Kapital wäre das Erscheinen nicht möglich gewesen. [59]

[Bearbeiten] Gegen die politischen Extreme

Während einer Kabinettskrise in der das Zentrum seinen Minister Theodor von Guérard aus der Regierung zurückzog, übernahm Severing kommissarisch auch dessen Posten als Minister für die besetzten Gebiete. Nach der Rückkehr des Zentrums am 13. April 1929 war die Regierung zunächst gestärkt worden. Gegen den insbesondere von Außenminister Gustav Stresemann zustande gebrachten Young-Plan zur Regelung der Reparationen erhob sich der Protest des rechten politischen Lagers. Insbesondere von Hugenberg vorangetrieben wurde ein Volksbegehren ins Leben gerufen. Severing stand an der Spitze derjenigen die gegen dieses Volksbegehren auftraten und sich gegen die Angriffe der Hugenbergpresse wehrten. In Teilen der Öffentlichkeit wurde das schließlich gescheiterte Volksbegehren zu einem Kampf zwischen Hugenberg und Severing stilisiert.[60]

Auf der Linken hatte die KPD inzwischen die Sozialfaschismusthese übernommen und agitierte vorwiegend gegen die SPD. Insbesondere der Rotfrontkämpferbund (RFB) versuchte zu provozieren. Gegen eine verbotene Demonstration ging die preußische Polizei am 1. Mai 1929 („Blutmai“) hart vor. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Berlin. In der Folge drängte Grzesinski Severing ein reichsweites Verbot des Rotfrontkämpferbundes zu erlassen. Um Druck auf den Reichsinnenminister auszuüben, hat Grzesinski den RFB in Preußen schon zuvor verbieten lassen. Letztlich kam es zu einem Beschluss der Landesinnenminister ein Verbot auszusprechen. Severing selbst stand dem Vorgehen skeptisch gegenüber, weil der Schritt noch zur Radikalisierung der KPD beigetragen hat. Weitergehende Pläne für ein Verbot der KPD insgesamt hielt er für nicht durchführbar.[61]

Preußische Polizei während der Maiunruhen 1928

Angesichts der Entwicklungen auf der extremen Linken und Rechten war für Severing eine Verlängerung des am 22. Juli 1929 auslaufenden Republikschutzgesetzes nötig. Ein erster Entwurf scheiterte im Reichstag. Ein leicht abgeschwächter Entwurf, der keine Zweidrittelmehrheit mehr im Parlament benötigte, wurde schließlich angenommen.

Obwohl das demokratische System schon brüchig war, betonte Severing als Hauptredner zu den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Verfassungsjubiläum, dass die Republik Willens sei sich ihrer Feinde zu wehren.[62]

[Bearbeiten] Ende der Regierung Müller

Wirtschaftlich bedroht wurde die Republik durch die beginnende Weltwirtschaftskrise. Innenpolitisch begann insbesondere die DVP nach dem Tod von Stresemann damit die SPD aus der Regierung zu drängen. Anfangs setzte sich Severing immer wieder für Zugeständnisse gegenüber den bürgerlichen Parteien ein. Am Ende gingen ihm aber auch die Forderungen der anderen Seite zu weit. Im entscheidenden Konflikt während der Etatberatungen für das Jahr 1930 lehnte er im Namen der SPD Minister den Entwurf des Reichsfinanzministers ab, weil dieser keine direkten Steuern zur Heranziehung der Besitzenden beinhaltete. Er plädierte auch zur Deckung des krisenbedingten Defizits in der Arbeitslosenversicherung für direkte Steuererhöhungen etwa in Form eines Zuschlags zur Einkommenssteuer. Dagegen wandte sich die DVP mit Entschiedenheit. Der Streit um den Haushalt konnte nach langen Konflikten noch einmal beigelegt werden. An der Auseinandersetzung zerbrach schließlich die Regierung am 27. März 1930 die Regierung Müller. Vorangegangen war ein Kompromissvorschlag von Heinrich Brüning, der im Kern eher der DVP nahe kam und insgesamt einen sozialpolitischen Rechtsruck bedeutet hätte. Gleichwohl plädierte Severing um die Regierung zu retten, für die Annahme dieses Vorschlages in der SPD, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Die Annahme des Kompromisses wäre zumindest besser gewesen, als die Republik den rechten Parteien zu überlassen. [63] Severing äußerte dazu im Reichstag: „…dieser Rücktritt war keine gewöhnliche Demission, sondern der Abschluss einer politischen Periode, in der es der Sozialdemokratie möglich war, die Reichspolitik unmittelbar zu beeinflussen. Es gehört keine Prophetengabe dazu, um vorauszusagen, dass nunmehr der Kurs bewusst ohne Sozialdemokraten gesteuert werden sollte, in mehreren Fragen auch gegen sie.“[64]

[Bearbeiten] Preußischer Innenminister in der Krise der Republik

Nach dem Ende seiner Ministerzeit wurde Severing die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Braunschweig verliehen. Wegen Drohungen nationalsozialistischer Studenten wurde die Verleihung nicht öffentlich begangen.[65]

Insbesondere nach den Reichstagswahlen von 1930 mit den Erfolgen von KPD und NSDAP sprach sich Severin wie auch Braun und Heilmann für eine Tolerierung der Regierung von Heinrich Brüning durch die SPD-Fraktion aus. Für diese war die erste Präsidialregierung das kleinere Übel angesichts des erstarkten Nationalsozialismus.[66]

Anstelle von Grzesinski, der wegen einer Affäre zurücktreten musste, wurde Severing nach einer kurzen Amtszeit von Heinrich Waentig am 21. Oktober 1930 erneut preußischer Innenminister. Für Ministerpräsident Braun war Severing allerdings nicht die erste Wahl. Eine erneute Berufung von Grzesinski stieß beim Koalitionspartner der Zentrumspartei aber auf harten Widerstand. Braun's Zögern lag die Einschätzung zu Grunde Severing sei zu wenig tatkräftig. Von Seiten der Mehrheit der Republikaner wurde die Amtsübernahme allerdings als Hoffnung auf einen erfolgreichen Kampf gegen die politischen Extreme angesehen. Der Vorwärts schrieb: „Die Ernennung Carl Severings zum preußischen Innenminister wird in allen Kreisen als Antwort auf die nationalsozialistischen Diktatur- und Staatsstreichpläne aufgefasst werden.“ Das Blatt lobte noch einmal die Demokratisierung der Verwaltung und die Schaffung des „System Severing,“ gegen das „der ganze Zorn der entmachteten Junker und Reaktionäre emporgeiferte.“ Dagegen fasste die extreme Rechte die Ernennung als Provokation auf und für die Kommunisten war Severing die „Verkörperung des Sozialfaschismus.“[67] Severing selbst gab sich kampfbereit. „Er sei nicht kampfesmüde, und wenn man am vergangenen Sonnabend im Reichstag versucht habe, ihm den Puls zu fühlen, so könne er vor seinen Gegnern erklären, dass er das Wort ‚kränklich’ aus seinem Lexikon gestrichen hätte.“[68]

Ein erster Konflikt war die Kampagne die insbesondere Joseph Goebbels gegen den Film Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque inzeniert hatte. Severing und der zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannte Grzesinski ließen die Kinos bewachsen und verboten Demonstrationen der Nationalsozialisten. Allerdings wurde der Film kurze Zeit später auf Veranlassung der Reichsregierung und des Reichspräsidenten verboten.[69] Severing musste auch bald erkennen, dass die Schutzpolizei nur noch bedingt als Schutztruppe der Republik taugte. Ein Großteil insbesondere der Offiziere neigte dem Stahlhelm und der NSDAP zu. Um der sozialen Not der Weltwirtschaftskrise und damit der politischen Radikalisierung entgegenzutreten, beteiligte sich Severing engagiert am Aufbau der Winterhilfe. Nicht zuletzt auf Severings Drängen ergriff Brüning die Initiative zu einer Notverordnung, die es ermöglichte besser als zuvor gegen politische Extremisten vorzugehen. Dem folgten weitere ähnliche Notverordnungen des Reiches. Allerdings waren damit auch Einschränkungen von Grundrechten verbunden. In den ersten drei Monaten wurden mehr als 3400 Polizeiaktionen wegen politischer Straftaten gezählt, die Mehrheit von über 2000 Fällen richtete sich dabei gegen die KPD.[70]

Das Volksbegehren von rechten Parteien zur Auflösung des preußischen Landtages musste Severing zulassen, da es verfassungsgemäß war. Er verbot indes die aktive Unterstützung des Vorhabens durch Beamte und Polizisten. Die KPD brachte er gegen sich auf, als eine kommunistische Spartakiade verbieten ließ. Dies verstärkte in der kommunistischen Partei das Ziel das „sozialfaschistische System Braun-Severing-Grzesinski“ zu stürzen. Eine Folge war, dass die KPD das schließlich gescheiterte Volksbegehren der NSDAP und anderer rechter Parteien unterstützte.

Die Maßnahmen der Regierungen im Reich und in Preußen erwiesen sich als weitgehend wirkungslos bei der Bekämpfung politisch motivierter Gewalttaten. Allerdings hielt Severing ein Verbot der KPD für nicht möglich. Bei einem Verbot der SA sah er die Gefahr, dass die Nationalsozialisten stattdessen den Stahlhelm unterwandern würden. Am Ende des Jahres 1931 nutzte Severing die Boxheimer Dokumente dazu noch einmal die Öffentlichkeit über die nationalsozialistische Gefahr zu informieren. Verschiedene Ideen, wie die Adolf Hitler als unerwünschten Ausländer abzuschieben, scheiterten am Einspruch der Reichsregierung.

Propagandawagen während der Reichspräsidentenwahl 1932

Als 1932 die Reichspräsidentenwahlen anstanden und Braun, Brüning und andere Hindenburg als republikanischen Kandidaten aufstellen wollten, war Severing skeptisch, da er wusste, dass der Reichspräsident häufig auf Berater aus dem rechten Lager hörte. Stattdessen schlug er ohne Erfolg den populären und auf Seiten der Republik stehenden Kapitän der Zeppeline Hugo Eckener vor. Als die Entscheidung für Hindenburg gefallen war, setzte sich Severing mit aller Energie für diesen ein. So organisierte er die „republikanische Aktion“ die über die Parteigrenzen hinweg, für die Wahl Hindenburgs eintrat. Ihm gelang es auch Geldmittel der Reichsregierung und Preußens für den Wahlkampf gegen Hitler locker zu machen.[71]

Bereits zwischen den beiden Wahlgängen zur Präsidentenwahl hatte Severing Gebäude der NSDAP durchsuchen lassen. Dabei wurde erhebliches belastendes Material wie etwa Säuberungslisten gefunden. Vor diesem Hintergrund begann Severing damit sich bei der Reichsregierung für ein Verbot der SA einzusetzen. Der Vorstoß war erfolgreich, aber dass am 13. April 1932 in Kraft getretene SA-Verbot lief größtenteils ins Leere, weil die NSDAP auch von Mitarbeitern aus dem preußischen Innenministerium vorgewarnt war.[72]

[Bearbeiten] Geschäftsführende Landesregierung

Propaganda der NSDAP zur preußischen Landtagswahl am 24. April 1932

Nach den Landtagswahlen von 1932 hatte die NSDAP und die KPD eine negative Mehrheit errungen. Die bisherige Regierung trat offiziell zurück, führte die Geschäfte bis zur Wahl einer neuen Regierung aber fort. Nach der Wahl wurden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wieder zu einer Regierung mit einer Mehrheit im preußischen Landtag zu kommen. Darunter war auch ein Bündnis von Zentrum und NSDAP. Severing hat für viele überraschend eine Regierungsbeteiligung der Hitler-Partei befürwortet, weil er meinte, dass so die Bewegung entzaubert werden könnte. Später versuchte er dies zu relativieren. Nur wenn klar wäre, dass die Nationalsozialisten keinen Schaden anrichten könnten, sei ihre Regierungsbeteiligung zu tolerieren. Stattdessen plädierte er nunmehr dafür, dass das Kabinett über längere Zeit geschäftsführend im Amt bleiben sollte. „Bleiben bis zur Ablösung und unverdrossen seine Pflicht tun, was immer kommen mag – das ist vielleicht das schwerste Opfer, das bisher von der Partei und von den nächstbeteiligten Personen gefordert worden ist. Es muss aber gebracht werden, weil die Verfassung und das Wohl des Volkes es so verlangen.“[73] Nach dem faktischen Rückzug von Otto Braun war Severing die dominierende Person der geschäftsführenden Regierung. Er hat sogar noch versucht eine Verwaltungsreform durchzubringen. Schwierig wurde die Situation für die preußische Regierung nach dem Sturz Brünings.[74]

[Bearbeiten] Preußenschlag

Die neue Regierung Franz von Papen begann von Anfang an auf die Beseitigung der geschäftsführenden preußischen Regierung hinzuarbeiten. Der willkommene Anlass bot der so genannte „Altonaer Blutsonntag.“ Bereits in der Öffentlichkeit wurde über die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen debattiert. In diesem Zusammenhang machte der Herausgeber des Vorwärts Friedrich Stampfer mit dem Satz Severing hätte kein Recht, auf Kosten der Polizeibeamten tapfer zu sein, deutlich, dass die SPD dem keinen aktiven Widerstand entgegensetzen würde. Am 20. Juli 1932 hat von Papen Severing und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Heinrich Hirtsiefer eröffnet, das Hindenburg ihn zum Reichskommissar für Preußen bestellt hätte und er Braun und Severing entlasse. Als er fragte ob Severing dies akzeptiere, antwortete diese „Ich weiche nur der Gewalt.“ Daraufhin beschlossen die preußischen Minister den Staatsgerichtshof anzurufen. Wegen Severings Weigerung aufzugeben, wurde der Belagerungszustand über Berlin verhängt und führende republikanische Polizeioffiziere sofort ihres Amtes enthoben. Auch wenn die Regierung teilweise vor dem Staatsgerichtshof Recht bekam, hatten die Minister ihren tatsächlichen Einfluss verloren.[75]

Die Verordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg über den Ausnahmezustand an einer Berliner Litfassäule, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Entgegen der Erwartung vieler Anhänger der Sozialdemokratie und der Republik hat Severing einen aktiven Widerstand gegen den Preußenschlag nicht befürwortet. Dabei spielten zum einen sachliche Gründe eine Rolle. Ein Generalstreik wäre angesichts der hohen Arbeitslosigkeit wenig sinnvoll, der Kampf der Polizei gegen die Reichswehr nicht zu gewinnen und das Reichsbanner war auch nicht so stark, wie es den Anschein hatte. Insbesondere waren aber persönliche Gründe von Bedeutung. Severing hatte innerlich resigniert und war gar nicht mehr zu einer wirkungsvollen Gegenwehr bereit. Wäre er wirklich standhaft geblieben, hätte er möglicherweise Papen zu Kompromissen zwingen können.[76]

Nach dem Preußenschlag begann von Papen sofort damit die Spitzen der Behörden umzubesetzen. Republikanhänger wurden entlassen. Obwohl weiterhin Sitzungen der machtlosen Staatsregierung stattfanden, hat Severing an ihnen kaum noch teilgenommen. Stattdessen befand er sich als Symbolfigur der Republikaner in einem fast ständigen Wahlkampf. Er war der letzte SPD Politiker der im Radio eine Wahlkampfansprache halten konnte. An den Stimmenverlusten der Partei änderte sein Einsatz nichts. In der Endphase der Republik war Severing einer der wenigen führenden Sozialdemokraten die notgedrungen eine Unterstützung des neuen Reichskanzlers Kurt von Schleicher befürworteten, um Hitler zu verhindern.[77]

[Bearbeiten] Zeit des Nationalsozialismus

[Bearbeiten] Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft

Im Zuge der von der neuen Regierung geplanten Auflösung des preußischen Landtages wurden gegen Severing und Braun Vorwürfe laut, sie hätten Staatsgelder unterschlagen. Dabei handelte es sich um Mittel, die die Regierung 1932 für die Bekämpfung der Gegner der Republik zur Verfügung gestellt hatte. Gegen Severing und Braun begann eine regelrechte Hetzkampagne. Gegen die Vorwürfe gingen beide vergeblich gerichtlich vor. In der entsprechenden Debatte im Landtag am 4. Februar 1933 äußerte Wilhelm Kube für die NSDAP gegenüber Severing „Sie sind für uns keine politische Angelegenheit, sie sind für uns eine kriminelle Angelegenheit.“[78] Der Angegriffene konnte darauf nicht antworten, weil ihn die NSDAP Abgeordneten durch Geschrei daran hinderten. Der Wahlkampf zu den Reichs- und Landtagswahlen im März 1933 konnte von der SPD nur eingeschränkt geführt werden. Severing etwa durfte nur zwei Wahlkampfreden halten. Wegen der Vorwürfe Staatsgelder veruntreut zu haben, wurde er verhaftet, aber zur Sitzung des Reichstages zur Bewilligung des Ermächtigungsgesetzes entlassen. Bei der Abstimmung im Reichstag war er der letzte der seine Stimme abgab. Er berichtete: „Die Anwesenheit von SA- und SS-Männern in den Gängen und im Sitzungssaal der Kroll-Oper verstärkte den drohenden Ton der Ankündigung. (…) Mit der Neinkarte in der erhobenen Rechten ging ich darauf von meinem Platz durch die Reihen der SA- und SS-Leute zur Abstimmung (…)“[79]

Severing ging bewusst nicht in die Emigration. Er wollte seine Anhängerschaft insbesondere in Bielefeld nicht alleine lassen. Auch ein Leben im Ausland konnte er sich nicht vorstellen. Severing gehörte zu dem Teil der SPD-Führung um Paul Löbe die im Inland bis zum Verbot den Führungsanspruch der Exil-Partei bekämpfte und sich den neuen Verhältnissen anzupassen suchte.[80]

[Bearbeiten] Leben in der Zeit des NS-Regimes

In der Folgezeit wurde Severing nicht mehr verhaftet, gleichwohl musste er Schikanen über sich ergehen lassen und wurde überwacht. Vor Bedrohungen etwa durch die SA musste er mehrfach Bielefeld verlassen, aber ansonsten blieb er unbehelligt. Er selbst zog sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und hielt sich zunächst von Widerstandsgruppen fern. Severing hielt während der NS-Zeit allerdings auch durch Reisen engen Kontakt zu früheren führenden Sozialdemokraten.

Zwar hat er in kleinen Gesten wie der Weigerung die Hakenkreuzfahne aufzuziehen, seine Haltung zum Regime deutlich gemacht, aber er hat sich vom Regime auch instrumentalisieren lassen. Während die Exil-SPD bei der Abstimmung über die Eingliederung des Saargebiets gegen den Anschluss zu stimmen, sprach sich Severing dafür aus. Dahinter steckte die Überzeugung, dass das Regime nur kurze Zeit bestehen werde, aber die Gefahr drohe, dass das Saarland auf Dauer außerhalb des Reichsgebiets bleiben würde. Für die Exil-SPD war das Interview so ungeheuerlich, dass sie an eine Fälschung glaubte. Ein dunkler Punkt ist, dass Severing Zahlungen vom Regime unter anderem 250 M aus einem Privatfond Hitlers erhielt. Die Annahme der Gelder hat ihm nach dem Krieg den Vorwurf eingebracht, er hätte mit dem Regime paktiert, was indes nicht der Fall gewesen war. Im März 1934 berichtete eine im Saarland erscheinende Zeitung, dass Severing seine Memoiren unter dem Titel „Mein Weg zu Hitler“ veröffentlichen werde und das Blatt druckte angebliche Auszüge ab. In der Emigration gab es eine heftige Debatte, ob dies wahr sein könnte. Die Kampagne stellte sich rasch als haltlos heraus, der Verdacht wurde aber auch nach 1945 von interessierter Seite wieder politisch gegen Severing verwendet.[81]

[Bearbeiten] Beziehungen zum Widerstand

Während des Zweiten Weltkrieg fiel sein Sohn 1940 an der Front und die zahlreichen Bombenangriffe auf Deutschland machte Severing deutlich, dass eine Weiterführung des Krieges in einer Katastrophe enden würde. Daher begann er Kontakt zu Widerstandskreisen insbesondere zu Wilhelm Leuschner und Wilhelm Elfes aufzunehmen. Zusammen mit diesen ehemaligen Zentrumspolitiker plante er für die Zeit nach Hitler die Gründung einer Arbeiterpartei die die bisherigen Spaltung der christlichen, kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung überwinden sollte. Als ehemaliger Minister spielte er auch eine Rolle bei den personellen Planungen des Widerstandes. Trotz seiner Kontakte wurde Severing nach dem Scheitern des Hitlerattentates vom 20. Juli 1944 nicht im Rahmen der Aktion Gitter verhaftet.[82]

[Bearbeiten] Nachkriegszeit

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